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J. hillis miller oder kritik als ethik

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Dekonstruktion der Geschichte: Kritik und Ausblick



In Hawthorne and History wird klar, daß nicht nur der literarische Text und das menschliche Gesicht opake Zeichenkonstellationen sind, die nicht mit Hilfe von Begriffen transparent gemacht werden können, sondern daß auch die Geschichte ein komplexes Ensemble von Zeichen ist, das keine fixierbare Bedeutung hat. Hawthornes Kurzgeschichte, die Miller als eine »Parabel der Geschichte« liest, läßt vermuten, »daß ein historisches Ereignis nicht restlos in Begriffen wie Äußerlichkeit, materielles Faktum, >ErfahrungRealitäten< aufgeht.« Die Geschichte selbst, sagt Miller, ist nur als Text oder Zeichensystem in einem erweiterten Sinn zu verstehen und muß folglich gelesen werden. Auch das Wort »lesen« nimmt eine allgemeine Bedeutung an: »Es bedeutet nicht nur literarische Werke lesen, sondern bezieht sich auch auf historische Dokumente, Kunstwerke, materielle Artefakte, kulturelle Zeichen aller Art.« Werden diese Zeichen nun analog zu The Minister's Black Veil gelesen, so stellt sich heraus, daß auch sie nicht begrifflich zu erfassen sind. Es kommt zu einem unabschließbaren Prozeß der »Entschleierung« oder differance, in dem Zeichen endlos auf Zeichen verweisen.
      In diesem Zusammenhang erscheinen Periodenbezeichnungen wie »Barock« oder »Renaissance« nicht als Begriffe, die irgendwie dem Gegenstand entsprechen, sondern als vieldeutige und dehnbare Figuren, die zum Gegenstand einer rhetorischen oder »tropologischen« Analyse werden können: »Der Komplexität des Gedankens, daß Periodenbezeichnungen als Fiktionen zu betrachten sind, kann man u. a. dadurch gerecht werden, daß man sie alleals Sprachfiguren auffaßt. Daraus folgt, daß sie der tropologischen Analyse zugänglich sind.«
Eine solche Analyse läßt u. a. die Naturwüchsigkeit der Periodenbegriffe zutage treten: »Sowohl >Barock< als auch >Renais-sance< implizieren eine Angleichung der Periode an die Natur.« Das Barock erscheint als eine rauhe, unregelmäßige Perle, die Renaissance als Wiedergeburt. Dieser rhetorische Aspekt der Periodenbezeichnungen, den Miller systematisch hervorhebt, läßt ihren partikularen Charakter erkennen und ihre Verallgemeinerungsfähigkeit als begriffliche Instrumente der Klassifikation in den Hintergrund treten. Wie immer läuft die dekonstruktivistische Analyse auf eine extreme Partikulansierung im Sinne von Nietzsche hinaus.
      Partikularität und Kontingenz hängen eng zusammen, und es nimmt daher nicht wunder, daß Miller dazu neigt, Periodenbegriffe als rein kontingente Erfindungen zu betrachten, deren Willkür dadurch zum Ausdruck kommt, daß sie nicht übereinstimmen. So erinnert er beispielsweise daran, daß sich die Bezeichnung »moderne englische Literatur« an der Universität Zürich auf alle Werke seit Shakespeare bezieht, während Modernism an der Universität Yale um 1890 beginnt. Allerdings ist dieser Vergleich Millers - wie viele seiner Argumente - selbst von Willkür gezeichnet. Denn die Zürcher Philologen meinen offensichtlich die Neuzeit, während ihre Kollegen in Yale sich auf den Modernismus beziehen, den auch viele Europäer zwischen 1850 und 1900 beginnen lassen. Dieser Modernism entspricht weitgehend dem eines Malcolm Bradbury, den Definitionen und dem Selbstverständnis des hispano-amerikanischen Modernismo und überschneidet sich mit Benjamins und Adornos Moderne . Es zeigt sich, daß die von Miller »entdeckte« Diskrepanz in Wirklichkeit im Rahmen eines dekonstruktivistischen Diskurses konstruiert wurde, der mit jeder Art von Begrifflichkeit auf Kriegsfuß steht.
      Die dialektische Antwort auf diesen Diskurs kann kein logisch-positivistisches Plädoyer für rigorose Begrifflichkeit sein, sondernmuß sich auf die permanente Wechselwirkung von Begriff und Begriffslosigkeit konzentrieren. Es ist zwar richtig, daß Modernismus als Periode nicht ein für allemal definiert werden kann, so daß eine von allen anerkannte Sinnpräsenz herbeigeführt wird; dies bedeutet aber nicht, daß Periodenbezeichnungen keinen begrifflichen Charakter haben oder als Begriffe nicht einsetzbar sind. Sofern wir uns darüber im klaren sind, daß es sich um theoretische Konstrukte handelt, die ihren partikularen und kontin-genten Charakter nie ganz verlieren, werden wir immer wieder ihre Dialog- und Konsensfähigkeit, d. h. ihre begriffliche Anwendbarkeit, feststellen können. Sie kommt u. a. darin zum Ausdruck, daß diese heuristischen Konstrukte sich durchaus dazu eignen, ästhetische Probleme, Stile, Stilvarianten und Textstrukturen zu beschreiben und zu erklären.

