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Ideologie und theorie
Angesichts der rasch fortschreitenden Arbeitsteilung wird es in den Sozialwissenschaften immer schwieriger, Theorien und ihre Bereiche gegeneinander abzugrenzen, da es trotz wachsender Differenzierung
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Die semantische Ebene: Relevanz, Klasse und Kode



Die semantische Ebene bildet die Grundlage der Diskursanalyse, da auf dieser Ebene die kollektiven Positionen und Interessen in die Sprache eindringen, die, wie sich zeigen wird, kein statisches System ist, sondern ein Ensemble von historischen Strukturen, deren Entwicklung eng mit den Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen zusammenhängt. Der Kampf um die Wöner wäre sinnlos, wenn das Lexem nichts anderes wäre als eine fensterlose Monade ohne semantische und pragmatische Verbindungen zu anderen lexikalischen Einheiten.


     
Erst die Zugehörigkeit von Wörtern zu bestimmten semantischen Klassen sowie die Möglichkeit, sie anders zu klassifizieren, sie in anderen Klassen unterzubringen, erklären die Bedeutung 'lexikalischer" Konflikte. Jeder Versuch, die sprachlichen Einheiten von neuem zu klassifizieren, bringt sowohl im politischen, wirtschaftlichen, religiösen und juristischen als auch im sozialwissenschaftlichen Bereich individuelle und kollektive Orientierungen an einer neuen Relevanz mit sich, die besonderen, partikularen Interessen entspricht und niemals der Gesellschaft in deren Gesamtheit zugerechnet werden kann.
      Im Zusammenhang mit der semantischen Relevanz bemerkt Luis J. Prieto nicht zu Unrecht, sie entspreche dem Standpunkt, von dem aus Gruppen und Klassen die sprachliche und nichtsprachliche Wirklichkeit klassifizieren. Zugleich weist er — in Ãœbereinstimmung mit Marx und Althusser — darauf hin, daß die herrschenden Gruppen stets bestrebt sind, ihre Relevanzkriterien als natürlich darzustellen und den historischen, partikularen und instrumentellen Charakter dieser Kriterien zu vertuschen: 'In dem Maße, wie der Standort, von dem die Relevanz einer Erkenntnis der materiellen Wirklichkeit ausgeht, nicht für alle Mitglieder einer Gesellschaft akzeptabel ist, weil er einen Teil dieser Gesellschaft auf Kosten des anderen bevorzugt, sind die Privilegierten natürlich daran interessiert, diesen Standort zu verbergen und ihre Erkenntnis als etwas darzustellen, das uns von der materiellen Wirklichkeit selbst diktiert wird." Anders ausgedrückt: Die Herrschenden behaupten von ihren Klassifikationen , sie seien objektimmanent und setzten sich dabei bewußt oder unbewußt über die Tatsache hinweg, daß die Objekte der Ideologien, der Sozialwissenschaften, der Literaturen, Religionen und Philosophien durch das Definieren, Klassifizieren erst konstituiert oder mit-konstituiert werden.
      Da jede Klassifikation eng mit dem Standort verknüpft ist, von dem aus ein Teil der Wirklichkeit klassifiziert wird, ist der Nexus zwischen Relevanz und Klassifikation ohne weiteres zu erkennen. Eine jede Klassifikation ist aus den Relevanzkriterien eines Kollektivs ableitbar, das seine Interessen nur dadurch zu artikulieren vermag, daß es bestimmte Klassifikationskriterien akzeptien, andere aber als irrelevant ablehnt. Ein Marxist, der vom Klassenbegriff und vom Klassengegensatz ausgeht und gesellschaftliche oder ökonomische Erscheinungen als 'bürgerlich" oder 'proletarisch" einstuft, wird den Gegensatz der Durkheimianer zwischen 'mechanischer" und 'organischer" Solidarität womöglich als irrelevant ablehnen, weil diese beiden Typen der Solidarität als klassenübergreifend definiert wurden und deshalb nicht ohne weiteres in eine orthodox-marxistische Taxonomie zu integrieren sind.
