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Immermann: ,Die Epigonen'



Karl Leberecht Immermanns Roman Die Epigonen ist, wie der Autor ausdrücklich vermerkte, zu lesen als bewußte literarische Reaktion auf die Widersprüche der Zeit, das heißt auf die 'Doppelnatur" und die 'Zweideutigkeit aller gegenwärtigen Verhältniße" . Hermann, der Protagonist des Buches, teilt diese zeitkritische Diagnose und akzeptiert sie als wesentliche Prämisse seiner Bildungsbemühungen. So beklagt er etwa, daß 'alle Gegensätze [...] bloßgelegt" und Politik, Religion, das Ästhetische, ja selbst das Privatleben 'zum Gegenstande des Zwiespalts" geworden seien .
      Die divergierenden Tendenzen des Zeitalters versucht der Roman in ihrer ganzen Vielfalt und am Beispiel zentraler Realitätsbereiche dem Leser vor Augen zu führen, ohne doch auf ein dem herkömmlichen Bildungsroman analoges, an der Biographie des Helden orientiertes Handlungsgerüst zu verzichten: Der Bildungsroman nähert sich, auch in der Intention des Autors, dem Gesellschaftsoder Zeitroman. (Zur in dieser Hinsicht aufschlußreichen Entstehungsgeschichte vgl. P. Hasubek: Karl Immermann: Die Epigonen , S. 202 ff.) Deutlich wird in den Epigonen aber auch, wie schwierig es unter den geschilderten, das Individuum verunsichernden Voraussetzungen sein mußte, den Werdegang eines Einzelnen als teleologischen Prozeß zu beschreiben, der zu einem klar umrisse-nen positiven Bildungsziel führt.
      Hermann ist nicht ein exemplarischer, dominanter Bildungsheld, um dessen auf harmonische Erfüllung zulaufender Geschichte willen der Roman erzählt würde. Seine wenig ausgeprägte Individualität hat im wesentlichen zwei eng aufeinander bezogene Ursachen: Zum einen hängt sie mit der Konzeption des Buches als breit angelegtes Zeitpanorama zusammen. Denn je weniger der Held als aktiv handelnde, alles Interesse auf sich ziehende Persönlichkeit auftritt, desto mehr Facetten der zeitgenössischen Realität kann der Roman am ,roten Faden' der individuellen Lebensgeschichte episodisch aufgereiht reproduzieren.
      Zum andern repräsentiert Hermann gerade aufgrund dieser Eigentümlichkeiten seines Wesens das 'Charakteristische der modernen Zeit", das darin besteht, daß 'alle Menschen [...] jetzt ein Bedürfniß [empfinden] nach allgemein gültigen Unterlagen des Daseyns, nach organischen, objectiven Lebensformen, ohne gleichwohl zur Ergreifung derselben schon geschikt [?] zu seyn" . Auch Hermann strebt vorerst vergeblich nach der Ãœbereinstimmung von persönlichen Ansprüchen und äußeren Bedingungen. Bis zum guten Schluß erscheint sein Werdegang statt vom notwendigen 'Zusammenhang in der Welt" von 'Launen und Seltsamkeiten", ja von 'lauter Widersprüchen" bestimmt .
      Bezeichnend für die Situation des ,Epigonen' ist die Tatsache, daß ihm in dieser Sinnkrise keine klar definierbare Bildungsidee zu Hilfe kommt, aus der sich ein konkretes Bildungsziel ableiten ließe. Die Bildungsvorstellungen der Vergangenheit erweisen sich als nicht mehr aktuell und produktiv; neue Bildungsinhalte, die den Erfordernissen der disparaten Gegenwart standhalten könnten, sind nicht in Sicht.
      So verwundert es nicht, daß nach dem Erlebnis in Flämmchens Landhaus Ich und Welt so weit auseinanderfallen, daß Bildung als allmählicher Gewinn von Identität endgültig unmöglich erscheint . Die Geisteskrankheit ist nur der extreme Ausdruck dieser Aporien, angesichts derer sich das Subjekt selbst aufgibt: 'Das Individuum schien in ihm völlig untergegangen zu sein" . Der psychopathische Ich-Verlust erweist sich damit als Folge und zugleich als radikale Zuspitzung aller bisherigen Entfremdungserfahrungen.
      In der eingeschobenen Korrespondenz mit dem Arzt resümiert der Herausgeber' in kühner Verkürzung die Geschichte seines Protagonisten:
'Eine sentimentale, genußsüchtige Vergangenheit hat heimliche Irrungen aufgehäuft, an welchen die schuldlosen Enkel sich zu plagen haben. Die Verhältnisse sind verschoben, die Menschen voneinander entfernt, sich halb fremd geworden, der Held ist kindisch, und nur die Maschinen des Oheims arbeiten, wie von je, in toter, dumpfer Tätigkeit fort" .
      Bliebe es bei diesem Stand der Dinge, so fände die geschilderte Bildungsgeschichte ein paradoxes, dem herkömmlichen Bildungsroman diametral entgegengesetztes Ende - die ,lebendige' Individualität des Helden wäre unwiderruflich zerstört, während die Maschinen als Symbole der neuen Zeit in rastloser, aber ,toter' Aktivität fortdauerten.
      Da diese zutiefst pessimistische Auffassung aber offensichtlich der Relativierung bedurfte, werden gegen die Mechanisierung des Lebens und gegen die totale Desillusionierung des Menschen bereits im folgenden Satz die bezeichnenderweise wenig Kontur gewinnenden 'unendlichen Heilungs- und Herstellungskräfte" der Gegenwart ins Feld geführt . Sie erst scheinen eine humane Zukunftsperspektive eröffnen und so den harmonischen Ausklang des Romans herbeiführen zu können.
      Zu fragen ist allerdings nach der Ãœberzeugungskraft und nach der überindividuellen Geltung der vorgeschlagenen Lösung. Hermann vermag, indem er das 'Erbe des Feudalismus und der Industrie" antritt, zwar die Fabriken stillegen, die Maschinen verstummen zu lassen und — anders als es sich zuvor angedeutet hatte - die eigene Existenz in geregelte, Identität ermöglichende Bahnen zu lenken. Der agrarromantische Rückzug auf ein an Vischers ,grüne Stellen' erinnerndes 'grünes Plätzchen", abseits vom 'Sturz der vorbeirauschenden industriellen Wogen" , kann aber, wie bereits in der zeitgenössischen Rezeption angemerkt wurde, kaum als allgemeingültige, überzeugende Antwort auf die Fragen der Zeit gelten .
      Mit dieser kritischen Feststellung ist wiederum auf die generelle Problematik des Bildungsromans im 19. Jahrhundert verwiesen. Dessen immanente, auch durch die tendenzielle Ausweitung zum Zeitroman nicht aufzuhebende Widersprüchlichkeit brachte der Literarhistoriker Rudolf Gottschall einige Jahre später prägnant auf den Begriff, als er in bezug auf Die Epigonen konstatierte, 'die Versöhnung am Schlüsse [bleibe] eine äußerliche", da für die Probleme der Gegenwart 'in individueller Fassung kein genügender Schluß zu finden" sei .
     

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Immermann:  ,Die  Epigonen'    


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