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Die Krise des Romans
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich bei den wichtigen Autoren und Literaturtheoretikern Übereinstimmung darüber herausgebildet, daß die Grundlagen des herkömmlichen, besonders im bürgerlichen Realismus gepflegten Romanerzählens sich auflösen. Die sozialen, ökonomischen und geistesgeschichtlichen Umwälzungen, aus denen die moderne Welt hervorgegangen ist, haben jene Art der Erfahrung und auch jene Art personalen Bewußtseins unterminiert, die der realistische Roman noch als selbstverständlich vorausgesetzt hatte.
Besonders deutlich zu fassen ist dieser Vorgang im Zweifel an der Einheit der Person. Ernst Machs erkenntnistheoretische Überlegungen haben zu der These geführt, das Ich sei „unrettbar" . Nietzsches Lebensphilosophie sprach von einer „falschen Versub-stanzialisierung des Ich" und suchte zu zeigen, daß dieses Ich „zur Fabel [...], zur Fiktion, zum Wortspiel" geworden sei . Auch die Psychologie Sigmund Freuds richtete einen heftigen Angriff auf die bislang gültigen Vorstellungen von der Einheit der Person und von deren Entwicklung.
Indem der Begriff des Individuums durch solche Tendenzen ins Licht des Zweifels geriet, zersetzte sich auch die Einheit der Erfahrung: Wo eine stabile Instanz nicht mehr sichtbar war, die das Material der äußeren und inneren Wahrnehmungen nach festen Prinzipien verknüpfte, dort mußten die Phänomene sich verselbständigen und dem Bewußtsein fremd und unverfügbar erscheinen. Frühe literarische Zeugnisse für eine solche Krise der Welterfahrung sind der berühmte Chandos-Brief Hugo von Hofmannsthals und Rainer Maria Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge .
Für die Literatur des Fin de siede war die Auflösung des Ich eine der zentralen Erfahrungen: Unter der psychologischen Analyse zerfielen ihr die Bewußt-seinszustände in eine Folge einzelner, widersprüchlicher Empfindungen, hinter denen die substantielle Einheit eines Ich nicht mehr erkennbar schien. Dies hat eine Parallele - vielleicht sogar seinen Grund - in einem Entgleiten der Realität, zu der ein praktischer Bezug nicht mehr gefunden wurde. Der junge Hofmannsthal schreibt über die Künstler seiner Generation: „Wir haben gleichsam keine Wurzeln im Leben und streichen, hellsichtige und doch tagblinde Schatten, zwischen den Kindern des Lebens umher" .
Der Zweifel an der Einheit der Person und die Desintegration der Erfahrung stellten die bislang gültigen Kategorien der Weltdarstellung im Roman in Frage: Bedroht war die Konsistenz der Figuren, die Überschaubarkeit der vorgeführten Realität, die Kohärenz der Zeiterfahrung. Ein Bruch zwischen dem subjektiven Bewußtsein und der äußeren Welt tat sich auf, dessen Überbrückung mehr und mehr unmöglich schien. Dies führte zu einer Subjektivierung des Romans, die am Ende, in der Darstellung des Bewußtseinsstroms, für episch objektivierende Welterfassung keinen Raum mehr ließ.
Schon vor dem Ersten Weltkrieg erhoben avantgardistische Autoren wie Alfred Döblin und Carl Einstein die Forderung nach einer revolutionären Erneuerung des Romans. Nötig sei dieser Neubeginn, so Döblin, weil das traditionelle Erzählen mit seinem psychologischen Interesse für ausgefallene Einzelfiguren dem neuen Zeitalter nicht mehr angemessen sei. Das Gefühl, in einer Zeit des Umbruchs, ja des Chaos zu stehen, verbreitete sich angesichts der Erfahrung des großen Krieges von 1914. Viele zeitgenössische Autoren glaubten, das Ende der bürgerlich-humanistischen Kulturtradition sei heraufgezogen. Hermann Broch sprach vom „Zerfall der Werte", und Robert Musil beschrieb Anfang der zwanziger Jahre den Zustand der europäischen Zivilisation als „babylonisches Narrenhaus":
„Unsre Zeit beherbergt nebeneinander und völlig unausgeglichen die Gegensätze von Individualismus und Gemeinschaftssinn, von Aristokratismus und Sozialismus, von Pazifismus und Martialismus, von Kulturschwärmerei und Zivilisationsbetrieb, von Nationalismus und Internationalismus, von Religion und Naturwissenschaft, von Intuition und Rationalismus und ungezählte viele mehr. Man verzeihe das Gleichnis, aber der Zeitmagen ist verdorben und stößt in tausend Mischungen immer wieder Brocken der gleichen Speisen auf, ohne sie zu verdauen" .
