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Ideologie und theorie
Es geht hier nicht um eine systematische Darstellung der Wechselbeziehung zwischen Ideologie und Wissenschaft in der Geschichte des Marxismus. Eine solche Übersicht, die zumindest teilweise in den Wer
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Lucien Goldmann oder der Verlust des archimedischen Punktes



Es kann nicht die Aufgabe einer Theorie sein, Illusionen zu rechtfertigen, auch dort nicht, wo sie am schönsten sind. Eine Theorie aber, die nicht von der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft getragen wird, büßt zusammen mit ihrem kritischen Impuls ihren theoretischen Wert ein. Die Entwicklung von Lucien Goldmanns Ansatz, auf den ich hier abschließend eingehen will, zeigt, daß der Verlust der proletarisch-revolutionären Illusion nicht zwangsläufig den Verzicht auf Hoffnung nach sich zieht.

      Im Jahre 1947 steht Goldmann auf einem politischen und zugleich erkenntnistheoretischen Standpunkt, der weitgehend mit dem des jungen Lukacs übereinstimmt. Im Gegensatz zu Horkheimer, im Gegensatz zur gesamten Kritischen Theorie der Nachkriegszeit , glaubt er, daß die marxistische Wissenschaft grundsätzlich noch immer dem Bewußtsein des Proletariats entspricht.
      Trotz der Fehleinschätzungen von Marx und Engels, die Goldmann zufolge die Entstehung reformistischer und stalinistischer Ideologienâ„¢ im Lager der Arbeiterklasse nicht vorausgesehen haben, meint er, daß die grundsätzlichen Theoreme und Prognosen der beiden Autoren weiterhin volle Gültigkeit beanspruchen können. Ahnlich wie Korsch plädiert er daher für eine Anwendung der Marxschen Lehre auf die 'proletarischen Ideologien" der Vor- und Nachkriegszeit: auf den Reformismus und den Stalinismus.
      Die wissenschaftliche Fundierung des Marxismus scheint er im Jahre 1947, zu einem Zeitpunkt also, als die Dialektik der Aufklärung in Amsterdam herauskam, noch als gegeben anzunehmen. Im ersten Aufsatz der Rechercbes dialectiques, der unter dem Titel 'Le Materialisme dialectique est-il une philosophie?" erschien, heißt es zur Wechselbeziehung zwischen proletarischem Bewußtsein und marxistischer Wissenschaft: 'Dies ist der Grund, weshalb in der historischen Entwicklung das Proletariat die erste Klasse ist, die imstande ist , ein wirklich authentisches Bewußtsein zu erreichen." Einige Seiten weiter fügt er hinzu: ' Obwohl ein vorübergehendes Auftreten von Ideologien möglich ist, ist es auf die Dauer die erste Klasse, die nach einer wahren und ungeschminkten Erkenntnis sowohl der physischen als auch der sozialen Welt strebt. Daher nimmt es auch angesichts eines jeden wissenschaftlichen Ergebnisses, das unsere Wirklichkeitserkenntnis forden, eine positive, angesichts von allen Ideologien, die ganz oder teilweise den Wen oder die Bedeutung der Wissenschaft leugnen, aber eine völlig negative Haltung an."
Hier fällt zweierlei auf: Einerseits wird das Proletariat — wie schon bei Marx, Lukacs und Korsch — zum Hüter und Exponenten wissenschaftlicher Erkenntnis. Andererseits kann es zeitweise von Ideologien in die Irre geführt werden, so daß die wahre, wissenschaftliche Erkenntnis sich nur auf die Dauer, inmitten von wirtschaftlichen und politischen Kämpfen durchzusetzen vermag.
      Entscheidend ist, daß bei Goldmann — wie ursprünglich bei Marx — die Ideologie wieder als negative Erscheinung, als verzerrtes oder falsches Bewußtsein aufgefaßt wird. Von einer wissenschaftlichen Ideologie oder einer 'richtigen" Ideologie des Proletariats ist nirgends die Rede: Ideologien sind immer illusorisch, auch wenn sie im sozialen Milieu der Arbeiterklasse entstehen. Goldmann vergleicht die Zerrbilder, die Ideologien hervorbringen, mit denen, die aus der psychischen Verdrängung auf individueller Ebene hervorgehen: 'Die Erscheinung, die auf sozialer Ebene der Verdrängung entspricht, ist die Ideologie ."
Goldmanns negative Definition der Ideologie, die ihn nicht nur vom frühen Lukacs, sondern auch und vor allem von Lenin unterscheidet, sollte allerdings nicht als eine Rückkehr zum Marxschen Standpunkt mißverstanden werden. Stärker als Marx und Lukacs, die sich nur sporadisch mit den 'Irrwegen" des Proletariats befaßten, wird Goldmann mit der Tatsache konfrontiert, daß das Proletariat 'zeitweise" von Ideologien beherrscht wird, die mit den Zielsetzungen der Marxschen Philosophie, mit der Ãœberwindung des Kapitalismus und der klassenlosen Gesellschaft, unvereinbar sind.
      Zwar glaubt er immer noch, daß das der 'objektiven Lage" der Arbeiterklasse entsprechende zugerechnete Bewußtsein revolutionäre Gesinnung mit wissenschaftlicher Erkenntnis verknüpft; aber die massive Präsenz des Stalinismus im Osten und des Reformismus im Westen läßt Zweifel an der Realität dieses zugerechneten Bewußtseins aufkommen. Dies ist wohl der Grund, weshalb er nie von einer proletarischen Ideologie im positiven, wissenschaftlichen oder revolutionären Sinne spricht. Ideologie erscheint somit als eine ständige Gefahr: als kollektive Deformation, gegen die auch die Arbeiterklasse nicht gefeit ist.
