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J. hillis miller oder kritik als ethik

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Ambivalenz und Dialektik: Nietzsches Erbe



Wie Derrida und Paul de Man bewegt sich auch Miller in einem junghegelianischen und nietzscheanischen Kontext, wenn er Hegels Begriff der Aufhebung ablehnt und dadurch die gesamte hegelianische Dialektik in Frage stellt. Im Zusammenhang mit dem Logozentrismus und dem Nihilismus, die seiner Ansicht nach in Shelleys Gedicht The Triumph ofLife zusammenwirken, bemerkt er, daß »sie auf eine Art in Beziehung gesetzt werden, die keine Antithese ist und auch keine Synthese als dialektische Aufhebung zuläßt« ? Hier zeigt sich - ähnlich wie bei de Man -, daß der dekonstruktive Widerspruch als extreme Ambivalenz im Sinne von Nietzsche aufzufassen ist, die die Einheit der Gegensätze als »Synthese im Höheren« oder als »Wahrheitsgehalt« ausschließt.
      Die Zusammenführung der Gegensätze, die Miller und de Man vorschwebt und die Nietzsche in seiner Kritik der Metaphysik inszenierte, wirkt destruktiv und aporetisch. Sie bringt keine dialektische Einheit und keinen neuen Wahrheitsbegriff hervor. Die Mechanismen der Dialektik werden von Derridas Differänz außer Kraft gesetzt, auf die sich Miller in Theory now and then beruft, wo er den Gegensatz als solchen in Frage stellt: »An die Stelle des Gegensatz-Gedankens würde Nietzsche die Vorstellung von Differenzgraden setzen, die keine Gegensätze bilden, sondern Punkte auf derselben Skala sind, Differenzierungen einer und derselben Energie, so wie die Vernunft verschobene oder von sich selbst getrennte Natur ist.« Anders gesagt: Der Gegensatz kann gar nicht aufgehoben werden, weil es ihn nicht gibt, weil er in einer graduellen Differenzierung, in der diffe'rance, ins Endlose verschoben wird.
     
Miller scheint Hegel gegen den Strich lesen zu wollen, wenn er in The Linguistic Moment behauptet, daß es unmöglich ist, aus Wordsworths lyrischem Werk eine Synthese von Bewußtsein und Natur herauszulesen und daß ein systematischer Vergleich seiner Gedichte keine sinnvolle Totalität ergibt, sondern »eine unab-schließbare Sequenz von verschobenen Lektüren«. Man wird an dieser Stelle an marxistische und psychoanalytische Interpretationen erinnert, in denen der systematische Textvergleich dazu dient, die »Bedeutungsstruktur« oder den »persönlichen Mythos« konkret zu bestimmen und in jedem Textteil das Wirken einer sinnvollen Totalität nachzuweisen. Miller hält sich durchaus an diese dialektische Vorgehensweise, wendet sie aber dekonstruktiv gegen das Kohärenzpostulat und trennt bedenkenlos auf, was Dialektiker und Psychoanalytiker in mühevoller Kleinarbeit verknüpften.
      Vor allem in seinen Kommentaren zu den Gedichten William Wordsworths versucht er nachzuweisen, daß die Widersprüche und Gegensätze dieser Lyrik nicht in einer allumfassenden Bedeutungsstruktur aufgehoben werden können. Er lehnt alle Bemühungen traditioneller Philologen ab, die Entwicklung von Wordsworths Werk im Rahmen eines hegelianischen Drei-Phasen-Schemas darzustellen, an dessen Ende eine Versöhnung mit der Natur steht. Es erscheint sinnvoll, Millers Argumentation ausführlich wiederzugeben, weil sie erkennen läßt, wie sehr noch die zeitgenössische Literaturwissenschaft gegen die hegelianische Dialektik und deren Kohärenzpostulate ankämpfen muß. Sie zeigt zugleich, daß Miller - ähnlich wie die anderen Dekonstruktivisten - die junghegelianische und nietzscheanische Rebellion gegen Hegels Systemdenken mit neuen Mitteln fortsetzt.
      Miller hält die Widersprüche, die Wordsworths Werk durchziehen, für unaufhebbar: »Konflikte mag es in Wordsworths Werk geben, aber sie wurden von vielen Kritikern als mittleres Stadium in einer Drei-Stufen-Dialektik betrachtet, die von einer frühen Harmonie mit der Natur zu einer antithetischen Periode des Selbstbewußtseins und der Entfremdung führte. Diese zweite Stufe fallt mit der Entdeckung der gefährlichen Autonomie der Einbildungskraft zusammen. Die letzte Stufe ist die Ablehnung dieser Entfremdung und eine konsequente Rückkehr auf höherer Ebene zu einer besonnenen Versöhnung mit der Natur, denn >Nature never did betray/The heart that loved herDingthing< and the other«).

