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Ideologie und theorie
Es geht hier nicht um eine systematische Darstellung der Wechselbeziehung zwischen Ideologie und Wissenschaft in der Geschichte des Marxismus. Eine solche Übersicht, die zumindest teilweise in den Wer
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Karl Korsch: Ideologie, Wissenschaft und Philosophie



Klarer als in Geschichte und Klassenbewußtsein tritt in Karl Korschs Marxismus und Philosophie das Problem der Zurechnung zutage. Denn Korschs Kontrahenten, Vertreter eines reformistischen Marxismus, werfen Fragen auf, die den ganzen Begründungszusammenhang der "proletarischen Wissenschaft" fragwürdig erscheinen lassen und geben der Suche nach dem archimedischen Punkt eine neue Wende.

      Korschs Marxismus-Interpretation, die in wesentlichen Punkten mit der Lukacs' übereinstimmt, wird nur dann verstanden, wenn sie im Zusammenhang mit den reformistischen Thesen Karl Kautskys, Karl Renners oder Rudolf Hilferdings gelesen wird. Einige dieser Thesen laufen darauf hinaus, daß der Marxismus nicht dem Proletariat, sondern einem Teil der bürgerlichen Intellektuellen "zugerechnet" und als wertfreie, positive Wissenschaft gedeutet wird.
      Karl Kautsky zerstört die soziale Illusion der bürgerlichen Intellektuellen Korsch und Lukacs, wenn er mit der ihm eigenen Offenheit unumwunden feststellt: "Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion, wie etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die eine ebensowenig schaffen wie die andere; sie entstehen beide aus dem heutigen gesellschaftlichen Prozeß. Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz ."
Diese Darstellung ist aus zweierlei Gründen wichtig: In einem ersten Schritt bestreitet Kautsky , daß das moderne Proletariat mit dem Dritten Stand, mit dem revolutionären Bürgertum des 18. Jahrhunderts zu vergleichen ist, das - wie Toc-queville wußte - schon lange vor der Revolution im kulturellen, vor allem im wissenschaftlichen Bereich dem Adel überlegen war. Dadurch stellt er nicht nur Lukacs' und Korschs, sondern auch Marxens Auffassung vom Proletariat in Frage. In einem zweiten Schritt verlagert er den archimedischen Punkt der Wissenschaft vom proletarischen in den bürgerlichen Bereich. Dadurch relativiert und schwächt er aber die Position des Marxismus: Wenn die Trägerin der marxistischen Wissenschaft eine Gruppe von bürgerlichen Intellektuellen ist, dann verliert diese Wissenschaft ihren privilegierten soziohisto-rischen Status. Sie wird zu einer Wissenschaftsauffassung unter vielen, und der Standort, von dem aus es hätte gelingen können, die bürgerliche Welt praktisch und kognitiv aus den Angeln zu heben, wird nun innerhalb dieser Welt angesiedelt . . .
      Die Argumente einiger Austromarxisten stimmen weitgehend mit denen Kautskys überein. Karl Renner beispielsweise versucht in einem Artikel aus dem Jahre 1928, die Ideologie des Proletariats sauber von der marxistischen Wissenschaft zu trennen, weil er bezweifelt, "daß in der ganzen ruhmvollen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie jemals ein Promill der Arbeiter, der sozialdemokratischen Wählerschaft, wirklich auch nur einen schmalen Katechismus Marxscher Lehren aufgenommen und verdaut hat ."M Daß diese These umstritten ist, zeigen nicht nur Gramscis Überlegungen zur Symbiose zwischen dem "organischen Intellektuellen" und dem Volk65, sondern auch Otto Bauers kritische Bemerkungen zu Renners Artikel. Nicht auf sie will ich hier näher eingehen, sondern auf Renners Auffassung des Marxismus als einer positiven Wissenschaft: "Was ist die Lehre von Karl Marx wirklich? Die ungeheure Empirie der ökonomischen Entwicklung und der Klassenkämpfe von 1789, 1795, 1830, 1848, 1870: Diese gewaltigen Erfahrungstatsachen, geistig erlebt, gesammelt und geordnet, und also Wissenschaß. - Wissenschaft und nicht Ideologie! Erfahrungswissenschaft und nicht Spekulation und noch weniger Prophetie"b Renners Wissenschaft geht also nicht aus dem Proletariat hervor, sondern ist bürgerlich-intellektueller Herkunft.
