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Ideologie und theorie
Es dürfte einem Sozialwissenschaftler nicht leichtfallen, aus einem Schimpfwort wieder einen brauchbaren theoretischen Begriff zu machen. Dem Wort Ideologie haften nicht nur pejorative Bedeutungen an:
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Weltanschauung



Ähnlich wie zwischen Ideologie, Religion, Kultur und Mythos, können zwischen Weltanschauung und Ideologie häufig Interferenzen aufgezeigt werden. Einerseits ist oft von religiösen, metaphysischen oder philosophischen Weltanschauungen die Rede; andererseits wird der von Wilhelm Dilthey in die philosophische Diskussion eingeführte Begriff regelmäßig mit der Ideologie in Beziehung gesetzt oder gar als eine Variante der letzteren dargestellt.

      Für den Versuch, Weltanschauung als einen besonderen Typus des ideologischen Denkens zu definieren, ist eine Passage aus Jakob Barions Buch Was ist Ideologie} charakteristisch: 'Weltanschauung sieht von ihrem ideologischen Wahrheitsanspruch aus die Vertreter anderer Weltanschauungen als Feinde, da diese nach ihrer Meinung es verhindern, daß die Wahrheit sich unter allen Menschen durchsetzt. Weltanschauungskampf ist Kampf um die Alleinberechtigung einer Ideologie, er wird daher mit größter Erbitterung geführt und kennt keinen Kompromiß, weil die Wahrheit siegen muß."

   In dieser Darstellung erscheint die Weltanschauung als eine extreme Form der Ideologie, in der der Anspruch auf die totale Wahrheit besonders kraß zum Ausdruck kommt. Unbeantwortet bleibt die Frage, ob etwa die 'tragische Weltanschauung", die nach Luden Goldmann die Grundlage von Pascals Pensees bildet, auf derselben Ebene angegangen werden soll, wie die Ideologie des DGB, der CGT oder der CGIL. Auch hier zeigt sich, daß der Ideologiebegriff bisher nicht klar gegen die verwandten Begriffe seines semantischen Umfeldes abgegrenzt wurde; dies ist wohl der Grund, weshalb seine Beziehung zum Begriff der Weltanschauung nicht thematisiert werden konnte.
      Im Zusammenhang mit dem letzteren ist es wichtig, auf den Unterschied zwischen psychologisch-individualistischen und soziologischen Betrachtungsweisen und Definitionen hinzuweisen. Während es in den psychologischen Ansätzen in erster Linie um die Zuordnung bestimmter Weltbilder einigen idealtypisch konstruierten Lebenswelten geht, versuchen Kultursoziologen seit Karl Mannheim, Weltanschauungen funktional im Hinblick auf kollektive Orientierungen, Bedürfnisse und Interessen zu erklären.
      Sowohl Wilhelm Diltheys 'verstehende Psychologie" als auch Karl Jaspers' Psychologie der Weltanschauungen fassen das Weltbild als ein individuelles Konstrukt {Gehäuse, JasperS) auf, mit dessen Hilfe sich der Einzelne in der Wirklichkeit orientiert. Es ist sicherlich kein Zufall, daß bei Jaspers die Weltbilder vor allem auf das individuelle Erleben bezogen werden: 'das sinnlich-räumliche Weltbild", 'das seelisch-kulturelle Weltbild", 'das metaphysische Weltbild", etc. Dennoch ist Jaspers bestrebt, den Relativismus zu vermeiden; er geht deshalb vom Postulat eines 'allumfassenden Weltbildes" aus, in dem — wie Hegel sagen würde — alle individuellen Perspektiven -aufgehoben" sind: 'Das psychologische Denken befindet sich hier in einer Spannung: Einerseits ist jedes Weltbild, das der Mensch hat, eine individuelle Perspektive, ein individuelles Gehäuse, das als Typus, aber nicht als das absolut allgemeine Weltbild generalisiert werden kann. Andererseits setzen wir immer die Idee eines absoluten, allgemeingül-gen, allumfassenden Weltbildes, oder eines hierarchisch geordneten Systems der Weltbilder voraus."

