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Ideologie und theorie
So mancher wird überrascht sein, daß ein Kapitel, in dem Louis Althussers Ideologiekritik im Mittelpunkt steht, nicht dem zweiten Kapitel dieses Buches angeschlossen oder einverleibt wurde, das sich m
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Von Althusser zu Pecheux: Ideologie als Diskurs



Althusser hat Ende der sechziger Jahre im Anschluß an Gramscis Theorie der Hegemonie das Ideologieproblem neu formuliert, indem er nicht mehr die Struktur der Ideologie und ihren Gegensatz zur Wissenschaft in den Mittelpunkt rückte, sondern ihre Herrschaftsfunktion in den Institutionen, in den staatlich verwalteten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

      In dem 1970 veröffentlichten und inzwischen sehr bekannt gewordenen Aufsatz 'Ideologie und ideologische Staatsapparate" vertritt er im wesentlichen vier komplementäre Thesen: 1. In den kapitalistischen und vorkapitalistischen Gesellschaften üben die herrschenden Klassen ihre Macht nicht nur mit Hilfe repressiver Staatsapparate , sondern auch und vielleicht vor allem mit Hilfe ideologischer Staatsapparate aus, um die bestehenden Produktionsverhältnisse zu konsolidieren. 2. Die Ideologie als Staatsapparat und als Praxis kommt ausschließlich in materiellen Formen vor, die im Rahmen bestimmter staatlicher oder staatlich geförderter Institutionen definiert werden. 3. Die Ideologie ist stets unbewußt und gehört dem Bereich des Imaginären im Sinne von Lacan an; wie Freuds 'Unbewußtes" ist sie zeitlos: Sie hat keine Geschichte. 4. Der Subjekt-Begriff ist der zentrale Begriff der Ideologie und der ideologische Begriff par excellence: denn 'die Ideologie ruft die Individuen als Subjekte an" und macht sie dadurch zu dem, was sie sind, sein sollen — und unbewußt sein wollen.
     
Im folgenden will ich in aller Knappheit auf diese vier Thesen eingehen, um anschließend die letzte These im Zusammenhang mit Michel Pecheux' Arbeiten kritisch zu untersuchen. Denn es ist Pecheux' Verdienst, die Beziehung zwischen Subjektivität und Ideologie in einem diskurskritischen Kontext zu erforschen. Zugleich soll gezeigt werden, daß sowohl beim späteren Althusser als auch bei Pecheux und Lecourt der noetische Wert der 'proletarischen Ideologie" aufgewertet wird. Entscheidende Bedeutung kommt dabei der Frage zu, wie der Nexus zwischen proletarischer Ideologie und marxistischer Wissenschaft genau aussieht.
      Doch zurück zu Althussers Aufsatz. Seine erste These erinnert an Marxens bon mot, der Staat sei 'das Exekutivkomitee der Bourgeoisie", und stärker noch an Gramscis Gegensatz zwischen 'bürgerlicher Hegemonie" und der 'subalternen Kultur" des Proletariats. Trotz dieser Ãœbereinstimmung enthält Althussers These ein neues Element: Indem er davon ausgeht, daß Strukturen nicht homogene Totalitäten im Sinne von Hegel sind, sondern komplexe und widersprüchliche Einheiten, in denen zu verschiedenen historischen Zeitpunkten verschiedene Elemente vorherrschen können, kann er zeigen, wie im säkularisierten bürgerlichen Staat das Erziehungssystem die Funktion der Kirche übernimmt: 'Wir glauben, daß derjenige Ideologische Staatsapparat, der in den reifen kapitalistischen Formationen am Ende eines gewaltsamen politischen und ideologischen Klassenkampfes gegen den früheren dominierenden Ideologischen Staatsapparat in eine dominierende Position gebracht worden ist, der schulische Ideologische Staatsapparat ist."
In ihren sprach- und stilkritischen Studien hat später Renee Balibar diese These konkretisiert und veranschaulicht, indem sie u. a. zeigte, wie die Schule anhand von kanonisierten literarischen Texten den Schülern bestimmte sprachlich-ideologische Fertigkeiten vermittelt und wie die Werke bestimmter Autoren von den institutionalisierten Stilübungen geprägt sind. Balibar macht auch auf Ideologeme wie 'Originalität", 'Kreativität" und 'Talent" aufmerksam, die im Rahmen der literarischen und künstlerischen Schulpraxis vermittelt werden und die Schüler zu Subjekten einer bestimmten ästhetischen Ideologie machen.