      Diese Ãœberlegungen werden global von Sprachwissenschaftlern wie Robert Hodge und Günther Kress bestätigt, die im Anschluß an Halliday den gmppenspezifischen Charakter der Klassifizierungsprozesse und Klassifizierungsmuster thematisieren: 'Aber Klassifikationssysteme gehören nicht einer ganzen Gesellschaft an: verschiedene Gruppen haben verschiedene Systeme, obwohl die Unterschiede nur gering sein können."

   Auf sehen der Soziologie bestätigt Pierre Bourdieu Prietos Thesen, indem er die gesellschaftliche Grundlage des Klassifizierungsvorgangs aufdeckt. In Ce que parier veut dire spricht er von 'einer ganzen Reihe von Unterschieden, denen bestimmte gesellschaftliche Unterschiede entsprechen, und die, vom Standpunkt des Linguisten aus betrachtet, zu vernachlässigen sind, aus der Sicht des Soziologen aber relevant erscheinen, weil sie sich in ein System von Gegensätzen fügen, das als Ãœbertragung {retraductioN) eines Systems von gesellschaftlichen Unterschieden aufzufassen ist." Es fällt auf, daß der Soziologe und der Sprachwissenschaftler in der Ansicht übereinstimmen, daß es keine neutrale oder objektive Relevanz im Bereich der Sozialwissenschaften geben kann. Die Unterschlagung dieser Tatsache, für die der Szientismus oder Objektivismus in den Sozialwissenschaften verantwortlich ist , ist zugleich ein gefährliches Vorurteil.
      Das bisher Gesagte ermöglicht eine soziologische Definition des Kodebegriffs. Als Ergebnis eines Klassifikationsprozesses oder einer 'taxonomischen Tätigkeit" kann der Kode als ein System von Definitionen, Gegensätzen und Unterschieden aufgefaßt werden. Trotz seiner Kritik an der Entsemantisierung des Kodebegriffs , trotz seiner Versuche, die verschiedenen Kodearten zu klassifizieren , gelingt es Eco nicht, den Begriff genauer zu bestimmen und den Kode als Ausdrucksform gesellschaftlicher Interessen zu erklären.' In dem hier entworfenen Zusammenhang wird der semantische Kode nicht schlicht als ein mehr oder weniger zusammenhängendes und hierarchisiertes Ensemble von Klassen definiert, dessen Gegensätze und Unterschiede besondere Interessen ausdrücken; er wird zugleich als ein System von Klassen gedacht, von denen jede einer semantischen Isotopie im Sinne von Greimas entspricht.
      Bekanntlich denken Ideologen, Theoretiker, Philosophen und Schriftsteller nicht in einfachen Gegensätzen oder Unterscheidungen, sondern versuchen, in Ãœbereinstimmung mit diesen Gegensätzen und Unterscheidungen die Wirklichkeit einzuteilen, zu klassifizieren. Die semantische Isotopie könnte als das Ergebnis solcher Klassifikationen oder Klassifikationsversuche aufgefaßt werden. Greimas und Courtes definieren sie als 'regelmäßiges Auftreten auf syntagmatischer Achse von Klassemen, die dem Diskurs als Aussage seine Homogenität garantieren." Wird das Klassem in Ãœbereinstimmung mit den beiden Autoren als ein 'Oberbegriff" definiert, der eine 'Wortklasse" als semantische Isotopie konstituiert, so ist der Nexus zwischen Kodes, semantischen Isotopien und Gruppeninteressen hergestellt: Der Kode erscheint dann als ein System von Isotopien, für dessen Entstehung ein Kollektivsubjekt verantwortlich ist.