      Trotz der politischen und verbalen Differenzen, die diese sozialdemokratischen und reformistischen Standpunkte von Lenins Marxismus trennen, ist der Konsens in einem Punkt nicht zu übersehen: Sowohl Lenin als auch die Vertreter der mitteleuropäischen Sozialdemokratie stimmen in der Ansicht überein, daß der Marxismus als Wissenschaft Sache der in der Partei organisierten Intellektuellen ist - und nicht des Proletariats.
      Diese grundsätzliche Übereinstimmung hebt Korsch im Jahre 1930 in seiner Vorrede zu Marxismus und Philosophie hervor: "So bewährt sich auch an dieser Stelle, in der Beurteilung des geschichtlichen Charakters des sogenannten ,Marxismus-Leninismus' oder ,Sowjetmarxismus', die vollkommene grundsätzliche Übereinstimmung zwischen der alten und der neuen, der sozialdemokratischen und der kommunistischen Schule der heutigen Marx-Orthodoxie."

   Gegen diese Orthodoxie verteidigt er in seinem Buch aus dem Jahre 1923 zwei wesentliche Grundsätze, die ihn mit Lukacs verbinden: den Gedanken, daß die marxistische Wissenschaft organisch aus dem Bewußtsein des Proletariats hervorgeht und den komplementären Gedanken, daß diese neuartige Wissenschaft nichts mit den positiven Wissenschaften des Bürgertums zu tun hat, da diese als Partialsysteme dem arbeitsteiligen Prinzip gehorchen und zu Ideologien verkommen sind.
      In Marxismus und Philosophie wendet er sich vor allem gegen Rudolf Hilferdings positivistische Auffassung des Marxismus, die diesen zu einer "wertfreien" Wissenschaft im Sinne von Max Weber macht: "Wie die Theorie, so bleibt auch die Politik des Marxismus frei von Werturteilen." Auch Hilferding möchte also wie Renner einen klaren Trennungsstrich zwischen marxistischer Wissenschaft und den verschiedenen Ideologien der Arbeiterklasse ziehen. Seine Abgrenzungsversuche erinnern in mancher Hinsicht an die Louis Althussers und des Kritischen Rationalismus. In allen diesen Fällen wird der Nexus zwischen Theorie und Praxis gelöst und der Standort der Wahrheit in die Wissenschaft selbst verlagert.
      Im folgenden möchte ich etwas ausführlicher auf die bereits erwähnten beiden Grundsätze eingehen: die Verknüpfung von Wissenschaftlichkeit und Proletariat und Korschs Festhalten an der Kategorie der Totalität, durch das er sowohl das arbeitsteilige Prinzip als auch die positivistische Definition der Wissenschaft negiert.
      Anders als Lukacs und Lenin verwendet Korsch den Ideologiebegriff vorwiegend negativ. Wie Lukacs setzt er aber die Ideologie als verkehrtes Bewußtsein mit dem arbeitsteiligen Prinzip in Beziehung. Im Anschluß an Marx und Engels definiert er: "Ideologie heißt nur das verkehrte Bewußtsein, speziell dasjenige, das eine Teilerscheinung des gesellschaftlichen Lebens für ein selbständiges Wesen versieht, z. B. jene juristischen und politischen Vorstellungen, welche das Recht und den Staat als selbständige Mächte über der Gesellschaft betrachten."7:
Wie schon in Geschichte und Klassenbewußtsein wird hier die Isolierung und Hyposta-sierung einzelner Lebensbereiche als falsches Bewußtsein oder als Ideologie mit der Arbeitsteilung in Beziehung gesetzt. Dabei geht es Korsch in erster Linie darum, die isolierenden und hypostasierenden bürgerlichen Wissenschaften durch eine Philosophie der Totalität zu ersetzen, die im Gegensatz zum bürgerlichen Idealismus, dessen Erbin sie ist71, ihre Verwirklichung anstrebt.
