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Ideologie und theorie
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Jenseits der Ideologie: „freischwebende Intelligenz" und „ideale Sprechsituation"


Noch in den siebziger Jahren, als die Ereignisse des Jahres 68 im politischen und der „Positivismusstreit" im wissenschaftlichen Bereich die Gemüter erregten, hätte

der Titel dieses Kapitels auf manche wie ein rotes Tuch gewirkt; bestenfalls hätte er den Verdacht geweckt, daß hier kritische Positionen revidiert oder gar entschärft werden sollen. Marxistische und kritisch-theoretische Arbeiten über Mannheim und die Wissenssoziologie, die Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre erschienen, könnten als Abgrenzungsversuche gelesen werden, in denen es vornehmlich darauf ankommt, eine Kontaminierung der Marxschen Lehre oder der Kritischen Theorie durch die Wissenssoziologie auszuschließen. Charakteristisch für diese Art der Auseinandersetzung sind die beiden Publikationen von Arnhelm Neusüß {Utopisches Bewußtsein und freischwebende Intelligenz, 1968) und Kurt Lenk (Marx in der Wissenssoziologie, 1972). In beiden wird — größtenteils zu Recht — die unaufhebbare Differenz zwischen Marx und Mannheim hervorgehoben. Dabei knüpfen sie an Max Horkheimers z. T. berechtigten Vorwurf an, Mannheim habe die Auseinandersetzungen zwischen Weltanschauungen (Ideologien) von den materiellen Interessen der Gruppen abgekoppelt und dadurch einen neuen historisierten Idealismus ins Leben gerufen: „Für ihn gibt es die gemeinen Kämpfe des geschichtlichen Alltags und daneben auch die Gegensätze der ,Weltanschauungssysteme'. Merkwürdig freilich ist, daß dabei jede der kämpfenden Gruppen eines dieser Systeme — man weiß nicht warum — ergriffen hat und an ihm festhält."' Das von Horkheimer bis Neusüß und Lenk gegen Mannheim gerichtete Argument lautet, er habe das konkrete sozio-ökonomische Sein, auf das sich Marxens Ideologiekritik bezieht, in ein allgemeines Sein verflüchtigt und der geistigen Sphäre assimiliert. „Diese Spiritualisierung endet schließlich bei einer Bestimmung des Unterbaus als einer besonderen Form des Geistigen", schreibt beispielsweise Lenk.


Mannheim und Habermas
Die letzten Zeilen bezeichnen nicht nur die Differenz zwischen der späten Kritischen Theorie und der Wissenssoziologie, sondern auch die zwischen dieser und Habermas. Die freischwebende Intelligenz Mannheims soll nicht als Statthalterin eines integrierten revolutionären Subjekt die Negativität der v [ ... ]
Kritik des Klassenbegriffs
Sowohl Mannheim als auch Habermas rücken ab vom marxistischen Gegensatz zwischen Bürgertum und Proletariat und suchen nach Relevanzkriterien, die jenseits des Klassenkampfes und des Klassenkampfdenkens liegen. Schon deshalb sollte man darauf verzichten, ihre Theorien als 'marxistisch" zu bezeichnen. [ ... ]
Niedergang und Ãœberwindung der Ideologie
Mannheims und Habermas' Einstellung zur Ideologie und zum Ideologiebegriff erklärt sich z. T. aus ihrer Kritik des Marxschen Klassenbegriffes, den beide — obwohl aus verschiedenen Gründen — für unzulänglich halten. Beide gehen davon aus, daß die Ideologie als Symptom der Klassengesellschaft (des [ ... ]
Kommunikatives und naturwissenschaftliches Denken
Dem Gegensatz zwischen ideologisch-wertrationalem und technisch-zweckrationalem Denken und Handeln, der den gemeinsamen Nenner von Wissenssoziologie und Habermas' Kommunikationstheorie bildet, entspricht der in der deutschen soziologischen und hermeneutischen Tradition der Zwischenkriegszeit dominie [ ... ]
Kommunikation, Synthese und Konsens
In den folgenden beiden Abschnitten sollen Begriffe wie 'Kultursynthese" (Mannheim) und 'herrschaftsfreie Kommunikation" (Habermas) ausführlicher besprochen werden. Daher kann die Darstellung dieser vierten und letzten Gemeinsamkeit, die die Wissenssoziologie mit Habermas' Kommunikationsethik verbin [ ... ]
Freischwebende Intelligenz und Kultursynthese
In den Diskussionen über Mannheims Begriff der freischwebenden Intelligenz wird allzu häufig übersehen, daß dieser nicht nur, wie Kurt Lenk richtig bemerkt, das Streben nach einer Synthese der damaligen deutschen Soziologie ausdrückt34, sondern daß er aus der Theorie Alfred Webers hervorging und in [ ... ]
Lebenswelt und herrschaftsfreie Kommunikation
Im ersten Teil dieses Kapitels hat sich bereits herausgestellt, daß Habermas, ähnlich wie Mannheim, obwohl aus anderen Gründen, dazu neigt, den ideologischen Faktor zu 'neutralisieren" und sich eine Gesellschaftsordnung vorzustellen, in der Ideologien durch Systemzwänge und die Zersplitterung der 'L [ ... ]
Epilog: Von Habermas zu Bourdieu
Im vorigen Abschnitt sollte u. a. gezeigt werden, welche Folgen die Ãœberbetonung des sozialen Konsensus sowie die Abkoppelung der Kommunikation als 'kooperativer Wahrheitssuche" von den Realfaktoren gesellschaftlichen Umgangs haben können. Pierre Bourdieu, der, wie sich herausstellen wird, eher die [ ... ]


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