      Zwar heißt es in Goldmanns wichtigem Aufsatz über die Verdinglichung, 'die Interessen des Arbeiters nicht verdinglicht"8', aber diese Ansicht aus den späten fünfziger Jahren wird im Laufe des nächsten Jahrzehnts revidiert. In seinem Aufsatz -Socialisme et humanisme", der in den sechziger Jahren entstand und im Jahre 1970 in der Aufsatzsammlung Marxisme et sciences humaines veröffentlicht wurde, zeigt sich, daß die teilweise Integration des Proletariats in die spätkapitalistische Gesellschaft zu einem der Hauptprobleme des Marxismus wird. Goldmann gibt zu, daß die sozio-ökonomische Entwicklung einige zentrale Thesen des Marxismus widerlegt hat und stellt fest: ' Weit davon entfernt, das sozialistische Lager zu stärken, wie Marx und die traditionellen Marxisten es sich vorstellten, begünstigt die Infrastruktur die Integration in die bestehende Gesellschaftsordnung." — Gemeint ist die wirtschaftliche Infrastruktur.
      Dies ist einer der Gründe, weshalb Goldmann den hegelianischen Standpunkt Lukacs' verläßt und statt von einer Identität zwischen Subjekt und Objekt von einer 'Teilidentität" spricht. Er meint, diese Teilidentität noch am ehesten dadurch verwirklichen zu können, daß er seine Theorie auf das Prinzip der Arbeiterselbstverwaltung und die mit diesem Prinzip liierte 'neue Arbeiterklasse" ausrichtet. Es ist sicherlich kein Zufall, daß er diese neue Ausrichtung der Theorie gerade in einem Vortrag thematisiert, den er kurz vor seinem Tod, im August 1970, auf der jugoslawischen Insel Korcula hielt, und der postum veröffentlicht wurde: Es geht ihm dort um die Frage: ' Wie es möglich ist, in der Wirklichkeit, im Objekt, in der Gesellschaft das die Gesellschaft verändernde Subjekt zu finden, um zu versuchen, in seiner Perspektive zu sprechen und trotz aller Risiken, die ein Scheitern mit sich bringt, den Weg zum Sozialismus zu sichern." Der Weg, den Goldmann einschlagen möchte, ist der eines 'revolutionären Reformismus" , dessen wichtigster Träger die 'neue Arbeiterklasse" sein soll.
      Zunächst fällt auf, daß im Gegensatz zu Marx, Lukacs und Korsch das 'Subjekt der umwälzenden Praxis" bei Goldmann nicht mehr gegeben ist, sondern gesucht werden muß: Es ist zu einer Unbekannten der marxistischen Wissenschaft geworden. Daß Goldmann sich bei seiner Suche immer wieder auf die Arbeiten von Serge Mallet und Andre Gorz8* beruft, um die Glaubwürdigkeit seiner Hypothese über die 'nouvelle classe ouvriere" zu verstärken, ändert nichts an der Tatsache, daß diese gesellschaftliche Gruppe eine sehr diffuse Einheit ist, zu der Goldmann nicht nur die Arbeiter im eigentlichen Sinne, sondern auch die 'Techniker" und die mittlere Schicht der Angestellten rechnet. Es kommt hinzu, daß diese Gruppe, die soziologisch kaum als solche zu identifizieren ist, in den siebziger Jahren keineswegs zur treibenden Kraft radikaler Reformen wurde und daß das jugoslawische Modell der Selbstverwaltung, an dem sich neben Goldmann auch Gorz, Mallet, Trentin und Foa orientierten, angesichts der neuesten Entwicklungen in Jugoslawien als Alternative zum westeuropäischen System kaum in Frage kommt.
      Als Marxist hielt Goldmann konsequent an der Einheit von Theorie und Praxis fest; doch die historische Praxis hat sich seit langem von der marxistischen Wissenschaft abgekoppelt, und der Leerlauf dieser Wissenschaft erklärt zumindest teilweise die Skepsis, mit der ihr die zeitgenössische Öffentlichkeit begegnet. Der Versuch der Marxisten, die Forderung von Philosophie und Theorie nach einem Praxisbezug zu verwirklichen, wird all denjenigen bewundernswert erscheinen, die sich um ein nuanciertes Verständnis dieser Denkform bemühen. Leider ist der Versuch — zumindest beim ersten Anlauf — mißlungen.
      Es spricht zwar für Goldmann, daß er sich im Gegensatz zu Lukacs und Lenin zeit seines Lebens geweigert hat, die revolutionäre Klasse durch eine Parteiorganisation zu ersetzen und dadurch ein sacrificium intellectus zu vollziehen. Seine 'Dialektik der Immanenz", wie ich seinen Marxismus in einem Büchlein aus dem Jahre 1973 genannt habe88, scheint jedoch gerade an ihrem Immanenz-Postulat zu scheitern: an ihrem Beharren auf der Forderung nach einer Verwirklichung der Philosophie. Vorerst ist deshalb Adornos Negativer Dialektik recht zu geben, deren erster Satz lautet: 'Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward."
1. These: Da die Bindung der Theorie an bestimmte historische Gruppierungen oder Organisationen keine Gewähr für ihre kritische Kompetenz bietet, sondern diese eher einzuschränken droht, soll Theorie hier im Gegensatz zur Ideologie als ein Anliegen des autonomen Individuums konzipiert werden. Diese Auffassung, die auf einigen Prämissen der späten Kritischen Theorie gründet, ist nicht als Rückkehr zu Individualismus und Rationalismus zu werten: Wesentliche Gedanken des Marxismus — etwa der Gedanke, daß sowohl Sprache als auch Handlung gesellschaftliche, kollektive Interessen artikulieren — werden in dem hier vorgeschlagenen Ansatz aufbewahrt.
     

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