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Ideologie und theorie
Der Werturteilsstreit, der fünfzehnte deutsche Soziologentag, der sogenannte Positivismusstreit der späten sechziger Jahre sowie die zahlreichen Auseinandersetzungen um den Szientismus haben gezeigt,
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Von Max Weber zum Kritischen Rationalismus: Hans Albert, Karl R. Popper, Ernst Topitsch



Bei Max Weber war die Forderung nach Werturteilsfreiheit nicht der Gleichgültigkeit allen Wertsetzungen und Werturteilen gegenüber entsprungen, sondern einem Engagement für Neutralität und Wissenschaftlichkeit. Dieses Engagement setzt er selbst mit der Unmöglichkeit in Beziehung, sich als Wissenschaftler in einer 'entzauberten Welt" mit einer besonderen Wertskala zu identifizieren. Die 'Entzauberung der Welt" und die aus ihr ableitbare Unmöglichkeit der Parteinahme erklärt Weber vor allem im Zusammenhang mit den ideologischen Auseinandersetzungen, die die moderne Gesellschaft geprägt haben: 'Die Unmöglichkeit wissenschaftlicher' Vertretung von praktischen Stellungnahmen — außer im Falle der Erörterung der Mittel für einen als fest gegeben vorausgesetzten Zweck — folgt aus weit tiefer liegenden Gründen. Sie ist prinzipiell deshalb sinnlos, weil die verschiedenen Wertordnungen der Welt in unlöslichem Kampf untereinander stehen." In textsoziologischer Perspektive könnte diese Passage folgendermaßen interpretiert werden: In einer gesellschaftlichen und sprachlichen Situation, in der die ideologischen Diskurse einander diskreditiert haben, erscheint einem Autor wie Weber Werturteilsfreiheit als der einzige Ausweg.


      Doch das Theorem über die 'Entzauberung der Welt" hat noch eine andere Komponente, die bisher weder von den Anhängern der verstehenden Soziologie noch von den Vertretern des Kritischen Rationalismus thematisiert wurde. Die 'Entzauberung" ist nicht nur auf die von ideologischen Konflikten und der wissenschaftlichen Arbeitsteilung herbeigeführte Krise der Werte zurückzuführen, sondern auch auf die Vermittlung durch den Tauschwert, mit der sich Marx, Lukacs und Goldmann im Zusammenhang mit der Wertproblematik befassen. Schon dem jungen Marx fiel auf, daß das Geld als Tauschwert alle anderen Werte relativierte und diskreditierte: 'Da das Geld, als der existierende und sich bestätigende Begriff des Wertes, alle Dinge verwechselt, vertauscht, so ist es die allgemeine Verwechslung und Vertauschung aller Dinge, also die verkehrte Welt, die Verwechslung und Vertauschung aller natürlichen und menschlichen Qualitäten."
Im Anschluß an Marx haben dann Autoren wie Sohn-Rethel, Lukacs, Goldmann und Adorno gezeigt, wie in der Marktgesellschaft kulturelle oder 'qualitative" Werte als durch den Tauschwert vermittelt erscheinen: 'Geistige Gebilde kulturindustriellen Stils sind nicht länger auch Waren, sondern sind es durch und durch", heißt es in Adornos 'Resume über Kulturindustrie". An anderer Stelle zeigt sich, wie sich qualitative Fragen im Funktionalen und im Quantum auflösen. Zur Kulturindustrie bemerkt Adorno: 'Um ihrer sozialen Rolle willen werden lästige Fragen nach ihrer Qualität, nach Wahrheit oder Unwahrheit, nach dem ästhetischen Rang des Ãœbermittelten unterdrückt oder wenigstens aus der sogenannten Kommunikationssoziologie ausgeschieden."

