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Der grüne Heinrich als Held einer Bildungsgeschichte



Das Subjekt, die Gesellschaft und das Problem der Identität
Der grüne Heinrich als Held seiner Bildungsgeschichte geht einen Weg, an dessen Ende ein hohes Ziel steht, nämlich die Selbstfindung des Individuums. Gefordert ist - ganz im Sinne des klassischen Bildungsromans Goethescher Prägung - die Ausbildung des ,ganzen Menschen'. Wie der Erzähler immer wieder deutlich macht und wie auch Heinrich, angeregt u. a. durch die Goethe-Lektüre und später vor allem durch die Rezeption Feuerbachscher Ideen, immer aufs neue einsieht oder zumindest zu ahnen beginnt, impliziert dieses Ideal jedoch nicht etwa die Ablösung des Subjekts von allen sozialen und gesellschaftlichen Bindungen, sondern basiert geradezu auf der dem einzelnen als Aufgabe vorge gebenen 'wundersamen Wechselwirkung [...] zwischen dem Ganzen und seinem lebendigen Teile" . Denn im Sinne des Schweizer Demokraten Keller, der 1848/49 in Heidelberg die ganz auf das Diesseits und auf die Propagierung der Mitmenschlichkeit ausgerichtete Philosophie Feuerbachs kennengelernt hatte, bedeutet die Emanzipation des Individuums eben nicht dessen Verselbständigung gegenüber den gesellschaftlichen Bezügen, sondern seine produktive Integration in das bürgerliche Leben.
      Bezeichnenderweise manifestiert sich dieses Ideal der Harmonie zwischen Einzelnem und Gemeinschaft vor allem in den Träumen Heinrichs - etwa in dem großen Heimattraum von der 'Identität der Nation" - und in den zentralen Festszenen des Romans. So wird beispielsweise das Münchener Künstlerfest gerühmt als eine der seltenen Gelegenheiten, wo 'jeder ein lebendiger Teil des Ganzen war und das Leben des Ganzen in jedem einzelnen pulsierte" , - und doch muß um der historischen Wahrheit willen der Erzähler anschließend die Realität dieses vorbildlichen Geschehens widerrufen mit dem Eingeständnis, daß im Grunde nur 'eine kurze Nacht sich selber zur Wirklichkeit träumte" .
      Der enge, bruchlose Bezug zwischen Ich und Welt, der erst die Identität des Subjekts konstituieren soll, wird also im Grünen Heinrich gleichzeitig als Ideal bewahrt und als Problem vorgeführt, das - wie der Schluß zumindest der ersten Fassung ausweist - von dem Helden des Romans im Verlauf seiner Lebensgeschichte nicht gelöst werden kann. Sein letztliches Scheitern erscheint um so tragischer, als er sich trotz allen gegenteiligen Erfahrungen den Glauben an die Möglichkeit einer Synthese von subjektivem Wollen und objektiven Verhältnissen bewahrt .
      Daß Heinrich der Notwendigkeit, sich als ,lebendiger Teil' dem Ganzen einzugliedern, über weite Strecken seines Weges nicht folgen kann, resultiert unter anderem aus der fatalen Tatsache, daß seine 'beiden Entdeckungsreisen, diejenige nach seiner menschlichen Bestimmung und diejenige nach dem zwischenweili-gen Auskommen", so häufig auf 'höchst mißliche Weise zusammen [treffen]" . Damit sind wiederum die zwei Pole der Bildungsgeschichte Heinrichs benannt, nämlich einerseits das nach Selbsterkenntnis und Selbstvergewis-serung strebende Ich und andererseits die Welt, genauer gesagt die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die sich mit ihren sozialen und ökonomischen Zwängen dem Individuum entgegenstellt.
      Als eine Besonderheit des Grünen Heinrich gegenüber anderen Bildungsromanen kann gelten, daß dieser Konflikt in aller Schärfe bereits in den ersten Lebensjahren des Helden zutage tritt, treffen doch schon in dieser Phase psychische Veranlagung, familiäre Voraussetzungen und äußere Realitäten in einer ganz bestimmten prekären Konstellation aufeinander. Nicht von ungefähr faßt der Erzähler der Jugendgeschichte die Kindheit als 'Vorspiel des ganzen Lebens" auf, das 'die Hauptzüge der menschlichen Zerwürfnisse im kleinen abspiegele" .
