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19. jahrhundert

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Individuum und Gesellschaft



Die Geschichte des 19. Jahrhunderts ist weithin geprägt von einem allgemeinen Krisenbewußtsein, das kaum einen Bereich der privaten wie der gesellschaftlichen Existenz verschonte und besonders das Identitätsgefühl des Einzelnen und dessen Stellung im sozialen und politischen Kontext verunsicherte. Vor diesem Hintergrund wurde die entscheidende Prämisse des Bildungsromans, daß nämlich ein individueller Entwicklungsgang zu einer Synthese der Bedürfnisse von Ich und Welt führen könne, immer problematischer.
      Die Ursachen solcher Zweifel und Krisengefühle sind vielfältig und können im hier verfolgten Zusammenhang nur angedeutet werden: Die zunehmende, Spannungen schaffende innere Differenzierung des Bürgertums, dessen konfliktträchtige Abgrenzung gegenüber dem in der zweiten Jahrhunderthälfte an Bedeutung gewinnenden vierten Stand, die dynamische Entwicklung der Technik, insbesondere der Produktions- und Kommunikationsmittel, die fortschreitende Spezialisierung in Arbeit und Beruf - all dies waren Tendenzen, welche die überlieferte Weltdeutung auflösten, das Individuum aus eingelebten Bindungen herausrissen und im allgemeinen als Gefahr der Entfremdung erfahren wurden. Schon in den Tagen der klassischen Literaturperiode hatte Schiller im sechsten der Briefe Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen hellsichtig die Deformation beschrieben, welche der individuellen Existenz in der bürgerlichen Gesellschaft drohte: "Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus"; da die Gesellschaft an ihrem Mitglied stets nur einzelne Fähigkeiten schätzt, kann der Mensch nie die wahre "Harmonie seines Wesens" entwickeln .
      In der bürgerlichen Gesellschaft, die Hegel als das "System der Atomistik" kennzeichnete, da in ihm die Einzelnen allein "ihre eigene Besonderheit und ihr Fürsichsein in ihrem Bewußtsein und zu ihrem Zwecke" haben, stehen Ich und Welt, Besonderes und Allgemeines sich so fremd gegenüber, daß jede Vermittlung grundsätzlich problematisch wird . Sowohl Hegel als auch später Marx, der aus ähnlichen Prämissen andere, radikalere Schlüsse zog, betonten die historische Bedingtheit dieser im 18. Jahrhundert entstandenen Gesellschaftsform der "freien Konkurrenz", in der "der Einzelne losgelöst [erscheint] von den Naturbanden usw., die ihn in frühren Geschichtsepochen zum Zubehör eines bestimmten, begrenzten menschlichen Konglomerats machen" . Wenn das 19. Jahrhundert, um noch einmal mit Marx zu sprechen, tatsächlich die Epoche des "vereinzelten Einzelnen" war , dann mußte auch der Bildungsroman mit seinem Streben nach harmonischem Ausgleich zwischen Ich und Welt vor schwer auflösbare Probleme geraten . Dies gilt um so mehr, als nicht nur das Verhältnis zwischen dem Subjekt und seiner natürlichen wie gesellschaftlichen Umwelt fragwürdig wurde, sondern dieser Konflikt bis in den Kern des Individuums ausstrahlte: Wenn der Einzelne - wie etwa Kellers Grüner Heinrich zeigt - vergeblich seiner eigenen Identität ansichtig zu werden versuchte und sich selbst als zerrissen und isoliert empfand, wie sollte er dann ein produktives Verhältnis zu der von widersprüchlichen Tendenzen durchwalteten äußeren Welt gewinnen können?
Gerade in Verbindung mit der Geschichte des Bildungsromans sollte man allerdings nicht übersehen, daß vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auch eine harmonisierende Auffassung verbreitet blieb, die das Ideal im Leben finden wollte, d.h. das Wirkliche als das Vernünftige und das Vernünftige als das Wirkliche nahm. Bezeichnenderweise gewannen nach der gescheiterten Revolution von 1848 solche Überzeugungen an Verbreitung und Wirkung. Größere Teile des Bürgertums hielten es durch diese politischen Erfahrungen für erwiesen, daß der bestehenden gesellschaftlich-staatlichen Ordnung der Vorrang vor den Ansprüchen des Individuums zukomme: "Der gewaltige Stimmungsumschwung im Lauf des Jahres 1848, der alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfaßte, führte [...] nicht zur Resignation des Bürgertums, sondern zu einem pragmatischen Umdenken, das den sozialen und politischen Status quo zwar längerfristig als evolutionär interpretierte, ihn aber doch im Augenblick akzeptierte und sich ihm anpaßte." .