      Diese Betrachtungsweise hat einerseits den Vorteil, daß sie Ideologien mit konkreten Institutionen verknüpft; sie hat andererseits den Vorzug, Ideologie — wenn auch nur ansatzweise — als sprachliche Struktur aufzufassen, statt sie wie noch Althusser in Pour Marx als 'System von Vorstellungen " zu definieren. Einer ihrer Nachteile besteht darin, daß immer wieder pauschal von 'Bourgeoisie" und von der 'bürgerlichen Ideologie" die Rede ist. Dadurch entsteht ein Diskurs, dem der — meiner Meinung nach mythische, weil ungenaue — semantische Gegensatz Bürgertum/Proletariat zugrunde liegt: 'Denn die bürgerliche Ideologie, die bürgerliche ,Kultur' ist an der Macht." Unbeantwortet bleibt hier die Frage, ob nicht gerade der 'sozialistische Realismus" mit klassisch-realistischen, also 'bürgerlichen" Verfahren arbeitet. Allzu eindeutig wird hingegen die Frage nach der Herkunft des Nationalsozialismus beantwortet: Die 'imperialistische Bourgeoisie", sagt Althusser in dem hier genannten Aufsatz, habe sich in der Weimarer Republik 'dem Nazismus anvertraut."
Wer die nuancierten sprachkritischen Arbeiten von Renee Balibar kennt, ist etwas verwundert und irritiert, wenn er in Althussers Aufsatz über die ideologischen Staatsapparate erfährt, die Ideologie habe 'eine materielle Existenz"78. Nach rationalistisch-materialistischer Manier versucht er, den materiellen, ja den körperlichen Charakter der Ideologie plausibel zu machen. Vom Individuum sagt er: 'Wenn es an Gott glaubt, so geht es in die Kirche, um an der Messe teilzunehmen, kniet nieder, betet, beichtet, tut Buße ." Sicherlich trifft es zu, daß Ideologien praktische Folgen haben: affektive, politische, religiöse. Sie müssen sie aber nicht haben: Jemand kann an Gott oder eine Gottheit glauben, ohne seinen Glauben zu praktizieren; er kann sich eine ideale Gesellschaftsordnung vorstellen, ohne an die Verwirklichung seiner Vorstellungen auch nur zu denken.
      Es hat meiner Meinung nach wenig Sinn, die Ideologie als etwas 'Materielles" zu definieren. Wesentlich genauer scheint mir die These zu sein, daß Ideologien verbale und nichtverbale Zeichensysteme sind, in deren Rahmen ein Teil der gesellschaftlichen Praxis stattfindet, die ihrerseits diese Zeichensysteme verändert: in Ãœbereinstimmung mit neuen historischen Situationen.
      Mit Althusser bin ich weitgehend einverstanden, wenn er schreibt, die Ideologie sei denjenigen, die in ihrem Rahmen handeln, nicht bewußt. Im Zusammenhang mit Pecheux' Ansatz wird sich zeigen, wie sehr das Individuum die Aussagen der eigenen Ideologie für 'evident", für 'natürlich" und 'selbstverständlich" hält, ohne sich der Entstehung und der Funktion der Ideologie bewußt zu sein. Der psychoanalytische Begriff des Unbewußten ist für die Ideologietheorie auch deshalb wichtig, weil er erklärt, weshalb Individuen aufgrund von kollektiven Tabus und individuellen Verdrängungen nicht ohne weiteres in der Lage sind, ihre Ideologie zu reflektieren und zu kritisieren.
      Nicht einzusehen ist allerdings, weshalb Althusser auch eine Analogie zwischen dem Unbewußten und der Ideologie postuliert und von der letzteren behauptet, sie sei 'ewig", 'zeitlos", 'transhistorisch": 'Wenn unter ,ewig' verstanden wird, nicht jede Geschichte transzendierend, sondern allgegenwärtig, transhistorisch, also der Form nach unveränderlich über die gesamte Geschichte sich erstreckend, dann greife ich den Freudschen Ausdruck Won für Wort auf und sage: Die Ideologie ist ewig, ebenso wie das Unbewußte ewig ist."