      Bedeutsamkeit gewinnt dieses Diktum vor allem in bezug auf das Problem der Einbildungskraft, deren zentrale Rolle für Heinrichs gesamten Bildungsgang bereits in dessen früher familiärer und schulischer Sozialisation vorgeprägt wird. Die 'Unverantwortlichkeit der Einbildungskraft", von der Keller in den Vorarbeiten zum Grünen Heinrich spricht , manifestiert sich im Falle des Helden etwa in den 'ganz innerlichen Anschauungen" seiner ersten Gottesvorstellungen oder in den im Umgang mit Frau Margret angeregten 'großen träumerischen Geweben [...], wozu die erregte Phantasie den Einschlag gab" . Nicht nur in dieser Episode verflechten sich ihm die durch die Einbildungskraft evozierten Bilder und Vorstellungen so eng 'mit dem wirklichen Leben", daß er sie 'kaum von demselben [zu] unterscheiden" vermag .
      Da die soziale und gesellschaftliche Realität als ein Bereich erlebt wird, der sich den ureigensten Wünschen nach Bewahrung der persönlichen Autonomie und nach gelungener Weltaneignung verschließt, wird die gesteigerte Einbildungskraft als 'Vermittlerin zwischen innerem Bedürfnis und äußerer Welt" zum geeigneten Mittel, den 'ständigen Zwiespalt zwischen Selbstverständnis und Situation" zumindest im Raum der Imagination tendenziell aufzuheben . Man denke in diesem Zusammenhang etwa an die Spiele des Kindes, die der Erzähler der Jugendgeschichte selbst in der Rückschau als Versuch interpretiert, der äußeren Welt, die sich ihm entzieht, aus der Schöpferkraft des eigenen Ich heraus eine neue, ihm angemessene Realität entgegenzusetzen: Je schwieriger die Kontakte zur sozialen Umgebung, zur Mutter beispielsweise und zu den Lehrern, sich gestalten, desto eifriger verkehrt Heinrich mit sich selbst, 'in der Welt", die er 'allein zu bauen gezwungen" ist . In ähnlicher Absicht wird später seine erste Künstlerklause in der Dachkammer als 'eigene Welt" bezeichnet , die 'dem kochenden Herde eines Hexenmeisters oder Al-chymisten [gleicht], auf welchem ein ringendes Leben gebraut" wird .
      Solche Versuche, eine Gegenwelt aus der Phantasie heraus zu schaffen, bezeugen die Tendenz, das subjektive Moment absolut zu setzen und die widersetzliche Wirklichkeit zugunsten einer allein aus dem Individuum generierten zu verdrängen, weil nur so der tiefe Wunsch nach Ãœbereinstimmung zwischen Teil und Ganzem noch erfüllbar scheint: Die aufs Subjekt zentrierte Welt '[...] wird mit dem Anspruch entworfen, das mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft atomisierte, den Subjekten entfremdete Ganze in der Innerlichkeit neu hervorzubringen als Totalität, in der letztlich Identität von Subjekt und Objekt, Innen und Außen herrscht" . Die Bildungsgeschichte Heinrichs zeigt allerdings immer aufs neue, daß und wie diese Form der Identität bloßer Schein, individualistische Illusion bleibt.
      Prägende Faktoren in Heinrichs Bildungsgang
Fragt man nach den Ursachen für Heinrich Lees ständige Weltverfehlung, so stößt man auf ein ganzes Bündel von Bedingungen und Einflüssen sowohl psychischer als auch familiärer und sozialer Natur. Gerade für die Bewertung der Kinder- und frühen Jugendjahre Heinrichs spielt beispielsweise das entwicklungspsychologische Moment eine wichtige Rolle - auch wenn der Erzähler selbst nur selten auf solche Zusammenhänge eingeht und eher dazu neigt, die eigene Vergangenheit gemäß seinem mittlerweile fortgeschrittenen Bewußtseinsstand zu kommentieren. Vor allem Heinrichs widersprüchliche Beziehungen zu Judith und Anna sind unter diesem Aspekt nicht allein als exemplarischer, personalisierter Ausdruck seines grundsätzlich problematischen Verhältnisses zur Welt zu verstehen, sondern spiegeln auch alterstypische Unsicherheiten und Schwierigkeiten wider.
