Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Angesichts der rasch fortschreitenden Arbeitsteilung wird es in den Sozialwissenschaften immer schwieriger, Theorien und ihre Bereiche gegeneinander abzugrenzen, da es trotz wachsender Differenzierung
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Die sozio-linguistische Situation: Intertextualität



Geht man davon aus, daß Individuen und Gruppen nicht im luftleeren Raum, sondern im Rahmen von Diskursen und Soziolekten miteinander kommunizieren, dann muß Habermas' Begriff der idealen Sprechsituation grundsätzlich in Frage gestellt werden. Eine solche Situation wäre als Voraussetzung einer jeden Kommunikation nur dann denkbar, wenn es theoretisch gelänge, sich individuelle oder kollektive Subjekte vorzustellen, die über den hier dargestellten Soziolekten und Diskursen stehen. Da jedoch Soziolekte und Diskurse die Grundlage der kollektiven und individuellen Subjektivität bilden, haftet einer solchen Vorstellung Widersinn an. Die Grundvoraussetzung aller denkbaren Kommunikationssituationen ist daher die sprachlich und gesellschaftlich vermittelte Subjektivität.

      Um seine These von der idealen Sprechsituation verteidigen zu können, muß Habermas vom Konzept einer neutralen Sprache ausgehen, das in vieler Hinsicht mit Saussu-res langue übereinstimmt. Saussures Auffassung des Sprachsystems als eines neutralen Repertoires, dessen sich das Individuum uneingeschränkt bedienen kann, ist in der Vergangenheit von verschiedenen Seiten kritisiert worden. Schon in den zwanziger und dreißiger Jahren gingen Bachtin und Volosinov davon aus, daß das Wort immer 'mit ideologischem Inhalt erfüllt" ist. Es kommt hinzu, daß die Veränderungen innerhalb eines bestimmten geschichtlichen Sprachsystems nur im Zusammenhang mit der technischen und wissenschaftlichen Arbeitsteilung , den ideologischen Konflikten, der literarisch-künstlerischen Innovation etc. zu erklären sind.
      Mit anderen Worten: Subjekte kommunizieren in einem historischen Sprachsystem, dessen Bedeutungen sich ändern und dabei stets von neuem besondere, partikulare Positionen und Interessen ausdrücken. Dies ist der Hauptgrund, weshalb Bourdieu vorgeschlagen hat, Chomskys Begriff der sprachlichen Kompetenz durch den des 'linguistischen Kapitals" zu ersetzen. Der Einzelne und die Gruppe bedienen sich nicht einer neutralen Sprache, indem sie die langue in der parole, die competence in der Performance realisieren, sondern reagieren auf Definitionen, Klassifikationen und 'Erzählungen", die allesamt gruppenspezifischen, partikularen Charakter haben. So ist es auch zu erklären, daß in einem anderen Zusammenhang, jedoch komplementär zu Bourdieu, Augusto Ponzio Chomskys idealistische und individualistische Ideologie kritisiert, und zwar vor allem 'den Begriff der .Freiheit', der als natürliche Gabe und als .Fähigkeit', als individueller .Instinkt', als Wesen des ahistorisch betrachteten menschlichen Individuums, aufgefaßt wird; den Begriff der sprachlichen Kreativität' ."8'
Ã"hnlich explizit ist Louis-Jean Calvet, ein Vertreter der französischen Soziolinguistik, wenn er über die formale Sprachwissenschaft und deren Trennung von Sprachsystem und gesellschaftlichen Antagonismen und Interessen bemerkt: 'Wir finden hier die Konvergenz wieder zwischen Saussures strukturaler Linguistik und Stalins Ã"ußerungen zur Sprache. Denn der Gedanke, daß die Sprache nichts mit sozialen Konflikten, mit dem Klassenkampf und mit der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat und die sie verwendet, zu tun hat, führt unmittelbar zum Formalismus, zur Autonomie der Linguistik : zur Ablehnung einer materialistischen Betrachtung der sprachlichen Fakten."

