Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Ambivalenz, Dialektik und Reflexivität hängen insofern eng zusammen, als die Erkenntnis der Ambivalenz für das Aussagesubjekt zum entscheidenden Anlaß werden kann, die beiden entgegengesetzten Terme a
Index
» Ideologie und theorie
» Reflexion und Diskurs
» Aussagevorgang und Aktantenmodell

Aussagevorgang und Aktantenmodell



Im siebenten und achten Kapitel hat sich immer wieder gezeigt, daß das ideologische oder theoretische Aussagesubjekt nicht nur klassifiziert und definiert, sondern eine mehr oder weniger zusammenhängende 'Geschichte" erzählt, die soziologischen, psychologischen, historischen oder juristischen Charakter haben kann. Während das ideologische Subjekt dazu neigt, seine Erzählung implizit oder explizit mit der Wirklichkeit zu identifizieren, nimmt das theoretische Subjekt sein kantianisches Erbe ernst und weist den Leser oder Gesprächspartner spontan darauf hin, daß sein Diskurs als narrative Struktur nur eine mögliche Rekonstruktion der Wirklichkeit, des Objekts, ist.

      Greimas' Gedanke, daß auch Theorien narrative Strukturen sind, die auf der Ebene der 'enonciation" als Erzählungen und auf der Ebene des 'enonce" als Geschichten oder Aktantenmodelle darstellbar sind, hat noch kaum Eingang in die europäische Theoriediskussion gefunden. Jedem, der an Theoriediskussionen teilnimmt, wird jedoch zu einem bestimmten Zeitpunkt klar, daß nicht isolierte Argumente oder Sprechakte ausgetauscht werden, sondern daß jedes Argument einer besonderen theoretischen Erzählung angehört, einem Diskurs, für den ein Aussagesubjekt verantwortlich ist.
      Ãœber den Ablauf einer solchen Erzählung entscheiden die Relevanzkriterien und Klassifikationen eines Soziolekts, die vom individuellen Sprecher oder Autor natürlich modifiziert werden können. Es macht sowohl im Hinblick auf die sprachliche Situation als auch im Hinblick auf den narrativen Ablauf des Diskurses sehr viel aus, ob das Subjekt vom semantischen Gegensatz System / Lebenswelt und den dazugehörigen Taxono-mien ausgeht oder vom Gegensatz System / Umwelt oder Individuum/Spätkapitalismus: In diesen drei Fällen werden drei verschiedene und miteinander kaum vereinbare 'Geschichten" erzählt, von denen die erste verkürzt als 'Kolonialisierung der Lebenswelt", die zweite als 'Reduktion der Komplexität" und die dritte als 'Niedergang des Individuums" dargestellt werden könnte.
      Unabhängig von Greimas hat Werner Schiffer im Zusammenhang mit der Geschichtswissenschaft zu zeigen versucht, welche Funktionen Erzählschemata im theoretischen Diskurs erfüllen. Dabei spielt A. C. Dantos Konzeption einer 'narrative history" eine wichtige Rolle: 'Vor allem Dantos nicht nur geschichts-, sondern ebenso erzähltheoretisch provozierende Kernthese — die Form der Erzählung sei bereits als solche eine Form der Erklärung — ist bisher nicht genauer auf ihre Tragfähigkeit und Konsequenzen überprüft worden."4'
Ähnlich wie in diesem und im 7. Kapitel wird von den Geschichtswissenschaftlern eine Beziehung zwischen den Relevanzkriterien und der historischen Erzählung hergestellt, die, wie ich meine, auch in den Erzählschemata anderer Sozialwissenschaften von ausschlaggebender Bedeutung ist. Zu diesem Aspekt des Problems schreibt Schiffer, wiederum in Anlehnung an Danto: 'Im Hinblick auf das Verständnis zwischen der historischen Darstellung und ihrem Gegenstand ist mithin generalisierend zu konstatieren, daß die — wenn Danto recht hat — narrative Form dem Zu-Erklärenden unter dem Aspekt der Selektion gegenüber tritt. Diese Selektion resultiert aus den der Erzählung notwendig zugrunde liegenden Relevanzkriterien, Akzentsetzungen und Ordnungsprinzipien, und insofern ist ,jede Erzählung eine den Ereignissen unterlegte Struktur . . . die einige von ihnen mit anderen gruppiert, einige andere wiederum aussondert, weil es ihnen an Relevanz mangelt'."'