Die 'Entzauberung" als Unmöglichkeit allgemein verbindlicher Wertsetzungen erscheint hier also nicht nur als eine Folge ideologischer Konflikte, sondern auch als ein Phänomen der Marktgesellschaft, in der alle kulturellen Werte vom Tauschwert beherrscht werden. Parallel dazu ist der Rückzug in die Werturteilsfreiheit als eine Bestätigung der universellen Geltung des Tauschwerts zu verstehen: Die Wertfreiheit ist dem wertindifferenten Tauschwert homolog. Diese Homologie von Tauschwert und Wertfreiheit bestätigt unabhängig und weitab vom Marxismus der Romancier Hermann Broch, wenn er über den Kaufmann und Händler Huguenau schreibt: 'Huguenau, ein wertfreier Mensch, gehörte allerdings auch dem kommerziellen System an ." Nicht die 'kulturelle Atmosphäre" des Kapitalismus bildet, wie Rene König meint, den Kontext der Wertfreiheit, sondern die Vermittlung durch den Tauschwert.

     
   Bei einem Vertreter des Kritischen Rationalismus wie Hans Alben tritt der Nexus zwischen der von Weber befürworteten wertfreien Zweck-Mittel-Rationalität einerseits und dem Tauschwert andererseits in einem individualistischen Utilitarismus zutage, der sich schon bei Hobbes und Bentham an den Marktgesetzen orientierte. Ãœber die Vorzüge des Utilitarismus heißt es beispielsweise in Alberts Aufsatzsammlunga/fcrwrag und Steuerung: 'In dieser Hinsicht bedeutet es einen Vorteil des für die utilitaristische Tradition charakteristischen individualistischen Ansatzes im sozialtheoretischen Denken, daß in ihm der Versuch gemacht wird, für die Erklärung sozialer Phänomene auf das individuelle Verhalten im sozialen Kontext und damit auch auf individuelle Bedürfnisse zu rekurrieren." Es zeichnet sich hier also nicht nur eine Homologie zwischen Wertfreiheit und Markt , sondern auch eine komplementäre und häufig erforschte Homologie zwischen Marktgesellschaft und Individualismus ab.
      Die individualistische Ideologie, die Vertreter des Kritischen Rationalismus wie Hans Albert, Karl R. Popper und Ernst Topitsch mit Max Weber verbindet, erklän sowohl ihre Ideologiekritik, die auf dem Wertfreiheitspostulat gründet, als auch ihre Erkenntnislehre, die sich ebenfalls an diesem Postulat orientiert und den individualistischen Begriff der Intersubjektivität in den Mittelpunkt der Diskussion rückt: einen Begriff, der hier in einer anderen Form und in einem anderen Kontext schon im Zusammenhang mit Habermas' Kommunikationstheorie kritisiert wurde.
      Es geht hier keineswegs darum, durch diese Hinweise auf die Ideologie des Kritischen Rationalismus diesen zu diskreditieren, sondern zu zeigen, in welchem gesellschaftlichen Kontext seine Theoreme entstanden sind. Dieser Kontext bringt zwar theoretische Beschränkungen und Nachteile mit sich, die ich im folgenden aufzeigen möchte; er ermöglicht aber auch wertvolle Erkenntnisse, die Marxisten und Anhänger der Kritischen Theorie bisher nicht wahrgenommen haben. In einer Kritik an der katholischen Theologie Karl Rahners thematisiert Albert die ideologischen Prämissen, von denen seine Theorie ausgeht, und weist zugleich auf die möglichen Vorzüge solcher Prämissen hin: 'Dabei scheint ihm jedes Verständnis dafür zu fehlen, daß hinter einer liberalen Erkenntnislehre, die nicht davon ausgeht, daß sich irgend jemand im Besitz einer absoluten heilsbedeutsamen Wahrheit befindet, ein Wahrheitsethos stehen kann, das zumindest Anspruch auf Beachtung verdient, nicht aber eine ohne weiteres als amoralisch abzuurteilende Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit." Im folgenden sollen sowohl die Vorzüge als auch die Nachteile ideologiekritischer Theorien aufgezeigt werden, die, wie schon die verstehende Soziologie, von einem liberalen Individualismus ausgehen.