Im Anschluß an diese Ãoberlegungen und an meine Kritik der 'idealen Sprechsituation" bei Habermas, soll hier die Kommunikationssituation, in der Ideologien wirken, in der aber auch die theoretische Verständigung gesucht wird, als sozw-linguistische Situation gedacht werden, in der Soziolekte und Diskurse aufeinander reagieren, einander bestätigen, miteinander verschmelzen oder in Konflikt geraten. Der Begriff der 'sozio-hnguistischen Situation", dessen wesentliche Aspekte weiter oben konkretisiert wurden, wird hier als Alternative zur 'idealen Sprechsituation" aufgefaßt Zugleich wird der idealistische und individualistische Begriff der 'Intersubjektivität" durch den soziosemiotischen Begriff der 'Interdiskursivität" ersetzt: denn nicht isolierte Individuen, sondern Gruppen, Soziolekte und Diskurse bilden die Voraussetzungen der Kommunikation.
      In einer textsoziologisch konzipierten Kommunikationssituation nehmen Wörter widersprüchliche Bedeutungen an, die verschiedenen, miteinander rivalisierenden Gruppensprachen angehören; und semantische Prozesse wie das Definieren oder das Klassifizieren erscheinen als Versuche von Individuen und Gruppen, sich anderen Individuen und Gruppen gegenüber zu behaupten oder zu rechtfertigen. Auch das Aktantensche-ma eines bestimmten ideologischen oder theoretischen Diskurses kann in den meisten Fällen nur adäquat verstanden werden, wenn es als eine dialogisch-polemische Reaktion auf andere Diskurse aufgefaßt wird. Wenn beispielsweise das Subjekt eines liberalen Diskurses seine 'Helden" die 'individuelle Initiative" verkörpern läßt, ohne die negativen Instanzen und Prädikate beim Namen zu nennen, so kann man in vielen Fällen dennoch davon ausgehen, daß dem Diskurs der semantische Gegensatz individuelle Initiative/staatliche Bevormundung zugrundeliegt. Die Texte, die innerhalb einer bestimmten historisch begrenzbaren sozio-linguistischen Situation entstanden sind, können daher nur dialogisch oder intertextuell verstanden werden.
Den Begriff der Intertextualität hat in den späten sechziger Jahren Julia Knsteva im Anschluß an Bachtin und Volosinov geprägt und vor allem für die literaturwissenschaftliche Semiotik fruchtbar gemacht. Er könnte im Sinne von Götz Wienold auch als 'Textverarbeitung"" definiert werden, wobei der Gedanke ausschlaggebend ist, daß sekundäre modellierende Systeme wie Literatur, Ideologie, Werbung oder Theorie nur dialogisch-polemisch als gesellschaftlich motivierte Transformationen anderer Texte zu erklären sind
In der Vergangenheit habe ich den Begriff vor allem auf literarische Werke angewandt um zu zeigen, auf welche Art Gruppensprachen - etwa die mondäne Konversation bei Proust und Wilde, die ideologischen Sprachen bei Musil, Sartre und Camus - parodiert pastichiert und kritisiert werden. Dabei hat sich immer wieder herausgestellt, daß die Struktur des analysierten Textes nicht unabhängig von dem intertextuell verarbeiteten Text verstanden werden kann.

     
   Literaturwissenschaftler wie Laurent Jenny haben im Laufe der Debatte versucht, 'In-tertextualität" auf 'die im Text belegbare Präsenz von Clements structures anterieure-ment a lui'" einzuengen. Dabei besteht die doppelte Gefahr, daß der Begriff empiristisch auf das Zitat reduziert wird und daß die strukturellen, d. h. diskursiven Zusammenhänge aus dem Blickfeld verschwinden.
      Die Intertextualität ist deshalb als struktureller Prozeß aufzufassen, weil die sprechenden Subjekte nicht auf einzelne Wörter, Sätze oder Textpassagen reagieren, sondern auf die in ihrer sozio-linguistischen Situation und für ihre Position relevanten semantischen und narrativen Strukturen. Camus' Kritik des christlich-humanistischen Soziolekts beispielsweise richtet sich nicht gegen einzelne Wörter, Ausdrücke oder Behauptungen, sondern gegen das semantisch-narrative Schema eines teleologisch aufgebauten Diskurses: 'Von der frohen Botschaft bis zum Jüngsten Gericht hat die Menschheit keine andere Aufgabe, als sich den ausdrücklich moralischen Absichten eines im voraus geschriebenen Berichtes anzupassen." Außer der Teleologie und dem Objekt-Aktanten wird hier das Verhältnis zwischen dem Subjekt und dem nicht genannten Auftraggeber in Frage gestellt. Die gesamte Romanstruktur von Camus' L'Etran-ger geht aus dieser Kritik auf intertextueller Ebene hervor.
      Ein anderes Beispiel ist das Ende dieses Kapitels: Es macht sehr viel aus, ob der Begriff 'sozio-linguistische Situation" in einem literatursoziologischen Kontext als Alternative zum marxistischen Begriff des ästhetischen 'Realismus" angeboten wird, oder ob er auf einer ganz anderen intertextuellen Ebene gegen Habermas' Begriff der 'idealen Sprechsituation" ausgespielt wird. Im ersten Falle kann er als kritisch-polemische Reaktion auf einen bestimmten marxistischen Reduktionismus aufgefaßt werden, im zweiten wird er eher als eine materialistische Alternative zur universal-pragmatischen Idealkonstruktion erscheinen. Der semantische Gegensatz sozio-linguistische Situation /Realität bringt einen anderen Diskurs hervor als der Gegensatz soziolinguistische Situation /ideale Sprechsituation: Während die Textsoziologie im ersten Fall gegen eine mechanisch-materialistische Reduktion vorgeht, wendet sie sich im zweiten Fall gegen eine idealistische Abstraktion. Hier zeigt sich, wie sozio-linguistische Situation und intertextueller Zusammenhang auf die semantische Grundlage des Diskurses und auf dessen Ablauf einwirken.

     

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