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Ideologie und theorie
Es dürfte einem Sozialwissenschaftler nicht leichtfallen, aus einem Schimpfwort wieder einen brauchbaren theoretischen Begriff zu machen. Dem Wort Ideologie haften nicht nur pejorative Bedeutungen an:
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Historischer Rückblick



Wer sich mit der Entstehung und Entwicklung des Ideologiebegriffs ausführlicher befaßt, wird feststellen, daß die Vorstellung von einem verzerrten oder falschen Denken, das individuelle oder kollektive Interessen verdecken oder rechtfertigen soll, von der Idee der wahren Erkenntnis oder der Wissenschaft begleitet wird. Die moralische, religiöse oder historische Rechtfertigung fürstlicher Interessen behandelt ein Autor wie Machia-velli als etwas Kontingentes, als reines Machtinstrument: "Auch hat es einem Fürsten noch nie an rechtmäßigen Gründen gefehlt, um seinen Wortbruch zu beschönigen." Als Alternative zum kontingenten Machtwissen erscheint in II principe das Studium der "menschlichen Natur", die Machiavelli als Konstante betrachtet, und in den Discorsi die "vera cognizione delle storie" 5, die zur eigentlichen Grundlage der historischen Untersuchungen wird.


     
Noch klarer tritt der Gegensatz zwischen Pseudokenntnis und Wissenschaft bei den beiden englischen Philosophen Francis Bacon und Thomas Hobbes zutage, von denen der erste in seiner bekannten Idolenlehre nicht nur die verschiedenen Vorurteile und ihre Entstehungszusammenhänge beschreibt, sondern auch für eine wahre Wissenschaft plädiert, die nur dem aufrichtigen und kindlich-unschuldigen Menschen zugänglich ist. Er vergleicht sie mit dem Himmelreich, "in welches nur in Kindesgestalt einzutreten gestattet ist."
Bacons Ansatz kommt in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu, weil er als einer der ersten auf das Eindringen der Vorurteile in die Wissenschaft eingeht. Ähnlich wie Machiavelli und später Hobbes bezieht sich Bacon eher auf den individuellen Mißbrauch des Wissens, wenn er bemerkt: "Der menschliche Geist ist kein reines Licht, sondern erleidet einen Einfluß von dem Willen und den Gefühlen. Dies erzeugt jene Wissenschaften für alles, was man will'; denn was man am liebsten als das Wahre haben mag, das glaubt man am leichtesten."
Obwohl Bacons Erkenntnisse in einem individualistischen Kontext entstanden sind, könnten sie auch auf Gruppen und Institutionen angewandt werden. Wichtig ist, daß das Wort "Wissenschaft" in der zitierten Passage im Sinne von "Pseu-dowissenschaft" verwendet wird. Unbeantwortet bleibt bei Bacon die Frage nach den Kriterien, die eine klare Unterscheidung von Vorurteil und wahrem Wissen gestatten würden.
Ahnlich wie Bacon, dessen Werk er kannte, versuchte Thomas Hobbes, die Philosophie vom spekulativen Denken und von Vorurteilen zu befreien. Aufschlußreich sind seine Versuche, mit Hilfe der Euklidschen Geometrie und der Physik Galileos eine wissenschaftliche Alternative zur Scholastik zu entwerfen: eine Alternative, die eine nomi-nalistische Sprachtheorie zur Grundlage hat. Diese soll den neuen wissenschaftlichen und empirisch fundierten Universalismus garantieren, den Hobbes der aristotelisch inspirierten Scholastik der "Schoolmen" abspricht.
      Es ist interessant zu beobachten, wie im letzten Teil des Leviathan der Wissenschaftsbegriff im Gegensatz zum "Traum" definiert wird: "Die Naturphilosophie dieser Schulen war eher Traum als Wissenschaft und wurde in einer sinnleeren und bedeutungslosen Sprache vorgebracht. Dies ist kaum zu vermeiden, wenn diejenigen, die Philosophie lehren, sich nicht erst gründlich mit der Geometrie vertraut machen." Als einer der ersten versucht Hobbes, die "Wissenschaft" nicht nur empirisch und geometrisch , sondern zugleich sprachanalytisch zu fundieren. Am deutlichsten kommt dieser Versuch wohl in den Elements ofLaw zum Ausdruck, wo die Wissenschaft als "knowledge of the truth of propositions" definiert wird.
In vieler Hinsicht setzt die französische Aufklärung die "Ideologiekritik" der englischen Empiristen und Nominalisten fort, obwohl sie einige Aspekte von Descartes' Metaphysik gegen den radikalen Empirismus Bacons und Hobbes' verteidigt. Es ist wohl kein Zufall, daß auch Voltaire sich auf den Standpunkt der Geometrie stellt, um das ideologische Durcheinander seiner Zeit zu veranschaulichen. Seine Gegenüberstellung von Wissenschaft und Pseudowissen im Dictionnaire philosophique findet sich bezeichnenderweise nicht unter dem Stichwort "Geometrie" , sondern unter "Sekte" .
      Im Gegensatz zum religiösen Bereich, der von zahlreichen Konflikten zwischen Tho-misten, Calvinisten, Papisten und Jansenisten gekennzeichnet ist, ist Voltaires Geometrie ein homogenes Ganzes: "Es gibt überhaupt keine Sekten in der Geometrie; man spricht nie von einem Euklidianer, einem Archimedianer."" Als einzige Alternative zur fragmentierten religiösen Wirklichkeit erscheint hier der Universalismus der Mathematik, der Geometrie, der an den von Kuhns "normal science" erinnert .
      Dieser Gedanke, der trotz zahlreicher Differenzen und Gegensätze die englischen Nominalisten mit den Autoren der Encyclopedie verbindet, spielt auch in Auguste Comtes Discours sur l'esprit positif eine wesentliche Rolle. Wie kein anderer vor ihm zieht Comte einen klaren Trennungsstrich zwischen Theologie und Metaphysik auf der einen Seite und Wissenschaft auf der anderen. Die Soziologie, deren Begründer er ist, rechnet er zu den Naturwissenschaften, die er in anorganische und organische unterteilt. Er betont die Einheit der Wissenschaften und spricht in diesem Zusammenhang von einem "wahrlich unteilbaren System" 12. Anders als Religion und Metaphysik hat die positive Philosophie "das Wirkliche im Gegensatz zum Schimärenhaften" zum Gegenstand, das Nützliche im Gegensatz zum Müßigen.
     
