Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Noch in den siebziger Jahren, als die Ereignisse des Jahres 68 im politischen und der „Positivismusstreit" im wissenschaftlichen Bereich die Gemüter erregten, hätte der Titel dieses Kapitels auf manch
Index
» Ideologie und theorie
» Jenseits der Ideologie: „freischwebende Intelligenz" und „ideale Sprechsituation"
» Epilog: Von Habermas zu Bourdieu

Epilog: Von Habermas zu Bourdieu



Im vorigen Abschnitt sollte u. a. gezeigt werden, welche Folgen die Ãœberbetonung des sozialen Konsensus sowie die Abkoppelung der Kommunikation als 'kooperativer Wahrheitssuche" von den Realfaktoren gesellschaftlichen Umgangs haben können. Pierre Bourdieu, der, wie sich herausstellen wird, eher die Macht- und Herrschaftsverhältnisse im Bereich der sozialen Kommunikation in den Vordergrund rückt, müßte Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns eher als eine Konsens-Ideologie im Sinne von Grei-mas/Courtes auffassen.

      Unabhängig von Bourdieu haben in der Vergangenheit Kritiker des Habermasschen Ansatzes die Konsens-Orientierung der Theorie des kommunikativen Handelns als Bestandteil einer nicht näher charakterisierten Ideologie in Frage gestellt. Auch Jefferey Alexander zweifelt — zumindest implizit — an der von Habermas vorgeschlagenen sauberen Trennung von Verständigung und Strategie, von Konsens und Konflikt: 'Bei der Gleichsetzung Kommunikation = Einverständnis ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Der in sie gesetzten ideologischen Hoffnungen beraubt, bedarf die Kommunikation als Kommunikation nicht der Kooperation. Ebensowenig beinhalten Konflikt und Strategie notwendig einen Mangel an Verständigung."

