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Freytag: Soll und Haben



Waren Die Epigonen Ausdruck der von Immermann tief empfundenen Zerrissenheit und Zwiespältigkeit der Zeit, so verdankt Gustav Freytags knapp zwei Jahrzehnte später erschienener Erfolgsroman Soll und Haben seinen optimistischen Grundtenor einer ganz anderen, durchaus positiven Einstellung zur zeitgenössischen Fxalität. Der Roman sollte nämlich nach Freytags Auffassung zeigen, daß nun, nach den glücklich überwundenen Erschütterungen der Revolution, Wirklichkeit und Poesie nicht länger Gegensätze sein mußten :
'Wenn doch nur einer von all den Romanen, welche im letzten Jahr in Deutschland geschrieben sind, uns das tüchtige, gesunde, starke Leben eines gebildeten Menschen, seine Kämpfe, seine Schmerzen, seinen Sieg so darzustellen wüßte, daß wir eine heitere Freude daran haben könnten. Wir haben doch in der Wirklichkeit eine große Anzahl tüchtiger Charaktere unter unsren Landwirthen, Kaufleuten, Fabrikanten u.s.w., deren Lebenslauf und Verhältnisse dem, der sie kennen lernt, das höchste menschliche Interesse einflößen; warum haben wir keinen Dichter, der Analoges für ein Kunstwerk verarbeitete?" .
      Die so beschworene Wirklichkeit soll in erster Linie das Leben des deutschen Bürgers sein, das vor allem bestimmt ist vom Ethos der Arbeit und Pflichterfüllung: 'Der Deutsche ist am größten und schönsten, wenn er arbeitet" . Daher beschreibt Freytag den Bildungsgang seines exemplarischen, auf Leseridentifikation hin angelegten Helden als immer bewußtere, von Anbeginn an kaum grundsätzlich in Frage stehende Eingliederung in das bürgerliche Erwerbsleben. Auch Irrtümer und Anfechtungen, wie sie etwa aus den zeitweilig engen Beziehungen zum Adel resultieren, verstärken letztlich nur seine bürgerliche Orientierung. Wie auch die gegenbildlichen Handlungsstränge im adligen und jüdischen Milieu verdeutlichen, winken sowohl soziale Anerkennung als auch ökonomischer Erfolg auf Dauer allein demjenigen, der das System der bürgerlichen Werte - Fleiß, Ordnungsliebe, Ehrlichkeit, Pflichtgefühl, Nationalbewußtsein — bedingungslos akzeptiert.
      Das problematische Verhältnis des Subjekts zur Welt reduziert sich angesichts dieser apriorischen Wertsetzungen auf die Auseinandersetzung mit un- oder antibürgerlichen Auffassungen und Einflüssen; Bildung degeneriert zur widerstandslosen Ãœbernahme bürgerlicher Normen, die die möglichst reibungslose Integration in den gesellschaftlichen Status quo zum Ziel hat. Bezeichnend für die ausgeprägt ökonomische Fundierung des Romans sind die engen Beziehungen zwischen Bildung und wirtschaftlichem Erfolg. So wird beispielsweise in bezug auf die Slawen negativ vermerkt, daß sie es nicht verstünden, 'sich durch ihre Capitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben" . Mit Stolz betonen demgegenüber die deutschen Kaufleute, daß auf ihrer Seite 'die Bildung, die Arbeitslust, der Credit" seien . Bildung und Besitz also sind die wesentlichen Mächte, welche die individuelle ebenso wie die nationale Identität gewährleisten sollen .
      Damit tritt an die Stelle des ,ganzen Menschen', zu dessen Erziehung der Bildungsroman einmal aufgerufen hatte, als Idealbild der ökonomisch prosperierende Bürger, dessen Existenz in Profession, Familie und sozialer Selbstbeschränkung aufgeht. Diese Reduktion des Menschlichen wird allerdings nur im ,Blick von außen' sichtbar. Denn der Roman selbst versucht mit allen Mitteln, die bürgerliche Wirklichkeit poetisch zu verklären, um ihr den Anschein allgemeingültiger Idealität zu verleihen und sie damit jeglicher Kritik zu entziehen.
      Die 'Poesie des Geschäfts" wirft ihre verklärenden, idealisierenden Reflexe auf das ganze bürgerliche Leben; das Bürgertum allein wird zu dem Stand erklärt, 'welcher Civilisation und Fortschritt darstellt" . Dementsprechend werden die realiter immer deutlicher zutage tretenden negativen Aspekte des industriell-kapitalistischen Entwicklungsprozesses entweder vernachlässigt, auf unbürgerliche Figuren - Veitel Itzig, Hirsch Ehrenthal -projiziert oder in die geographische Ferne - amerikanisches Geschäftsgebaren -verwiesen. Nicht ohne Grund trägt die Schrötersche Handlung, dieser vorbildliche bürgerliche Mikrokosmos, die eher vorkapitalistischen Züge eines patriarchalischen Regimes.
      Gerade weil aber in Freytags Roman ein Idealbild der bürgerlichen Gesellschaft gezeichnet wird, in dem jeder grundsätzliche Antagonismus zwischen gutwilligem Einzelnen und größerem Ganzen undenkbar erscheint, gerade weil die objektiven Tendenzen der Gegenwart partiell ausgeblendet werden, entsprach Soll und Haben in hohem Maße den ideologischen Bedürfnissen des zeitgenössischen Bürgertums. Der immense, über Jahrzehnte andauernde Erfolg beim Lesepublikum legt davon Zeugnis ab. .
     

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Freytag:  Soll  Haben    


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