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Die zweite Fassung - Erfüllung oder Entsagung?



Der für viele Leser unbefriedigende, weil zwiespältige Schluß des Grünen Heinrich war der wesentliche Grund für Kellers seit etwa 1871 geplante und 1879/80 im Druck erschienene Umarbeitung seines 'Schicksalsbuches" . Die langwierige Auseinandersetzung mit dieser 'nicht zu verbessernden Unform eines längst entschwundenen Lebensalters" fiel ihm ebenso schwer wie vor Jahrzehnten die Arbeit an der ursprünglichen Fassung- ein Indiz für die latente lebensgeschichtliche Aktualität der in Frage stehenden Problematik.
      Die Jugendgeschichte bleibt von den Veränderungen mehr oder minder unberührt, doch schreibt der grüne Heinrich sie jetzt erst am Ende seiner Münchener Jahre nieder . Für die neu gewonnene Einheitlichkeit der Form ist entscheidend, daß nunmehr die Perspektive des Rückschau haltenden Ich-Erzählers auf den gesamten Roman ausgedehnt, der autobiographische Aspekt also verstärkt wird. Dieser ,Subjektivierung' auf der Erzählebene entspricht gegenläufig eine Tendenz zur ,Objektivierung' auf der Handlungsebene , die sich vor allem darin äußert, daß zahlreiche Erzählerkommentare und gedanklich-abstrakte Erörterungen entfallen, dafür aber einzelne Requisiten, Figuren und Episoden neu eingeführt werden, die durch Parallelisierung oder Kontrastierung in erster Linie die Geschicke des Helden verdeutlichen sollen .
      Die entscheidende Änderung der Neubearbeitung steht allerdings im Zusammenhang mit der Tendenz, im Einklang mit den Forderungen der Zeit das Düstere, ja Tragische des Geschehens aufzuhellen und ins Positiv-Harmonische zu wenden: Heinrich findet nicht in Gram und Verzweiflung einen frühen Tod, sondern die aus Amerika heimgekehrte Judith erlöst ihn von seiner Schuld und ermöglicht beiden so ein bescheidenes Glück in tätiger Arbeit für das Gemeinwesen. Wie ist nun diese gegenüber der ersten Fassung doch überraschende Wendung der Dinge ins vordergründig Positive motiviert, wie aber andererseits der Unterton von Resignation zu verstehen, der trotz allem den Schluß des Romans bestimmt?
Eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit, den grünen Heinrich leben zu lassen, bestand für Keller darin, diesen von einem Teil seiner persönlichen Schuld zu entlasten: So überlebt Lys das Duell mit Heinrich; dieser trifft bei der Heimkehr immerhin die Mutter noch lebend an, deren akute finanzielle Notlage im Gegensatz zur ersten Fassung weniger durch seine Verfehlungen als durch skrupellose Spekulanten verursacht ist. Außerdem wird Heinrichs Verantwortung für sein und ihr Schicksal durch das briefliche Eingeständnis der Mutter relativiert, sie habe 'die Bescheidenheit verletzt und das Kind geschädigt", indem sie sich 'einbildete, ein Genie in die Welt gesetzt zu haben" . Generell wird das Individuum — also Heinrich Lee — auf Kosten der sozialen Gemeinschaft entlastet:
'Eine eigentliche Verschuldung durch den Tod der Mutter trifft den Sohn doch nicht, da es sich um die Erfüllung eines Erziehungs- und Entwicklungsschicksals handelt, an welchem niemand schuld ist oder alle" .
