Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Noch in den siebziger Jahren, als die Ereignisse des Jahres 68 im politischen und der „Positivismusstreit" im wissenschaftlichen Bereich die Gemüter erregten, hätte der Titel dieses Kapitels auf manch
Index
» Ideologie und theorie
» Jenseits der Ideologie: „freischwebende Intelligenz" und „ideale Sprechsituation"
» Kommunikatives und naturwissenschaftliches Denken

Kommunikatives und naturwissenschaftliches Denken



Dem Gegensatz zwischen ideologisch-wertrationalem und technisch-zweckrationalem Denken und Handeln, der den gemeinsamen Nenner von Wissenssoziologie und Habermas' Kommunikationstheorie bildet, entspricht der in der deutschen soziologischen und hermeneutischen Tradition der Zwischenkriegszeit dominierende Gegensatz zwischen der geisteswissenschaftlichen und der naturwissenschaftlichen Methode. Im Anschluß an Wilhelm Dilthey hat wohl Max Scheler diesen Gegensatz im soziologischen Kontext am klarsten hervorgehoben; und da sich sowohl Mannheim als auch Habermas an entscheidenden Stellen auf Diltheys Hermeneutik berufen, erscheint die Annahme legitim, daß der gemeinsame Ursprung der wissenssoziologischen und der Habermasschen Wissenschaftstheorie in dieser Hermeneutik zu suchen ist.
      Fünf wesentliche Gedanken der Hermeneutik begründen bei Mannheim und Habermas die Methodologie der Sozialwissenschaften: 1. Während die Naturwissenschaften auf die Quantität und das Quantifizieren ausgerichtet sind und letzteres zu einem der Maßstäbe ihrer Anwendbarkeit machen, haben es die Sozialwissenschaften mit Qualitäten und qualitativen Unterschieden zu tun. 2. Während in den Naturwissenschaften eine Trennung von Subjekt und Objekt grundsätzlich durchführbar ist, ist in den Sozialwissenschaften das Subjekt mit seinem Objekt identisch: Das Objekt ist ein 'Ko-subjekt", auf das das deutende, interpretierende Subjekt dialogisch, kommunikativ reagiert.
      3. Insofern kann behauptet werden, daß die Naturwissenschaften einen strategisch-instrumentellen Charakter haben , während die Sozialwissenschaften von der kommunikativen Einstellung des Forschers charakterisiert werden.
      4. Aus der Subjekt-Objekt-Identität und der kommunikativen Einstellung ergibt sich der nicht-kumulative Charakter der Sozialwissenschaften, der vor allem von Mannheim mit dem systematisch-kumulativen Verfahren der Naturwissenschaften kontrastiert wird.
      5. Der hermeneutisch-kommunikative Charakter der Sozialwissenschaften macht sowohl bei Mannheim als auch bei Habermas eine reflexive und selbstreflexive Einstellung des Wissenschaftlers zu einer der Grundvoraussetzungen soziologischer Forschung.
      Reflexivität und Kommunikativität hängen sowohl bei Mannheim als auch bei Scheler sehr eng zusammen. In Mannheims bekanntem Buch Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus wird klar, daß der Autor die reflexive Rationalität für eine höhere Form des Denkens hält, als die objektgerichtete ratio der Technik und der Naturwissenschaften: 'Normalerweise lebt der Mensch stets auf die Sachen ausgerichtet, die er handhaben, ändern, formen will, nicht aber auf sein Selbst. Sein eigenes Funktionieren bleibt hierbei unbeobachtet." — Einige Seiten weiter tritt die Affinität zu Habermas' Theorie der Erkenntnisinteressen noch deutlicher in Erscheinung, weil dort nicht zu Unrecht behauptet wird, die Steigerung der 'funktionellen" Rationalität habe kein symmetrisches Anwachsen der reflexiven oder kommunikativen Rationalität mit sich gebracht. Mannheim erblickt in dieser Dys-symmetrie einen der Grundwidersprüche der Moderne: 'Die steigende Industrialisierung begünstigt mit Notwendigkeit freilich nur die funktionelle Rationalität, d. h. die Durchorganisierung der Verhaltensweisen der Mitglieder einer Gesellschaft in bestimmten Gebieten. Sie fördert aber keineswegs im gleichen Maße die substantielle Rationalität', d. h. die Fähigkeit, aus einer gegebenen Situation heraus auf Grund eigener Einsicht in die Zusammenhänge urteilsfähig zu handeln." Schließlich spricht der Autor von der 'urteilslähmende Wirkung der funktionellen Rationalisierung".
     