      Anders als Max Weber, der das Wertfreiheitspostulat in den Mittelpunkt der Methodendiskussion rückte, um es zur Grundlage der Wissenschaftlichkeit zu machen, schließt sich Hans Albert Karl Poppers These an, daß Wissenschaftlichkeit nur durch uneingeschränkte Kritik und durch einen konsequenten Fallibilismus des Theoretikers gewährleistet werden kann. Auch die letzten Wertsetzungen der Wissenschaftler, die Weber bekanntlich der kritisch-wissenschaftlichen Diskussion entziehen wollte, sollen im Kritischen Rationalismus Alberts zum Gegenstand der Kritik werden. Albert wendet sich ausdrücklich gegen Webers 'Auffassung von der Kritikimmunität sogenannter letzter Voraussetzungen"* Mit Recht fragt er sich, ob nicht beliebige Voraussetzungen als 'letzte" deklariert und dadurch der Diskussion entzogen werden könnten; zugleich betont er, daß die Frage nach 'letzten Voraussetzungen" zu einem Regreß ad infimtum führen kann, sofern die Diskussionsteilnehmer nicht bereit sind, bestimmte Voraussetzungen als 'letzte" zu dogmatisieren.
      Das Theorem der 'kritischen Prüfung", das Albert aus seiner bekannten Analyse des 'Münchhausen-Trilemmas" gewinnt42, wird dadurch zur Grundlage sowohl seiner Wissenschaftstheorie als auch seiner Ideologiekritik. Das Wertfreiheitspostulat wird diesem Theorem einverleibt: 'Das Prinzip der Wertfreiheit kann, wie ich zu zeigen versucht habe, als Bestandteil einer methodologischen Konzeption angesehen werden, die an der Idee der freien kritischen Diskussion orientiert ist. Sie ist das Kernstück einer philosophischen Gesamtorientierung, die man als kritischen Rationalismus bezeichnen kann."
Diese Darstellung des Kritischen Rationalismus geht bekanntlich auf Karl Poppers Kritizismus zurück, der seit der Logik der Forschung bestrebt ist, das Kriterium der Verifikation durch das der Falsifikation zu ersetzen. Popper geht es in erster Linie darum, Theoreme und ganze Theorien kritisierbar, der Kritik zugänglich zu machen. Daher heißt es in seinem bekannten Aufsatz über 'Die Logik der Sozialwissenschaften" zur Lösung von Problemen: 'Lösungen werden vorgeschlagen und kritisiert. Wenn ein Lösungsversuch der sachlichen Kritik nicht zugänglich ist, so wird er eben deshalb als unwissenschaftlich ausgeschaltet, wenn auch vielleicht nur vorläufig." Diese Ãœberlegungen sind erstens deshalb wichtig, weil sie eine Definition der Wissenschaft beinhalten und zweitens deshalb, weil sie eine Negativdefinition der Ideologie implizieren: 'ideologisch sind nicht-falsifizierbare, gegen alle Kritik immune Aussagen oder Pseudotheorien."
Von dieser Negativdefinition geht nun Hans Alberts Ideologiekritik aus, die auf der These gründet, daß die ideologische Rede von nicht-kritisierbaren, nicht-falsifizierbaren und daher dogmatischen Voraussetzungen oder Letztbegründungen ausgeht. Wissenschaftliche Theorie und Versuche der Letztbegründung sind nach Albert unvereinbar, da solche Versuche darauf hinauslaufen, daß bestimmte Instanzen oder Werte dogmatisiert und der kritischen Prüfung entzogen werden.
      Dies ist der Grund, weshalb er den neopositivistischen Ansatz Theodor Geigers kritisiert, in dem es im wesentlichen um eine Abgrenzung von wissenschaftlich legitimen und ideologischen Aussagen geht. Der Positivist Geiger hypostasiert die 'objektive Erkenntnis", die ihm als etwas statisch Gegebenes erscheint: 'Während echte Theorie rein gegenstandsorientiert, objektiv ist, besagt der Ideologievorwurf, daß der Denkende etwas von seiner Subjektivität in die Aussage eingeschmuggelt hat." Als kritischer Rationalist kann Albert diese Hypostase als Dog-matisierung einer bestimmten Denkweise nicht akzeptieren und weist sie daher selbst als ideologisches Manöver zurück. In seiner Kritik an Geiger definiert er das Verhältnis von Ideologie und Theorie auf seine Art: 'Wer die klassische Methodologie, die vom Prinzip der zureichenden Begründung ausgeht, akzeptiert, hat keine Möglichkeit, in überzeugender Weise zwischen Ideologie und Erkenntnis zu unterscheiden, denn diese Methodologie läßt als praktizierbare Lösung des Geltungsproblems nur den Rekurs auf ein mehr oder weniger verschleiertes Dogma zu, also den Weg, den man als typisch für ideologisches Denken anzusehen pflegt."