   Wichtiger als diese bekannten Aspekte der Comteschen Lehre, scheinen mir zwei Tatsachen zu sein, die bisher eher vernachlässigt wurden: erstens seine Feststellung, daß Religion und Metaphysik bereits wissenschaftliche Elemente enthielten; zweitens sein Gedanke, daß auch die positive Wissenschaft - wie alles menschliche Wissen - von der Relativität gekennzeichnet sei. Auf diese beiden Theoreme möchte ich kurz eingehen, weil sie mitten in die Problematik der modernen Ideologie- und Theoriediskussion hineinführen.

     
Nach den Religionen, die im "theologischen Stadium" der menschlichen Entwicklung wissenschaftliche Elemente enthielten, konnte die Metaphysik "als einzige den Widerspruch der entstehenden Wissenschaft zur alten Theologie richtig ausdrücken." Liest man diese Aussage im Zusammenhang mit Bacons These über die Kontamination der Wissenschaften durch Vorurteile, so kann nur Skepsis die Folge sein: Skepsis dem Com-teschen Versuch gegenüber, Metaphysik und positives Wissen sauber voneinander zu trennen.
      Geht man noch einen Schritt weiter und berücksichtigt die zeitgenössischen Polemiken gegen den Positivismus , die diesen selbst als Ideologie attackieren, so wird man geneigt sein, Comtes Aussagen über die Relativität aller unserer Kenntnisse anders zu deuten als er: Auch die positive Philosophie ist nur ein von Vorurteilen durchsetztes Teilsystem, dem der erhoffte, ja geforderte Universalkonsens ebensowenig zuteil wird, wie den Doktrinen von Voltaires "Sekten". Der Positivismus ist eben keine Geometrie oder Physik, sondern eine - durchaus umstrittene - Gesellschaftstheorie . . .
      Mir geht es in dieser historischen Skizze um zweierlei: Es soll gezeigt werden, daß Ideologie und Theorie in ihrer Entwicklung nicht zu trennen sind, daß der Gedanke an rechtfertigendes, verzerrendes Denken den komplementären Gedanken an richtiges, wissenschaftliches Denken aufkommen läßt. Beide Gedanken entstehen in einer bürgerlichen, säkularisierten Gesellschaft, in der die christliche Religion des Feudalismus nicht länger als Universalsystem und als noetischer Bezugsrahmen anerkannt wird. In diesem Zusammenhang gilt, was Adorno über die Entstehung der Ideologie schreibt: "Nicht bloß dieser Glaube aber ist bürgerlich, sondern das Wesen von Ideologie selbst. Als objektiv notwendiges und zugleich falsches Bewußtsein, als Verschränkung des Wahren und Unwahren, die sich von der vollen Wahrheit ebenso scheidet wie von der bloßen Lüge, gehört Ideologie, wenn nicht bloß der modernen, so jedenfalls einer entfalteten städtischen Marktwinschaft an. Denn Ideologie ist Rechtfertigung" Es sollte auch gezeigt werden, daß Ideologie und Theorie nicht nur gleichzeitig in der bürgerlichen Marktgesellschaft entstehen, sondern daß sie einander durchdringen und wechselseitig bedingen: Bacon zeigt trotz seines Glaubens an die Möglichkeit des wahren Wissens, wie Wissenschaft auf Vorurteilen gründen kann, und Comte widerlegt malgre lui die Trennung, die er zwischen Metaphysik und positiver Wissenschaft postuliert.
      Besonders anschaulich stellt diese Wechselbeziehung von Ideologie und Theorie die Philosophie von Antoine Destutt de Tracy dar, der in seinen Elements d'ideologie den Ideologiebegriff prägte. Obwohl er "Ideologie" nicht als falsches oder rechtfertigendes Denken, sondern im Gegenteil als "Ideenlehre" oder "Ideenwissenschaft" definiert, kann er als ein Vorläufer moderner Ideologiekritik gelesen werden. Auch er versucht, Funktion und Wirkung von Ideen zu erforschen; im Rahmen einer "Wissenschaft" allerdings, die viele Zeitgenossen als "ideologisch" bezeichnen würden: Denn wie später Comte betrachtet auch er die Erforschung kultureller, ideeller Gebilde als Bestandteil der Naturwissenschaft, genauer: der Zoologie. Im Anschluß an Con-dillacs Sensualismus möchte er die Gedanken zergliedern wie der Biologe das Insekt.
