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Ideologie und theorie
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Reflexion und Diskurs


Ambivalenz, Dialektik und Reflexivität hängen insofern eng zusammen, als die Erkenntnis der Ambivalenz für das Aussagesubjekt zum entscheidenden Anlaß werden kann, die beiden entgegengesetzten Terme aufeinander zu beziehen und über die eigene Position zwischen den Extremen nachzudenken. Als konkretes Modell sei nochmals der Nexus zwischen


Ideologie und Theorie erwähnt, der hier immer wieder thematisiert wurde: Das Aussagesubjekt, das seine Ambivalenz undialektisch negiert und versucht, den einen Pol ohne den anderen, die Ideologie ohne die Theorie zu denken, verfällt dem Naturalismus. Die Erkenntnis der Ambivalenz hingegen regt zur Reflexion über die eigenen diskursiven Verfahren und Wertsetzungen an. Die Frage nach der eigenen Ideologie — im allgemeinen und restriktiven Sinne — wird nicht mehr umgangen, sondern zum Gegenstand der Reflexion gemacht. Im neunten Kapitel sollte gezeigt werden, daß die Theorie global über ihren ideologischen Ursprung und ihre ideologischen Verfahren nachdenken kann. Im vorigen Kapitel wurde die Affinität zwischen Ambivalenz, Ironie und Reflexion aufgezeigt: „Ironie ist: einen Klerikalen so darzustellen, daß neben ihm auch ein Bolschewik getroffen ist. Einen Trottel so darzustellen, daß der Autor plötzlich fühlt: das bin ich ja zum Teil selbst." (Musil) Diese Art von Ironie hat nichts mit den negativen Konnotationen der Ideologie zu tun, die den Gegner in Verruf bringen sollen; auch nicht mit dem plumpen Versuch, heterogene Größen im Indifferenzzusammenhang aufeinander zu reduzieren. Die von Musil angedeutete Verwandtschaft zwischen Bolschewiken und Klerikalen, die der ideologische Dualismus verdeckt, darf nicht über die qualitative Differenz, die gerade den Soziologen interessiert, hinwegtäuschen: ebensowenig wie die Erkenntnis, daß es Affinitäten zwischen dem Sozialismus und dem Faschismus der zwanziger Jahre gab, die propagandistische Kurzschlußformel „Sozialfaschismus" rechtfertigen darf, die die Kommunisten gegen die Sozialdemokraten ins Feld führten. Die Ambivalenz ist eng mit der dialektischen Reflexion verknüpft, weil sie im Gegensatz zu Ideologie und Propaganda die Spannung zwischen den gegensätzlichen Termen erhält und den „Kurzschluß" sorgfältig meidet. Die dialektische Theorie hat dafür zu sorgen, daß „Theorie" nicht auf „Ideologie" („wissenschaftliche Ideologie", Lenin), „Sozialismus" nicht auf „Faschismus" reduziert wird. Kritische Reflexion bezieht ihre Kraft aus der Spannung, die zwischen den beiden Polen herrscht. „Vor Mißbrauch wird gewarnt", schreibt Adorno in den Minima Moralia: „Die Dialektik ist in der Sophistik entsprungen, ein Verfahren der Diskussion, um dogmatische Behauptungen zu erschüttern und, wie die Staatsanwälte und Komiker es nannten, das mindere Wort zum stärkeren zu machen."1 Es gilt zu verhindern, daß sie wieder der Sophistik anheimfällt, die die Propagandisten und Ideologen mit Erfolg einsetzen, weil ihnen die Werte, die sie vertreten, letztlich gleichgültig sind.


Reflexion reflexiv
Es genügt nicht, in dem hier entworfenen Zusammenhang die Reflexivität der Theone als Alternative zum ideologischen Naturalismus und zum Monolog zu postulieren; denn auch Reflexivität als theoretisches Kriterium ist keine Selbstverständlichkeit oder Notwendigkeit, die sich gleichsam von selbst allen [ ... ]
Selbstreflexion des Diskurses
'Reflexion" wurde bisher vorwiegend im Zusammenhang mit Begriffen wie 'Selbstbewußtsein", 'Kontemplation" und 'Distanz" beschrieben. Dies mag der Grund sein, weshalb Gadamer im Anschluß an Dilthey und Kant von der These ausgeht, daß Reflexion eher im ästhetischen als im theoretischen Bereich verwirk [ ... ]
Sozio-linguistische Situation, Soziolekt, Institution
Im siebenten Kapitel schlug ich den Begriff der 'sozio-linguistischen Situation" als Alternative zu Habermas' 'idealer Sprechsituation" vor, um auf die Tatsache aufmerksam zu machen, daß ideologische Interessen und Standpunkte sich in den Diskursen der Umgangssprache und der Sozialwissenschaften sel [ ... ]
Relevanz, Klasse, Definition
Luis J. Prieto definiert 'Relevanz" ('pertinence") als den Standpunkt, von dem aus ein Subjekt die Wirklichkeit, das Objekt, betrachtet und erfaßt. Es handelt sich bei Prieto allerdings — wie schon bei Gouldner — um ein Kollektivsubjekt oder um ein individuelles Subjekt, das einer Gruppe angehör [ ... ]
Aussagevorgang und Aktantenmodell
Im siebenten und achten Kapitel hat sich immer wieder gezeigt, daß das ideologische oder theoretische Aussagesubjekt nicht nur klassifiziert und definiert, sondern eine mehr oder weniger zusammenhängende 'Geschichte" erzählt, die soziologischen, psychologischen, historischen oder juristischen Charak [ ... ]
Objektkonstruktion: Subjekt und Objekt
Ideologie wurde im achten Kapitel als ein Diskurs definiert, der sich als narrative Struktur implizit oder explizit mit seinen Gegenständen, mit der Wirklichkeit, identifiziert. Sein Aussagesubjekt will nicht zugeben, daß es ein mögliches Modell der Wirklichkeit, ein sekundäres modellierendes System [ ... ]




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