Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Ambivalenz, Dialektik und Reflexivität hängen insofern eng zusammen, als die Erkenntnis der Ambivalenz für das Aussagesubjekt zum entscheidenden Anlaß werden kann, die beiden entgegengesetzten Terme a
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Sozio-linguistische Situation, Soziolekt, Institution



Im siebenten Kapitel schlug ich den Begriff der 'sozio-linguistischen Situation" als Alternative zu Habermas' 'idealer Sprechsituation" vor, um auf die Tatsache aufmerksam zu machen, daß ideologische Interessen und Standpunkte sich in den Diskursen der Umgangssprache und der Sozialwissenschaften selbst niederschlagen. Die Umgangssprache sollte daher nicht — wie bei Apel und Habermas — in Ãœbereinstimmung mit der 'idea-len Kommunikationsgemeinschaft" als 'postkonventionell" und 'metainstitutic-nell"2:, d. h. als frei von partikularen Interessen, charakterisiert werden.

      Es ist zwar richtig, daß die Alltagssprache, der sich Wissenschaftler und Nichtwissen. -schaftler in heterogenen gesellschaftlichen Kontexten bedienen, weit über die Interessen. Konventionen und Institutionen einzelner Gruppen hinausgeht und deshalb nicht als ideologisch bezeichnet werden kann. Es trifft aber auch zu, daß die Sprache als historisches und soziales System nicht unabhängig von den Gruppensprachen als Soziolekten existiert und daß ihr Vokabular und ihre semantischen Strukturen unablässig von den miteinander konkurrierenden ideologischen, wissenschaftlichen, kommerziellen und anderen Soziolekten verändert werden.
      Apel hat zwar recht, wenn er die Umgangssprache für die letzte, nichthintergehbare Metasprache erklärt2', aber diese Metasprache ist alles andere als neutral oder 'herrschaftsfrei". Im Gegenteil; sie weist in allen Bereichen Spuren ideologischer, wissenschaftlicher und religiöser Konflikte sowie kommerzieller Konkurrenzkämpfe auf. Auf diesen Umstand beziehen sich Bachtin und Volosinov, wenn sie bemerken: 'Das Wort ist immer mit ideologischem oder aus dem Leben genommenem Inhalt und Bedeutung erfüllt" Wörter wie 'Freizeitwert", 'Biotop", 'Umweltsünder", 'Eliteuniversität", 'Revisionist", 'Nullwachstum" und 'Freisetzung" sind in bestimmten Soziolekten entstanden und können nicht nach belieben verwendet werden.
      Viele Autorinnen und Autoren, ja sogar Redner, versuchen diesem Problem durch immer häufigere Verwendung von Anführungszeichen zu begegnen, die im mündlichen Gespräch oder im Vortrag mit Hilfe von Handzeichen angedeutet werden. Diese Erscheinung ist keineswegs trivial, sondern erklärt sich aus der Tatsache, daß zahlreiche lexikalische Einheiten, Aussagen und semantische Klassifikationen konkurrierende Sozio-lekte signalisieren, auf die das Aussagesubjekt dialogisch-polemisch reagiert. Jeder gesprochene oder geschriebene Text nimmt dadurch einen intertextuellen Charakter an und sollte deshalb nicht als Monolog, als fensterlose Monade, rezipiert werden.
Daß wir es nicht mit einer neutralen langue im Sinne von Saussure, sondern mit einer von ideologischen Konflikten geprägten sozio-linguistischen Situation zu tun haben, fiel unabhängig von Bachtin und Volosinov auch Jean-Paul Sartre auf, der in einem Kommentar zur Sprachtheorie von Brice Parain bemerkt: 'Parain befaßt sich mit der Sprache von 1940, nicht mit der Sprache als Universalerscheinung. Es geht um die Sprache der kranken Wörter, in der ,Friede' Aggression, .Freiheit' Unterdrückung und ,Sozialis-mus' Regime der Ungleichheit bedeuten."" Die von Sartre verwendeten Anführungszeichen erfüllen eine zugleich intertextuelle und polemische Funktion: Sie deuten an, daß die zitierten Wörter in Sartres Diskurs die Bedeutungen, die sie in den Soziolekten ihrer Herkunft annahmen, wieder verlieren und sich in ihre Antonyme verwandeln.
      Welche Bedeutung haben diese Ãœberlegungen für die Theorie und vor allem für die theoretische Reflexion? Das Aussagesubjekt des theoretischen Diskurses sollte sich darüber klar sein, daß seine Rede kein transhistorisches Idealkonstrukt ist, sondern eine intertextuelle, d. h. polemisch-dialogische Reaktion auf Soziolekte und Diskurse seiner Zeit, seiner sprachlichen Situation. Es gilt, diese sprachliche Situation — so weit wie möglich — zu reflektieren.