Abgesehen davon, daß ich das Wort 'ewig" lieber nicht als wissenschaftlichen Terminus institutionalisieren möchte, würde ich mich entschieden gegen die Auffassung der Ideologie als transhistorischer Erscheinung wehren: Wahrscheinlich haben Adorno, P. Heintel u. a. recht, wenn sie behaupten, von Ideologien könne man erst seit dem Beginn der bürgerlichen Ära sprechen . Die These über den transhistorischen Charakter der Ideologie bringt nicht nur einen Panideologismus hervor, der dazu führt, daß der Ideologiebegriff auf sehr heterogene Erscheinungen angewandt wird, sondern bewirkt auch, daß die Ideologie als 'der Form nach unveränderlich" definiert wird. Im zweiten Teil dieser Arbeit soll hingegen gezeigt werden, daß Ideologien sehr verschiedene Strukturen aufweisen können.
      Dennoch ist Althussers Verknüpfung von Unbewußtem und Ideologie wichtig: vor allem weil sie erkennen läßt, wie Ideologien Individuen zu Subjekten machen und wie diese sich spontan mit der sie beherrschenden Ideologie identifizieren : 'Wir sagen: Die Kategorie des Subjekts ist konstitutiv für jede Ideologie. Aber gleichzeitig fügen wir unmittelbar hinzu, daß die Kategorie des Subjekts nur insofern konstitutiv für jede Ideologie ist, als jede Ideologie die Funktion hat, konkrete Individuen zu Subjekten zu ,konstituieren'."il Ergänzend ließe sich sagen: Indem Ideologien Individuen und Gruppen zu Subjekten machen, ermöglichen sie ihre Orientierung und ihre Handlungsfähigkeit im sozialen Kontext.
      Stichwortartig zusammengefaßt lauten Althussers Thesen über den Nexus von Subjektivität und Ideologie: Die Ideologie konstituiert Individuen als Subjekte. Die Einzelsubjekte sind aus einem alles beherrschenden Subjekt ableitbar, das in den meisten Kulturen die Gottheit ist. Die miteinander kommunizierenden Subjekte erkennen einander unbewußt in einem übergreifenden Subjekt, daß sie sowohl zu Subjekten als verantwortlichen und handelnden Instanzen als auch zu Sub-jekten als Unterworfenen macht. Solange die Subjekte das Großsubjekt erkennen und sich in ihm erkennen, bleibt die bestehende Gesellschaftsordnung erhalten.
      In Les Verites de La Palice versucht Michel Pecheux, die Hauptthesen von Althussers Artikel über die Staatsapparate, vor allem aber die Beziehung zwischen Ideologie und Subjektivität, in einem diskurskritischen Kontext weiterzuentwickeln. Obwohl dem Buch, das von einer materialistischen Kritik an Freges Sprachphilosophie ausgeht, ein semioti-scher Diskursbegriff fehlt, ist es wichtig, weil es — meiner Meinung nach überzeugend — die unbewußte Identifikation des Individuums mit den es beherrschenden sprachlichen Strukturen darstellt. Pecheux geht von dem für mich anregenden Gedanken aus, daß die diskursiven Verfahren der Ideologie 'Sinn-Evidenzen hervorbringen, welche das Subjekt als Sinn-volles Subjekt, Ursache seiner selbst, seiner Gedanken, Gesten und Worte konstituieren."
Es geht also in erster Linie um eine Kritik an der idee recue, derzufolge das individuelle Subjekt freies agens und Ursache seiner selbst ist. Kritisiert wird die 'Sinnevidenz": 'l'evidence du sens". Ausgehend von Althussers bekannter These 'l'ideologie interpelle les individus en sujets", interpretiert Pecheux: 'In Wirklichkeit besagt die These ,die Ideologie ruft die Individuen als Subjekte an', daß ein ,Nicht-Subjekt' von der Ideologie angerufen-konstituiert wird."8, In einer ähnlichen Perspektive habe ich in der Vergangenheit die Unterscheidung zwischen Individuum und Subjekt vorgeschlagen: Das Individuum wird erst als Subjekt erkannt, wenn es anfängt, bestimmte Zeichen von sich zu geben, wenn es anfängt zu sprechen.
