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Heinrichs Bildungsgang - Kreisbewegung oder teleologische Entwicklung?



Mit der Bewertung des Schlusses vor allem der zweiten Fassung des Grünen Heinrich hängt eng die Frage zusammen, ob und wenn ja, in welcher Weise der Held eine stringente Entwicklung durchmacht. Geht man davon aus, daß Heinrich am Ende des Romans das Ziel aller Bemühungen um die Integration von Ich und Welt erreicht hat, so liegt es nahe, seinen Bildungsgang als Entwicklung zum Positiven zu interpretieren, die mit psychologischer Folgerichtigkeit und gedanklicher Konsequenz abläuft.
      Eine solche ,einsinnige Lebenskurve' nach der Begriffsbestimmung Günther Müllers ist sicherlich in bezug auf die zweite Fassung des Romans leichter zu konstruieren als in bezug auf die erste. Die Rückschau des gereiften Erzählers bürgt schon für eine größere Einheitlichkeit des Dargestellten, ohne daß man jedoch, wie etwa Hartmut Laufhütte es tut, daraus die generelle Folgerung ziehen dürfte, der subjektive Bewußtseinsstand wie die literarische Gewandtheit des Autobiographen zeugten davon, daß der grüne Heinrich zwar nicht als Maler, wohl aber als Schriftsteller letztendlich die Erfüllung seines Bildungsschicksals gefunden habe .
      Solchen harmonisierenden Positionen widerspricht die schon in der zeitgenössischen Rezeption anzutreffende und in der neueren Forschung wieder an Gewicht gewinnende Auffassung, Heinrichs Lebenslauf - oder zumindest seine Jugendgeschichte - sei nicht als sich steigernde Entwicklung, als teleologische Entfaltung individueller Anlagen zu sehen, sondern als Abfolge einzelner gleichwertiger Phasen auf einem im wesentlichen gleichbleibenden Niveau der Weltaneignung . Die Frage ist also, ob der Werdegang des Helden im Sinne des klassischen Bildungsromans als Prozeß der menschlichen Reifung zu verstehen ist oder ob er nicht trotz allen Erfahrungen und Selbstreflexionen eher einer Kreisbewegung gleicht, die immer aufs neue in Gang gesetzt wird durch den Rückfall in überwunden geglaubte Fehler und Schwächen, die immer wieder Episoden der Desillusionierung in der Auseinandersetzung mit der Außenwelt zur Folge haben.
      Heinrichs Künstlerlaufbahn steht beispielhaft für dieses problematische Verhalten, ist sie doch bis zu ihrem Ende stets aufs neue geprägt von der Tendenz, Natur und Wirklichkeit zu verfehlen, so daß auch in bezug auf diesen zentralen Bereich kaum von einer Entwicklung im teleologischen Sinne die Rede sein kann . Dieser kritische Befund läßt sich, bezogen auf die gesamte Bildungsgeschichte, zudem unschwer mit der Beobachtung in Einklang bringen, daß zwar der Erzähler wiederholt konstatiert, nun sei eine Phase seines Lebens abgeschlossen und eine neue, bessere und bewußtere könne beginnen, daß aber andererseits aus diesem vorgeblich tieferen Problembewußtsein eigentlich keine handfesten Konsequenzen resultieren. Bezeichnenderweise wird bereits zu Beginn die Jugendgeschichte als Versuch ihres Erzählers eingeführt, 'sich eine Art Abschluß und Ãobersicht zu bilden" .
      Heinrich gelingt es allerdings - ähnlich wie im Falle der wegweisenden Goethe-Reflexionen - nur sporadisch, solche guten Vorsätze in die Tat umzusetzen. Erst die Geschehnisse und Erkenntnisse auf dem Grafenschloß, die im Verlust des Glaubens an Gott und an die Unsterblichkeit kulminieren, bezeichnen einen qualitativen Sprung in seiner Bildungsgeschichte, der in der oben geschilderten Weise entscheidend für sein weiteres Schicksal sein wird. Alles, was sich vorher an Entwicklungsmöglichkeiten wenn nicht realisiert, so doch latent angedeutet hatte, ist in diesem einen Punkt konzentriert.
      Heinrichs Scheitern in der ersten und seine untergründige Resignation in der zweiten Fassung resultieren zudem nicht zuletzt daraus, daß er Bildung als zu erreichenden Zustand des Ausgleichs und nicht als unabschließbaren, offenen Prozeß der Weltaneignung versteht. Diese Tendenz des Helden zu einer statischen Auffassung von Bildung korreliert seiner ähnliche Züge aufweisenden Weltdeutung. Denn ihn überkommt nur selten - etwa im Falle seiner Ãoberlegungen zur bürgerlichen Ã-konomie - die Ahnung, daß das Ich und die Welt in sich widerspruchsvoll, der Ausgleich und die Versöhnung beider daher kaum ohne Rest möglich sein könnten. So muß er schon aus diesem Grunde alle negativen Geschehnisse und Verfehlungen sich selbst als Schuld zurechnen, ohne zu erkennen, daß auch die natürliche und gesellschaftliche Realität an ihnen Anteil hat, weil sie von heterogenen Tendenzen bestimmt und nicht zuletzt vom Zufall durchwaltet wird.
      Angesichts dieser Prämissen erweisen sich die überlieferten Bildungsvorstellungen nicht mehr als Beschreibungen eines erreichbaren Zieles, sondern als ideale Vorgaben, denen der Einzelne nur mehr partiell zu entsprechen vermag. Der Konflikt zwischen Innen und Außen, Individuum und Gemeinschaft bleibt zwar als wesentliches Charakteristikum des Romans bestehen, findet aber keine harmonische Lösung mehr. Der Realismus Kellers resultiert unter diesen Umständen aus der historisch gesehen gültigen, die subjektiven Erkenntnismöglichkeiten des Protagonisten aber übersteigenden Beschreibung dieses Mißverhältnisses zwischen gesellschaftlichen Möglichkeiten und individuellen Ãoberzeugungen.
      'Realistische .Anerkennung' der prosaischer werdenden Welt bei gleichzeitigem Protest im Namen der Poesie dagegen - dies bestimmt die Signatur des Autors Keller ebenso wie die des poetischen Realismus'. [...] Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, kann man sagen, daß der ,Grüne Heinrich' eine entscheidende geschichtliche Wende markiert: von nun an ist der klassische ,Bildungsroman' in seiner positiven Form nicht mehr, bzw. nur um den Preis der ideologischen Lösung möglich" .
     

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