      Dabei ist es wichtig zu bedenken, daß ein sozialwissenschaftlicher Diskurs nicht ausschließlich auf wissenschaftliche Gruppensprachen reagiert, sondern sich immer wieder implizit oder explizit mit politischen, literarischen, juristischen oder religiösen Sprachformen auseinandersetzt. Aus diesem Grunde schlug ich seinerzeit im Zusammenhang mit dem fiktionalen Text die Unterscheidung zwischen einer internen und einer externen Intertextualität vor: Während sich die erste auf dialogisch-polemische Reaktionen innerhalb des literarischen Bereichs bezieht, trägt die zweite der Möglichkeit Rechnung, daß literarische Texte auch nichtfiktionale — wissenschaftliche, politische, kommerzielle — Diskurse kritisch parodieren oder im Pastiche verarbeiten können. Analog dazu ließe sich zeigen, wie Wissenschaftler als Wissenschaftler auf politische, ethische oder religiöse Sprachformen reagieren.
      Besonders klar tritt eine solche wissenschaftliche Reaktion auf politische Diskurse in Carl Christian von Weizsäckers Kommentar zu Oskar Lafontaines Die Gesellschaft der Zukunft in den Vordergrund. Weizsäcker geht eindeutig vom Soziolekt des Kritischen Rationalismus aus, wenn er in seinem Artikel 'Piaton, Marx und der Ministerpräsident" über Lafontaines ökosozialistischen Entwurf schreibt: 'Mir graut vor der Praxis aller Gesellschaftsentwürfe, deren Funktionieren die Umerziehung der Menschen erfordert." Und er fügt hinzu: 'Poppers Konzeption der offenen Gesellschaft ist das Piece-meal Engineering. In kleinen Schritten sollen Veränderungen versucht, im Falle der Bewährung weitergeführt, andernfalls wieder zurückgenommen werden." In diesem Kontext sind auch die im Titel des Artikels angelegten negativen Konnotationen zu lesen: Neben Plato und Marx soll Lafontaine als 'falscher Prophet", als zwielichtige Gestalt zeitgenössischer Politik erscheinen.
      In diesem Stadium sind nicht mehr die ideologischen Verfahren wichtig, derer sich Weizsäcker bedient, um die Leser von Lafontaines Fragwürdigkeit zu überzeugen, sondern die Tatsache, daß in der modernen sprachlichen Situation wissenschaftliche und politische Soziolekte sich intertextuell, dialogisch-polemisch aufeinander beziehen. In einer solchen Situation ist es nicht sinnvoll, politische, religiöse, kommerzielle und wissenschaftliche Sprachen sauber voneinander zu trennen; vielmehr kommt es darauf anzu erkennen, daß die vielfältigen Beziehungen, die sie täglich eingehen, das sozic-linguistische Netz bilden, in dem unsere sprachliche Kommunikation stattfindet: Während der Wissenschaftler C. Ch. von Weizsäcker mit den kritischen Rationalisten geger. Lafontaines Ökosozialismus argumentiert, mobilisieren Bischöfe , grüne Poi-tiker und Pädagogen das Vokabular der Kritischen Theorie gegen Technokratie und Gelc-herrschaft.
      Theoretikern und Ideologen ist eines gemeinsam: Sie ergreifen nicht nur als Individuen das Won, sondern als Exponenten von Gruppeninteressen und Gruppensprachen, deren semantisches, lexikalisches und narratives Potential durch individuelle und kollektive Anstrengungen tagtäglich erweitert wird. Indem Weizsäcker Lafontaine zu einerr. Aktanten in der kritisch-rationalistischen Erzählung 'Falsche Propheten" macht, stell: er — nebenbei — auch die Anwendbarkeit des Kritischen Rationalismus auf neue gesellschaftliche Erscheinungen unter Beweis und erweitert dadurch die ideologische Kapazität und Flexibilität des Soziolekts. Ähnliches widerfährt der Kritischen Theorie, wenn sie von Theologen gegen einige Erscheinungen der Marktgesellschaft gewendet wird.
      Richtig scheinen mir in diesem Zusammenhang Alvin W Gouldners Bemerkungen über den kollektiven Charakter von Theorien zu sein: 'Alle Theorie ist nicht nur von einer Gruppe beeinflußt, sie ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer Gruppenaktivität. Hinter jedem Ergebnis theoretischer Arbeit steht nicht nur der Autor, dessen Name auf der Titelseite des Werks erscheint, sondern eine ganze ,Schattengruppe', für die, so könnte man sagen, der ,Autor' als ,Markenzeichen' figuriert; in gewisser Weise ist der Name des Autors der Name für ein intellektuelles Team."