   Die 'Ideologie", die Habermas' Kommunikationstheorie zugrunde liegt, ist der Karl Mannheims nicht unähnlich: Sie geht wie die Wissenssoziologie von dem Gedanken an eine Synthese, einen Konsens aus und verknüpft diesen Konsens mit dem Konzept einer gemeinschaftlich organisierten Lebenswelt, die als Alternative zu den von Macht und Geld beherrschten Subsystemen erscheint. Der Gegensatz Lebenswelt/System knüpft bekanntlich an eine lange Tradition in der deutschen Soziologie an, die von einer Reihe solcher Gegensätze strukturiert wird: Gemeinschaft / Gesellschaft , Kultur/Zivilisation , Wertrational/Zweckrational , konjunk-tives/kommunikatives Denken .
      Wie sehr nicht nur Habermas, sondern auch Lucien Goldmann, der die 'communaute humaine" zum Telos der Geschichte macht, an diese Tradition und vor allem an den Begriff der Gemeinschaß anknüpft, zeigt ein Text des frühen Mannheim: 'Die Kulturgemeinschaft ist aber die umfassendste Erweiterung einer konkreten, konjunktiven Erfahrungsgemeinschaft, die wir bisher kennen. Ob die Menschheit als solche jetzt oder jemals zu einer konjunktiven Erfahrungsgemeinschaft werden kann, bleibe hier dahingestellt."
Pierre Bourdieu begeht nun im Hinblick auf diese soziologische Tradition, mit der er gründlich vertraut ist, ein Sakrileg: Gerade die Kultur erscheint ihm als ein Schlachtfeld, auf dem sich Interessenverbände bekämpfen, auf dem bestimmte Gruppen schwer zugängliches symbolisches Kapital akkumulieren und in hermetischen 'Sprachspielen" kommunizieren, deren Marktwert durch ihre Exklusivität potenziert wird. Sprache und Bildung erscheinen in diesem Zusammenhang als Güter, die man sich aneignet: nicht so sehr um mit anderen zu kommunizieren, sondern um soziale Positionen zu erkämpfen, die nicht käuflich zu erwerben sind.
      Wichtig ist bei Bourdieu der Nexus zwischen den Marktmechanismen, der Herrschaft und der Legitimierung der Herrschaftsverhältnisse: 'Weil die Aneignung der Kulturgüter Anlagen und Kompetenzen voraussetzt, die ungleich verteilt sind , bilden diese Werke den Gegenstand einer exklusiven Aneignung, und weil ihnen die Funktion von kulturellen Kapital zukommt, sichern sie einen Gewinn an Distinktion — und einen Gewinn an Legitimität, den Gewinn überhaupt, der darin besteht, sich so, wie man ist, im Recht, im Rahmen der Norm zu fühlen.",0* — Entscheidend sind hier die beiden Begriffe 'Distinktion" und 'Legitimität", die auf das Funktionieren der 'intellektuellen Felder" und den 'Habitus" verweisen.
      Die 'Felder" sind relativ geschlossene Systeme und werden von Leuten beherrscht, die die institutionalisierten Spielregeln dieser Systeme — etwa der Religion, der Kunst, der Wissenschaft — beherrschen. Der Neuankömmling hat diese Spielregeln zu lernen und zu respektieren, wenn er in seinem 'champ intellectuel" reüssieren will: Er muß sich einen bestimmten 'Habitus" aneignen, etwa den Habitus des wissenschaftlichen Argu-mentierens, ohne den sein Verhalten nicht als legitim anerkannt wird. Da jedoch, wie Bourdieu sagt, Anlagen und Kompetenzen ungleich verteilt sind, ist der Zugang zu den diversen kulturellen Feldern durch die Klassenzugehörigkeit von Individuen und Gruppen bedingt.
      Entscheidend in dem hier konstruierten Kontext sind nun zwei Ãœberlegungen: 1. daß es auch einen 'sprachlichen Markt" gibt und 2. daß dieser Markt in 'Felder" unterteilt werden kann, in denen die Sprache als von Individuen erworbenes 'symbolisches Kapital" funktioniert. Besonders hebt Bourdieu die Tatsache hervor, daß sprachliche Kommunikation nie im Vakuum, sondern im Rahmen von institutionalisierten Herrschaftsverhältnissen vor sich geht. Marktposition und Klassenzugehörigkeit entscheiden darüber, ob der Einzelne überhaupt in die Lage versetzt wird, sich 'sprachliches Kapital" und damit Zugang zu den 'Feldern" Wissenschaft, Politik, Recht oder Literatur zu verschaffen.
      Anders als Habermas, der bestrebt ist, die 'kommunikative Kompetenz" des Individuums als Universalkategorie aus den kontingenten gesellschaftlichen Verhältnissen herauszuheben, kritisiert Bourdieu Chomskys abstrakten und idealistischen Ansatz, indem er zu zeigen versucht, wie Kommunikation in den von Marktgesetzen und Klasseninteressen beherrschten 'Feldern" abläuft: 'Allgemein gefaßt unterscheidet sich der sprachliche Habitus von einer Kompetenz Chomskyscher Prägung dadurch, daß er aus gesellschaftlichen Verhältnissen hervorgeht und dadurch, daß er nicht einfach eine Produktion von Diskursen ist, sondern Produktion eines Diskurses für eine bestimmte ,Situation' oder genauer für einen bestimmten Markt oder ein Feld."
Im Gegensatz zu Habermas, der durch die Trennung von Kompetenz und Performanz die Scheidung der idealen von der realen Sprechsituation plausibel machen möchte , will Bourdieu zeigen, daß die Kompetenz selbst partikular, klassenspezifisch ist; und um idealistische Mißverständnisse zu vermeiden, schlägt er konsequent vor, wir sollten den Kompetenz-Begriff durch den des 'linguistischen Kapitals" ersetzen: 'Dies führt dazu, daß man den Begriff der Kompetenz durch den des linguistischen Kapitals ersetzt." Dies bedeutet, daß Habermas nur deshalb die von ihm imaginierte 'ideale Sprechsituation" auf einer Universalkompetenz der Beteiligten fundieren kann, weil er wie Chomsky auf kantianische An vom gesellschaftlichen Kontext abstrahlen. Die Kompetenz ist jedoch stets als soziales Faktum zu denken.
      In diesem Punkt überschneidet sich Bourdieus Betrachtungsweise mit meiner eigenen: In beiden Fällen wird behauptet, daß die sprachliche Problematik nur in spezifischen gesellschaftlichen Kontexten untersucht werden kann. Während Bourdieu aber ausschließlich die Funktionen der Diskurse in 'Feldern" und Institutionen anvisiert, geht es in der Textsoziologie auch um die Struktur der Diskurse und um die Frage, wie sich kollektive, ideologische Interessen im semantischen und narrativen Bereich niederschlagen.

