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Erinnern und Erfinden - der autobiographische Roman



Der grüne Heinrich erschien in vier Bänden 1854/55, elf Jahre nach der frühesten Erwähnung der Möglichkeit, einst "als ein zweites Ich" das ursprüngliche eigene Ich "in seinem Herzkämmerlein aufstören und betrachten", also die eigene "Jugendgeschichte schreiben" zu wollen , - und immerhin erst etwa fünf Jahre nach dem Beginn der ernsthaften Arbeit am Manuskript des Romans. Die "fabelhafte Langsamkeit", mit der - wie der Autor selbst gegenüber Hermann Hettner eingestehen mußte - seine literarische Produktion fortschritt, die häufigen Schreibhemmungen und Phasen des Leerlaufs haben ihren tieferen Grund zweifellos auch in dem bereits von Kellers Freund und verständnisvollem Kritiker Friedrich Theodor Vischer konstatierten Faktum, daß Der grüne Heinrich als ein "Mittelding zwischen Roman und Selbstbiographie" zu gelten hat .
      Wie Keller in der Autobiographie von 1876/77 aus der abgeklärten Position des zeitlich distanzierten Beobachters erläuterte, war schon der innere Anlaß des Buches im Grunde biographischer Natur. Allerdings war anfänglich eher ein wenig umfangreicher Künstlerroman geplant, keineswegs die komplexe, in epischer Breite erzählte, aus eigenem Erleben gespeiste Bildungsgeschichte, zu der sich die Schilderung der Schicksale des Helden allmählich auswuchs . Je intensiver Keller sich nämlich mit dem Werdegang seines literarischen Helden beschäftigte, desto entschiedener trat sehr bald die Künstlerthematik zurück hinter andere explizit autobiographische Bezüge, die vor allem die in der Ich-Form erzählte Jugendgeschichte durchziehen und prägen:
"Ich gedachte immer noch, nur einen mäßigen Band zu schreiben; wie ich aber etwas vorrückte, fiel mir ein, die Jugendgeschichte des Helden oder vielmehr Nichthelden als Autobiographie einzuschalten mit Anlehnung an Selbsterfahrenes und -empfundenes. Ich kam darüber in ein solches Fabulieren hinein, daß das Buch vier Bände stark und ganz unförmlich wurde. Ursache hievon war, daß ich eine unbezwingliche Lust daran fand, in der vorgerückten Tageszeit einen Lebensmorgen zu erfinden, den ich nicht gelebt hatte, oder, richtiger gesagt, die dürftigen Keime und Ansätze zu meinem Vergnügen poetisch auswachsen zu lassen" .
      So wird aus dem geplanten romantisch angehauchten Künstlerroman der autobiographisch fundierte Bildungsroman, der vor allem in bezug auf die minutiös geschilderte Kindheit und frühe Jugend seines Protagonisten ein hohes Maß an lebensgeschichtlicher Authentizität beanspruchen kann .
      Allerdings wäre es eine Simplifikation, die Jugendgeschichte nur unter dem Zeichen der ,Erinnerung', den Fortgang der Handlung aber unter dem der Erfindung' zu sehen : Auch die Erfindung basiert letztlich auf der konkreten Erfahrung; auch die Erinnerung verzichtet nicht darauf, die autobiographische Realität zu transzendieren und beispielsweise einen ,Lebensmorgen zu erfinden', der die ,dürftigen Keime und Ansätze' zum eingestandenen Vergnügen des Autors ,poetisch auswachsen' läßt . Der grüne Heinrich ist also - selbst in der Jugendgeschichte - durchaus nicht deckungsgleich mit seinem Schöpfer Gottfried Keller, vergewissert sich dieser doch im fiktionalen, der eigentlichen, bedrängenden Lebenspraxis entzogenen Raum des Romans mancher Möglichkeiten, die er vielleicht nicht ergriffen, und mancher Probleme, die er gelöst oder - noch - nicht gelöst hat:
"Ich habe bei diesem Unglücklichen [dem grünen Heinrich] das gewagte Manöver gemacht, daß ich meine eigene Jugendgeschichte zum Inhalt des ersten Teils machte, um dann darauf den weiteren Verlauf des Romanes zu gründen, und zwar so, wie er mir selbst auch hätte passieren können, wenn ich mich nicht zusammengenommen hätte. [...] Ich hatte nicht die Intention, aus eitler Subjektivität diese Jugendgeschichte einzufügen, weil sie die meinige ist, sondern obgleich sie es ist, und stellte mir dabei einfach die Aufgabe, mich selbst mir objektiv zu machen und ein Exempel zu statuieren" .
