Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


19. jahrhundert

Index
» 19. jahrhundert
» Keller: ,Der grüne Heinrich'
» Gottesglaube, Unsterblichkeit und Atheismus

Gottesglaube, Unsterblichkeit und Atheismus



Die Auseinandersetzung mit Fragen der Religion und des Christentums, die den Grünen Heinrich bis hin zum Feuerbach-Erlebnis des Helden durchzieht, ist von zentraler Bedeutung für dessen gesamten Bildungsgang. Allerdings sind bereits die ersten religiösen Erfahrungen Heinrichs im wesentlichen von Feuerbach-schen Vorstellungen her gestaltet. Die sichere Gewißheit des Verfassers der Jugendgeschichte etwa, Gott sei 'nicht geistlich, sondern ein weltlicher Geist, weil er die Welt ist und die Welt in ihm; Gott strahlt von Weltlichkeit" , entspricht weniger dem Bewußtseinsstand des jungen Autobiographen als dem des Autors Keller.
      Wenn Keller in den Vorarbeiten von der 'Naivetät" spricht, 'mit welcher er [Heinrich] seine willkürlich genialische Subjektivität zu seinem Gotte macht" , wenn noch in der Münchener Zeit nach Aussage des Erzählers sich in seinem Gottesbild 'die Zustände und Bedürfnisse Heinrichs" abspiegeln , so korrespondiert dieser anthropomorphe Charakter der Gottesvorstellungen mit Feuerbachs Ãœberzeugung, jegliche Gottheit sei nichts anderes als die Projektion menschlicher Wünsche und Bedürfnisse auf ein vorgeblich allmächtiges übermenschliches Gegenüber. Heinrichs 'Privatverkehr mit Gott" , der so ganz anders ist als die nüchterne Religiosität der Mutter, entspricht seinem subjektiven, durch die Macht der Einbildungskraft geprägten Verhältnis zur Welt; seine naiven Gebete in Notlagen zeugen von dem Wunsch nach Hilfe und Leitung durch eine jenseits des Menschlichen liegende Instanz, die gleichzeitig aber der eigenen Einflußnahme unterworfen sein soll . Heinrichs privatistische Religiosität erweist sich damit als eine Folge der immer wieder mißlingenden Auseinandersetzung mit der Natur und mit der Gesellschaft.
      An seiner persönlichen Gottesvorstellung hält er auch während der Münchener Zeit konsequent fest. So verteidigt er etwa im Duell mit Lys, den Degen in der Hand, nicht nur seine romantische Auffassung von Liebe und Ehrgefühl, sondern gegenüber dessen 'trivialem, trostlosen Atheismus" auch seinen persönlichen Gott. Noch anläßlich der anthropologischen Vorlesungen, die in mancherlei Beziehung sein Weltverständnis erweitern und verändern, scheint ihm 'jede neue Tatsache [...] ein Beweis zu sein von der Scharfsinnigkeit und Geschicklichkeit Gottes" . Die Auffassung seines Gottes als eines 'liberalen und generösen" erübrigt vorerst jeden Zweifel, 'daß alles zur größeren Ehre Gottes geschehe wie des Menschen, dessen Ehre mit der größeren Selbständigkeit und Verantwortlichkeit wachsen" müsse . Hier deuten sich bereits Feuerbachsche Gedankengänge an, ohne doch in diesem Moment lebensentscheidende Bedeutung zu gewinnen.
      Dies geschieht erst auf dem Grafenschloß, im Bannkreis Dortchens und ihres Vaters. Hier fühlt Heinrich, wie 'ohne Freude und ohne Schmerz, ohne Spott und ohne Schwere die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit sich in ihm lösen und beweglich werden" .
      Waren seine Ambitionen als Maler und sein subjektivistisches Gottesbild bislang untrennbar aufeinander bezogen, so beeinflußt nun auch die Wandlung der religiösen Vorstellungen unmittelbar sein Verhältnis zur Kunst. Im Zeichen der weltanschaulichen Befreiung gelingen ihm zwei Landschaftsbilder, die zudem noch finanziellen Erfolg bringen und so seine Künstlerkarriere zu einem zumindest in Ansätzen versöhnlichen Abschluß führen.
      Heinrichs Weg als Künstler ist damit beendet, sein Bildungsgang als Mensch und Bürger aber hat durchaus noch nicht sein Ziel erreicht. Das Ideal des ganzen Menschen' behält seine Gültigkeit, es soll nun aber allein im Bereich der gesellschaftlichen Tätigkeit realisiert werden. Denn es sind, wie Keller in den Vorarbeiten zu seinem Roman betont, 'die höchste Befriedigung und das Gelingen [...] nur in der Hingabe und in Mitwirkung an der irdischen Menschlichkeit zu finden" .
      Diese Auffassung liegt ganz auf der Linie Feuerbachs, der in den Vorlesungen verkündet hatte, daß 'der einzige Gott des Menschen der Mensch selbst" sei:
'An die Stelle der Gottheit, in welcher sich nur die grundlosen luxuriösen Wünsche des Menschen erfüllen, haben wir [...] die menschliche Gattung oder Natur, an die Stelle der Religion die Bildung, an die Stelle des Jenseits über unserem Grabe im Himmel das Jenseits über unserem Grabe auf Erden, die geschichtliche Zukunft, die Zukunft der Menschheit zu setzen" .
      Bildung und Religion also sind Gegensätze, weil letztere einer früheren, kindlichen Stufe der Entwicklung der Menschheit entspricht, auf der - man denke an den grünen Heinrich! — 'die Einbildungskraft alle anderen Kräfte beherrscht" , während sich allein auf der Stufe der Bildung die höheren Kräfte des Menschen entfalten: 'Wo [...] der Mensch etwas aus sich selbst tut, weil es ihm seine eigene Natur, seine eigene Vernunft und Neigung sagt, da hebt sich die Notwendigkeit der Religion auf, da tritt an ihre Stellung die Bildung" .
      Trotz dieser Wendung zu Natur und Vernunft, zur Arbeit im Diesseits anstelle der Hoffnung aufs Jenseits soll die Welt jedoch nicht prosaischer, sondern geradezu poetischer werden. Diese ,Poetisierung' des Atheismus, die Keller als eine der Intentionen des Romans vorschwebte , findet ihren adäquaten Ausdruck in der Persönlichkeit Dortchens: 'Wer sagt, daß es keine Poesie gebe ohne den Glauben an die Unsterblichkeit, der hätte sie sehen müssen; denn nicht nur das Leben und die Welt um sie herum, sondern sie selbst wurde durch und durch poetisch" .
      Mit der Leugnung der Transzendenz sind indessen nicht alle Sinnfragen geklärt, wie sich am problematischen Schluß des Romans zeigt: Was geschieht, wenn der Einzelne erkennen sollte, daß sein Bildungsgang nicht zur angestrebten Synthese führt, daß in der vorgefundenen Wirklichkeit das Ideal der Liebe, der Mitmenschlichkeit nicht zu realisieren ist? Und wie sind letztlich Versöhnung und Aufhebung individueller Schuld möglich, wenn tatsächlich der Tod den unwiderruflichen Schlußpunkt der menschlichen Existenz setzt?

 Tags:
Gottesglaube,  Unsterblichkeit  Atheismus    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com