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Der Bildungsroman bei Wilhelm Raabe



Daß einige der wichtigsten Werke Wilhelm Raabes deutliche Affinitäten zum Bildungsroman aufweisen, kann kaum verwundern, wenn man bedenkt, wie sehr die Frage nach den Möglichkeiten der Selbstverwirklichung unter den problematischen Bedingungen des 19. Jahrhunderts gerade diesen Autor immer wieder beschäftigte. So hat man, was die frühe Schaffensperiode betrifft, vor allem Die Leute aus dem Walde sowie die sogenannte Stuttgarter Trilogie' -Der Hungerpastor , Abu Telfan , Der Schüdderump - aufgrund inhaltlicher wie formaler Kriterien der Gattung des Bildungsromans zugeordnet .
      Der Hungerpastor beispielsweise beschreibt den von mancherlei Entbehrungen begleiteten Werdegang des Schustersohnes Hans Unwirrsch, der seinen 'Hunger nach dem Idealen, dem Ãoberirdischen" in Einklang zu bringen versucht mit dem ebenso mächtigen 'Hunger nach dem Wirklichen" . Damit klingt die zentrale Thematik des Bildungsromans an, ohne doch in bezug auf die Entwicklung des Helden eigentlich produktive Kraft zu entfalten. Denn wie dessen Widerpart Moses Freudenstein kritisch und durchaus zutreffend bemerkt, lebt Hans in mancherlei Hinsicht 'außerhalb [s]einer Zeit" , abseits der 'Disharmonien der Gegenwart" . Der Erzähler bemüht sich allerdings stets aufs neue, die Lebensgeschichte des Helden als in sich schlüssigen Prozeß der Reifung in Auseinandersetzung mit der Realität auszugeben .
      Doch verweist gerade der Schluß auf die implizite Fragwürdigkeit der geschilderten Bildungsgeschichte. Die seelsorgerische Tätigkeit in der abgelegenen Hungerpfarre an der Ostsee soll zwar als entschiedene Hinwendung zum Realen, als Synthese von Ideal und Wirklichkeit erscheinen , läßt sich aber auch als Rückzug in einen im Grunde gesellschafts- und geschichtsfernen Raum des Idylls interpretieren. Insofern das ,reine Herz' am Ende aus allen Anfechtungen und Enttäuschungen unversehrt hervorgeht und für seine Standhaftigkeit belohnt wird, kommen dem Roman, wie der Text selbst beiläufig bestätigt, Züge des Märchens oder, negativer, des Trivialen zu .
      Wird hier noch zumindest an der Möglichkeit der Konkretisierung des Ideals, der Ãobereinstimmung von Ich und Welt festgehalten, so ändert sich dieses Bild in den auf die Reichsgründung folgenden Jahren grundlegend. Die politische und gesellschaftliche Entwicklung nach 1871, die auf stärkere Beschränkung der subjektiven Entfaltungsmöglichkeiten, aber auch auf die Legitimierung rein egoistischer Tendenzen vor allem im ökonomischen Bereich zielte, tritt in immer schärferen Widerspruch zu Raabes individualistischem, auf Ausgleich bedachten Menschenbild. Literarisch manifestiert sich dieser Prozeß der Desillusionierung, den der Autor mit vielen seiner Protagonisten teilt, in der bewußten Ausgrenzung des wahren Menschen aus der sozialen Gemeinschaft. Allein der Außenseiter verfügt nun noch über 'geistige Eigenständigkeit", die 'sich nur außerhalb und gegen die gesellschaftlichen Konventionen bilden" kann .
      Die fortschreitende Skepsis gegenüber den sich anbahnenden Veränderungen ist bereits wesentlicher Grundton der 1882/83 erschienenen Erzählung Prinzessin Fisch . Allerdings bleibt der vorausgesetzte 'Zusammenhang der Dinge" letztlich gewahrt, so daß der Held am Ende zwar ernüchtert, gerade dadurch aber 'reif für eine höhere Schule des Daseins" ferneren Aufgaben und Prüfungen zuversichtlich entgegensehen kann.
      Sehr viel radikaler und kompromißloser gestaltet Raabe das problematische Verhältnis von Einzelnem und Gemeinschaft wenige Jahre später in der 'See-und Mordgeschichte" Stopfkuchen . Bildung bedeutet im Falle Heinrich Schaumanns, der schon als Kind die ihm zugewiesene Rolle des Außenseiters akzeptiert hat, nicht mehr auswählende Aneignung vorgegebener Denk- und Verhaltensmuster, sondern verabsolutiertes Streben nach persönlicher Autonomie im bewußten Gegensatz zu den Normen und Werten der bürgerlichen Umwelt: Heinrich erklärt sich zu seinem eigenen Ideal und zugleich zu dessen gelungener Verwirklichung .
      Der glückliche Ausgang der Bildungsgeschichte ist allerdings erkauft mit der freiwilligen Isolation auf der Roten Schanze; persönliche Identität und Integrität scheinen nur in der bewußten Absonderung, im Verzicht auf aktive Teilhabe an der gesellschaftlichen Realität möglich. Eingedenk dieser tiefgreifenden Abweichungen vom klassischen Schema des Bildungsromans hat man Raabes Stopfkuchen mit einiger Berechtigung als 'Antibildungsroman" bezeichnen können .
      Als pessimistischer noch erweist sich die Sicht der Welt und der Rolle des Einzelnen in den Akten des Vogelsangs . Die sinnstiftende, harmonische Vermittlung von Allgemeinem und Besonderem ist, so macht das Schicksal des Veiten Andres deutlich, angesichts der Entfremdungstendenzen der Gegenwart nicht mehr zu verwirklichen. Ja sie wird - sieht man einmal von der unerfüllt bleibenden Liebe zu Helene ab - gar nicht mehr angestrebt: 'Nur immer über den Dingen bleiben und möglichst wenig von ihnen haben wollen!" Die Verabsolutierung der subjektivistischen Lebenshaltung führt nun allerdings nicht mehr in die Idylle, sondern zur vollkommenen Ernüchterung, zum psychischen Zerfall des Individuums, zum frühzeitigen Tod.
      In beiden Romanen besteht die wesentliche Funktion der Außenseitergestalten darin, die bürgerliche Sphäre mit ihren festgefügten Wertvorstellungen kritisch zu relativieren. Ablesbar wird diese letztlich auf den Leser zielende Wirkungsstrategie innerhalb der Texte an den Reaktionen der fiktiven Ich-Erzähler. Wie sie, die im herkömmlichen Sinne gebildeten, erfolgreichen Bürger, die Erinnerung an ihre Freunde als allmählich aufdämmernden Zweifel am eigenen Selbstverständnis erfahren , so soll auch der Leser kritische Distanz zu seiner Welt und zu den in ihr geltenden Kriterien für eine gelungene Bildungsgeschichte gewinnen.
     

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