   In einer ähnlichen Perspektive stellen Ernst Topitsch und Kurt Salamun die Rolle der Dogmatisierung in der ideologischen Rede dar. Auch sie konstruieren — meiner Meinung nach zu Recht — einen Gegensatz zwischen Ideologie und Kritik : 'Bestimmte Einsichten, Prinzipien und Grundüberzeugungen werden als unrevidierbar und absolut gültig angesehen und gleichsam für sakrosankt erachtet."
Die kritisch-rationalistischen Einwände gegen die Dogmatisierung bestimmter Axiome und Theoreme, die Autoren wie Topitsch, Albert oder Popper grundsätzlich von Neopositivisten wie Th. Geiger unterscheiden, halte ich für sinnvoll und möchte sie — im Gegensatz zu den transzendentalen Begründungsversuchen Apels und Habermas' — in meinen eigenen textsoziologischen Ansatz aufnehmen. Im vorigen Kapitel hat sich bereits gezeigt, daß Habermas' idealistische Vorstellung von einer 'idealen Sprechsituation" für die Textsoziologie als Diskurskritik nicht akzeptabel ist. Was Karl-Otto Apels Universalpragmatik angeht, so kann ich Hans Albert nur recht geben, wenn er daran zweifelt, daß das hermeneutische Ideal einer 'unbegrenzten Interpretationsgemeinschaft" von allen Beteiligten vorausgesetzt werden muß: 'In diesem Falle habe ich die Vermutung, daß die unbegrenzte Interpretationsgemeinschaft jedenfalls ein Apelsches Ideal ist, eine normative Idee, zu der er sich bekennt. Die Frage, ob andere Leute sie in irgendeiner Weise voraussetzen', wollen wir dahingestellt sein lassen."

   Mit Albert bin ich weitgehend einverstanden, wenn er den Unterschied hervorhebt 'zwischen dem Vertrauen, daß wir im Prinzip in der Lage sind, die Wahrheit zu erreichen, und dem Versuch, eine unerschütterliche Basis zu etablieren, eine Grundlage also, die als unbezweifelbar gelten kann und uns die Wahrheit bestimmter Aussagen garantiert." Einverstanden bin ich mit dem Vorschlag der Kritischen Rationalisten, Letztbegründungen durch kritische Diskussion oder Ãœberprüfung zu ersetzen. Deshalb halte ich auch die Kritik von Helmut F. Spinner nicht für relevant, der in seinem Buch Ist der Kritische Rationalismus am Ende} forden, zunächst müsse die schlichte Frage beantwortet werden: 'warum es rational sei, kritisch zu sein"K Ein solches Vorgehen muß zu dem von Alben in seiner Kritik des Münchhausen-Trilemmas dargestellten Regreß ad mfinitum führen. Der Begriff der Kritik ist als solcher nicht dogmatisierbar, weil er prinzipiell alle Argumente als Hypothesen zuläßt.
      Meine eigene Kritik setzt an einem anderen Punkt an und sollte als eine Fortsetzung der Kritik an Webers Wissenschaftsbegriff und an seinem Postulat der Wertfreiheit gelesen werden. Im Lichte dieser Kritik wird auch die Forderung nach kritischer Prüfung von Theoremen und Theorien, die ich gemeinsam mit den Kritischen Rationalisten erhebe, eine etwas andere Bedeutung annehmen: und zwar in einem Kontext, der von den hier bereits eingeführten Begriffen 'Dialog", 'Distanzierung", 'Reflexivität" und 'In-terdiskursivität" gebildet wird.
     
Zwei Begriffe des Kritischen Rationalismus scheinen mir in dem hier konstruierten Kontext besonders problematisch zu sein: der Begriff der 'Wertfreiheit", den Albert und Topitsch von Weber übernehmen und der komplementäre Begriff der 'Intersubjektivi-tät", der sie bis zu einem gewissen Grad mit Habermas verbindet. Beide Begriffe sind aus einer individualistischen Ideologie hervorgegangen, und ihre Anwendung führt dazu, daß im Kritischen Rationalismus der kollektive Faktor im sprachlichen Bereich völlig vernachlässigt wird. In einem ersten Schritt möchte ich mich dem Begriff der Wertfreiheit bei Albert und Topitsch zuwenden, um dann in einem zweiten Schritt den Begriff der Intersubjektivität in Angriff zu nehmen.