In Anlehnung an Foucault, der in UArcheologie du savoir die formation discursive reichlich vage als 'Gliederungssystem" umschreibt, in dem bestimmte 'Aussagetypen", 'Begriffe" und 'Themen" regelmäßig auftreten85, schlägt Pecheux folgende Definition der 'diskursiven Formation" vor: 'Wir bezeichnen von nun an das als diskursive Formation, was innerhalb einer bestimmten ideologischen Formation, d. h. ausgehend von einer bestimmten Position, die vom Zustand des Klassenkampfes determiniert wird, darüber entscheidet , ,was gesagt werden kann und gesagt werden soll' ."
Selbst jemand, der sich eine konkretere Bestimmung des Diskurses auf semantischer und narrativer Ebene wünscht und dem spinozistischen Determinismus Pecheux' mit Mißtrauen begegnet, wird diese Definition nützlich finden: Sie zeigt nämlich, daß in einer bestimmten sprachlichen und zugleich ideologischen Situation nicht alles sagbar ist. Nur bestimmte Dinge sind sagbar in Form von Gebeten, Predigten, Traktaten, Manifesten, Telegrammen oder Teletexten. Die Ideologie entscheidet nicht nur über die 'Thematik", sondern auch über die 'Form".
      Wie sieht nun das Verhältnis von Diskurs und Ideologie genau aus? Eine klare Antwort auf diese Frage bleibt uns Pecheux' Buch leider schuldig. Das Verhältnis wird eher ex negativo definiert: Zwischen Diskurs und Ideologie, heißt es, herrsche kein Aquiva-lenzverhältnis: 'Man sollte eher von einer Eingliederung' der diskursiven Formationen in die ideologischen sprechen, Eingliederung, die eher nach dem Prinzip der .Anrufung' erfolgen würde." Der Konditional und die vage Bezeichnung ,intrication' zeigen eine gewisse Ratlosigkeit an.

Wichtig ist, daß Pecheux einen Schritt weiter geht als Foucault und zu zeigen versucht, daß die 'herrschende Ideologie" ein diskursives Äquivalent hat und daß die einzelnen diskursiven Formationen im Rahmen eines widersprüchlichen, aber letztlich alles beherrschenden Interdiskurses zu betrachten sind. Dieser Interdiskurs ist gleichsam die letzte Instanz, durch die alle anderen Diskurs-Subjekte als solche konstituiert werden.
      Ausgehend von Althussers Begriff der Ãœberdeterminierung , der aus der Freudschen Psychoanalyse stammt und sich auf die Tatsache bezieht, 'daß eine Bildung des Unbewußten — Symptom, Traum etc. — auf eine Vielzahl determinierender Faktoren verweist"88, definiert Pecheux den Interdiskurs: 'Wir wollen diese ,komplexe Totalität mit einer Dominanten' der diskursiven Formationen Interdiskurs nennen und dabei hervorheben, daß dieser ebenfalls dem Gesetz der Ungleichheit-Widersprüchlichkeit-Subordination gehorcht, von dem wir sagten, daß es auch für den Komplex der ideologischen Formationen charakteristisch ist."

   Die Behauptung, daß die Gesamtheit der Diskurse , die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt von einem Diskurstyp beherrscht wird, in sich widersprüchlich ist und daß die in dieser Totalität enthaltenen Formationen auf die Individuen ungleich einwirken, scheint mir wesentlich problematischer zu sein als der erste Gedanke, demzufolge eine 'diskursive Formation" die Individuen 'als sprechende Subjekte " anruft. Denn wie soll festgestellt werden, welche diskursive Formation die herrschende ist? Das Theorem über den 'herrschenden Diskurs" ergänzt — wie der zitierte Text zeigt — das Theorem über die herrschende Ideologie, das in der Vergangenheit immer wieder, etwa von Aber-crombie u. a.91, in Frage gestellt wurde.