      Die Andeutung Kellers in der ersten Ausgabe der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe, nur eine vollständige Familie könne 'das Geheimnis oder die Offenkunde von der Wohlfahrt des Lebens" gewährleisten, bezeichnet ein zentrales Problem sowohl seiner eigenen Biographie als auch derjenigen des grünen Heinrich. Denn in der Kleinfamilie als der klassischen Sozialisationsin-stanz der bürgerlichen Gesellschaft konstituiert sich der Raum, in dem die Forderungen der Gemeinschaft, vertreten vor allem durch die Eltern, dem heranwachsenden Subjekt vermittelt werden. Durch den frühen Tod des Vaters, den die Mutter nicht ersetzen kann, wird diese Funktion der Anleitung wie des Schutzes so grundlegend beeinträchtigt, daß die Regeln und Postulate der gesellschaftlichen Umwelt dem grünen Heinrich sozusagen unvermittelt gegenübertreten. Dieser selbst weist immer wieder darauf hin, wie sehr ihm der väterliche Rat und die väterliche Führung im bürgerlichen Leben gefehlt hätten: 'Ich kann mich nicht enthalten [...], oft Luftschlösser zu bauen und zu berechnen, wie es mit mir gekommen wäre, wenn mein Vater gelebt hätte, und wie mir die Welt in ihrer Kraftfülle von frühester Jugend an zugänglich gewesen wäre [...]" .
      Allerdings mangelt es ihm nicht nur an aktiver Anleitung, sondern auch an der Möglichkeit, in der kritischen Auseinandersetzung mit dem erfahreneren Gegenüber sich seiner selbst und seiner Aufgaben im Leben zu vergewissern. Denn die Gestalt des Vaters ist dem I leiden auf seinem verworrenen Lebensweg zwar ständig präsent, aber nur als bereits gebildeter, erfolgreicher Bürger und pater familias, als Ideal also, das sich der kritischen Befragung von vornherein entzieht.
Der Vater scheint nämlich mühelos all das erreicht zu haben, was Heinrich in seinem eigenen Bildungsgang zu realisieren sucht. Weil er aufgrund seines geschäftlichen Erfolges, gepaart mit altruistisch-nutzbringender Tätigkeit für die bürgerliche Gemeinschaft, gesellschaftlich anerkannt war, weil er ständig und ebenso erfolgreich an seiner persönlichen Vervollkommnung und Bildung arbeitete und weil er zudem seine künstlerischen Ambitionen praktisch werden ließ, indem er sie für sein ökonomisches Fortkommen nutzte, qualifiziert er sich 'sowohl als Vorbild wie als Gegenbild" für den grünen Heinrich . Als Gegenbild deshalb, weil die Tragik des Sohnes darin besteht, daß ihm das Bild des ,ganzen Menschen' in der Gestalt des Vaters zwar noch als Ideal vorschwebt, die veränderten gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse aber dessen Verwirklichung erschweren, wenn im In gar unmöglich machen.
      Auch die zweite wichtige Sozialisationsinstanz der bürgerlichen Gesellschaft, die Schule, kann die Entwicklung des jungen und vaterlosen Heinrich Lee nur partiell und vor allem nicht lange genug stabilisieren. Nach dem Schulverweis ist Heinrich wiederum zurückgeworfen auf sich selbst und die Welt seiner Phantasie.
      Der kommentierende Erzähler der Jugendgeschichte verweist in diesem Zusammenhang auf die Schuld des Staates: '[...] Ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschließen, heißt nichts anderes, als seine innere Entwicklung, sein geistiges Leben köpfen" . Das erlebende Ich fühlt sich dagegen bezeichnenderweise jetzt erst recht 'frei [...] wie der Vogel in der Luft" . Neben diesem Drang nach Freiheit und Autonomie steht allerdings immer wieder der Wunsch nach Führung und Lenkung, und zwar nicht nur was die Kunst, sondern auch was die allgemeine Lebensorientierung betrifft. Die Personen, mit denen Heinrich engeren Umgang pflegt, können ihm jedoch zumeist weder das eine noch das andere bieten: Die Mutter ist einerseits beschränkt auf ihren kleinen Kreis, unterstützt andererseits aber, teilweise wider besseres Wissen, seine hochfliegenden Ambitionen; weder Habersaat noch Römer, weder Lys noch Erikson können ihm als auf je eigene Weise fragwürdige Persönlichkeiten zum Vorbild werden; Anna wird, ähnlich wie die Gestalt des Vaters, von Heinrich in die Sphäre des Ideals entrückt; und gegen Judiths heilsamen, objektivierenden Einfluß sperrt er sich so lange, bis er die Beziehung zu ihr endgültig zerstört hat. Erst die Begegnung mit dem Grafen und mit Dortchen, und durch diese vermittelt mit dem Denken Feuerbachs, markiert einen entscheidenden, die Fundamente seines Denkens aufbrechenden Einschnitt .
