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J. hillis miller oder kritik als ethik

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Kritik als Ethik



In den Vereinigten Staaten nimmt diese Leseart einen ethischen Charakter an, von dem G. Douglas Atkins mit Recht behauptet, er diene der Dekonstruktion als eine Art Rückversicherung gegen den Relativismus, von dem sie sich nur mit Mühe lösen kann. Tatsächlich wohnt dem dekonstruktivistischen dose reading ein ethisches Moment inne, weil der Leser - auf recht naive Art -verspricht oder versprechen soll, daß er nichts erfinden, sondern lediglich die Textstruktur beschreiben wird, die er im literarischen Werk vorfindet.
      Auf eine Art Definition dieser ethischen Lektüre stößt man in Millers Victorian Subjects, einem Werk über die englische Literatur des 19. Jahrhunderts: »Diese Ethik des Lesens ist die Macht, die die Wörter eines Textes über das Denken und die Wörter des Lesers ausüben.« Primär geht es also darum, das zu berücksichtigen, was Simon Critchley als die »Alterität des Textes« bezeichnet. Dieser Respekt vor dem Text bildet den Ausgangspunkt einer jeden »guten Lektüre« und kann als Grundlage der Dekonstruktion aufgefaßt werden, von der
Miller in The Ethics of Reading sagt: »Dekonstruktion ist nicht mehr und nicht weniger als richtiges Lesen im ursprünglichen Sinne.«

   Wie die Vertreter des dose reading oder der französischen explication de texte spricht Miller von der »adäquaten Interpretation« und behauptet, daß die Unlesbarkeit , die von den amerikanischen Dekonstruktivisten in allen möglichen Zusammenhängen diagnostiziert wird, dem Text selbst innewohnt: »Die >Unlesbarkeit< ist nicht im Leser, sondern im Text selbst angelegt .« Diese Textauffassung ist nicht neu, denn sie stimmt weitgehend mit der werkimmanenten Interpretation überein, die auf der Annahme gründet, daß der Interpret die objektive Beschaffenheit des von ihm kommentierten Werks bloßzulegen hat.
      Sie widerspricht den Erkenntnissen der modernen Hermeneutik und der Rezeptionsästhetik, die beide davon ausgehen, daß Textbedeutungen in einer komplexen Interaktion von Text und Leser Zustandekommen und deshalb von Lektüre zu Lektüre und von Publikum zu Publikum verschieden sein können. Anders ausgedrückt: Diese ethische oder dekonstruktivistische Textauffassung läßt den kreativen Beitrag der lesenden Subjekte außer acht und setzt sich zugleich über die komplementären Probleme der Metasprache und der Objektkonstruktion in der Metasprache hinweg.
      Diejenigen unter den Literaturwissenschaftlern und Philosophen, die sich vornehmlich mit diesen Problemen befassen , würden zweifellos einwenden, daß Miller einer naiven Common-Sense-Annahme zum Opfer fällt, wenn er behauptet, die Unlesbarkeit sei ausschließlich im Text, d. h. im Objekt zu suchen. Daß es unlesbare, widersprüchliche und aporetische Texte gibt, soll gar nicht bezweifelt werden; aber die Konstruktion der Widersprüche und Aporien hängtzumindest teilweise von der rezipierenden Metasprache ab, die theoretischen, moralischen oder politischen Charakter haben kann.
      Angesichts der Heterogenität theoretischer Metasprachen nimmt es nicht wunder, daß die metaphysischen und ästhetischen Widersprüche, die ein Marxist wie Lucien Goldmann oder ein Vertreter der Kritischen Theorie wie Theodor W. Adorno bloßlegt, ganz anders geartet sind als die Aporien, die Derrida, de Man und Miller beschreiben oder konstruieren. Schon deshalb ist es in diesem Stadium unergiebig zu behaupten, ein marxistischer oder dekonstruktivistischer Theoretiker habe sich »geirrt«. Denn eine kritische Auseinandersetzung zwischen heterogenen Positionen erscheint erst dann sinnvoll, wenn die von de Man und Miller völlig vernachlässigte Frage nach der Metasprache beantwortet wird. Der lobenswerte Respekt vor der Alterität des Gegenstandes sollte uns ermutigen, die Rolle der Metasprache in der Objektkonstruktion zu erkennen und die selbstkritische Reflexion ernst zu nehmen. Schließlich ist die Alterität der Objekte nur dann erkennbar, wenn sich das Subjekt der Erkenntnis über die Partikularität seines eigenen Diskurses und seiner Konstruktionen im klaren ist.
      Es wird sich zeigen, daß der Verzicht auf die wesentliche Frage nach der Objektkonstruktion im Kontext der Metasprache die Dekonstruktivisten daran hindert, den historischen Charakter der Literatur zu erkennen und über die Historizität und Kontingenz ihrer eigenen Diskurse nachzudenken. Denn sowohl de Man als auch Miller neigen zu der Ansicht, daß alle Texte aller Epochen aporetisch, unentscheidbar und unlesbar sind und sich letzlich selbst dekonstruieren.
      Vorerst soll jedoch nicht das Problem der Historizität, sondern der ethische Aspekt von Millers Dekonstruktivismus näher betrachtet werden. Es drängt sich nämlich der ideologiekritische Verdacht auf, daß Millers Respekt vor der Alterität des Textes auf eine versteckte Dogmatisierung der eigenen Lesart hinausläuft. Denn die von Miller im Anschluß an Kant postulierte Verallgemeinerungsfähigkeit seiner Interpretationen ist keineswegs eine Tatsache, die man schlicht zur Kenntnis nehmen muß.
      So ist es beispielsweise recht unwahrscheinlich, daß die Mehrzahl der Kantianer mit Miller übereinstimmt, wenn dieser zu
Kants Ethik bemerkt: »Das, womit der gute Leser schließlich konfrontiert wird, ist nicht das moralische Gesetz, das in einem klaren Beispiel endlich zutage tritt, sondern die Unlesbarkeit des Textes.« Selbst wenn man Millers Kant-Lektüre für fruchtbar oder zumindest anregend hält, wird man zögern, sie für verallgemeinerungsfähig oder schlicht »wahr« zu halten. Immerhin hält die Mehrzahl der Kant-Leser und Kant-Kritiker die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten nicht für unlesbar. Die Unlesbarkeit, die Derrida und de Man in der Kritik der Urteilskraft und Miller in Kants Schriften zur Ethik ausgemacht haben, ist zwar nicht ohne weiteres auf philologisches oder logisches Unvermögen zurückzuführen, sie hängt aber sehr wohl mit den Eigenheiten eines dekonstruktivistischen Diskurses zusammen, der von der Suche nach Widersprüchen und Aporien lebt.
      Ã"hnliches ließe sich von Millers Kommentaren zur Literatur sagen, deren Anspruch auf Verallgemeinerungsfähigkeit jeden an Dialektik und Semiotik geschulten Literaturwissenschaftler stutzig machen muß. So sagt Miller beispielsweise über seine Interpretation von Yeats' Gedicht Nineteen Hundred and Nineteen: »Ich würde sagen, daß ich denke, daß meine Lektüre von Yeats' Gedicht richtig ist und daß alle richtig denkenden Menschen , sofern man ihnen Zeit läßt, meiner Lesart zustimmen werden.«

