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Schuld, Desillusionierung und Tod - zur Interpretation des Schlusses



Der problematische Schluß des Romans hat Lesern, Kritikern und Interpreten immer wieder Rätsel aufgegeben. Warum endet die so hoffnungsfroh begonnene Bildungsgeschichte des grünen Heinrich mehr oder minder abrupt in Düsternis und Tod? Zudem stellt sich die Frage, ob die häufig vertretene Ansicht tatsächlich zutrifft, das Ende des Helden stehe in gewissem Widerspruch zu seinem Charakter, so wie sich dieser im bisherigen Verlauf der Geschehnisse entfaltet habe .
      Keller selbst erkannte die Vorbehalte der zeitgenössischen Kritik zumindest partiell an, wenn er in der Autobiographie von 1876/77 feststellte, er sei trotz der Warnungen des Verlegers 'pedantisch an dem ursprünglichen Plane [eines tragischen Künstlerromans] hängengeblieben], ohne doch eine einheitliche und harmonische Form herzustellen. Der einmal beschlossene Untergang wurde durchgeführt, teils in der Absicht eines gründlichen Rechnungsabschlusses, teils aus melancholischer Laune" .
      Der Autor macht also seinem Helden - und damit indirekt sich selbst - im Prozeß des Lebens die Rechnung auf; da die Rechtfertigung nicht gelingen kann, wird das Urteil vollstreckt, sobald Heinrich selbst es erahnt: Der Held stirbt, auf daß sein Schöpfer lebe. Der zentrale Begriff in diesem Kontext ist dementsprechend derjenige der Schuld- und zwar der Schuld vor allem gegenüber der Mutter, aber auch gegenüber der Gesellschaft und der Pflicht zur Integration in gesellschaftliche Zusammenhänge. Gerade in einer solchen Integration sollte ja das Ich zum Ausgleich mit der Welt finden und somit das Ziel individueller Bildung im Feuerbachschen Sinne erreichen.
      Diesem Ideal vermag Heinrich auch am Ende seines Bildungsganges nicht gerecht zu werden. Daß er sein bisheriges Leben nur auf Kosten der Mutter führen konnte, daß er damit indirekt zu ihrem Tode beitrug, daß er die Rückkehr in die Heimat verzögerte, bis es zu spät war, so daß sie 'endlich mußte geglaubt haben, ihn als keinen guten Sohn zu durchschauen" , — all dies rechnet er sich selbst als seine persönliche Schuld zu. Das nicht zu überwindende Bewußtsein dieser Schuld macht ihm das Weiterleben unmöglich.
      Wer die Vergangenheit leichtfertig verspielt hat, dem entzieht sich die Gegenwart und der hat keine Zukunft; wer wie Heinrich das eigene Leben nicht zu meistern weiß, der vermag nicht als ,ganzer Mensch', als ,lebendiger Teil' des gesellschaftlichen Ganzen, nutzbringend tätig zu sein, der erweist sich aber im eigenen Selbstverständnis auch als der Liebe nicht würdig:
'Da er [Heinrich] im Grunde ein ehrenhafter und nobler Charakter ist, so wird es ihm nun unmöglich, auf den Trümmern des von ihm zerstörten Familienlebens eine glückliche, einflußreiche Stellung im öffentlichen gesellschaftlichen Leben einzunehmen. Das Band, welches ihn nach rückwärts an die Menschheit knüpft, scheint ihm blutig und gewaltsam abgeschnitten, und er kann deswegen auch das lose halbe Ende desselben, das nach vorwärts führt, nicht in die Hände fassen, und dies führt auch seinen Tod herbei. Dieser wird noch tragischer dadurch, daß ein gesundes schönes Liebesverhältnis [mit Dortchen], welches ihm nach früheren krankhaften Liebesgeschichten aufgegangen war, gebrochen und zerstört wird" .
      Heinrichs Bewußtsein der Schuld ist um so drückender, als ihm die indirekte Verurteilung durch die Mutter als der 'strengen Richterin [...], die ihn um ihn und sein Leben zur Verantwortung" gezogen hat , unaufhebbar scheint. Wo das Jenseits seine Rechte verloren hat, da ist die Versöhnung durch Aufhebung der Schuld in einer anderen, besseren Sphäre grundsätzlich unmöglich; was bleibt, ist die subjektiv-trostlose Auffassung des Lebens als 'abscheuliche, tückische Hintergehung", als 'niederträchtige und tödliche Narretei und Vexation" . Auch die letztlich doch erreichte ökonomische Absicherung ändert daran nichts, denn wo der ,Lebensgrund' fehlt, da bedeuten Glück und Unglück gleich viel:
'Hab ich Glück, verdien ichs nicht, Glück wie Unglück mich zerbricht."

Damit ist der Bildungsgang des grünen Heinrich definitiv gescheitert. Hatte er sich bislang noch in den schwierigsten Situationen die Hoffnung erhalten, eine Synthese zwischen Wollen und Vollbringen, Ich und Welt sei ihm zumindest möglich, so scheint nunmehr die Chance auf Bildung als tendenzielle Realisierung dieses Ideals unwiederbringlich vertan. Insofern trifft Hettners Diktum von der 'Bildungstragödie" Heinrichs durchaus den problematischen Wesenskern des Schlusses : Der Bildungsroman, der auf harmonische Erfüllung angelegt war, nähert sich in der Darstellung der 'negativen Dialektik von Privatem und Öffentlichem" dem Desillusionsroman .
      Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang allerdings, daß Heinrichs Desillu-sionierung sich nicht auf den Zustand der Welt, sondern auf die eigene Person und die eigene Existenz bezieht, indem er nämlich immer wieder 'sein ganzes Leben und sein Schicksal sich als seine Schuld beifmißt]" . Die gesellschaftlichen Bedingungen dieser Schuld werden zwar ansatzweise geschildert, aber nicht als entscheidend für das individuelle Geschick aufgefaßt, wie Keller selbst gegenüber seinem Verleger Vieweg betonte:
'Die Moral meines Buches ist: daß derjenige, dem es nicht gelingt, die Verhältnisse seiner Person und seiner Familie in Gleichgewicht zu erhalten, auch unbefähigt sei, im staatlichen Leben eine wirksame und ehrenvolle Stellung einzunehmen. Die Schuld kann in vielen Fällen an der Gesellschaft liegen, und alsdann wäre freilich der Stoff derjenige eines sozialistischen Tendenzbuches. Im gegebenen Falle aber liegt sie größtenteils im Charakter und dem besonderen Geschicke des Helden und bedingt hierdurch eine mehr ethische Bedeutung des Romans" .
      Daß Keller durch diesen bewußten Verzicht auf ,Tendenz' der Gewalt der tatsächlichen gesellschaftlichen Kräfte seiner Zeit nicht gerecht wurde und seinem Helden ein Zuviel an persönlicher Schuld zuwies, hat vor allem die moderne historisch-soziologisch orientierte Keller-Interpretation herausgestellt . Denn Heinrich kann zwar bestimmte soziale und gesellschaftliche Bedingungen seines Bildungsausganges durchaus reflektieren, diese aber nicht als Ursachen seiner problematischen Entwicklung akzeptieren, so daß daraus keine das Subjekt entlastende Wirkung resultiert . Daß der Held bis zum Schluß an die Notwendigkeit der Synthese von Ich und Welt glaubt, diese aber unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht realisieren kann, macht die Tragik seines Scheiterns aus.
     

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