Es kommt hinzu, daß auch in diesem Fall Ideologie nicht als etwas aufgefaßt wird, was der Sprache, dem Diskurs innewohnt, sondern als etwas, das ihm 'entspricht". Diese 'Entsprechung" wird nirgends näher erläutert, so daß ich annehmen muß, daß die Ideologie bei Pecheux dem Diskurs äußerlich ist. Im Gegensatz dazu gehe ich davon aus, daß die Ideologie sich in den lexikalischen, semantischen und syntaktischen Strukturen der Diskurse artikuliert, so wie sie sich in der Architektur im Gesamtplan, in der Technik und in den Formen niederschlägt.
      Wichtig für Pecheux' Argumentation ist der Gedanke, daß das als Subjekt konstituierte Individuum 'vergißt", daß es 'gemacht", 'konstituiert" wurde. Es handelt sich jedoch nicht um ein alltägliches 'Vergessen", sondern um einen Prozeß, der analog zur psychoanalytischen Verdrängung aufzufassen ist: 'par analogie avec le refoulement in-conscient." Zu dieser ersten Variante des Vergessens gesellt sich eine zweite, die die diskursiven Verfahren des Subjekts selbst betrifft: Es meint, zwischen verschiedenen Aussagemöglichkeiten frei wählen zu können und vergißt, verdrängt dabei seine Ãœberdeterminiertheit im Rahmen des Interdiskurses. Es bekommt vom Interdiskurs gleichsam vorfabrizierte Strukturen 'vorgesetzt", die Pecheux als 'Präkonstrukte" auffaßt.
      An diesem Determinismus ist sicherlich etwas wahr: Adorno hob einen seiner Aspekte hervor, als er in den Minima Moralia lapidar feststellte: 'Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen." Sicherlich ist das Ich präkonstruiert. Als Rationalisten und Deterministen, als geistige Nachfahren von Hobbes und Spinoza, sind jedoch Althusser und seine Schüler nicht in der Lage zu erklären, weshalb es auch denjenigen, die wie Adorno nicht im Rahmen der marxistisch-leninistischen Wissenschaft denken, immer wieder gelingt, aus dem Determinismus auszubrechen und das Präkonstrukt als solches zu erkennen. Pecheux versucht, die Frage nach der Ãœberwindung des Determinismus zu beantworten, indem er drei Möglichkeiten, drei Situationen ins Auge faßt.
      Auf die erste dieser drei Situationen, die des 'guten Subjekts" , brauche ich hier nicht mehr einzugehen, da sie durch die volle Ãœbereinstimmung zwischen Subjekt und Interdiskurs, d. h. durch die bedingungslose Unterwerfung des Subjekts unter die herrschende diskursive Formation gekennzeichnet ist. Diese Situation wurde hier im Zusammenhang mit den Begriffen der 'interpellation" und des 'preconstruit" dargestellt.
      Interessanter ist die Lage des 'schlechten Subjekts", des 'mauvais sujet", das versucht, aus dem Identifikationsmechanismus auszubrechen, indem es die im Rahmen des Interdiskurses verfügbaren Behauptungen umkehrt; indem es versucht, sich von ihnen zu distanzieren. Das klarste von Pecheux angeführte Beispiel ist der Satz: 'Derjenige, der durch seinen Tod auf dem Kreuz die Welt erlöst hat, hat niemals existiert." Pecheux hat recht, wenn er im Zusammenhang mit diesem Satz feststellt, daß er sich lediglich mit dem herrschenden Diskurs 'gegen- identifiziert": 'Kurz, das Subjekt als ,böses Subjekt', als ,böser Geist' gegen-identifiziert sich mit der ihm vom ,Interdiskurs' auferlegten diskursiven Formation ."
In der Ideologiekritik ist dieses Argument gar nicht so neu: Die Atheisten und Satani-sten reproduzieren bekanntlich die diskursiven Formen der guten Christen. Der Atheismus ist — metaphorisch ausgedrückt — nur die Kehrseite der Medaille: so wie der militante Faschismus lediglich als Umkehrung eines militanten Sozialismus gedacht werden kann .