      Das einzige Mittel, das es Korschs Ansicht nach gestattet, die Zersplitterung und die Unmittelbarkeit der bürgerlichen Wissenschaften zu überwinden, ist die Kategorie der Totalität. Daß diese nicht hegelianisch, sondern praktisch im Sinne von Marx aufgefaßt wird, geht deutlich aus Marxismus und Philosophie hervor. Dort heißt es von den bürgerlichen Ideologien: "Sie alle müssen durch die die Totalität der gesellschaftlichen Wirklichkeit umfassende revolutionäre Gesellschaftskritik des materialistischdialektischen wissenschaftlichen Sozialismus theoretisch kritisiert und praktisch umgewälzt werden ."~ Theoretische Kritik und soziale Praxis sind also unzertrennlich miteinander verbunden.
      Für den hier entworfenen Zusammenhang ist schließlich ein Text von Karl Korsch aus dem Jahre 1923 wichtig, der unter dem Titel "Die Marxsche Dialektik" erschien. Aus diesem Text geht deutlich hervor, daß Korsch die marxistische Wissenschaft als unmittelbaren Ausdruck proletarischer Klasseninteressen auffaßte: "Nur dadurch, daß er die Form strenger Wissenschaft' annahm, konnte sich jener Komplex proletarischer Klassenanschauungen, der den Inhalt des ,modernen Sozialismus' ausmacht, von den bürgerlichen Anschauungen, mit denen er kraft seiner Entstehung ursprünglich untrennbar zusammenhing, radikal reinigen ."7' Mit Recht bemerkt Martin Jay zum Verhältnis von Theorie und revolutionärer Praxis beim frühen Korsch: "So war für Korsch der bedeutungsstiftende Mittelpunkt der Totalität die Einheit von revolutionärem Prozeß und proletarischer Praxis, die sodann in den revolutionären Begriffen der marxistischen Wissenschaft ihren Ausdruck fand."
In Korschs Text aus den Jahre 1923 kommen zwei wesentliche Gedanken zum Ausdruck: Die marxistische Wissenschaft ist ein Bestandteil des proletarischen Bewußtseins, das zum Träger der neuen Wissenschaft wird, und es ist zu einem radikalen Bruch zwischen der proletarischen Erkenntnisform und den bürgerlichen Formen gekommen. Wie schon bei Marx und Lukacs wird hier eine radikale Alterität des proletarischen Bewußtseins und der aus ihm hervorgehenden neuen Wissenschaft postuliert: Beide werden jenseits der bürgerlichen Wissensformen angesiedelt.
      In dieser Hinsicht unterscheiden sich Korsch und Lukacs nicht von ihren positivistischen Kontrahenten im marxistischen Lager; denn auch sie ziehen einen scharfen Trennungsstrich zwischen Wissenschaft und Ideologie. Während aber die "Positivisten" von Kautsky bis Althusser die marxistische Wissenschaft von den proletarischen Ideologien abtrennen, konstruieren Lukacs und Korsch einen schroffen Gegensatz zwischen proletarischer Wissenschaft und bürgerlicher Pseudowissenschaft .
      Korschs These von der Einheit zwischen proletarischem Bewußtsein und marxistischer Wissenschaft erklärt, weshalb er im Jahre 1930 zusammen mit den reformistischen Ansätzen auch Lenins Paneiideologie einer schonungslosen Kritik aussetzt. Zur "Diktatur des Proletariats" bemerkt er: "Sie ist erstens eine Diktatur des Proletariats und nicht über das Proletariat. Sie ist zweitens eine Diktatur der Klasse und nicht der Partei oder Parteispitze."
Das von Korsch angeschnittene Problem ist nicht nur organisatorischer Art: Abgesehen von der Frage, wie die "Diktatur der ganzen Klasse" praktisch, organisatorisch aussehen soll, drängt sich die Frage auf, ob sich in den 20er und 30er Jahren bürgerliche Intellektuelle wie Lukacs, Korsch, Benjamin und Horkheimer nicht einer Illusion hingaben, als sie die "wahre Erkenntnis" im Proletariat verankerten. Ihre Illusion ist zwar zu erklären, da sie wie Marx "in einer Zeit des verschärften Klassenkampfes" schrieben; aber sie ist theoretisch nicht zu rechtfertigen, auch nicht mit den Hoffnungen, die zahlreiche bürgerliche Intellektuelle damals mit der Revolution verbanden. Zu diesem Aspekt des Problems schreibt Horkheimer: "Als Hitler dann an der Macht war, hofften unzählige Menschen wirklich auf eine Revolution. Wahrscheinlich war diese Hoffnung eine Illusion, ein Traum."

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