   Diese Erkenntnis ist sicherlich wichtig und wurde hier im 7. Kapitel textsoziologisch konkretisiert: Die Theorie ist ein Soziolekt und ein sekundäres modellierendes System. Von der Ideologie unterscheidet sie sich u. a. dadurch, daß das theoretische Subjekt sich dieser Tatsache bewußt ist. Dieses Bewußtsein allein genügt jedoch nicht: Das Aussagesubjekt hat zugleich die hier skizzierte sprachliche Situation zu reflektieren, in der sein eigener theoretischer Soziolekt mit anderen theoretischen, ideologischen oder religiösen Soziolekten interagiert.
      So könnte die Kritische Theorie der Nachkriegszeit als eine kritisch-polemische Reaktion auf die existentialistische Seinsphilosophie und vor allem auf deren medienträchtige Ideologisierung im ,Jargon der Eigentlichkeit" verstanden werden. Zahlreiche Schriften Adornos werden nur oberflächlich verstanden, wenn sie unabhängig vom Soziolekt des Existentialismus rezipiert werden. Da in der zeitgenössischen sprachlichen Situation Lexeme wie 'Begegnung", 'Auftrag", 'Seinsgrund" in den meisten Kreisen ihre ideologische Wirkung eingebüßt haben, fällt es manchen Lesern schwer zu verstehen, weshalb Adorno sich gegen den Jargon" ereifert; plausibler erscheinen ihnen Habermas' Einwände gegen die Technisierung und Instrumentalisierung der Theorie, die sich in den Sozialwissenschaften häufig mit der Forderung nach Mathematisierbarkeit paart. Diese Leserreaktionen hängen mit globalen Veränderungen zusammen, die seit zwei oder drei Jahrzehnten eine neue sozio-linguistische Situation hervorbringen, in der ökologische, ökosozialistische und feministische Gruppen gegen technizistische, strategische oder 'technokratische" Diskurse polemisieren. Es ist wichtig, daß der Theoretiker sich solcher Veränderungen bewußt ist.
      Angesichts dieser Veränderungen, die u. a. dazu führen, daß neue ideologische Sozio-lekte und neue Fachsprachen auf eine kritische Theorie der Gesellschaft einwirken, halte ich zwei Ãœberlegungen für wesentlich: 1. Die Theorie sollte sich auf allen sprachlichen Ebenen gegen Versuche wehren, sie ideologisch zu vereinnahmen. 2. Sie sollte sich als Soziologie um intensiven Kontakt zu den sich entwickelnden Sozialwissenschaften bemühen und dadurch die Anstrengungen der frühen Kritischen Theorie fortsetzen.
      Diesen beiden Anforderungen wird sie noch am ehesten durch einen systematischen Ausbau ihrer sprachwissenschaftlichen und sprachkritischen Komponenten genügen. Aus diesem Grunde wurde hier im 7. Kapitel eine textsoziologische oder soziosemiotische Erweiterung der Kritischen Theorie vorgeschlagen. Als Diskurskritik schlägt diese nicht nur eine Brücke zur Semiotik, sondern vermag — im Gegensatz zu einer rein soziologischen oder sozialphilosophischen Theorie' — der ideologischen Vereinnahmung Widerstand zu leisten: Im zweiten Teil dieses Buches sollte gezeigt werden, daß Ideologie im restriktiven Sinne vor allem im Bereich der diskursiven Verfahren von der Theorie abzugrenzen ist. Global unterscheidet sich das theoretische vom ideologischen Aussagesubjekt dadurch, daß es sich selbst als Diskurs und Soziolekt in einer historisch spezifischen sozio-linguistischen Situation reflektiert.
      Schließlich sei auf einen anderen soziologischen Aspekt der Theoriebildung hingewiesen, der eng mit dem Problem des Soziolekts zusammenhängt: auf die soziale Institution. Nicht zu Unrecht bemerkt Peter Weingart in Wissensproduktion und soziale Struktur , 'daß kognitive Prozesse in der Wissenschaft nicht sinnvoll erklärbar sind ohne Rekurs auf institutionelle Prozesse." Seine These wird im sprachlichen Bereich von Pierre Bourdieu ergänzt, wenn dieser in Lecon sur la lecon über den institutionalisierten soziologischen Diskurs bemerkt: 'So läßt er eine Distanz entstehen, die sowohl beim Redner selbst als auch bei seinem Publikum den Glauben zu zerstören droht, der die Grundbedingung für das reibungslose Funktionieren der Institution ist." Bourdieu fügt sogleich hinzu, daß diese reflexiv gewonnene Freiheit der Institution gegenüber 'die Bedingung einer jeden Wissenschaft ist, vor allem aber einer Wissenschaft der Institutionen."

