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J. hillis miller oder kritik als ethik

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» J. hillis miller oder kritik als ethik
» Unentscheidbarkeit und Widerspruch

Unentscheidbarkeit und Widerspruch



Die nietzscheanische These, daß »die Gegensätze gleichzeitig wahr sind«, die Miller im Zusammenhang mit dem amerikani-sehen Dichter Wallace Stevens formuliert, kommt in abgewandelter Form in nahezu allen seinen literaturkritischen Kommentaren vor und erinnert an die von Paul de Man entdeckten Aporien, auf die sich Miller immer wieder beruft. Sowohl in Shelleys The Triumph ofLife als auch in George Eliots Adam Bede , in Joseph Conrads Lord Jim und in Goethes Wahlverwandtschaften stößt Miller auf zwei einander widersprechende, unvereinbare Bedeutungsstrukturen, die den Text als aporetisches Gebilde erscheinen lassen und den gewissenhaften Leser mit dem Dilemma der Unentscheidbarkeit konfrontieren.
      Besonders charakteristisch für die nietzscheanische Problematik der Ambivalenz ist Millers Kommentar zu Conrads Lord Jim. Gleich zu Beginn seiner Analyse stellt der Dekonstruktivist die hegelianische und Strukturalistische Vorstellung von der Werkeinheit in Frage: »Die Vorstellung von einer organischen Einheit des Kunstwerks kann nicht von ihren theologischen Grundlagen abgelöst werden.«
Diese Grundlagen sollen dekonstruiert werden, und Miller versucht zu zeigen, daß vor allem der Protagonist Jim eine rätselhafte Gestalt bleibt, die zu keinem Zeitpunkt eindeutig bestimmbar ist und deren Ambivalenz am Ende des Romans bestätigt wird: »Das Ende ist ein Gewebe von unbeantworteten Fragen, in dem Marlow nicht behauptet, daß Jim ein Held oder ein Feigling ist, sondern daß er ein undurchdringliches Geheimnis ist.«

   Dieses Geheimnis kommt u. a. dadurch zustande, daß die Hauptgestalt des Romans sich aus widersprüchlichen Definitionen zusammensetzt, die sie bald als »Licht, das in der Dunkelheit leuchtet« , bald als »das Dunkle, das sich vom blendenden Licht abhebt«' erscheinen lassen. Der Leser, der mit derlei Widersprüchen konfrontiert wird, ist außerstande, Held und Handlung eindeutig zu bestimmen und klare Schlüsse zu ziehen.

     
   In Ãobereinstimmung mit seinen Thesen zur Ethik des Lesens geht Miller davon aus, daß die Widersprüche und die extreme Ambivalenz im Text selbst angelegt sind und daß es ein Fehler wäre, die Heterogenität und Unbestimmbarkeit des Romans außerhalb desselben - etwa im Leserbewußtsein - zu suchen: »Die Unbestimmtheit ist in der Vielfalt der unvereinbaren Erklärungen enthalten, die der Roman anbietet, und in der Unmöglichkeit, eine Erklärung den anderen vorzuziehen.« Mit anderen Worten: Die Unentscheidbarkeit ist eine Texteigenschaft und hängt unmittelbar mit der extremen Ambivalenz der Protagonisten und Handlungen zusammen.
      Die indeterminancy von Conrads Roman hängt jedoch nicht nur mit der Ambivalenz und den aus ihr hervorgehenden Widersprüchen zusammen, sondern auch mit der Tatsache, daß in diesem Roman Wiederholungen nur Scheinwiederholungen sind, weil die rekurrierenden Textelemente in Wirklichkeit heterogen, inkommensurabel sind und einander nicht erklären, sondern die Verwirrung des Lesers nur steigern. Miller weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß »jedes Beispiel so enigmatisch ist wie alle anderen« und kein Licht auf den Gesamtzusammenhang wirft.
      Wie diese Art von dekonstruierender Wiederholung konkret aussieht, zeigt Millers Kommentar zu Emily Brontes Wuthering Heights, in dem nicht so sehr die Unvereinbarkeit oder Ambivalenz, sondern die Inkommensurabilität von Textelementen zentral ist. In Fiction and Repetition faßt Miller seine Grundthese zu Wuthering Heights zusammen: »Mein Argument lautet, daß die besten Lesarten die sind, welche am besten die Heterogenität des Textes erklären, d. h. seine Darstellung einer begrenzten Anzahl von möglichen Bedeutungen, die vom Text systematisch miteinander verknüpft und bestimmt werden, die aber logisch unvereinbar sind.«