   Mißverständlich ist der letzte Teil dieses Satzes, weil er den Eindruck erweckt, die Relevanzkriterien könnten auch Objektimmanent sein; indes hängen sie von den Entscheidungen ab, die ein individuelles Subjekt im Rahmen eines Soziolekts trifft. Den Ereignissen, Handlungen und Aussagen mangelt es nicht an Relevanz; diese wird ihnen vom Subjekt abgesprochen. Wenn ein Geschichtswissenschaftler die Gründung des Warschauer Paktes im Jahre 1955 als eine Reaktion auf die Gründung der Nato im Jahre 1949 erklärt, dabei aber Funktion und Wirkung des Kominform nicht thematisiert, dann erzählt er — häufig aus ideologischen Gründen — eine andere Geschichte als der Historiker, der die Gründung der Nato als Reaktion auf die Aktivitäten des Kominform im östlichen Mitteleuropa erklärt. Wenn ein Soziologe wie Niklas Luhmann von der Ãœberlegung ausgeht, daß der Gegensatz zwischen Liberalismus und Marxismus nicht mehr relevant ist, weil beide dem 'alteuropäischen Denken" angehören, so wird er — im Gegensatz zu Karl Popper und Hans Albert — die wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr als Erneuerung des liberalen Individualismus und als 'Selbstbefreiung durch das Denken" erzählen, sondern im Rahmen einer Systemtheorie, die Begriffe wie 'Herrschaft", 'Befreiung" und 'Vernunft" gern hinter sich lassen möchte.
      In diesem Kontext ist — meine ich — auch das leidige Problem der sozialwissenschaftlichen Prognose zu betrachten, das vor allem Vertretern des Kritischen Rationalismus wie Albert, Popper und Topitsch zu schaffen machte. Es geht um die Frage, wie eine Theorie beschaffen sein müsse, um richtige oder genaue Prognosen zu zeitigen. Im folgenden möchte ich zeigen, daß Prognosen nicht von den narrativen Strukturen der Theorien und von deren Ideologien zu trennen sind.
      Karl Popper macht es sich allzu leicht, wenn er in seinem bekannten Aufsatz 'Pro-phetie und Prognose in den Sozialwissenschaften" meint, haarscharf zwischen wissen-schaftlichen Prognosen und ideologischen Prophetien unterscheiden zu können: Der Fehler des 'Marxismus", den er pauschal dem 'Historizismus" zurechnet, bestehe darin, auf diese Unterscheidung zu verzichten. Es sei eine 'klare Trennungslinie" vonnöten 'zwischen dem , was ich als wissenschaftliche Prognose einerseits und als unbedingte historische Prophetie andererseits bezeichnen werde."

   Der dialektisch Denkende, dem alle Trennungen, alle unvermittelten Gegensätze suspekt sind, weiß hingegen, daß in allen historischen, psychologischen, soziologischen und politologischen Erzählungen der Wunsch Vater des Gedankens ist und daß schon die Relevanzkriterien und Klassifikationen, die einer Erzählung zugrunde liegen, Wunschbilder, Feindbilder und Befürchtungen ausdrücken. Sicherlich hat Popper recht, wenn er auf die Funktion der Prophetie in Marxens Werk eingeht: Im zweiten und im achten Kapitel dieses Buches habe ich auf den 'prophetischen" und teleologischen Charakter des Marxschen Diskurses hingewiesen, dessen narratives Schema von der Vorstellung einer bevorstehenden revolutionären Umwälzung und einer klassenlosen Gesellschaft beherrscht wird.
      Es kann jedoch gezeigt werden, daß die narrativen Sequenzen, die Poppers eigenen Diskurs ausmachen, nicht weniger ideologisch sind als die eines Karl Marx. Wenn Popper beispielsweise Marxens Klassen als kollektive historische Aktanten durch individuelle Aktanten ersetzt, so begeht er eine Naivität, die C. B. Macpherson schon dem Rationalisten Hobbes zum Vorwurf machte46: 'Herrscher sind stets bestimmte Personen". Ott the face ofit, ja: aber wie kommt es, daß im westeuropäischen oder nordamerikanischen Wahlkampf auch der beste Kandidat chancenlos ist, wenn er nicht konsequent von Interessenverbänden unterstützt wird, in deren Namen er zu regieren hat, wenn er erfolgreich sein und wiedergewählt werden will?
