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Ideologie und theorie
Noch in den siebziger Jahren, als die Ereignisse des Jahres 68 im politischen und der „Positivismusstreit" im wissenschaftlichen Bereich die Gemüter erregten, hätte der Titel dieses Kapitels auf manch
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Niedergang und Ãœberwindung der Ideologie



Mannheims und Habermas' Einstellung zur Ideologie und zum Ideologiebegriff erklärt sich z. T. aus ihrer Kritik des Marxschen Klassenbegriffes, den beide — obwohl aus verschiedenen Gründen — für unzulänglich halten. Beide gehen davon aus, daß die Ideologie als Symptom der Klassengesellschaft allmählich von der Technik, der Technologie und der Wissenschaft verdrängt wird. Für beide ist schließlich eine ablehnende Haltung der technologischen Vernunft charakteristisch, die Mannheim mit der Sachlichkeit und Habermas mit der Verdinglichung und der Herrschaft über Natur und Lebenswelt in Beziehung setzt.

      Der Gedanke, daß die Ideologie allmählich von Technik und 'Sachlichkeit" abgelöst wird, tritt am Ende des 4. Kapitels von Ideologie und Utopie in den Vordergrund. Es ist ein Gedanke, der eine Brücke von der Wissenssoziologie zu Brochs Romantrilogie Die Schlafwandler schlägt, und dort vor allem zum dritten Roman Huguenau oder die Sachlichkeit. Vom gewissenlosen und wertindifferenten Geschäftsmann Huguenau, der zum Protagonisten des letzten Romans der Trilogie wird, heißt es bei Broch: 'Bloß Huguenau ist der wahrhaft .wertfreie' Mensch und damit das adäquate Kind seiner Zeit."

   Das Won 'adäquat" enthält ein Werturteil, dem sich Karl Mannheim anzuschließen scheint, wenn er über das Verhältnis von trockener Wissenschaftlichkeit einerseits und Ideologie und Utopie andererseits bemerkt: 'Weitgehend ist diese sich ankündigende Trockenheit' zu bejahen als einziges Mittel, die Gegenwart zu beherrschen, weitgehend zu bejahen als eine Transformation der Utopie zur Wissenschaft, als eine Destruktion der verlogenen und mit unserer Seinswirklichkeit sich nicht in Deckung befindenden Ideologien." Der von Mannheim diagnostizierte Ãœbergang von der Utopie zur Wissenschaft entspricht innerhalb der Brochschen Romantrilogie dem Ãœbergang vom zweiten zum dritten Roman: von Esch, dem utopischen Anarchisten, zum sachlichen, wertfreien Geschäftsmann Huguenau, der in Brochs fiktionaler Welt das Geld, den wertindifferenten Tauschwert symbolisiert. Beide Texte antizipieren Daniel Beils bekannte These über das Ende der Ideologien, die aus der Ãœberlegung hervorgeht, daß die Probleme moderner Industriegesellschaften jenseits der Ideologie strukturell-funktional gelöst werden.
     