   Unvereinbar oder inkommensurabel? Diese Frage drängt sich auf, wenn Miller in seiner Analyse von Wuthering Heights vier

Seiten nach seiner Zusammenfassung des Hauptarguments drei längere Passagen aus Emily Brontes Roman miteinander vergleicht und feststellt, daß sie zwar als realistische Darstellungen ähnlich, letztlich aber inkommensurabel sind. »Diese Einmaligkeit«, erklärt er, »macht jede von ihnen den anderen inkommensurabel«. Zunächst stellt sich die Frage, wie drei Texte einerseits »ähnlich« , andererseits einmalig und inkommensurabel sein können. Impliziert Ã"hnlichkeit zweier oder mehrerer Elemente nicht, daß sie vergleichbar und folglich kommensurabel sind? Und: Nach welchen semantischen oder syntaktischen Kriterien hat Miller die drei Passagen ausgewählt und klassifiziert, wenn er sie für inkommensurabel hält? Der aufmerksame Leser möchte zudem wissen, wie sich die von Miller anfangs postulierte Unvereinbarkeit zur Inkommensurabilität verhält.
      Auf das Verhältnis dieser beiden Begriffe geht Miller nicht ein. Er versucht lediglich, die Beziehung zwischen Einmaligkeit und Ã"hnlichkeit zu klären, wenn er feststellt: »Diese drei Texte sind ähnlich, aber diese Ã"hnlichkeit hängt zumindest teilweise mit der Tatsache zusammen, daß jeder von ihnen im Hinblick auf das strukturelle Modell, das er dem Leser vor Augen führt, einmalig ist.«

   Miller scheint eine Art von Iterabilität oder Dissemination im Sinne von Derrida inszenieren zu wollen, wenn er behauptet, daß die drei Texte nur aufgrund ihrer Einmaligkeit, d. h. Unvergleichbarkeit ähnlich sind. Dieses Paradoxon wird allerdings durch den Zusatz gemildert, daß jede der zitierten Passagen »realistisch« ist, weil sie bestimmte natürliche oder vom Menschen gemachte Gegenstände darstellt. Die drei Texte scheinen also doch einen gemeinsamen Nenner zu haben: nämlich »Realismus«.
      »Ja und nein«, würde Miller erwidern und auf ein wesentliches Argument seiner Interpretation hinweisen: auf die von ihm beobachtete oder konstruierte »Tatsache«, daß in Wuthering Heights alle Ã"hnlichkeiten nur Scheinähnlichkeiten sind, von denen sich sowohl der Haupterzähler Lockwood als auch die Leser irreführen lassen. Sie meinen, eine Wiederholung von ähnlichen,vergleichbaren Elementen vor sich zu haben, die ein zusammenhängendes Ganzes ergeben, und übersehen dabei die irreduzible Heterogenität dieser Elemente, die erklärt, weshalb der Roman keinen Mittelpunkt hat und keine semantische Einheit bildet.
      Von der Wiederholung als einem dekonstruierenden Prinzip wird im nächsten Abschnitt ausführlicher die Rede sein. Hier geht es primär um Millers Begriff der Unentscheidbarkeit, der auf der These gründet, daß literarische Texte unvereinbare Elemente enthalten, so daß der Leser nicht entscheiden kann, welche Bedeutung die richtige ist. Millers Kommentar zu Wuthering Heights zeigt allerdings, daß Begriffe wie Unvereinbarkeit und Inkont-mensurabilität nicht klar unterschieden werden, so daß die Argumentation unscharf wird.
      Ein anderer Aspekt von Millers Dekonstruktion, der aus der extremen Ambivalenz ableitbar ist, ist der dem Text innewohnende Widerspruch oder Selbstwiderspruch. Er kommt dadurch zustande, daß der Autor oder der Erzähler seinen moralischen, ästhetischen oder stilistischen Entwurf unabsichtlich desavouiert, zerstört. Zur Veranschaulichung dieser These, die an Paul de Mans Behauptung erinnert, Proust gehe von der Ãoberlegenheit der Metapher aus, lasse aber in seinem Text - gleichsam malgre' lui - seine Abhängigkeit von der Metonymie erkennen, können Millers Kommentare zu Goethes Wahlverwandtschaften und George Eliots Adam Bede herangezogen werden.
      Goethe selbst, sagt Miller, interpretiert Die Wahlverwandtschaften auf »ästhetisch-metaphysischer« Ebene und gibt zu verstehen, daß der Roman auf einer »totalisierenden Ontologie« gründet. Miller gibt zu, daß zahlreiche Elemente des Romans eine solche Ontologie zu bestätigen scheinen, da sie den Leser ermutigen, Individuen als »unzerstörbare, ewige Substanzen zu betrachten, deren Existenz in einem übermenschlichen Wesen verankert ist«.
      Diese metaphysische Harmonie, über die oberflächliche Lektüren des Romans nicht hinausgehen, wird jedoch von der Gestalt