      Mich stört vor allem der in Pecheux' Ausführungen implizite, unausgesprochene Gedanke: nämlich daß Diskurskritik, die sich nicht an der marxistisch-leninistischen Wissenschaft und an der Ideologie des Proletariats orientiert, vergeblich sei. Nun ist aber Pecheux' 'contre-identification" bestenfalls eine Karikatur solcher Kritik. Denn diese muß, meine ich, wenigstens den folgenden fünf Anforderungen genügen:
1. Sie soll nach der historischen Entstehung eines Diskurses fragen.
      2. Sie soll die Wechselbeziehung zwischen semantischer Basis und diskursiver Syntax thematisieren und darf sich nicht — wie Althusser und Pecheux — auf Satzeinheiten und lexikalische Faktoren beschränken.
      3. Sie sollte sich mit der gesellschaftlichen Funktion des kritisierten Diskurses befassen.
      4. Sie sollte auch die empirische Ãœberprüßarkeit der im Diskurs vorkommenden wichtigen Aussagen thematisieren. Es ist klar, daß im vorliegenden Fall die Aussage des Atheisten über die Nichtexistenz Christi genauso wertlos ist wie die Gegenbehauptung des Theisten .
      5. Sie hat schließlich diese vier Punkte auch in der selbstkritischen Reflexion des eigenen Diskurses zu berücksichtigen.
      Eine solche Diskurskritik, die hier im zweiten und dritten Teil entwickelt wird, setzt freilich voraus, daß das Individuum als Subjekt nicht völlig determiniert ist. Pecheux billigt ihm jedoch keine Reflexionsfreiheit zu und legt sich dadurch auf Althus-sers spinozistischen Determinismus fest. Dieser wird ganz zu Recht von John B. Thompson in Frage gestellt: 'Eine kritische Theorie der Ideologie setzt eine Auffassung des Subjekts voraus, die einerseits zwar erkennt, daß dieses innerlich gespalten und von Bedingungen abhängig ist, die jenseits seiner unmittelbaren Einflußnahme sind, die andererseits aber erkennt, daß das Subjekt als handelnde Instanz in der Lage ist, diese Bedingungen zu reflektieren und sie zu ändern."
Dies ist auch meine Meinung; denn Pecheux setzt sich über die Möglichkeiten einer mehr oder weniger rationalen Diskurskritik hinweg, wenn er schließlich die Lösung des Problems in zwei komplementären Faktoren erblickt: in der von Althusser behaupteten Subjektlosigkeit der wissenschaftlichen Entwicklung und in der materialistischen Ideologie des Proletariats.
      Wie Althusser und Etienne Balibar in Lire le Capital, behauptet auch Pecheux, daß die Wissenschaft als Prozeß per defimtwnem kein Subjekt habe und folglich jenseits der Ideologie liege. Es kommt zu der bekannten und hier bereits kritisierten Disjunktion von Wissenschaft und Ideologie: 'Der Prozeß der Erkenntnisproduktion ist ein Prozeß ohne Subjekt .""
Wichtig ist nun das komplementäre Argument, das das Proletariat als eine 'subjektlose" Gruppe definiert, oder zumindest als Gruppe, deren politische Praxis die bestehenden Formen der Subjektivität in Frage stellt: So spricht Pecheux beispielsweise von der 'proletarischen ideologischen Praxis, die darin besteht, daß sie explizit und konsequent an der Subjekt-Form arbeitet."10C An anderer Stelle heißt es ergänzend: 'Die entidentifizierende Arbeit der proletarischen Ideologie, die integraler Bestandteil der proletarischen politischen Praxis ist, entwickelt sich paradoxerweise durch neue Identifikationen, in denen die Anrufung umgekehrt {ä l'enverS) funktioniert: d. h. in bezug auf ,Nicht-Subjekte' wie Geschichte, die Massen, die Arbeiterklasse und ihre Organisationen."1

   Hier kristallisiert sich also Pecheux' Alternative zu den ersten beiden Situationen heraus: Das Subjekt kann sich nur dann 'ent-identifizieren", sich vom Interdiskurs distanzieren, wenn es die subjektlose Wissenschaft des Marxismus-Leninismus anerkennt und sich zugleich an der ent-subjektivierenden Praxis des Proletariats orientiert. Die zweite Forderung wird sowohl von Althusser als auch von Lecourt bestätigt: 'Die marxistisch-leninistische Philosophie oder der dialektische Materialismus repräsentiert den proletarischen Klassenkampf in der Theorie"]° Ergänzend heißt es bei Lecourt, Theorie sei nur marxistische Theorie 'unter der Bedingung, daß sie praktiziert wird, wie es sich gehört: auf den theoretischen Positionen der proletarischen Klasse"x"
Da die Autoren jedoch weiterhin am Begriff des epistemologischen Bruchs zwischen Ideologie und Wissenschaft festhalten, tritt ein Problem auf, das zu bewältigen sie nicht in der Lage sind: das Problem der Beziehung zwischen proletarischer Ideologie und marxistisch-leninistischer Wissenschaft. Dieses Problem ist auch nicht durch willkürliche Behauptungen wie diese zu lösen: 'Die proletarische Ideologie wirkt deformierend, ohne mystifizierend zu wirken ." Hier geht ein marxistischer Diskurs in Scholastik über.