Diesem scheinbar methodologischen — in Wirklichkeit ideologischen — Individualismus entspricht Poppers Art, die gesellschaftliche Entwicklung zu erzählen, etwa wenn er behauptet, 'die Steigerung des Glücks in erster Linie der Privatinitiative überlassen bleiben ", und hinzufügt: 'Dieser modifizierte Utilitarismus könnte meiner Meinung nach viel leichter zu einer Einigung über Sozialreformen führen." Während in Marxens Diskurs das Proletariat die Funktion des Subjektaktanten erfüllt, übernimmt in Poppers Diskurs die 'Privatinitiative" diese Funktion; während bei Marx 'Kommunismus" oder 'Sozialismus" häufig als Auftraggeber auftreten, setzt sich Popper in seinem Artikel für das narrative Programm des Auftraggebers 'Utilitarismus" ein.
      Es geht hier nicht um die Frage, welches narrative Programm besser sei, sondern um die Tatsache, daß weder Marx noch Popper ihre narrativen Schemata reflektieren. Während man aber einem Denker des 19. Jahrhunderts diese Versäumnis nachsehen kann, weil sie sehr eng mit der realistischen Illusion Hegels, Comtes und Balzacs zusammenhängt, sollte man sie dem Kritiker des Wiener Kreises und dem Leser Pierre Duhemszum Vorwurf machen: Wenn es zutrifft, daß Theorien konventionsbedingte Konstruktionen sind, mit deren Hilfe wir uns in der Wirklichkeit orientieren, dann muß auch der Konstruktionsprozeb als semantisch-narrativer Vorgang reflektiert werden.
      In diesem Kontext sind auch Hans Alberts Bemerkungen über die Form der Prognose in den Sozialwissenschaften zu lesen. Durchaus plausibel klingt seine Forderung nach Ãœberprüfbarkeit: 'Eine Theorie, die zu Prognosen verwendbare generelle Hypotheser. enthält, ist damit nicht nur auf Grund bisheriger Erfahrungen, sondern darüber hinaus auf Grund zukünftiger Beobachtungen überprüfbar."

   Nach dem bisher Gesagten drängt sich allerdings die Frage auf: In welchem Soziolekt und in welchem semantisch-narrativen Kontext steht der Beobachter? — Der kritische Rationalist wird in Ãœbereinstimmung mit zahlreichen anderen Wissenschaftlern feststellen, daß Marxens Prognose über die 'Verelendung des Proletariats" von den Ereignissen nicht bestätigt wurde. Manche Marxisten und die meisten Marxisten-Leninisten werden jedoch versuchen, diese Prognose im Rahmen eines modifizierten narrativen Schemas zu retten: Ausgehend von Lenins Imperialismustheorie, werden sie die These aufstellen, daß die Verelendung des Proletariats nur durch die systematische Ausbeutung der Kolonialvölker rückgängig gemacht werden konnte. Dabei übernimmt der kollektive Aktant 'Kolonialvölker" die Funktion des Aktanten 'Proletariat" in Marxens Diskurs. Entscheidend ist, daß Marxens Prognose im Rahmen dieses neuen Aktanten-modells gerettet, d. h. einer veränderten sozialen und politischen Lage angepaßt wird.
      Dieses Modell akzeptiert freilich nur, wer bereit ist, sich die Relevanzkriterien des marxistischen oder marxistisch-leninistischen Soziolekts zu eigen zu machen. Wer dazu nicht bereit ist, wird mit Recht einwenden, daß diese Theorie weder verifizierbar noch falsifizierbar ist. Sie ist es deshalb nicht, weil sie aufgrund ihrer Komplexität zu viele kausale und funktionale Beziehungen voraussetzt, die in ihrer Gesamtheit nicht ohne starke ideologische Interferenzen zu beschreiben sind. Es ist eine äußerst spekulative Theorie, an die man aus ideologischen Gründen glaubt — oder nicht glaubt. Dies gilt allerdings auch für Poppers spekulative Aussagen über 'Utilitarismus" und 'individuelle Initiative".