   Diese negative Einschätzung der technisch-instrumentellen Rationalität tritt schon in Max Schelers Buch Die Wissensformen und die Gesellschaft mit aller Deutlichkeit in Erscheinung. Dort wird darüber hinaus die Philosophie im Anschluß an eine Kritik des 'Technizismus" von der positiven Wissenschaft, der Naturwissenschaft, getrennt. Diese Trennung wird durch die nicht-instrumentelle, die dialogische oder kommunikative Orientierung der Philosophie gerechtfertigt: Ja, das ist gerade ein Wesensunterschied der Philosophie von der positiven Wissenschaft, daß erstere nicht bedingt ist durch das Prinzip der möglichen technischen Zielsetzung, daß sie ferner die ,Formen' des Denkens, Anschauens und die ihnen entsprechenden Seinsformen, in denen die Wissenschaft denkt und in denen stehend sie ihre Gegenstände fertig vorfindet, ihrerseits vielmehr zum Gegenstand eines ,reinen' Wissens macht und dazu ihren Ursprung prüft." — Wie in Habermas' Diskurstheorie werden bereits hier Reflexivität und Kommunikativität zu Unterscheidungsmerkmalen der Geistes- und Sozialwissenschaften.
      Hans Albert hat also durchaus recht, wenn er Habermas' Theorie der Erkenntnisinteressen und vor allem seine Unterscheidung zwischen einem technisch-strategischen und einem kommunikativen Erkenntnisinteresse aus Schelers Wissenssoziologie ableitet: 'Diese Auffassung enthält zwar Elemente marxistischen Denkens, aber sie kann mit einigem Recht als eine Reformulierung der Lehre von den Wissensformen angesehen werden, die Max Scheler in den 20er Jahren entwickelt hatte." Es geht hier keineswegs darum, Habermas' Theorie der Erkenntnisinteressen durch eine Annäherung an Scheler zu diskreditieren, sondern darum, den Vergleich zwischen Mannheim und Habermas mit dem Argument zu begründen, daß die Wissenschaftstheorien beider Autoren teilweise aus den Philosophien Diltheys und Schelers ableitbar sind.
      Wenn Habermas etwa in Erkenntnis und Interesse behauptet, 'wie das instrumentale Handeln selbst, so ist auch der ihm integrierte Sprachgebrauch monologisch"27, so faßt er einen der Grundgedanken der deutschen Hermeneutik zusammen, der in der Wissenssoziologie in die Ãœberlegung ausmündet, daß die Sozialwissenschaften nicht monologisch-systematisch Wissen akkumulieren, sondern sich als 'standortgebundene" und ideologische Denkformen dialogisch um historische Synthesen bemühen sollten. Für sie ist nicht das 'additive" Verfahren der Naturwissenschaften, sondern das kommunikativ synthetisierende, weil perspektivisch gebundene Erkennen charakteristisch: 'Nur wenn Wesenswissen techmzistisches, kumulatives Wissen wäre, wäre eine solche Addierung möglich. Scheler selbst rechnet Wesenswissen zu den an Kultursubjekte gebundenen Erkenntnissen; ist dies aber der Fall, so ist unseres Erach-tens allein ein perspektivisches Erfassen vergangener Wesenheiten möglich, ein Erfassen, das sowohl durch unseren historisch-existentiell determinierten Standon wie durch unsere Systematisierungsaxiomatik bedingt ist."

   An dieser Stelle drängt sich die Frage nach der Bedeutung der Kommunikation für die Ideologieproblematik auf. Sowohl für Mannheim als auch für Habermas gilt: Die ideologischen Zwänge, der ideologische Partikularismus und die ideologische Unmittelbarkeit sollen durch kommunikative Synthese oder im kommunikativen Konsens überwunden werden. Allerdings hat sich schon gezeigt, daß die beiden Autoren den Ideologiebegriff auf verschiedene Erscheinungen anwenden: Während Mannheim noch den traditionellen Ideologiebegriff meint, geht es Habermas um Kritik und Ãœberwindung technokratischer 'Ideologien", die sich als 'reine Technik" oder 'reine Wissenschaft" verkleiden, wobei Probleme der 'Lebenswelt" auf strategisch-technische Aufgaben reduziert werden. 'In Gestalt des technokratischen Bewußtseins erzeugen Technik und Wissenschaft heute ideologische Begleiteffekte", heißt es in Zur Rekonstruktion des historischen Materialismus29.
      In beiden Fällen geht es jedoch darum — und dies ist hier entscheidend —, gesellschaftliche Gegensätze und Konflikte primär kommunikativ zu überwinden. Dieser Versuch, soziale Antagonismen nicht länger praktisch-revolutionär, sondern dialogisch zu meistern, geht logisch aus der Kritik am Marxschen Klassenbegriff hervor, den beide Autoren relativieren. Da ich in der vorliegenden Arbeit ebenfalls für eine kommunikative Lösung ideologischer und theoretischer Widersprüche plädiere, soll im folgenden gezeigt werden, wie in der Wissenssoziologie und bei Habermas ideologische Barrieren und Herrschaftsformen durch 'Kultursynthese" und 'Konsens" überwunden werden.
     

 Tags:
Kommunikatives  naturwissenschaftliches  Denken    




Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com