      Die direkte, durch Anleitung kaum gemilderte Konfrontation des Helden mit den Gesetzen des gesellschaftlichen Lebens wird besonders dann für seinen Bildungsgang relevant, wenn es um Fragen der bürgerlichen Existenz geht, also etwa um das Problem der Berufswahl und der ökonomischen Bewährung. Obwohl Heinrichs Entschluß, Landschaftsmaler zu werden, die Folge nicht einer vernünftigen Ãœberlegung im bürgerlichen Sinne, sondern der auf das eigene Ich fixierten Realitätsverkennung ist, beschäftigt ihn doch je länger desto intensiver die Frage, wie der Mensch individuelle Selbstbestimmung, berufliche Tätigkeit und gesellschaftlichen Nutzen sinnvoll miteinander verbinden könne. Gegenüber der fortgeschrittenen bürgerlichen Wirtschaftsweise, in der 'die Begriffe von der Bedeutung der Arbeit verkehrt [seien] bis zum Unkenntlich werden" , so daß 'Arbeit und Täuschung, innere Leerheit und äußerer Erfolg" sich ununterscheidbar vermischen, bewahrt er einen konservativen, auf 'dem festen Boden der Mutter Natur" gegründeten Begriff von Arbeit und Beruf:
'So fest und allgemein wie das Naturgesetz selber sollen wir unser Dasein durch das nähren, was wir sind und bedeuten, und das mit Ehren sein, was uns nährt. Nur dadurch sind wir ganz, bewahren uns vor Einseitigkeit und Ãœberspanntheit und leben mit der Welt im Frieden, so wie sie mit uns, indem wir sie sowohl bedürfen mit ihrer ganzen Art, mit ihrem Genuß und ihrer Müh als sie unser bedarf zu ihrer Vollständigkeit, und das alles, ohne daß wir einen Augenblick aus unserer wahren Bestimmung und Eigenschaft herausgehen" .
      Die Realisierung dieser Vorstellungen von einem 'einheitlichen organischen Leben" , das er in Schillers Existenz beispielhaft verwirklicht sieht, kann dem grünen Heinrich allerdings unter anderem deshalb nicht gelingen, weil er nicht zu durchschauen vermag, daß dieses Ideal der Kongruenz von Selbstbestimmung und materiellem Erfolg in tendenziellem Widerspruch zu der bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Ökonomie steht, da diese gerade durch Spezialisierung, Funktionalisierung und Rationalisierung gekennzeichnet ist .

     
Künstlertraum und bürgerliche Ökonomie — die Funktion der Malerei
Obwohl Probleme der Kunst und des Künstlertums im allgemeinen und der Malerei im besonderen im Grünen Heinrich eine wichtige Rolle spielen, läßt sich Kellers Werk durchaus nicht als Künstlerroman rubrizieren. Der Erzähler selbst konstatiert, daß es keineswegs seine Absicht gewesen sei,
'[...] einen sogenannten Künstlerroman zu schreiben und diese oder jene Kunstanschauungen durchzuführen, sondern die vorliegenden Kunstbegebenheiten sind als reine gegebene Facta zu betrachten, und was das Verweilen bei denselben betrifft, so hat es allein den Zweck, das menschliche Verhalten, das moralische Geschick des grünen Heinrich und somit das Allgemeine in diesen scheinbar so absonderlichen und berufsmäßigen Dingen zu schildern " .
      In der Kunstproblematik spiegelt sich die Lebensproblematik; der Künstler Heinrich ist nicht zu trennen von dem Menschen Heinrich, der seine individuelle Bestimmung im Gefüge des gesellschaftlichen Ganzen sucht. Seine Differenzen mit sich und der Umwelt resultieren zum großen Teil gerade aus dem Versuch, die eigene Selbstverwirklichung und die Bewährung im bürgerlich-sozialen Sinne in der Landschaftsmalerei zur Deckung zu bringen.