      Das marxistisch-leninistische Beispiel sollte zeigen, daß es nicht genügt, sozialwissenschaftliche Prognosen oder Hypothesen mit Hilfe von Beobachtungen zu überprüfen: Es ist zugleich notwendig, die narrativen Schemata zu reflektieren, mit deren Hilfe man selbst beobachtet, mit deren Hilfe man Ereignisse, Handlungen oder Aussagen mit Bedeutungen erfüllt. Der Aktant 'Kolonialvölker" muß nicht metonymisch als Substitut für 'Proletariat" aufgefaßt werden. Andererseits ist die diskursive Substitution, die die Marxisten-Leninisten durchführen, auch nicht widerlegbar . . .
      Es sollte hier nicht der Eindruck entstehen, daß ich einem radikalen Agnostizismus das Won reden will. Ich glaube schon, daß bestimmte Aussagen — etwa die über die Verelendung des Proletariats in Westeuropa — interdiskursiv überprüfbar sind: Die mei-sten Theoretiker sind sich heute einig, daß diese Verelendung kein irreversibler Prozeß war, wie Marx und Engels glaubten. Interdiskursive Ãœberprüfbarkeit, mit der ich mich im letzten Kapitel ausführlich befassen werde, scheint vor allem dann Aussicht auf Erfolg zu haben, wenn Hypothesen oder Prognosen nicht komplexe narrative Schemata involvieren, die für einen besonderen Soziolekt kennzeichnend sind.
      Es ist vorstellbar, daß die folgende Aussage über Struktur und Funktion des ideologischen Diskurses in heterogenen Theorien akzeptiert wird: 'Wenn Konflikte eine Gesellschaft polarisieren, kann eine Zunahme des ideologischen Dualismus in den Medien beobachtet werden." Da in den meisten Fällen entschieden werden kann, ob ein Konflikt ausgebrochen ist und ob ein Diskurs eine dualistische Struktur aufweist , ist es denkbar, daß kritische Rationalisten, französische Semiotiker, Marxisten und Vertreter der Kritischen Theorie gemeinsam eine solche Hypothese überprüfen: etwa im Zusammenhang mit dem Falkland-Krieg, der — wie ich meine — den ideologischen Dualismus in der britischen Presse auf die Spitze trieb.
Sehr viel schwieriger wird die Lage, wenn es gilt, die folgende in Anlehnung an Max Weber formulierte Hypothese zu testen: 'Die charismatische Persönlichkeit war in der Vergangenheit die treibende, revolutionäre Kraft in der europäischen gesellschaftlichen Entwicklung." In diesem Fall ist die Aussicht auf Erfolg nicht viel größer als bei der marxistisch-leninistischen Umformulierung der Verelendungstheorie. Die Schwierigkeiten entstehen nicht nur deshalb, weil der Charisma-Begriff kaum konkreter ist als die Bezeichnung 'Proletariat", sondern vor allem deshalb, weil hier im Rahmen eines individualistischen Aktantenmodells ein langer sozio-historischer Prozeß dargestellt werden soll. Anders ausgedrückt: Die Hypothese droht als narratives Schema unter ihrer Komplexität und ihrem ideologischen Ballast zusammenzubrechen. Sie ist aber weder uninteressant noch trivial, wie sich im letzten Kapitel zeigen wird.
      Ein Dilemma der Sozialwissenschaften scheint darin zu bestehen, daß gerade die faszinierenden Hypothesen, die makrostrukturellen Charakter haben und komplexe narrative Schemata involvieren, nicht interdiskursiv überprüfbar sind. Dennoch würde ich sie nicht als sinnlos verabschieden.
      Die Ãœberwindung dieses Dilemmas kann jedenfalls nicht darin bestehen, daß narrative Schemata als solche abgelehnt und die Sozialwissenschaften auf deduktive Logik festgelegt werden. Die Verfahren, über die er sich mokiert, karikiert M. Blaug wie folgt: ' Das Aneinanderbinden von Fakten, Verallgemeinerungen auf niederem Niveau, Theorien auf hohem Niveau sowie Werturteile in einer zusammenhängenden Erzählung, die von einem Leim aus impliziten Glaubenssätzen und Attitüden zusammengehalten wird, die der Autor mit allen seinen Lesern teilt."' Unschwer könnte gezeigt werden, daß diese Karikatur auf die meisten sozialwissenschaftlichen Diskurse anwendbar ist, sofern sie makrostrukturelle Veränderungen zum Gegenstand haben. Deshalb gebe ich Andrew Sayer recht, wenn er antwortet: 'Will Blaug damit be-haupten, daß diejenigen, die sich anderer — deduktiver oder wie auch immer gearteter — Ansätze bedienen, nicht auch Werturteile fällen oder sich auf den ,Leim von impliziten Glaubenssätzen und Attitüden' verlassen?"