   Es lohnt sich, diesen Satz diskurskritisch zu zerlegen und dabei vor allem auf zwei Fragen zu achten: Wer definiert das Denken der »richtig denkenden Menschen«? Und: Wieviel Zeit soll man diesen rechtschaffenen Menschen lassen? Anscheinend wird dieses Denken von Miller selbst im Rahmen seines eigenen Diskurses definiert, in dem die »right-thinking people« zu einem mythischen Aktanten werden, der mit dem Aktanten »Gott« in der Predigt eines Priesters, mit dem Aktanten »Volk« in der Rede eines Politikers und dem Aktanten »Proletariat« in zahlreichen marxistisch-leninistischen Diskursen zu ver-gleichen ist: »Gott erwartet von euch, daß ... Das deutsche, französische, russische Volk verlangt, daß ... Das Proletariat wird nicht zulassen, daß ...« Erwartet und verlangt wird aber das, was der Redner und seine Gruppe erwarten, verlangen und erhoffen. Mythische Aktanten wie »Gott«, »Volk« und »Proletariat« dienen ihnen als rhetorische Instanzen, mit deren Hilfe sie versuchen, ihre Hörer oder Leser zu betören. Auch die »right-thinking people« werden zu einer mythisch-rhetorischen Instanz, deren Nutzen darin besteht, daß sie sich nicht zu Wort melden kann, zugleich aber einen Scheinkonsens evoziert. Um sicher zu sein, daß der mythische Aktant nicht lebendig wird und ganz unerwartet seine Stimme erhebt, rät Miller ihm, er solle sich »Zeit lassen«: »given enough time«.
      Mit anderen Worten: Wir haben es hier mit einem klassischen Immunisierungsverfahren im Sinne des Kritischen Rationalismus zu tun. In diesem Kontext ist auch Millers Verallgemeinerung in Hawthorne and History zu lesen: »I'm prepared to say that all good readers are deconstructionists .«w Fazit: Wer kein De-konstruktivist ist, ist ein schlechter Leser. Es sollte nicht nur eine Ethik des Lesens, sondern auch eine Diskursethik geben.
      Schließlich fällt auf, daß Miller selbst die kantianische Verallgemeinerungsfähigkeit seiner Leseerlebnisse in Frage stellt, wenn er, in romantischer und nietzscheanischer Tradition verharrend, partikularistisch bemerkt: »Jeder Akt des Lesens ist einmalig.« Nimmt man diese These ernst, so wird es schwierig, sich irgendeine verallgemeinerungsfähige Lesart vorzustellen, die allen »richtig denkenden Menschen« einleuchtet. Hier zeigt sich, wie sehr bei Miller - ähnlich wie bei de Man - das jeder Theorie innewohnende Streben nach Universalität mit einem Partikularismus nietzscheanischer und rhetorischer Provenienz kollidiert.
     

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