      Albert verwendet das Postulat der 'Werturteilsfreiheit" auf ähnliche Art wie Max Weber: außer daß er, wie sich oben gezeigt hat, auch die letzten Voraussetzungen der Kritik aussetzen möchte. An der Möglichkeit einer werturteilsfreien Objektsprache zweifelt er ebensowenig wie Weber: 'Alles das hat mit der Frage der Einführung von Werturteilen auf der Ebene der Objekt-Sprache, also in die wissenschaftlichen Aussagenzusammenhänge selbst, wenig zu tun. Für diese Frage ist aber die Erörterung des Relevanz-Problems insofern von Bedeutung, als sich meines Erachtens zeigen läßt, daß man tatsächlich alle auf den Objektbereich der Wissenschaft beziehbaren Wertgesichtspunkte als Auswahlgesichtspunkte behandeln kann, so daß die ganze Wertproblematik nur noch als metawissenschaftliches Relevanzproblem auftaucht, also in die Basis verschoben wird. Solche Wertgesichtspunkte werden dann bei der Formulierung einer sachlichen Fragestellung zum Tragen gebracht, die aber selbst einer wertfreien Behandlung zugänglich ist."
Wie schon Weber versucht Albert, die wertbedingten Relevanzkriterien, die bei der soziologischen Gegenstandsbestimmung eine Rolle spielen und auf metasprachlicher Ebene thematisiert werden, von der Behandlung 'einer sachlichen Fragestellung" auf objektsprachlicher Ebene zu trennen. Im Zusammenhang mit der verstehenden Soziologie habe ich bereits zu zeigen versucht, wie die Relevanzkriterien und die von diesen ausgehenden Klassifikationen den gesamten Diskurs steuern. Aus diesem Grunde ist es nicht möglich, die Metasprache sauber von der Objektsprache zu scheiden: denn die Relevanzkriterien und Taxonomien, die bei der Gegenstandsbestimmung eine wichtige Rolle spielen, schlagen sich auch in den 'wissenschaftlichen Aussagenzusammenhängen selbst" nieder. Es ist unmöglich, die Wert- und Ideologieproblematik 'in die Basis" abzuschieben.
      Schon die Auseinandersetzung mit Webers Theorie hat gezeigt, wie die ersten Definitionen , Selektionen und Klassifikationen nicht nur den Gegenstand 'Herrschaft" konstituieren, sondern den wissenschaftlichen Diskurs über diesen Gegenstand bestimmen. Ahnliches kann im Zusammenhang mit dem Kritischen Rationalismus festgestellt werden: Auch sein Diskurs als Objektsprache enthält Ideologeme, die als individualistisch und liberal charakterisiert werden könnten. So heißt es beispielsweise in Alberts Traktat über rationale Praxis: 'Eine Erweiterung der Konkurrenz involviert also eine Vergrößerung des jeweiligen individuellen Handlungsspielraums, soweit die dazu notwendige Information vorhanden ist. Eine Verschärfung der Konkurrenz — durch Erhöhung des Konkurrenzdrucks — kann für eine Verbesserung der angebotenen Möglichkeiten und damit ebenfalls zu einer Erweiterung dieses Spielraums führen." — Sicherlich bestätigt der staatlich verwaltete Kapitalismus Osteuropas dieses Theorem; dessen individualistische Ideologie wäre dennoch zu kritisieren, da sie sich in dieser Textpassage über die Folgen hinwegsetzt, die der Konkurrenzdruck für die sozial Schwachen haben kann. Diese Folgen werden eher von Thomisten, Marxisten und Anhängern der Kritischen Theorie thematisiert, die auch nicht wertfrei argumentieren, sondern von anderen Ideologemen ausgehen, die nicht dogmatisiert werden sollten. Denn als Letztbegründungen sind sie nicht brauchbar; nur als mögliche Bewertungen der Lage.