Die vorläufige Antwort auf das Dilemma, die ich hier vorgeschlagen habe, ist nicht eine Flucht in Deduktion und formale Logik, sondern eine systematische Reflexion der narrativen und semantischen Verfahren, die eine jede sozialwissenschaftliche Theorie konstituieren. Mir ist keine soziologische, wirtschaftswissenschaftliche, psychoanalytische oder literaturwissenschaftliche Theorie bekannt, die ohne solche Verfahren auskommt.
      Zum Abschluß sei auf eine Erscheinung hingewiesen, die Bourdieu mit dem Ausdruck 'effet de theorie" umschreibt und auf die auch Alan Ryan in seinem anregenden Buch The Philosopby of the Social Sciences eingeht: 'Denn im Falle der Sozialwissenschaften ist die Ãœberlegung wichtig, daß die Art, wie Menschen in der Gesellschaft handeln, davon abhängt, wie sie sich die Gesellschaft vorstellen: Wenn sie anfangen, an eine andere Geschichte zu glauben, werden sie auch anfangen, sich anders zu verhalten." Dies bedeutet u. a., daß Prognosen und in noch stärkerem Maße Prophezeiungen, zu seif-fulfilling prophecies werden können: zu Aussagen mit praktischer, teleologischer Wirkung.
      Der Theoretiker, der auf Reflexion Wert legt, sollte daher bestrebt sein, die praktische Wirkung seiner Aussagen — nicht nur der Prognosen — abzuschätzen: Er sollte der Frage nachgehen, welche Bedeutung für das individuelle und kollektive Handeln die von ihm konstruierten semantischen und narrativen Schemata annehmen. Diese Frage nach der praktischen Wirkung theoretischer Diskurse betrifft unmittelbar den Nexus zwischen Theorien und Ideologien: Begriffe wie 'Charisma" und 'Klassenkampf", die theoretische Konstruktionen mit problematischen Referenten sind haben anhaltenden ideologischen Einfluß ausgeübt und die politische Szene verändert. Noch in den sechziger Jahren faßte in Frankreich das Schlagwort 'Klassenkampf", 'lutte de classes", das narrative Programm verschiedener politischer Gruppierungen zusammen ; in Westeuropa und den Vereinigten Staaten beherrscht die Frage, ob ein Protagonist 'Charisma" habe, häufig den Wahlkampf. Selbst wenn es charismatische Persönlichkeiten und soziale Klassen in der empirischen Wirklichkeit nicht gibt, so gibt es sie doch in den Köpfen der Menschen, die einem charismatischen Führer folgen oder jemanden als Klassenfeind oder Klassenverräter 'hinrichten". Besser als irgendein anderes drückt dieses Verb den ideologischen 'effet de theorie" aus, von dem Bourdieu spricht.
      Die theoretischen Konstruktionen, die Erzählungen über die Wirklichkeit, werden im naturalistischen Diskurs der Ideologien zur Wirklichkeit selbst: Der Mann da drüben ist der Klassenfeind, der Verräter, der charismatische Führer. Die Erzählung ist eine Falle, sagt Louis Marin: 'Die Kategorie des Wahren und des Falschen ist in dieser Hinsicht der Macht des Diskurses untergeordnet und der Taktik, die von dieser Macht ausgeht." Indem das Aussagesubjekt definiert, klassifiziert und erzählt, konstruiert es eine Wirklichkeit: nicht nur für es selbst, sondern für viele andere, oftmals für Millionen. Dem Subjekt der Theorie fällt daher die Aufgabe zu, über die Beziehungen zwischen seinem Diskurs und den in seiner sprachlichen Situation herrschenden ideologischen Soziolekten nachzudenken. Eine seiner wichtigsten Aufgaben besteht darin, seinem Publikum klarzumachen, daß jeder Diskurs nur eine mögliche, kontingente Rekonstruktion der Wirklichkeit ist, nie aber die Wirklichkeit selbst.

 Tags:
Aussagevorgang  Aktantenmodell    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com