     
Daß Bourdieu sich für die Diskursstruktur als solche nicht interessiert, geht klar aus seiner kurzen Kritik an Austins und Habermas' Sprechakttheorie in Ce que parier veut dire hervor: 'Dieses Prinzip liegt dem Irrtum zugrunde, der in seiner vollständigsten Form bei Austin vorkommt, wenn er meint, im Diskurs, d. h. in der eigentlich sprachlichen Substanz — wenn dieser Ausdruck gestattet ist — der Aussage, das Prinzip der Leistungsfähigkeit der Aussage zu finden." Dies ist insofern richtig, als Aussagen und Diskurse nur in bestimmten institutionalisierten Situationen wirken , in denen sich der Einzelne als kompetent erweist.
      Bourdieus Desinteresse an der Diskursstruktur selbst ist allerdings ein fataler Fehler: Er führt dazu, daß die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Diskurses ausgeblendet wird. Indem er die 'Felder" rein funktional als 'Spiele" oder 'Sprachspiele" gleichsam von außen betrachtet, hat er zwar die Möglichkeit, sie ihres Absolutheitsanspruchs zu entledigen und sie als partikulare oder gar esoterische Machtbereiche zu relativieren; er begibt sich aber der Möglichkeit, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, z. B. in der folgenden Passage: 'Deswegen sind Intellektuelle und Künstler hin- und hergerissen zwischen ihrem Interesse an kultureller Prosleytenmacherei, nämlich an der Eroberung des Marktes , und andererseits der ängstlichen Sorge um die Exklusivität ihrer Stellung im Kulturleben, die einzige objektive Grundlage ihrer Außergewöhnlichkeit ."llc
Nun ging es aber weder den Schriftstellern Kafka, Proust und Musil noch den Theoretikern Wittgenstein, Neurath oder Marx primär um die 'Eroberung des Marktes"; wohl auch nicht um irgendeine Exklusivität im Sinne der haute couture. Die objektive Grundlage ihrer Bedeutung ist in ihren Texten angelegt — die durchaus verschieden rezipiert werden können. Dies ist der Grund, weshalb die Textsoziologie es ablehnt, alle Diskurse zu Spracnspielen zu degradieren; weshalb sie an der Frage nach dem Wahrheitsgehalt festhält. Dies verbindet sie mit Adorno — und Habermas.
      2. These: Im theoretischen Bereich sind ideologische Konflikte nicht durch eine — wie auch immer geartete — revolutionäre Praxis zu überwinden, sondern nur im Dialog. Dieser kann jedoch nicht jenseits der Ideologien liegen: weder auf der Ebene der 'freischwebenden Intelligenz" noch auf der einer 'idealen Sprechsituation". Festzuhalten ist an Mannheims und Halbwachs' Postulat, daß der Dialog zwischen ideologischen Gruppen auf anderen Voraussetzungen gründet als der Dialog innerhalb einer Gruppe. Der Dialog als 'kooperative Wahrheitssuche" ist daher als Kommunikation zwischen ideologisch-theoretischen Gruppen zu verstehen, deren reflexive und dialogische Diskurse über die Ideologie hinausgehen. Aus dieser Definition des interkollektiven Dialogs, der den Begriff der Intersubjektivität ersetzen soll, wird im dritten Teil dieses Buches für die Sozialwissenschaften der Begriff der Interdiskursivität abgeleitet.

     

 Tags:
Epilog:  Von  Habermas  Bourdieu    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com