      Wie soll man sich diese Beziehung, die die 'Ent-identifizierung", die Distanzierung vom herrschenden Diskurs garantieren soll, diskursiv vorstellen? Die Antwort auf diese Frage fällt bei Pecheux spärlich aus: 'Subjektive Aneignung der proletarischen Politik ."1C An anderen Stellen ist vom Kampf bestimmter Wörter gegen andere Wörter die Rede, von einem Kampf, den Pecheux und Francoise Gadet in La Langue introuvable anhand von 'Wortschlachten" aus der Zeit der russischen Revolution illustrieren.1='
Wenn es zutrifft, daß zwischen Wissenschaft und Ideologie ein grundsätzlicher Bruch herrscht, dann sind alle Versuche vergeblich, zwischen ideologischen und wissenschaftlichen Diskursen zu vermitteln: Wer sich für die rationalistische Trennung entschieden hat, sollte nicht versuchen, die dialektische Vermittlung durch eine Hintertür wieder einzuführen. Auch der 'beste", der materialistische ideologische Diskurs, vermag nicht auf den wissenschaftlichen einzuwirken, wenn dieser das radikal Andere ist. Man könnte zwar versuchen, das Problem mit Jorge Larrain zu lösen und zu sagen: 'Die spontane Ideologie der Arbeiterklasse muß ,unter dem Einfluß eines neuen, von der Ideologie radikal verschiedenen Elements : eben von der Wissenschaft'."1- Hier taucht dasselbe Problem nur mit umgekehrten Vorzeichen auf: Wie soll die Wissenschaft auf die Ideologie einwirken, wenn die beiden keine gemeinsame Sprache verbindet?
Der 'archimedische Punkt", von dem aus die Ideologie aus den Angeln gehoben werden soll, zerfällt hier in zwei kaum tragfähige, weil unvermittelt koexistierende Teile: eine willkürlich postulierte Wissenschaftlichkeit des historischen Materialismus oder Marxismus-Leninismus und eine ebenso willkürlich postulierte Ãœberlegenheit der proletarischen Ideologie: 'Nicht alle theoretischen Ideologien sind gleichwertig ." Die Position der Althusserianer ist deshalb schwächer als die Lukacs' und Korschs, weil die Rationalisten sich einerseits auf die kognitive Ãœberlegenheit proletarischer Positionen berufen, andererseits jedoch den Nexus zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und proletarischer Ideologie lösen. Dieses Paradoxon ist für eine Zeit charakteristisch, in der klar geworden ist, daß es keine notwendige Beziehung zwischen dem historischen Materialismus und dem Denken von Arbeitern und Angestellten gibt.
      Deshalb geht die hier vorgebrachte Kritik nicht weit genug . Man müßte schließlich auch die von Althusserianern unreflektiert verwendete Bezeichnung 'Proletariat" in Frage stellen: Ist die zeitgenössische europäische Gesellschaft immer noch in eine bürgerliche Minderheit und eine proletarische Mehrheit aufzuteilen oder haben wir es im Falle von Althusser und Pecheux mit einer manichäischen Ideologie zu tun? Ist der Marxismus-Leninismus, wie Pecheux dogmatisch behauptet m, wirklich eine Wissenschaft? Ist nicht vielmehr die Wortverbindung 'Marxismus-Leninismus" an sich schon ideologieverdächtig?

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