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J. hillis miller oder kritik als ethik

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Wiederholung und Rhetorik



Im vorigen Abschnitt hat sich gezeigt, daß Miller die Wiederholung von Textelementen für ein zersetzendes Prinzip im Sinne der Iterabilität hält. Obwohl er sich in Fiction and Repetition nicht auf Derridas Iterabilität beruft, argumentiert er ähnlich wie der Autor von »La Double seance« und »Signature, evenement, con-texte«, wenn er zwei Arten der Wiederholung unterscheidet: eine platonische und eine nietzscheanische.

      Im Anschluß an Gilles Deleuze definiert er die platonische Wiederholung als einen Vorgang, »der auf einem soliden archety-palen Modell basiert, auf das sich die Wiederholung nicht auswirkt«. Er fügt hinzu: »Alle anderen Beispiele sind Kopien dieses Modells.« Anders gesagt: Das, was wiederholt wird, ist eine Kopie des ursprünglichen Modells, der reinen Form oder Idee im Sinne von Plato, und Wiederholung ist als ein Wiederauftreten des mit sich selbst Identischen zu verstehen.
      Einen ganz anderen Charakter nimmt die Wiederholung im nietzscheanischen Kontext an: »Die andere, die nietzscheanische Art der Wiederholung geht von einer Welt aus, die auf der Differenz gründet. Jeder Gegenstand, besagt diese Thöorie, ist einmalig und unterscheidet sich grundsätzlich von jedem anderen Gegenstand. Ã"hnlichkeit entsteht vor dem Hintergrund dieser >disparite du fondsimulacraPhantasmengraft< stammt von einem Wort, das schnitzen, schneiden oder einschreiben bedeutet.« Allen diesen Elementen ist die rote Farbe gemeinsam, die im Roman mit der Sexualität und der »männlichen Sonne« verknüpft wird. In diesem Kontext kommt es zu einer Verkettung von »roten Dingen«, die die Romanhandlung begleiten: die rote Schleife in Tess' Haar, die Erdbeere, die sie aufißt, weil Alec, der sie vergewaltigt hat, sie dazu zwingt, die Rose, die sie von Alec bekommt und die sie am Kinn verletzt usw. Die Rekurrenz von »rot« evoziert stets von neuem »sexuelle Vereinigung«, »physische Gewalt« und »das Schreiben«.
      Der Leser hat bisweilen den Eindruck, daß Miller sich eine recht konventionelle thematische Analyse - etwa im Sinne von Jean-Pierre Richard - vornimmt, in der es primär darauf ankommt, die Textkohärenz auf thematischer Ebene darzustellen. Er wird hin und wieder auch an Greimas' strukturale Semiotik erinnert, in der die Iterativität bestimmter Seme eine kohärenzbildende Funktion erfüllt. Doch Miller beschreibt diese platonische Rekurrenz so gründlich, nur um sie besser in Frage stellen zu können: um zeigen zu können, wie sich Iterativität in Iterabilität verwandelt.
      In einem ersten Schritt stellt Miller fest, daß der Text aus zahlreichen Bedeutungsketten besteht, unter denen die Sequenz der »roten Dinge« eine wichtige, aber keine dominierende Rolle spielt. Metaphorische Ausdrücke für das Schreiben, thematische Aspekte wie Sexualität oder Mord, theoretische und quasimythologische Elemente erfüllen ebenso wichtige Funktionen, ohne daß eine dieser Funk-tionen als »Dominante« bezeichnet werden könnte. Die verschiedenen Elemente des Romans halten einander die Waage und können nicht zu einer Bedeutungsstruktur oder Tiefenstruktur im Sinne des Strukturalismus gebündelt werden.