Diese Situation konnte den Roman nicht unberührt lassen. Broch und Musil selbst versuchten, ihm eine neue, der Epoche gemäße Form zu geben. Kaum ein Autor von Rang konnte sich der Einsicht entziehen, daß der Roman als Kunstform in seinen Grundlagen erschüttert war. Thomas Mann sah ihn 1924 in einer „Krise", aus der er „als etwas Neues, Ungekanntes und Geistiges" hervorgehen werde . Und Elias Canetti erkannte, als er um 1930 Die Blendung konzipierte, daß er dem ordnungslosen Weltzustand mit einer neuen Darstellungsform begegnen müsse:
„Eines Tages kam mir der Gedanke, daß die Welt nicht mehr so darzustellen war, wie in früheren Romanen, sozusagen vom Standpunkt eines Schriftstellers aus. Die Welt war zerfallen, und nur wenn man den Mut hatte, sie in ihrer Zerfallenheit zu zeigen, war es noch möglich, eine wahrhafte Vorstellung von ihr zu geben" .
Die allgemeine Krise der Gattung mußte sich besonders an dem überlieferten Formtypus des Bildungsromans zeigen. Sehr einleuchtend stellte Musil fest, „die Problematik des Persönlichkeitsbegriffs [sei] recht eigentlich die des Bildungsromans geworden" . Schon 1916 hatte Thomas Mann ausgesprochen, daß der Bildungsroman, der „aufs engste zusammenhängt mit dem deutschen Humanitätsbegriff", zugleich mit der spezifisch deutschen Kulturtradition von Verdrängung und Auflösung bedroht sei: Er stehe nämlich nicht mit der Entwicklung zur „Politisierung, Literarisierung, Intellektualisierung, Radikalisierung Deutschlands" in Einklang. Indem er selbst, so Thomas Mann, mit seinem Felix Krull den Bildungsroman parodiere, mache er dessen Unzeitgemäßheit deutlich und liefere ihn „der Schadenfreude des Fortschritts" aus .
Immer wieder ist festgestellt worden, der Roman könne im 20. Jahrhundert
„nicht mehr mit naivem Gewissen Einzelschicksale so wichtig nehmen [...] wie ehedem" und er habe als „indivi- duelle Geschichte" keine Zukunft mehr . In seinen Überlegungen zu den „Aussichten des Romans" meint Rein-hard Baumgart: „Immer weniger taugt schon heute als Protagonist der unglaubwürdig und feierlich Vereinzelte, der fremd gegen die ihn umgebende Welt andenkt, anhandelt, anempfindet" .
Solche Thesen müssen eigentlich zwingend zu der Annahme führen, Einzel- held-Geschichten nach dem Muster des älteren Bildungsromans seien im
20. Jahrhundert unmöglich geworden, die traditionsreiche Gattung mithin ab- rupt erloschen. Das allerdings ist offenbar nicht der Fall. Die Wirkung der Wilhelm-Meister-Tradition ist so suggestiv und die Grundproblematik der Bil- dungsgeschichte so wenig obsolet, daß die Gattung fortlebt - allerdings in einem durchaus prekären Zustand: Sie gerät dort, wo sie den Irritationen des Zeitalters ausweicht, in das Fahrwasser einer matten, weltflüchtigen Epigonalität. Wo sie sich den Problemen der Moderne stellt und den komplexen Weltzustand zu bewältigen versucht, erweisen sich weitreichende Modifikationen der traditionellen Romanstruktur als unumgänglich. Diese Änderungen sind nicht selten so tiefgreifend, daß viele Kritiker und Literaturhistoriker einen Zusammenhang zwischen epischen Texten des 20. Jahrhunderts und der Gattungsgeschichte des Bildungsromans nicht mehr anerkennen wollten. Allerdings bleibt zu bedenken, daß ihrer historischen Situation so bewußte Autoren wie Thomas Mann und Musil in den Selbstkommentaren zu ihren Romanen immer wieder den Bezug zu dieser Traditionslinie hergestellt haben. Dieser Bezug liegt auf der Hand, wo das Schema der Bildungsgeschichte parodistisch wiederaufgenommen ist wie in Otto Julius Bierbaums Prinz Kuckuck oder in Thomas Manns Felix Krull .
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