     
   Millers — wie de Mans - Negation von Geschichtlichkeit und Periodisierung führt dazu, daß er letztlich nur die Zirkularität von Nietzsches »ewiger Wiederkehr« gelten lassen kann. Dies zeigt sich vor allem in Victorian Subjects, wo er die Wechselbeziehung zwischen Kultur und Gegenkultur als »ewige Wiederkehr« auffaßt: »Der Gegenkultur stehen in ihrer Auseinandersetzung mit der offiziellen Kultur nur die Instrumente zur Verfügung, die sie der fünfundzwanzig Jahrhunderte alten Kultur entnommen hat. Aus diesem Grund nimmt die Gegenkultur gegen ihren eigenen Willen regelmäßig und unvermeidlich den Charakter dessen an, was sie zu zerstören sucht.« Die reduktionistische Zirkularität seines Denkens hindert Miller daran, in der westeuropäischen und nordamerikanischen Demokratie eine neue Regierungsform zu erkennen, die aus dem jahrhundertelangen Kampf der Gegenkulturen hervorging. Sie hätte niemals entstehen können, wenn die Gegenkulturen auf zirkuläre Art die Formen der herrschenden Kulturen reproduziert hätten. Daß sie diese Formen auch reproduzieren, soll nicht geleugnet werden. Dieses dialektische und historische Auch ist es aber, das der Dekonstruktion fehlt.
      So ist es zu erklären, daß ihre Textauffassung - wie schon mehrmals angedeutet - ahistorisch ist. Denn Miller neigt wie de Man zu der Ansicht, daß alle Texte unabhängig von ihrem Ent-stehungs- und Rezeptionszusammenhang widersprüchlich, apore-tisch und unlesbar sind: »Jedes Lesen gipfelt in der Erfahrung der Unlesbarkeit des vorliegenden Textes. Dieser Text schwebt zwischen zwei oder mehreren unvereinbaren Lesarten.« Er schwebt vor allem über der Gesellschaft und der Geschichte, denn ein Gedicht Mallarmes ist nicht im selben Maße unlesbar und apore-tisch wie ein Propagandagedicht der russischen Revolution. Auch die Diskurse der Dekonstruktion sind in einer bestimmten sprachlichen und historischen Situation entstanden. Sie sind gesellschaftlich kontingent. Nur die Dekonstruktivisten, die trotz ihrer nietz-scheanischen Neigung zum Partikularismus ihre eigenen Analysen für allgemeingültig halten, merken es nicht, weil sie über die Entstehung ihrer Diskurse in einer besonderen historischen, gesellschaftlichen und sprachlichen Situation nicht nachgedacht haben.
     

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