      Die Mitglieder solcher Gruppen werden dazu neigen, die sie umgebenden Texte und Zeichen im Rahmen eines Kodes, d. h. auf bestimmten Isotopieebenen zu lesen, wobei bestimmte Klasseme aus ihrem semantisch-lexikalischen Repertoire 'dominant gesetzt" werden. Ein Beispiel aus der Literaturwissenschaft mag veranschaulichen, was gemeint ist: Während Anhänger der Heideggerschen Ontologie Hölderlins Gedichte im Rahmen des semantischen Gegensatzes Sein/Seiendes lasen und versuchten , die lexikalischen Einheiten des lyrischen Textes diesen beiden Klassemen zu subsumieren, hob ein Vertreter der Kritischen Theorie wie Adorno die beiden Klasseme Integration/Emanzipation und die ihnen entsprechenden Isotopien und Konnotationen hervor. Ein Grund, weshalb sich Ideologen selten über einen Text verständigen können, besteht darin, daß jeder von ihnen die Klasseme und Isotopien privilegiert, die seinem Kode und indirekt den Interessen und Standpunkten seiner Gruppe entsprechen. Dies gilt nicht nur für Gedichte, sondern in noch stärkerem Ausmaß für Zeitungskommentare, Gesetze, Verträge und Verfassungen.
      An dieser Stelle kann die Konnotation als pragmatischer Aspekt der Isotopie definiert werden. Lexeme wie 'Sein", 'Eigentlichkeit", 'Sorge" oder 'völkisch", 'arisch", 'total" konnotieren die Klassifikation sekundärer modellierender Systeme, die stark von denen der natürlichen Sprache abweichen. Zugleich bilden sie 'Konnotationsketten" , die als Isotopien gelesen werden können. Solche Isotopien kommen beim Leser jedoch nur dann zustande, wenn er die lexikalischen Einheiten auf pragmatischer Ebene bestimmten Soziolekten zuordnen kann. Außerhalb dieser Gruppensprachen und deren Kodes zerfallen die Isotopien als Konnotationsketten; denn in der natürlichen Sprache gibt es keine konventionell abgesicherte semantische Verbindung zwischen 'Sein" und 'Eigentlichkeit" oder 'völkisch" und 'total". Die Konnotation als sekundäre Bedeutung innerhalb eines sekundären modellierenden Systems ist daher für die Ideologieproblematik besonders wichtig.
      Zum Abschluß noch eine Bemerkung zum Problem des semantischen Gegensatzes. Häufig wird man mit der Frage konfrontiert, ob denn nur ein Denken in binären Gegensätzen möglich sei. Dieses Problem ist im vorigen Kapitel im Zusammenhang mit Adorno und Derrida behandelt worden. Es hat sich dort u. a. herausgestellt, daß alle Versuche, den binären Gegensatz auf theoretischer Ebene zu dekonstruieren und eine 'nichttheoretische Theorie" zu konzipieren, in der Aporie ausmünden, weil die Dekonstruktion nur mit Hilfe von Begriffen und Begriffsgegensätzen möglich ist . Im Gegen satz zur kritischen Philosophie und zur kritischen Romanliteratur, die im 10. Kap. ausführlicher behandelt werden, lebt die Ideologie vom polemischen und dualistischen Charakter ihres Diskurses. Wie der ideologische Manichäismus mit der Funktion der Ideologie zusammenhängt, will ich im nächsten Kapitel untersuchen.
      Der Dualismus könnte auch als anthropologische Konstante gedacht werden. Eine besonders aufschlußreiche Bemerkung zu diesem Problem findet sich in Metzeltins und Jaksches Textsemantik: 'Bei der Strukturierung der Texte besteht die vielleicht körperlich , anthropologisch und gnoseologisch bedingte Tendenz, antonymische Begriffspaare aufzustellen." Der Soziologe kann sich diesen Gedanken unter der Voraussetzung aneignen, daß er die sozio-historische Variabilität dieser 'Konstanten" sowie ihre ideologische Funktion nicht aus den Augen verliert. Dies ist der Hauptgrund, weshalb hier im dritten Teil der ideologische Dualismus im dialektischen Kontext grundsätzlich in Frage gestellt wird.
      Zusammenfassend ließe sich sagen, daß die Darstellung der semantischen Grundlage des Diskurses deshalb wesentlich ist, weil der syntaktisch-narrative Ablauf aus den semantischen Verfahren hervorgeht. Hier gilt, was Grei-mas lapidar in einem Gespräch mit Hans-George Ruprecht feststellt: 'Das Paradigmatische organisiert das Syntagmatische." Dieser wichtige Gedanke soll im nächsten Abschnitt erläutert werden.
     

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