      Hier zeigt sich, daß es nicht möglich ist, in den Sozialwissenschaften rein 'sachlich" zu argumentieren, so als sei die Objektsprache von den Relevanzkriterien und Klassifikationen unabhängig, die über die Gegenstandskonstitution entscheiden. Als ebenso fragwürdig wie Alberts Unterscheidung zwischen einer 'deskriptiven Sprache" der Wissenschaft und einer 'präskriptiven Sprache der Praxis" erscheint daher Topitschs Versuch, Wertung und reine Tatsachenkenntnis zu trennen. Sicherlich wird man ihm recht geben, wenn er behauptet, daß die 'großen Imperien der Menschheitsgeschichte" von einem Pazifisten anders beurteilt werden, als von einem Militaristen. Zweifel sind allerdings bei der folgenden Behauptung angebracht: 'Bezüglich des rein Tatsächlichen besteht hier überall völlige Ãœbereinstimmung, es ist konstant, während die wertende Einschätzung variiert." Was aber sind Tatsachen? Wo hören Tatsachen auf und fangen ideologische Urteile an? Ist der Ostblock eine 'sozialistische Staatengemeinschaft" oder ein 'Imperium der Menschheitsgeschichte"? War Julius Caesar ein 'charismatischer Führer", 'Exponent bestimmter Klasseninteressen" oder schlicht 'Realpolitiker"? Wie soll seine 'Geschichte" erzählt werden?
Hier entscheiden die Relevanzkriterien, die anfänglichen Definitionen und Klassifikationen über den gesamten Diskurs. Ich kann Topitsch nicht zustimmen, wenn er über das Vorgehen des Richters schreibt: 'So wählt der Richter aus der Fülle möglichen Wissens über eine Straftat und ihren Täter jene Bestandteile aus, die für die rechtliche Beurteilung relevant sind. Durch diese wertbeziehende Auswahl wird weder ein bestimmtes Ergebnis von vornherein festgelegt, noch werden andere — etwa naturwissenschaftliche, künstlerische, historische oder politische — Betrachtungsweisen desselben konkreten Ablaufes der Ereignisse dadurch als falsch oder unberechtigt hingestellt."

   Es lohnt sich, sich diese Textpassage genauer anzusehen. Auch Topitsch geht davon aus, daß eine bestimmte kognitive Tätigkeit von bestimmten Relevanzkriterien ausgeht. Aber schon die Phase der Relevanzbestimmung ist nicht unproblematisch: Die richterliche Entscheidung darüber, welche Elemente 'für die rechtliche Beurteilung" relevant sind, ist von psychischen, kulturellen, religiösen und ideologischen Interferenzen nicht frei. Albert Camus stellt dieses Problem anschaulich dar in seinem Roman L'Etranger, wo der Protagonist Meursault, der, ohne es zu beabsichtigen, einen Araber erschoß, vom Gericht hauptsächlich deshalb zum Tode verurteilt wird, weil er beim Begräbnis seiner Mutter keine Trauer zeigte. In der englischen und schottischen Rechtssprechung, die teilweise auf Präzedenzfällen gründet, zeigt sich immer wieder, daß die Frage, ob in einer bestimmten Situation ein Präzedenzfall als relevant anerkannt wird, zu einem Politikum werden kann: Ein Gericht kann beispielsweise entscheiden, daß die ratio, die einem bestimmten Präzedenzfall zugrunde liegt, nicht mehr gilt, um ein liberaleres Urteil fällen zu können. Mit anderen Worten: Fiktion und rechtliche Praxis zeigen, daß Relevanzkriterien und Klassifikationen über den gesamten diskursiven Ablauf und dessen Ergebnis entscheiden.
      Es ist deshalb nicht legitim, die Metasprache von der Objektsprache, die präskriptive von der deskriptiven Sprache zu isolieren; ebenso fragwürdig erscheint mir die von Rene König vorgeschlagene Trennung zwischen Handeln und Beobachten, sofern 'Beobachten" als sprachliche Tätigkeit und nicht einfach als passives Zuschauen definiert wird: 'Die Freiheit von Werturteilen im Sinne von Max Weber hängt — genau wie bei Emile Durkheim — mit einer fundamentalen Unterscheidung zwischen der Perspektive des Handelnden einerseits und der des Beobachters andererseits zusammen."' Dem ist entgegenzuhalten, daß jeder Diskurs eine von kollektiven Standpunkten und Interessen motivierte Handlung ist, die einen produktiven Aspekt hat, insofern als sie ein Objekt konstituiert und dadurch verändernd, 'modellierend" in die sprachliche und gesellschaftliche Wirklichkeit eingreift.