      Die »roten Dinge« etwa bilden keine Isotopie im Sinne von Greimas, denn: »Die Beziehung zwischen den Verbindungen in einer einzelnen Bedeutungskette von Tess of the d'Urbervilles ist stets Wiederholung mit Differenz, und die Differenz ist ebenso wichtig wie die Wiederholung.« Auch zwischen den einzelnen Bedeutungssträngen herrscht Disparität und nicht Homogenität, so daß Miller von »unvereinbaren Erklärungen dessen, was mit Tess geschieht«, sprechen kann. Er fügt hinzu: »Sie können nicht alle wahr sein, und dennoch sind sie alle in den Wörtern des Romans enthalten.« Die zweite, die nietzscheani-sche Art der Wiederholung führt mithin zum Widerspruch und zur Aporie.
      Im vorigen Abschnitt wurde schon angedeutet, daß Millers Auffassung der nietzscheanischen oder dekonstruierenden Wiederholung problematisch ist. Jeder Strukturalist, jeder dialektisch denkende Theoretiker würde ihm recht geben, daß in einem literarischen oder philosophischen Text Differenz ebenso wichtig ist wie Wiederholung. Schließlich bringt jede Redundanz eine Differenzierung mit sich, wie auch didaktische Beispiele, die ein Problem veranschaulichen, verschiedene Aspekte dieses Problems beleuchten und folglich dem Differenzierungsprinzip gehorchen. Miller geht aber wie Derrida von der einseitigen Annahme aus, daß Wiederholung Disparität und Heterogenität zur Folge hat. Daß dies nicht sein muß, zeigt das platonische oder metaphysische Prinzip der Wiederholung, das sehr wohl kohärenzbildend wirkt. Es käme darauf an, die beiden Formen der Wiederholung dialektisch aufeinander zu beziehen, statt sie einander in der Aporie gegenüberzustellen. Denn Iterativität und Redundanz müssen nicht zu Widerspruch und Sinnzersetzung führen, zumal uns jeder formallogische und mathematische Textvor Augen führt, daß Zeichen wiederholt werden, ohne ihre Identität einzubüßen.
      Daß Millers erkenntnistheoretische Skepsis zu einem radikalen Agnostizismus führt, zeigt sein Buch Hawthorne and History, in dem Hawthornes Kurzgeschichte The Minister 's Black Veil im Mittelpunkt der Betrachtungen steht. Dieser Text ist auch deshalb wichtig, weil er wesentliche Komponenten von Millers Ansatz aufeinander bezieht: die kohärenzzersetzende Wiederholung , die semantische Unentscheidbarkeit und die Rhetorik der Tropen.
      Thema und Fabel der Kurzgeschichte können in aller Kürze zusammengefaßt werden: Reverend Hooper, der eine Kirchengemeinde in Neu-England betreut, erscheint eines Tages vor den versammelten Gläubigen mit einem schwarzen Schleier vor dem Gesicht. Selbst die Bitten seiner Verlobten Elisabeth, er möge den Schleier ablegen und sein seltsames Verhalten erklären, bleiben ohne Wirkung, und Hooper trägt den Schleier bis zum Tod.
      Miller will u. a. zeigen, daß die Erzählung eine Allegorie ihrer eigenen Unlesbarkeit und der Schleier eine Metapher dieser Un-lesbarkeit ist: »Der Schleier symbolisiert die Tatsache, daß alle Zeichen potentiell unlesbar sind oder daß ihre Lektüre potentiell unverifizierbar ist. Wenn der Leser das, was hinter einem Zeichen liegt, nur mit Hilfe eines anderen Zeichens ergründen kann, dann ist kein Zeichenlesen vor dem Irrtum gefeit. Das Lesen wäre dann ein ständiges Wandern oder eine ständige Verschiebung, die nur mit Hilfe eines anderen Zeichens überprüft werden kann.« In diesem Zusammenhang beruft sich Miller abermals auf den »linguistic turn«, der bewirkt, daß wir es als Leser immer nur mit Zeichen zu tun haben, die nicht auf Begriffe oder »Ideen« im Sinne von Plato zurückzuführen sind, sondern nur weitere Zeichen verdecken. Der »linguistic turn«, fügt Miller hinzu, hebt »die Rolle der figurativen Sprache bei der >Entstehung von Bedeutungen

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