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Epigonale Fortsetzung der Gattung



Beispiele für das von Lukäcs konstatierte Verfehlen der 'Totalität" und für das Steckenbleiben in bloß partikulären Lösungen bieten Bücher wie Hermann Hes-ses Peter Camenzind und Paul Ernsts Der schmale Weg zum Glück . Der Held von Hesses Roman, der aus einem Schweizer Dorf stammt, erlebt auf seinem Weg durch die städtische Zivilisation eine Serie von Enttäuschungen, um sich am Ende wieder zur Sphäre seiner Herkunft zurückzuwenden. Der Auszug aus der Idylle, der Versuch der Selbsterprobung war nichts weiter als ein Irrtum. Paul Ernst dagegen hat den Ehrgeiz, den Protagonisten seines Buches der Krise der bürgerlichen Welt auszusetzen, und läßt ihn sogar für die Sache einer sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft Partei ergreifen. Aber auch hier ist es dem Helden unmöglich, sich in der Welt zu behaupten und ihr gegenüber ein stabiles und produktives Handeln ermöglichendes Verhältnis zu gewinnen. Am Ende steht daher - wie in Hesses Camenzind - der Rückzug in ein ländliches Refugium, in dem Selbstbewahrung allein noch möglich scheint. Über den resignativen Charakter dieser Wendung soll eine verklärte Darstellung der zur Rettung gewählten eingeschränkten Lebensform hinwegtäuschen.
      Die Unmöglichkeit, den problematischen Helden noch zu einem Ausgleich mit seiner sozialen Umwelt finden zu lassen, tritt auch in jenen Romanen hervor, die sich einem übersteigerten Subjektivismus verschreiben. Im Mittelpunkt stehen hier in der Regel Künstlerfiguren, die sich einer stumpfen, der Banalität ergebenen Gesellschaft pathetisch entgegenstellen. Als Beispiel für diesen Typus läßt sich Cäsar Flaischlens Jost Seyfried nennen. Den Inhalt dieses Buches bildet der heroische Kampf des von genialischem Selbstgefühl erfüllten Einzelnen, der nie zu einem Kompromiß mit der verständnislosen Welt finden kann. Eine ähnliche Grundkonstellation läßt sich in Carl Hauptmanns Einhart der Lächler beobachten: Die Lebensgeschichte der Titelfigur, eines Malers, durchläuft extreme Positionen und ist von einem unaufhebbaren Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft beherrscht, der sich zunächst in stürmischer Auflehnung und später in entsagender Gelassenheit manifestiert.
      Das Gattungsschema des Bildungsromans schien dort ohne Schwierigkeiten realisierbar zu bleiben, wo die Autoren ihre Romane einer bestimmten normativen Ausrichtung unterwarfen, die dem Helden das Ziel seiner Entwicklung vorgab. Damit war eine ideelle Grundlage für die von der Gattungskonvention geforderte harmonische Lösung, das heißt: für die Realisierung eines Lebenssinns am Ende eines konfliktreichen Entwicklungsprozesses gesichert. Der Bildungsroman scheint sich auf diese Weise gegen alle auflösenden Kräfte zu behaupten, ja die Autoren verstehen ihn geradezu als Antwort auf die Zerrissenheit des Zeitalters. Allerdings wurde diese Fortsetzung der Gattung in aller Regel nur um den Preis möglich, daß man sich durch das Bekenntnis zu einem Glauben oder einer politischen Ideologie aus den geistigen Wirren der Moderne zu retten versuchte.
      Ein Beispiel für diese Variante der Bildungsgeschichte bietet Gustav Frenssens außerordentlich erfolgreicher Roman Hilligenlei , der die Geschichte eines 'Gottsuchers" erzählt. Es geht dabei nicht so sehr um die individuelle Entwicklung des Helden zu einer reifen und aktiven Lebenshaltung, sondern um die Erneuerung der christlichen Religion, die zur 'Grundlage deutscher Wiedergeburt" werden soll. Auf ein politisches Ziel orientiert ist der Lebensgang des Protagonisten in Hans Grimms Volk ohne Raum . Das Buch folgert aus der Krise des bürgerlichen Individualismus, daß sich der Einzelne den Zwecken des Kollektivs unterordnen müsse: 'Der Einzelgang ist vorbei" . Cornelius Friebott, der Held des Buches, findet seine Lebenserfüllung im Kampf des deutschen Volkes um sein Recht auf 'Lebensraum". Daß er am Ende den Märtyrertod stirbt, bedeutet nicht Desillusionierung oder Widerlegung, sondern ist eine Bekräftigung des kollektiven Anspruchs, dem sich der Einzelne zum Opfer bringt. Verwandte Tendenzen zeigen sich in den nationalistisch gefärbten Kriegsromanen wie Franz Schauweckers Aufbruch der Nation . Allerdings ist hier in der Regel kein stufenweise fortschreitender Bildungsprozeß geschildert, sondern eine unter dem Eindruck des Fronterlebnisses durchbrechende Erleuchtung über den Sinn des Krieges und die Notwendigkeit einer nationalen Erneuerung .
     

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Thomas mann: ,der zauberberg'
Der bildungsroman in der deutschen literatur nach 1945

 

 

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