      An dieser Stelle sollte ein wichtiges Problem des Kritischen Rationalismus angeschnitten werden, dessen Behandlung den Brückenschlag vom Werturteilspostulat zum Begriff der Intersubjektivität erleichtert. Es geht — wie schon bei Habermas — um das Verhältnis von Satz und Diskurs, von phrastischen und transphrastischen Einheiten. Einer aufmerksamen Lektüre der Texte von Hans Albert und neuerdings Hans Lenk wird nicht entgehen, daß sie stillschweigend davon ausgehen, daß die sprachliche Einheit, in der Werturteile vorkommen können, der Satz ist. In dieser Hinsicht stimmen sie weitgehend mit dem von Hans Albert kritisierten Theodor Geiger überein. In dessen Buch über Ideologie und Wahrheit heißt es unmißverständlich: 'Solche Sätze sind z. B. die Werturteile. Sie sind im folgenden auf ihren Inhalt, ihre Struktur und ihren Ursprung hin eingehender zu untersuchen." Nicht viel anders äußert sich Albert zur sprachlichen Form des Werturteils, wenn er in Konstruktion und Kritik die Bedingungen aufzählt, unter denen 'ein Satz als ein Werturteil anzusehen" ist.

     
  
Auch Hans Lenks vierzehn Jahre nach Konstruktion und Kritik erschienenes — und ansonsten sehr anregendes, weil dialogfreudiges — Buch Zwischen Wissenschaftstheorie und Sozialwissenschaft geht über die Problematik der phrastischen Syntax nicht hinaus: 'Man kann nicht aus der Einsicht, daß auch die Wissenschaft von Werten und Normen geleitet wird, ableiten, daß wissenschaftliche Sätze nie ohne Wertungscharakter, nie wertfrei sind ." An anderer Stelle wird die phrastische Perspektive bestätigt, wenn der Autor fordert, man müsse 'klar zwischen wertenden und erkenntnisliefernden Sätzen unterscheiden".^ Nun wird niemand bestreiten, daß eine solche Unterscheidung sinnvoll und notwendig ist und daß jeder Versuch, diese Differenz zu verwischen, nicht nur vergeblich, sondern auch für die Theorie schädlich ist. Der Satz 'Europa liegt nördlich von Afrika" vermittelt eine Erkenntnis und unterscheidet sich radikal von dem Werturteil: 'Unsere Gesellschaftsordnung ist ungerecht".
      Tatsache ist aber, daß es scheinbar deskriptive Sätze gibt, die ideologische Werturteile involvieren und wie einzelne Wörter auf bestimmte Diskurse und Gruppensprachen bezogen werden können. Der Satz 'Das Ich vermittelt zwischen dem Ãœberich und dem Es" mag in den Augen eines Psychoanalytikers rein deskriptiven Charakter haben; auf einen Vertreter der empirischen Psychologie wird er wie ein rotes Tuch, wie ein Ideologem wirken.
      Tatsache ist ferner, und dies ist hier das entscheidende Argument, daß Wissenschaftler nicht nur Wörter oder Sätze, sondern transphrastische Strukturen, d. h. Diskurse produzieren, denen bestimmte Relevanzkriterien und semantische Klassifikationen zugrunde liegen. Nur als Autoren von Diskursen werden Wissenschaftler als Subjekte und Gesprächspartner wahrgenommen. Ihre Intentionen, die mit den Intentionen von Gruppen übereinstimmen, können nicht auf der Satzebene untersucht werden: denn Sätze können — ebenso wie lexikalische Einheiten — polysem und daher polyvalent sein. Erst wenn sie in einen Diskurs eingehen, fügen sie sich in einen zugleich individuellen und kollektiven Intentionszusammenhang ein und erhalten eine Bedeutung und eine Funktion. Der Satz 'Die Niederlage der Nationalsozialisten im Jahre 1945 hat die Welt verändert", erfüllt in einem liberalen Diskurs eine ganz andere Funktion als in einem 'marxistisch-leninistischen".