      Daß dieser Weg problematisch und das Ziel kaum erreichbar sein wird, lassen bereits Heinrichs erste Malübungen erahnen, folgen diese doch immer wieder auf Enttäuschungen, die er in der Auseinandersetzung mit der Außenwelt erlitten hat:
'Ich erfand eigene Landschaften, worin ich alle poetischen Motive reichlich zusammenhäufte, und ging von diesen auf solche über, in denen ein einzelnes vorherrschte, zu welchem ich immer den gleichen Wanderer in Beziehung brachte, unter dem ich, halb unbewußt, mein eigenes Wesen ausdrückte. Denn nach dem immerwährenden Mißlingen meines Zusammentreffens mit der übrigen Welt hatte eine ungebührliche Selbstbeschau-ung und Eigenliebe angefangen, mich zu beschleichen, ich fühlte ein weichliches Mitleid mit mir selbst und liebte es, meine symbolische Person in die interessantesten Szenen zu versetzen, welche ich erfand" .
      Auch die künstlerischen Aktivitäten des grünen Heinrich sind also von Beginn an geprägt vom Vorrang der subjektiven Einbildungskraft, die ein unvoreingenommenes, Realistisches' Verhältnis zur Wirklichkeit erschwert. Die Kunst wird so, indem sie vor allem der Sublimierung individueller Bedürfnisse dient, zum Fluchtraum vor den Forderungen der Welt.
      Das Festhalten an dieser psychisch entlastenden Funktion der Kunst wird zudem über Jahre hinweg unterstützt durch Heinrichs Ãœberzeugung, in seiner Berufswahl habe sich 'eine höhere Bestimmung und Leitung Gottes" kundgetan. Dieser metaphysisch-religiös überhöhten Argumentation korrespondiert seine Auffassung, die Kunst sei 'eine Art wahren Nachgenusses der Schöpfung" , in welcher der Künstler zum höheren Lobe Gottes eine eigene, von keinerlei Mißtönen und Widersprüchen getrübte Welt erschaffe. So ist es psychologisch durchaus folgerichtig, daß Heinrich sich nicht die wirklichkeitsnahe Judith, sondern die von ihn zum Ideal stilisierte Anna zur Schutzpatronin seiner künstlerischen Bemühungen erwählt.
      Vor allem der generelle Mangel an Führung und konsequenter künstlerischer Anleitung ist dafür verantwortlich, daß Heinrich aus diesem Irrgarten von 'Wirklichkeitsflucht, Ichbezogenheit, Schöpferglaube und Schöpferanalogie, Welt- und Selbstbetrug" erst spät - zu spät - hinausfindet. So sieht er sich etwa - wie der Erzähler der Jugendgeschichte im Rückblick selbstkritisch feststellt — nach der Lehrzeit bei Habersaat allein 'mit einer bedenklichen und leeren Fertigkeit ausgerüstet", ohne doch 'etwas Rechtes zu können" . Denn den unbezweifelbaren Fortschritten in technischer Hinsicht entspricht keine analoge Entwicklung der genuin künstlerischen Einsichten, so daß er immer wieder wie sein ,Lehrmeister' nur das Unnatürliche, das 'Sonderbare und Krankhafte" , in die 'plumpen und renommistischen Formeln [seiner] lächerlichen Virtuosität" zu bannen weiß. Diese Mißachtung der äußeren Realität zugunsten der eigenen Phantasie zieht sich durch Heinrichs gesamte Künstlerlaufbahn. Noch angesichts seiner Münchener Bilder moniert der Erzähler das an ihnen abzulesende 'Herausspinnen einer fingierten, künstlichen, allegorischen Welt aus der Erfindungskraft, mit Umgehung der guten Natur" , d.h. den künstlerischen 'Spiritualismus", der es 'vorzieht, eine ideale Natur fortwährend aus dem Kopfe zu erzeugen anstatt sich die tägliche Nahrung aus der einfachen Wirklichkeit zu holen" .
      Dieser Verfehlung der Realität, der ,guten Natur', wirken immer wieder Erlebnisse und Einflüsse entgegen, die Heinrich auf den rechten künstlerischen Weg zu führen scheinen. Zu nennen wären hier etwa die wiederholten Aufenthalte im väterlichen Dorf, die ihn überhaupt erst mit der realen Natur konfrontieren, die fruchtbaren Studien bei dem wahren Künstler — wenn auch unvollkommenen Menschen — Römer und vor allem Heinrichs Goethe-Reflexionen. Diese sind ohne Zweifel von entscheidender Bedeutung, wenn es um den Bildungsgang des Helden und um dessen Bewertung geht, so daß man sogar versucht hat, den gesamten Roman von diesen Ãœberlegungen aus zu analysieren .