   Im dritten Kapitel dieses Buches wird sich zeigen, daß das von Jaspers angeschnittene Problem eines 'allgemeingültigen Weltbildes" von Karl Mannheim, der die Psychologie der Weltanschauungen kannte, in einem soziologischen Kontext wieder aufgegriffen wird. Allerdings erscheint das 'allumfassende Weltbild", das der junge Jaspers kurz nach dem Ersten Weltkrieg in seiner Psychologie der Weltanschauungen noch für möglich hält, in Mannheims Ideologie und Utopie als ein äußerst prekäres Kon-strukt. Es wird sich immer wieder zeigen, daß die Frage nach dem übergreifenden System oder Weltbild die ideologiekritische Frage par excellence ist: Gibt es 'jenseits" der kontingenten Standpunkte einen 'notwendigen", nicht-kontingenten Standort?
Mannheims Betrachtungsweise unterscheidet sich von der psychologischen im wesentlichen dadurch, daß sie das Problem der Weltanschauung historisiert und auf eine kollektive Ebene projiziert. Die Weltanschauung wird nicht länger auf die psychischen Bedürfnisse des Einzelnen bezogen, sondern auf Gruppensituationen und Gruppeninteressen. In dieser Hinsicht deckt sich Mannheims Ansatz mit meinem eigenen.
      In Ideologie und Utopie erscheint 'Weltanschauung" als die allgemeinste Form der Ideologie, als 'totaler Ideologiebegriff" , der alle noetischen Kategorien des sprechenden Subjekts erfaßt und sich auf den sozio-historischen Standort des Subjekts und seiner Gruppe oder Schicht bezieht. In diesem Zusammenhang unterscheidet Mannheim zwei Ideologiebegriffe: den partikularen und den totalen: 'Während der partikulare Ideologiebegriff nur einen Teil der Behauptungen des Gegners — und auch diese nur auf ihre Inhaltlichkeit hin — als Ideologien ansprechen will, stellt der totale Ideologiebegriff die gesamte Weltanschauung des Gegners in Frage und will auch diese Kategorien vom Kollektivsubjekt her verstehen."

   Den beiden Ideologiebegriffen Mannheims entsprechen zwei methodologische Ebenen: Während die Ideologie im partikularen Sinn Gegenstand psychologischer Betrachtung ist, die lediglich einzelne Behauptungen oder Begriffe anvisiert, gehört die Ideologie als Weltanschauung dem Objektbereich der Wissenssoziologie an. Diese hat nicht isolierte Aussagen, sondern ganze Kategorialsysteme zum Gegenstand.
      Man könnte sich an dieser Stelle fragen, ob es innerhalb einer soziologischen Theorie sinnvoll sei, einen psychologischen von einem soziologischen Ideologiebegriff zu unterscheiden. Läuft diese Unterscheidung nicht darauf hinaus, daß der psychologische Begriff als Ballast gleichsam 'mitgeschleppt" wird, ohne angewandt zu werden? Seine Anwendung wäre nur dann möglich, wenn Mannheim versuchte, den partikularen Ideologiebegriff mit Hilfe bestehender psychologischer oder psychoanalytischer Termini zu präzisieren und auf den Begriff der Weltanschauung oder der totalen Ideologie funktional zu beziehen. Leider verzichtet er auf die methodologische Integration dieser Begriffe sowie auf eine restriktiv-kritische Definition der Ideologie .

