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J. hillis miller oder kritik als ethik

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J. Hillis Miller oder Kritik als Ethik



Anders als Paul de Man, der von Heideggers Existentialontologie ausging und Nietzsches Rhetorikbegriff für den literary criticism fruchtbar zu machen suchte, war J. Hillis Miller Schüler von Georges Poulet und orientierte sich an den literaturwissenschaftlichen und philosophischen Arbeiten der sog. Genfer Schule: Jean-Pierre Richards, Marcel Raymonds, Albert Beguins und Georges Poulets. Von seiner Auseinandersetzung mit den Genfer Autoren zeugen außer der überarbeiteten Fassung seiner Dissertation {Charles Dickens: The World ofHis Novels, 1959) seine beiden Bücher The Disappearance of God und Poets of Reality sowie verschiedene Aufsätze aus den 60er Jahren, von denen einige in Theory now and then abgedruckt wurden.
      In allen diesen Werken macht sich der Einfluß Poulets, Raymonds und Beguins in thematisch-phänomenologischen Analysen bemerkbar, deren gemeinsames Anliegen die Vereinheitlichung der Welt durch das individuelle Bewußtsein ist . »Das Werk der Genfer Kritiker beflügelte meine Phantasie«1, erklärt Miller in Victorian Subjects. In seiner dekonstruktivistischen Phase wendet er sich von diesem Denken, das nach Kohärenz strebt, ab und versucht sogar, Poulets phäno-menologisch-thematologischen Ansatz zu dekonstruieren.
      Dennoch bedient er sich weiterhin einiger Schlüsselbegriffe der Genfer Schule und bleibt auch dem dose reading des New Criticism treu, das er durch Überpräzisierung des semantischen Rasters in ein raffiniertes Instrument der Dekonstruktion verwandelt. Howard Felperin zeigt, daß diese subversive »Umfunktionierung« des dose reading ein Verfahren ist, das bei allen Dekonstruktivisten von Yale vorkommt: »Als institutionelle Erben des New Criticism wollten die Dekonstruktivisten von Yale nachweisen, daß das formale Projekt ihrer Vorgänger nicht einmal durch die Oberfläche der rhetorischen Vielfalt gedrungen war, die es zu untersuchen galt .«
In einer solchen Situation bleibt Kritikern wie de Man und Miller nichts anderes übrig, als die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen des New Criticism zu analysieren und zu zeigen, daß z. B. die Bedeutungsstrukturen der New Critics nichts als metaphysische Phantasiegebilde waren. »Im Unterschied zu den New Critics«, bemerkt Miller, »behaupten die Dekonstruktivisten, daß die organische Einheit literarischer Werke keine Selbstverständlichkeit ist.«
Parallel zu seiner Kritik am Kohärenzpostulat des New Criticism nimmt er sich vor, die vereinheitlichenden Entwürfe Poulets zu dekonstruieren, die Miller zufolge »ihre eigenen Grundvoraussetzungen in Frage stellen«. Sie lassen erkennen, daß die Sinnpräsenz im Sinne von Derrida eine logozentristische Schimäre ist und daß jedes metaphysische Projekt schließlich an der Differänz scheitert.
      Dennoch bleibt Miller in einem wesentlichen Punkt dem New Criticism treu, wenn er die Forderung nach einer wissenschaftlichen Literaturtheorie zurückweist. So stellt er unmißverständlich fest, daß »das Studium der Literatur nicht auf dieselbe Art gerechtfertigt werden kann wie wissenschaftliche Forschung«. Seine Ablehnung eines wissenschaftlichen criticism im Sinne der Semiotik , des Marxismus oder der Phänomenologie mündet - ähnlich wie bei Derrida und Hartman - in ein Plädoyer für die Überwindung der Grenzen zwischen criticism und Literatur: »Literaturkritik ist Literatur zweiten Grades«7, lesen wir in Theory now and then. In dieser Hinsicht erscheint der Dekonstruktivist als Erbe der Romantiker, die den Literaturkritiker ebenfalls als erweiterten Autor betrachteten .
      Die romantische Ausrichtung der Theorie auf Literatur und rhetorische Figur geht beim späteren Miller mit einer Ausrichtungauf die Dekonstruktion Derridas und de Mans einher. »Wenn ich von Dekonstruktion spreche«, erläutert er sein eigenes Projekt, »so meine ich die Leseart, die von Jacques Derrida, Paul de Man und mir sowie von einer wachsenden Zahl anderer in diesem Land und im Ausland praktiziert wird.«

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