Mittlers in Frage gestellt. Denn gerade Mittler, in dem viele Goethes Stellvertreter in der Romanwelt zu erkennen meinen, zerstört die metaphysisch-ästhetische Harmonie, die er mit allen Mitteln zu erhalten sucht. Sooft er vermittelnd eingreift, um eine menschliche Beziehung in Ãobereinstimmung mit dem Wort Gottes zu retten, zerstört er sie und verursacht gar den Tod zweier Protagonisten. Zugleich desavouiert Goethe sein Vorhaben, den Lesern der Wahlverwandtschaften den unantastbaren Charakter der Ehe vor Augen zu führen. Diesen Widerspruch faßt Miller in Ariadne's Thread zusammen: »Weit davon entfernt, ein konservatives Werk zu sein, das den heiligen Charakter der Ehe verteidigt, wie Goethe selbst bisweilen annahm, sind Die Wahlverwandtschaften, zumindest auf der einen Seite ihrer ironischen Doppeldeutigkeit, eine radikale Infragestellung des Ehebündnisses.«
Um pauschale Aussagen dieser Art machen zu können, hätte sich Miller auf eine gründliche Analyse der semantischen und narrativen Strukturen der Wahlverwandtschaften einlassen müssen. Seine punktuellen und selektiven Verfahren, die auch für seine Interpretation von Wuthering Heights und Lord Jim charakteristisch sind, rechtfertigen solche Aussagen keineswegs, und man könnte mit Greimas einwenden, daß der Text widersprüchlich, vieldeutig oder offen erscheint, weil er nicht systematisch analysiert wird. Dieser Einwand sollte auf keinen Fall mit der Behauptung verwechselt werden, alle Texte seien homogene, monose-mierbare Strukturen.
      Millers Interpretation der Wahlverwandtschaften illustriert noch am besten seine eigene Definition der Dekonstruktion: »Eine antimetaphysische oder >dekonstruktive< Form der Literaturforschung versucht zu zeigen, daß in einem bestimmten literarischen Werk metaphysische Annahmen vorkommen, die zugleich vom Text selbst untergraben werden.«

   Auch seine Kommentare zu George Eliots Roman Adam Bede gründen eher auf brillanten Apercus als auf semantischen und narrativen Untersuchungen. Sie gehen von der These aus, daß die Realismus-Doktrin, die die Autorin in dem bekannten 17. Kapitelihres Romans erläutert, von ihrer eigenen Schreibweise systematisch widerlegt wird. Einerseits leitet Eliot ihre eigene realistische Ã"sthetik von einem wahrheitsgetreuen Stil ab, der auf das Phantastische verzichtet und ohne eine Rhetorik der Ãobertreibung auskommt; andererseits verrät ihr Text auf Schritt und Tritt seine Abhängigkeit von Tropen wie Metapher, Metonymie oder Katachrese und von der Rhetorik ganz allgemein. Das 17. Kapitel als solches verdankt seine Ãoberzeugungskraft einer Rhetorik der Tropen: »Die realistische Erzählung hängt, wie dieses Kapitel aus Adam Bede erkennen läßt, von der Sprache der Figuren ab.« In Victorian Sub-jects faßt Miller seine Kritik an Eliots Realismus zusammen: »Der Text warnt uns vor einer Argumentation mit Hilfe von Tropen, von der dieser Text selbst abhängt.«

   Diesen Widerspruch zwischen der Ã"sthetik oder Stilistik eines Autors und seiner eigenen Schreibweise bezeichnet Miller als das linguistische Moment: »Als linguistisches Moment< (>linguistic moment

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