      Durch die Lektüre der Goetheschen Schriften erkennt Heinrich nämlich, daß auch in der Malerei nicht das 'Abenteuerliche und Ãœberschwängliche" den künstlerischen Wert ausmacht, sondern daß 'nur Schlichtheit und Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen, um etwas Poetisches oder, was gleichbedeutend ist, etwas Lebendiges und Vernünftiges hervorzubringen" . Entscheidender noch als eine solche Bestätigung und Bekräftigung des in Heinrich immer schon latent vorhandenen Realitätssinnes ist allerdings die ergänzende Einsicht, daß für den Künstler im besonderen wie für den Menschen im allgemeinen dieselben Gesetze gelten, daß beide von denselben Voraussetzungen ausgehen und sich dieselben Ziele setzen müssen:
'Denn wie es mir scheint, geht alles richtige Bestreben auf Vereinfachung, Zurückfüh-rung und Vereinigung des scheinbar Getrennten und Verschiedenen auf Einen Lebensgrund, und in diesem Bestreben das Notwendige und Einfache mit Kraft und Fülle und in seinem ganzen Wesen darzustellen, ist Kunst; darum unterscheiden sich die Künstler nur dadurch von den anderen Menschen, daß sie das Wesentliche gleich sehen und es mit Fülle darzustellen wissen [...]" .
      Bezeichnend für den künstlerischen wie für den allgemeinmenschlichen Bildungsgang des grünen Heinrich ist nun allerdings, daß diese Erkenntnis rein punktuell bleibt, daß er sie eigentlich in keiner Phase seines Weges in die Tat umzusetzen vermag. Sowohl als Künstler wie als Mensch und Bürger verfehlt Heinrich den ,Lebensgrund', verfehlt er das 'notwendige und gesetzliche Wachstum der Dinge" , das auf den Regeln der ,guten Natur' basieren soll. Am Ende des Romans zeigt sich in der resignierten Auffassung des Lebens als einer 'niederträchtigen und tödlichen Narretei und Vexation" der unaufhebbare Widerspruch zu dem aus der Goethe-Lektüre resultierenden Grundsatz der 'hingebenden Liebe an alles Gewordene und Bestehende, welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet" .
Vorerst steht Heinrich aber noch vor der Einsicht, daß seine künstlerischen Ambitionen endgültig gescheitert sind, weil er in der Malerei weder seine individuelle Natur verwirklichen noch durch sie ökonomischen Erfolg erringen kann. Erst nach bitteren Erfahrungen, die in Armut und Verkommenheit führen, bahnt sich ein neues Selbstverständnis, ein verändertes Verhältnis zur Realität an. Die Künstlerträume enden im stupiden, aber zumindest solide entlohnten Anmalen von Fahnenstangen. Die Einbildungskraft scheint allmählich an Bedeutung zu verlieren zugunsten einer realistischeren Interpretation der Welt, die darin besteht, nicht mehr als Künstler, sondern als tätiger Bürger die eigene Existenz meistern zu wollen: Auf der Heimreise scheint es Heinrich '[...] beinahe gewiß, daß in ihm mehr als alles andere eigentlich eine Lust läge, im lebendigen Wechselverkehr der Menschen, auf vertrautem Boden und in festbegründeten Sitten das Leben selbst zum Gegenstande des Lebens zu machen" .
      Eine solche bruchlose Integration aber ist - wie schon die Goethe-Reflexionen andeuteten- im Bereich der Kunst nur dem wahren Künstler, dem 'rechten Seher" , möglich, so daß Heinrichs Entscheidung auch unter diesem Aspekt als durchaus folgerichtig gelten kann. Wenn er als Künstler scheiterte, weil er nicht, wie gefordert, das ,wahre' Wesen der Dinge darzustellen vermochte, so bleibt ihm doch der Versuch, in einer bürgerlichen Tätigkeit zu der erstrebten Ãœbereinstimmung von individuellen Ansprüchen und gesellschaftlichen Realitäten zu gelangen. Daß der Erzähler den Entschluß des Helden durch den Kommentar relativiert, Heinrich wolle vielleicht im Grunde nur 'wenigstens vor sich selbst gute Figur" machen , weist allerdings bereits auf das problematische Ende der geschilderten Bildungsgeschichte voraus.
     

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