      Schreiben im Dienst der Objektivierung der eigenen Person, mit dem Ziel der fortschreitenden Bewältigung des eigenen Lebens, der literarische Held als sich entwickelndes und bildendes Individuum, das - stellvertretend für seinen Schöpfer - auf die lebensentscheidende Probe gestellt wird: Der Autor fungiert hier gleichzeitig als Objekt wie als Subjekt seiner verzweifelten Bemühungen um Selbstvergewisserung und Selbstbewußtsein, das ,Exempel' wird gleichermaßen an ihm wie durch ihn statuiert.
      Aus diesem grundlegenden, biographisch bedingten "Rätsel Kellers", daß nämlich das "Mißlingen des Lebens die Voraussetzung für das Gelingen des Schreibens ist" , resultiert nun allerdings nicht nur ein wesentlicher Reiz des Grünen Heinrich - die autobiographische Spiegelung, die gleichzeitig Brechung ist-, sondern auch eine besondere Problematik der Interpretation: Wie die Reflexionen des erlebenden Ich die Bedeutung der Geschehnisse zumeist nicht vollständig erfassen und wie die Kommentare des Erzählers häufig nur Rationalisierungen bieten, mit denen er tiefere Zusammenhänge verdeckt, so sind auch die Äußerungen des Autors Gottfried Keller zum Grünen Heinrich noch weniger als die Selbstkommentare anderer Autoren als Hinweise von autoritativer Geltung zu lesen. .
      Wenn Keller daher gegenüber seinem Freund Hettner noch während der Arbeit an dem Roman den "Endzweck des Buches" skizzierte, so faßte er damit zwar einige entscheidende Wesensmerkmale sowohl seiner eigenen Biographie als auch des Bildungsganges seines Helden prägnant zusammen, vermochte aber andererseits aufgrund der mangelnden Distanz zu seinem literarischen ,Objekt' weitere wesentliche Momente nicht klar zu sehen und bestimmte Bezüge nicht deutlich zu erfassen:
"Ich hatte die doppelte Tendenz: einesteils zu zeigen, wie wenig Garantien auch ein aufgeklärter und freier Staat, wie der zürchersche, für die sichere Erziehung des einzelnen darbiete heutzutage noch, wenn diese Garantien nicht schon in der Familie oder den individuellen Verhältnissen vorhanden sind, und andernteils den psychischen Prozeß in einem reich angelegten Gemüte nachzuweisen, welches mit der sentimental-rationellen Religiosität des heutigen aufgeklärten oder schwächlichen Deismus in die Welt geht und an ihre notwendigen Erscheinungen den willkürlichen und phantastischen Maßstab jener wunderlichen Religiosität legt und darüber zugrunde geht" .
      Hier wird exemplarisch deutlich, wie sehr Der grüne Heinrich auch nach der Auffassung des Autors selbst von dem Grundkonflikt des Bildungsromans geprägt ist: Der Protagonist des Buches mit seinen besonderen seelischen Anlagen und individuellen Verhältnissen steht in einem fortschreitend sich zuspitzenden Spannungsverhältnis zu den gesellschaftlichen Bedingungen, die seine Lebensmöglichkeiten festlegen.
     

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