Hier wird deutlich, daß sich ideologische und theoretische Soziolekte nicht im Vakuum entwickeln: Während die einen in politischen und gewerkschaftlichen Einrichtungen Zustandekommen31, werden die anderen an Hochschulen, in Zeitschriftenredaktionen und an wissenschaftlichen oder kulturellen Instituten entwickelt und öffentlich legitimiert: als 'wissenschaftlich", 'nützlich", 'bedeutsam" etc.
      Dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgehen, daß in bestimmten Redaktionen, Fakultäten oder Abteilungen der Sprachgebrauch ziemlich homogen ist und daß Abweichungen von der sprachlichen Norm durch gesellschaftlichen Druck eingedämmt und in extremen Fällen mit Ausschluß geahndet werden. Zu den bekanntesten Beispielen gehört neben der Institutionalisierung der 'Dekonstruktion" an der Universität von Yale die mittlerweile aufgelöste Tel-Quel-Gruppe um Kristeva und Sollers, die in den sechziger und siebziger Jahren eine Synthese von Psychoanalyse, Semiotik und Marxismus anstrebte und allen Abweichungen von dieser als avantgardistisch apostrophierten Kombination mit Mißtrauen begegnete." Bekannt sind auch Versuche an verschiedenen europäischen Universitäten, marxistische, kritisch-rationalistische oder psychoanalytische Soziolekte zu institutionalisieren und sprachliche Abweichler zu 'exkommunizieren".
      In den siebziger Jahren wandte ich mich gegen die Institutionalisierung der literaturwissenschaftlichen 'Rezeptionsästhetik", die um 1970 an der Universität Konstanz entwickelt wurde und innerhalb von wenigen Jahren an zahlreichen philologischen Fakultäten eine Hegemoniestellung einnahm, die sie einerseits ihrer z. T. berechtigten Kritik an der etablierten 'werkimmanenten Interpretation" verdankte, andererseits jedoch ihrer grob vereinfachenden ideologischen Polemik gegen 'den Marxismus".

     
   In diesem Zusammenhang zeigt sich, daß die Institutionalisierung theoretischer Soziolekte nicht unabhängig von der Institutionalisierung ideologischer Gruppensprachen zu verstehen ist: Sowohl der Kritische Rationalismus als auch die Rezeptionsästhetik werden von Wissenschaftlern häufig als ideologische Waffen gegen 'den Marxismus" gewendet, während Hermeneutik und Psychoanalyse regelmäßig von religiösen und feministischen Gruppen in Anspruch genommen werden.

     
Institutionalisierungsprozesse können solche ideologisch-theoretischen Konflikte verschärfen: etwa dann, wenn zu entscheiden ist, ob eine offene Stelle mit einem Psychoanalytiker oder einem Vertreter der empirischen Psychologie, einem kritischen Rationalisten oder einem Vertreter der Kritischen Theorie, einem 'Strukturalisten" oder einem 'Marxisten" besetzt werden soll.
      Die sozio-linguistische Situation reflektieren bedeutet also auch: die Institutionalisierungsprozesse zur Sprache bringen, die z. T. erklären, weshalb an diesem Institut oder jener Fakultät so und nicht anders 'gesprochen" wird, weshalb hier dieser und dort jener Soziolekt dominiert. Der Theoretiker, der die Reflexivität und den Dialog ernst nimmt, hat im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür zu sorgen, daß in seiner Institution kein Soziolekt zum Alleinherrscher werden kann: denn Alleinherrschaft begünstigt den Monolog, und dieser ist ideologisch.
     

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