   Anders als Bell, aber ähnlich wie der Wertphilosoph und Idealist Broch, kann sich Mannheim mit dieser neuen Sachlichkeit als Wertindifferenz und Wertfreiheit nicht ohne weiteres abfinden. Sein Einverständnis mit der modernen Entwicklung schränkt er wieder ein, wenn er hinzufügt: 'Wer sieht nicht, daß an dieser immer größer werdenden Spannungslosigkeit die politische Aktivität, die wissenschaftliche Intensität, der bisher überwenige Gehalt des Lebens immer mehr erlöschen?" Am Ende des vorletzten Kapitels von Ideologie und Utopie heißt es dann unmißverständlich, 'daß aber die völlige Destruktion der Seinstranszendenz zu einer Sachlichkeit führt, an der der menschliche Wille zugrunde geht." Antipiziert wird hier einerseits Habermas' Theorem über die Verdinglichung, andererseits Althus-sers bekannte These, daß die Ideologie die Individuen zu Subjekten macht, die Habermas nicht berücksichtigt.
      Die Verdrängung der Ideologien durch Technik, Sachlichkeit und Wissenschaft wird sowohl in Technik und Wissenschaft als,Ideologie'als auch in der Theorie des kommunikativen Handelns thematisiert. Klarer und eindeutiger als Mannheim geht Habermas in dem 1968 erschienenen Aufsatz von der Grundannahme aus, daß Technik und Wissenschaft die traditionellen Ideologien des 19. Jahrhunderts verdrängt haben und selbst zu Ideologien 'technokratischer" Provenienz geworden sind: 'Denn nunmehr ist die erste Produktivkraft: der in Regie genommene wissenschaftlich-technische Fortschritt selber zur Legitimationsgrundlage geworden. Diese neue Legitimationsform hat freilich die alte Gestalt von Ideologie verloren."ls
Konsequent entwickelt er diese These weiter und versucht, in der Theorie des kommunikativen Handelns zu erklären, wie die Interaktion zwischen den zweckrational gesteuerten, von Geld und Machtstreben beherrschten Subsystemen der Gesellschaft einerseits und der auf kommunikative Verständigung angewiesenen Lebenswelt andererseits ohne den ideologischen Faktor funktioniert. Als falsch erweist sich dabei die Annahme, daß die zweckrational und wertfrei funktionierenden Subsysteme den ideologischen Faktor durch Technisierung und Verwissenschaftlichung einfach eliminieren und 'daß die Konkurrenz zwischen Formen der System- und der Sozialintegration offen hervortritt." — Dies geschieht jedoch deshalb nicht, weil die alten Ideologien durch ein neues 'falsches" Bewußtsein, nämlich durch Aas fragmentierte Alltagsbewußtsem, ersetzt werden, das einer Erkenntnis des Gesamtzusammenhangs und vor allem des Verhältnisses von Systemen und Lebenswelten im Wege steht: 'An die Stelle des falschen tritt heute das fragmentierte Bewußtsein, das der Aufklärung über den Mechanismus der Verdinglichung vorbeugt."

   Habermas' Argumente, die den Niedergang der Ideologien und die Fragmentierung des Alkagsbewußtseins, eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Koionialisierung der Lebenswelt durch die Subsysteme, plausibel machen sollen, sind allerdings außerordentlich vage und spekulativ. Sie bilden wahrscheinlich eine der schwächsten Stellen der Theorie des kommunikativen Handelns, zumal in diesem umfangreichen Text die Ideologieproblematik auf drei Seiten abgehandelt wird. Die Passage, die den Ãœbergang vom ideologischen zum fragmentierten Bewußtsein erläutern soll, lautet: ' So könnte das gesuchte Äquivalent zu den nicht mehr verfügbaren Ideologien einfach darin bestehen, daß das in totalisierter Form auftretende Alltagswissen diffus bleibt, jedenfalls das Artikulationsniveau gar nicht erst erreicht, auf dem Wissen nach Maßstäben der kulturellen Moderne allein als gültig akzeptiert werden kann. Das Alitagsbewußtsein wird seiner synthetischen Kraft beraubt, es wird fragmentiert."
Diese Argumente überzeugen nicht, zumal auch noch nach dem Erscheinen des hier zitierten Werkes ökologische, nationalistische , feministische, marxistische, trotzkistische und falangistische Ideologien in Westeuropa den Alltag beherrschen. Die von Habermas ganz zu Recht thematisierte Zersplitterung des Alkagsbewußtseins ist selbst ein eminent ideologischer Prozeß: Es ist eher so, daß die Anzahl der einander befehdenden Ideologien seit der Jahrhundertwende drastisch zugenommen hat und daß die Ideologie als Einzelerscheinung an Bedeutung verliert.
      In diesem und den folgenden Kapiteln soll deshalb gezeigt werden: 1. daß Habermas voreilig Beils These über den Niedergang der Ideologien übernimmt; 2. daß er ganz zu Unrecht den ideologischen Faktor vernachlässigt, indem er ihn aus seiner Kommunikationstheorie ausklammert; 3. daß Technik und Naturwissenschaft als Diskurse oder Verfahren nicht ideologisch sind, sondern lediglich im Rahmen ideologischer Diskurse für ideologische Zwecke eingesetzt werden können; 4. daß in der modernen Gesellschaft der Gegensatz zwischen dem wertorientierten ideologischen Dualismus und der Wertindifferenz des Tauschwerts zentral ist. Dieser Gegensatz überschneidet sich nur teilweise mit dem zwischen Systemen und Lebenswelten, zumal gezeigt werden kann, daß der Konflikt zwischen Ideologie und Tauschwert auch in der Verwaltung eine entscheidende Rolle spielt.

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