      Im zweiten Kapitel dieser Arbeit, das den Marxschen und marxistischen Ideologiebegriff und dessen Beziehung zur Theorie zum Gegenstand hat, wird sich zeigen, daß auch Marx, Lukacs und Goldmann das Dilemma der französischen Rationalisten nicht überwinden konnten. Auch sie versuchten, obwohl auf ganz andere Art als Comte, den archimedischen Punkt jenseits der Ideologie zu finden: die Stelle, von der aus es gelingen könnte, das falsche Bewußtsein im Lichte der Wahrheit aufzulösen.
      Marx hat von den Frühschriften bis zum Kapital versucht, die bürgerliche Philosophie und Rechtswissenschaft sowie die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft als Ideologien zu entlarven: als falsches Bewußtsein und Rechtfertigung bestehender Machtverhältnisse. Seither meinten viele Marxisten , auf dem archimedischen Punkt zu stehen und die Pseudowis-senschaften ihrer Kontrahenten als Ideologien aus den Angeln heben zu können.
      Schließlich hat sich jedoch gezeigt, daß die Marxsche Lehre gegen Ideologiekritik nicht immun ist, und so kann Ende der fünfziger Jahre der jugoslawische Marxist Mihailo Markovic in Übereinstimmung mit Karl Mannheim lakonisch feststellen: "Heute, mehr als ein Jahrhundert nach der Deutschen Ideologie, wird klar, daß der Marxismus auch eine Ideologie ist."

   Diese Überlegung, der ich zustimme, ist der Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit: Wenn es zutrifft, daß Ideologie und Theorie ineinandergreifen und einander wechselseitig bedingen, dann war vielleicht die bisherige Suche nach dem "archimedischen Punkt" und dem "ideologiefreien" Diskurs in den Sozialwissenschaften sinnlos, da ja alle Diskurse dieser Wissenschaften ideologisch sind. Dennoch ist ein oberflächlicher Relativismus, der alle Gegensätze und Differenzen einebnen und die Theorie als solche zerstören würde, nicht akzeptabel. Die Frage lautet deshalb, ob und wie Ideologie und Theorie noch gegeneinander abgrenzbar sind.
      Eine solche Abgrenzung kann indessen nur gelingen, wenn man bereit ist, weiter auszuholen und das Verhältnis der Ideologie zu Kultur, Religion, Weltanschauung und Propaganda sowie zum Mythos näher zu bestimmen. In allen diesen Fällen wird sich zeigen, daß eine nominalistisch-rationalistische Trennung zwar künstlich und steril, eine Differenzierung jedoch sinnvoll und notwendig ist.
      Im folgenden geht es also nicht so sehr darum, ein semantisches Feld geometrisch genau zu gliedern, sondern um die Frage, wie die hier genannten Begriffe im Hinblick auf den Ideologiebegriff sinnvoll verwendet werden könnten, d. h. wie sie zu einer soziosemiotitischen Konkretisierung der "Ideologie" beitragen könnten. Dabei kommt es mir nicht so sehr darauf an, Termini wie "Kultur" oder "Mythos", die eine lange anthropologische und soziologische Tradition haben, auf eine Bedeutung festlegen zu wollen, als vielmehr zu zeigen, wie sie vom Ideologiebegriff unterschieden und zu dessen konkreter Bestimmung' herangezogen werden können. Dabei versteht es sich von selbst, daß sich Begriffe wie "Kultur", "Religion" oder "Mythos" im semantischen Bereich überschneiden und daß diese Überschneidungen mit den realen Interdependenzen dieser gesellschaftlichen Erscheinungen zusammenhängen.

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Historischer  Rückblick    





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