     
   Es ist zwar verständlich, daß es nicht nur Miller, sondern jedem anderen Interpreten schwerfällt, zwischen dem »jungen Ding«, das voller Leben ist, und Lucys leblosem Körper als »Ding« zu vermitteln, aber eine semantische Analyse muß nicht beim Gegensatz zwischen Leben und Tod stehenbleiben. Der Text zeigt, daß beiden Strophen semantische Elemente gemeinsam sind, die eine nach Kohärenz strebende Lektüre durchaus plausibel erscheinen lassen:

A slumber did my spirit seal;
I had no human fears:

She seemed a thing that could not feel
The touch of earthly years.
      No motion has she now, no force; She neither hears nor sees; Rolled round in earth's diumal course, With rocks, and stones, and trees.
      Es geht hier weder um Millers Gesamtinterpretation, die auch psychoanalytische Aspekte aufweist, noch um das Gedicht als ganzes, sondern um das Semem Ding/thing und um die »Dinghaf-tigkeit« der Protagonistin, die in der ersten Strophe mit dem Sem Leben, in der zweiten mit dem Sem Tod verknüpft wird. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß diese »Dinghaftigkeit« jenseits des Gegensatzes Leben/Tod sowohl in der ersten als auch in der zweiten Strophe privativ definiert wird: als fehlendes Bewußtsein und Nicht-menschlichkeit . Könnte es nicht sein, daß diese gemeinsamen Elemente die von Miller zu Recht thematisierte Kluft zwischen Leben und Tod doch überbrücken und das faszinierende Paradoxon des Gedichts entstehen lassen, daß Lucy trotz des Ãobergangs vom Leben zum Tod »gleich« bleibt? Schon diese Frage, die natürlich keine Alternative zu Millers Globalinterpretation sein soll, läßt vermuten, daß die Poetik des Dekonstruktivisten möglicherweise ebenso einseitig ist wie die der Hegelianer, Semiotiker oder anderer Dekonstruktivisten.

     
   Es ist eine nietzscheanische Poetik, weil Nietzsche als erster die synthetisierende Dialektik Hegels ablehnte, ohne wie die Autoren der Kritischen Theorie einen Wahrheitsgehalt in der Einheit der Gegensätze zu suchen. Zu Millers Nietzscheanismus bemerkt
Harold Schweizer: »Millers philosophische Position, die zum Teil auf der Nietzsches gründet, auf einem Werk ohne Grund, ist also wie Nietzsches Werk nachphilosophisch.«

   Ihr nachphilosophischer Charakter wird nicht nur durch die Ablehnung der hegelianischen Dialektik, sondern auch von Millers nietzscheanischer Kritik am Subjektbegriff bestätigt. Der Dekon-struktivist setzt die Destruktion der Metaphysik fort, wenn er mit Zustimmung von Nietzsches Versuch spricht, »die Vorstellung von der Einheit des Renkenden Ichs< zu dekonstruieren«. In Ariadne's Thread, einem neueren Werk, setzt er seine Kritik am Subjektbegriff fort und stützt sich dabei immer wieder auf Nietzsche: »Nietzsches Zerlegung der Vorstellung von einem substantiellen Ich gipfelt in der Idee, daß eine Vielzahl von Ichs einen einzelnen Körper bewohnen kann.«

   Dieser Vielfalt des individuellen Ichs entspricht die Heterogeni-tät des literarischen oder philosophischen Textes, denn, sagt der Antihegelianer und Nietzscheaner Miller: »Nach dem Verschwinden der Götter gerät der Dichter in eine Situation, in der die Gegensätze gleichzeitig wahr sind.« An dieser Stelle wird deutlich, daß auch Millers durchaus heterogenes Werk von einem roten Faden durchzogen wird, der seine ersten Arbeiten mit seinen dekonstruktivistischen Analysen verbindet: vom Tode Gottes und der aus ihm resultierenden Unmöglichkeit, die Geschichte der Menschheit als sinnvolle Einheit zu denken.
     

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