      Obwohl Heinrich sich immer noch schuldig fühlt, vermag er daher weiterzuleben, zwar 'ohne Unruhe, aber auch ohne Hoffnung eines frischern Lebens" . Erst die Begegnung mit Judith befreit ihn aus dieser 'Gefangenschaft des Geistes" : 'Jugendglück, Heimat, Zufriedenheit, alles schien mir seltsamerweise mit Judith zurückgekehrt oder vielmehr wie aus dem Berge herausgewachsen zu sein" . Als die 'personifizierte Natur selbst" , die ihn in einem Akt der säkularisierten christlichen Vergebung von aller Schuld erlöst, scheint sie endlich die Verbindung zum ,Lebensgrund', zur ,guten Natur', herstellen zu können, um die Heinrich sich so lange vergeblich bemüht hat. Indem Judith ihn - ähnlich wie vor Jahren schon im Anschluß an die Römer-Episode — in seiner widerspruchsvollen Individualität bedingungslos akzeptiert, ermöglicht sie auch ihm die Annahme seiner selbst und damit erst die Integration in das gesellschaftliche Ganze. In diesem Sinne ist - vor allem in der älteren Forschungsliteratur - Heinrichs Tätigkeit als Oberamtmann häufig als im Unterschied zur Urfassung psychologisch folgerichtiger, harmonischer Abschluß seines Bildungsganges aufgefaßt worden, als letztlich doch erreichte Synthese von Ich und Welt in einer 'höheren Wirklichkeit" .
      Gegen diese These von der positiven Erfüllung seines Bildungsgeschicks lassen sich allerdings zumindest zwei Einwände geltend machen. Zum einen spricht die Entsagung, welche die beiden Liebenden sich in ihren persönlichen Beziehungen auferlegen, nicht unbedingt dafür, daß sich die subjektiven Bedürfnisse mit einer Existenz der gesellschaftlichen Verpflichtung ohne weiteres zur Deckung bringen lassen. Zeugt nicht gerade die Unfähigkeit, 'einem vollen und ganzen Glük-ke zu vertrauen" , von der untergründig wirksamen Dominanz der in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft gesammelten negativen Erfahrungen gegenüber den individuellen Wünschen, seien sie nun eingestanden oder unbewußt?
Zum anderen wird deutlich, daß der Glaube an den unaufhaltsamen Fortschritt geschwunden ist und das gesellschaftliche Ganze, dem es sich einzugliedern gilt, nicht mehr in dem verklärenden Licht der ersten Fassung erscheint . Was Schiller von Wilhelm Meister behauptete, daß dieser nämlich 'von einem leeren und unbestimmten Ideal in ein bestimmtes thätiges Leben [trete], aber ohne die idealisierende Kraft dabey einzubüßen" , kann für dessen jüngeren Bruder Heinrich Lee unter den gewandelten gesellschaftlichen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts so nicht mehr gelten: Angesichts der Zwänge und Defizite der Realität verkümmert die Individualität und damit die ,idealisierende Kraft' des Einzelnen.
      Wenn der Autobiograph kommentierend ausführt, er habe damals - zur Zeit seiner Rückkehr - noch nicht geahnt, 'daß Zeit und Erfahrung die idyllische Schilderung der politischen Mehrheiten nicht ungetrübt lassen würden" , so zieht er, darin vergleichbar dem Autor Keller, ein doch eher skeptisches Fazit seiner Bemühungen, als ein lebendiger Teil' im Ganzen aufzugehen. Auch hier also die Andeutung einer durch die gesellschaftlichen Realitäten erzwungenen Resignation, die im Widerspruch steht zu den auf Ausgleich, auf ungeschmälerte Identität zielenden Intentionen der Gattung Bildungsroman.
      Resignation und Entsagung resultieren für den grünen Heinrich und, wie schon Lukäcs betonte, für Keller selbst notwendigerweise aus der 'Unmöglichkeit, künstlerische Tätigkeit und Leben, volles Auswirken der eigenen Persönlichkeit und nützliches staatsbürgerliches Wirken zu einer kompromißlosen, vollkommenen Einheit zu bringen" . Unter solchen Prämissen erscheint trotz aller Vermittlungsversuche Heinrichs gesellschaftliche Eingliederung eher als Kapitulation vor äußeren Zwängen denn als sinnvoller Kompromiß, so daß der Schluß auch der zweiten Fassung keine restlos harmonische, die Lebensproblematik des Helden auflösende Wendung der Bildungsgeschichte vorführt.
     

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