      Angesichts der einengenden politischen Verhältnisse, die weiten Teilen des Bürgertums die freiwillige Unterordnung als das Gebot der Stunde erscheinen ließen, setzten sich auch in der Literatur restaurative Grundströmungen durch . So postulierte beispielsweise der einflußreiche Kritiker und Literaturtheoretiker Julian Schmidt 1849 in einem Beitrag zu "Goethes Jubelfeier", erst als "Bürger" erhalte der
"Mensch seinen vollen Werth [...], als integrirendes Glied einer sittlichen Gemeinschaft, deren Inhalt er in sich weiß und fühlt. In diesem souveränen Staat findet die ,menschliche' Freiheit, wie sie Werther [...] Faust [...] Goethe für sich fordern, keinen Raum; mit zwingender Gewalt bannt der Geist des Staats den Einzelnen in seine Kreise" .
      Ein solcher Versuch, den Antagonismus zwischen Individuum und größerem Ganzen zu leugnen, setzte - obwohl er selbst wahrscheinlich ein Reflex latent vorhandener Ängste und Unsicherheiten war - als selbstverständliche Gegebenheit voraus, was Hegel noch als Problem formuliert hatte. Dieser hatte nämlich noch zwischen einer falschen und wahren Integration des Einzelnen ins Ganze unterschieden: Das "Anschließen an die objektive Vernünftigkeit des von der subjektiven Willkür unabhängigen Staates kann entweder eine bloße Unterwerfung sein [...], oder es kann aus der freien Anerkennung und Einsicht in die Vernünftigkeit des Vorhandenen hervorgehen, so daß das Subjekt in dem Objektiven sich selber wiederfindet" . Und im Zusammenhang seiner Bemerkungen zum modernen Roman hatte Hegel den literarischen Helden die Aufgabe gestellt, angesichts des "Konflikts] zwischen der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse", der das bürgerliche Leben präge, "von dem, was sie wirken und vollbringen, die prosaische Gestalt ab[zu]streifen und dadurch eine der Schönheit und Kunst verwandte und befreundete Wirklichkeit an die Stelle der vorgefundenen Prosa [zu] setzen" .
      In dieser Formulierung scheint die Grundfrage des Bildungsromans auf, die unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts besondere Virulenz gewann: Wie muß eine Bildungsgeschichte beschaffen sein, die mit der dialektischen Überwindung des geschilderten Dualismus endet? Oder radikaler: Ist die individuelle Realisierung einer solchen teleologischen Vorgabe unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen überhaupt noch denkbar?
Diese Frage ist im Verlauf des 19. Jahrhunderts je nach der weltanschaulichen Position der Autoren ganz unterschiedlich beantwortet worden. Der Philosoph Friedrich Theodor Vischer hat sie beispielsweise im 1847/48 erschienenen zweiten Teil seiner Ästhetik im Unterschied zu vielen seiner Zeitgenossen eindeutig verneint:
"Die Aufgabe der neuen Welt ist die Verwirklichung der wahren Freiheit aus der Einsicht. Darin ist enthalten, daß die Subjektivität wahrhaft in sich zurück und wahrhaft in die Objektivität eingeführt, und ebenso, daß die Individualität als lebendiges Glied eines vernünftigen und verbürgten Organismus gesetzt werden soll. Beides ist bis jetzt unvollkommen geleistet" .
      Folgt man Vischers These, so ergibt sich, daß die intendierte Synthese von Besonderem und Allgemeinem nicht Realität geworden ist und daß demnach jede literarische Darstellung einer angeblich gelungenen Versöhnung erst einmal unter Ideologieverdacht fallen müßte.
     

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