     
Immerhin zeigt aber sein Ansatz , daß eine Ideologie im Extremfall ein begriffliches und kategoriales, d. h. ein noetisches System sein kann, zu dessen Bestandteilen eine Ethik, eine Ästhetik und eine Politik gehören können. Die Frage ist nun, ob jede Ideologie eine Totalideologie oder Weltanschauung in diesem Sinne ist. Ich glaube nicht: Eine politische Partei oder Gewerkschaft mag neben politischen und wirtschaftlichen auch moralische oder ästhetische Grundsätze befolgen; eine Ethik, Ästhetik oder gar Erkenntnistheorie würden die Partei- oder Gewerkschaftsmitglieder in ihren Organisationen wohl vergeblich suchen.
An dieser Stelle erscheint eine Unterscheidung zwischen Ideologie und Weltanschauung möglich: Während zahlreiche Ideologien als wirtschaftliche oder politische Ad-hoc-Konstruktionen oft einen niedrigen Kohärenzgrad aufweisen, sind Weltanschauungen oder Weltbilder Totalitäten oder Systeme, die viele verschiedene Sphären des sozialen Lebens integrieren: Wirtschaft, Politik, Ethik, Metaphysik, Ästhetik, Wissenschaft etc. Man könnte sagen, daß es sich um begriffliche oder philosophische Systeme handelt, deren Entstehung nicht nur aus kollektiven Interessen und Bedürfnissen ableitbar ist, sondern auch aus den Erkenntnisinteressen einzelner Philosophen oder Philosophengruppen. Ich denke in diesem Zusammenhang an den Hegelianismus als Philosophie und Weltanschauung, an den Kantianismus, den Existentialismus oder die Philosophie Croces.
      In diesem Sinne hat auch Lucien Goldmann, dessen genetischer Strukturalismus zahlreiche Ãœbereinstimmungen mit der Wissenssoziologie aufweist, Ideologie und Weltanschauung unterschieden. In seinen wichtigsten Arbeiten geht er davon aus, daß die Weltanschauung nur in den 'großen" philosophischen, theologischen und literarischen Werken der Weltliteratur vorkommt: nicht jedoch in der sozialen Wirklichkeit des Alltags.
Die Frage, wie denn die Weltanschauung, die es in der sozialen Wirklichkeit nicht geben soll, in die 'großen" Werke gelange, bringt Goldmann nicht in Verlegenheit. Er geht von dem Gedanken aus, daß auch in dem von Ideologien beherrschten Alltag die Gruppen und Individuen nach Kohärenz, nach kohärenter Erkenntnis oder Darstellung streben: ' Die strukturelle Kohärenz ist keine statische Realität, sondern eine dynamische Virtualität innerhalb der Gruppen, eine Bedeutungsstruktur , auf die sich das Denken, das Empfinden und das Handeln der Individuen hinbewegen; eine Struktur, die die Mehrzahl von uns nur in Ausnahmefällen, in besonders günstigen Situationen, verwirklicht, die aber bestimmte Individuen in begrenzten Bereichen realisieren können: dann nämlich, wenn sie mit den Tendenzen der Gruppe übereinstimmen und diese bis zur äußersten Grenze entfalten. "
Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß die großen philosophischen Systeme Hegels, Kants, Hobbes' oder das Werk Pascals, mit dem sich Goldmann in Le Dieu cacbe ausführlich befaßt, schlicht ideologiefrei sind. Goldmann selbst zeigt, wie sich der Besitzindividualismus in den Werken der Aufklärung niederschlägt und wie aus Pascals Pensees und dem extremen Jansenismus, den diese Aphorismen auf besonders prägnante Art ausdrücken, die Interessen und Orientierungsbedürfnisse des französischen Beamtenadels im 17. Jh. sprechen: Die innerweltliche Ablehnung der Welt , die aus den Pensees spricht und ihnen ihre paradoxe und tragische Struktur gibt, ist letztlich auf die politische Enttäuschung des Beamtenadels und seine Ablehnung der absoluten Monarchie zurückzuführen.
      Hier zeigt sich konkret, daß die von Goldmann untersuchte tragische Weltanschauung Pascals und Racines durchaus eine 'Totalideologie" im Sinne von Mannheim ist. Ralph Heyndels und Etienne Guerin mögen durchaus recht haben mit ihrer Behauptung, die Ideologie drücke eher spezifische Interessen aus , während die Weltanschauung aus der Gesamtlage einer Gruppe abzuleiten sei; den entscheidenden Grund für eine Trennung von Ideologie und Weltanschauung geben sie nicht an.
      Dennoch erscheint es sinnvoll, zwischen den noetisch anspruchslosen und manchmal auch inkohärenten Ideologien des Alltags und den ideologischen Weltanschauungen der Philosophen, Historiker oder Künstler zu unterscheiden. Diese Unterscheidung läuft jedoch nicht auf eine Trennung hinaus, sondern auf die Feststellung von Interdependenz und Interferenz: auf die Feststellung, daß jede Weltanschauung zwar Ideologie ist, nicht aber jede Ideologie Weltanschauung.

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