      Damit komme ich zum Problem der Intersubjektivität, der intersubjektiven Ãœberprüf-barkeit, das sehr eng mit den Problemen der Wertfreiheit und der diskursiven Struktur zusammenhängt. Schon bei Weber zeigte sich, daß Intersubjektivität Wertfreiheit voraussetzt. Diese These wird von Hans Albert bestätigt, wenn er in Aufklärung und Steuerung bemerkt: 'Ãœberall, wo intersubjektive Kritik möglich ist, sind Werturteile nicht notwendig; wo aber keine solche Kritik mehr möglich ist, da können sie nur dogmatisch eingeführt werden. Die Grenze möglicher Wertfreiheit fällt mit der Grenze der kritischen Diskussion zusammen."

Klar tritt hier die individualistische Ideologie des Kritischen Rationalismus zutage: Wertfreiheit in der Sprache ist möglich, zumal nach empiristischer Manier nur der Satzzusammenhang beachtet wird; der Einzelne kann prinzipiell immer auf Werturteile verzichten; intersubjektive Ãœberprüfung von Theoremen ist möglich, denn: Jedes Problem läßt sich sachlich erörtern, ohne daß man zu Werturteilen Zuflucht nimmt." Dieses Vorurteil teilen P. Lorenzen und R. Inhetveen mit Alben und Topitsch.
      Aus textsoziologischer Sicht sieht das Problem allerdings völlig anders aus: Der Einzelne sucht nicht Zuflucht bei Werturteilen, da ja die semantischen Grundlagen seines Diskurses normativen Charakter haben. Gegen diesen Gedanken, der in abgewandelter Form und in einem anderen Kontext von Karl Mannheim vorgebracht wurde , haben sich die Vertreter des Kritischen Rationalismus immer gewehrt. Zu den bekanntesten Auseinandersetzungen mit der 'Ideo-logiehaftigkeit" des Denkens gehört wohl Karl Poppers Kritik an der Wissenssoziologie in Falsche Propheten.
      In dieser Kritik interessiert mich vor allem die Sprachproblematik. Im Gegensatz zu Mannheim geht Popper von dem Gedanken aus, daß in den Sozialwissenschaften nur die von den falschen Propheten Aristoteles und Hegel beeinflußten Theorien 'totale Ideologien" im Sinne von Mannheim sind, weil 'einige Sozialwissenschaftler unfähig und sogar Unwillens , eine gemeinsame Sprache zu sprechen." Popper bietet anschließend eine individualistische Lösung an und setzt sich über das Problem der Gruppensprachen und den kollektiven Charakter diskursiver Strukturen hinweg: 'Der einzige Weg, der den Sozialwissenschaftlern offensteht, besteht darin, alles verbale Feuerwerk zu vergessen und die praktischen Probleme unserer Zeit mit Hilfe jener theoretischen Methoden zu behandeln, die im Grunde allen Wissenschaften gemeinsam sind: mit Hilfe der Methode von Versuch und Irrtum, der Methode der Erfindung von Hypothesen, die sich praktisch überprüfen lassen, und mit Hilfe ihrer praktischen Ãœberprüfung."
Damit sind wir wieder beim Thema der kritischen Prüfung angelangt, das hier in einem ganz anderen Licht erscheint, sobald klar wird, daß Sozialwissenschaftler weder unfähig noch Unwillens sind, eine gemeinsame Sprache zu sprechen, sondern daß sie in einer sprachlichen Situation kommunizieren, die von Gruppenkonflikten und ideologischen Antagonismen gekennzeichnet ist. In dieser Situation gibt es keine gemeinsame wissenschaftliche Sprache, keine wertfreie Rede und folglich auch keine intersubjektive Ãœberprüfbarkeit von Theoremen. Die kritische Prüfung, die auch ich befürworte, wird dadurch zu einem komplexen, interdis-kursiven Vorgang, der von psychisch, kulturell und ideologisch bedingten Verständigungsschwierigkeiten gekennzeichnet ist .
      Da Popper nur das Individuum als gesellschaftliche Einheit anerkennt66, kann er sich nicht vorstellen, daß überindividuelle, kollektive Faktoren Sprache, Denken und Handeln bedingen und Formen der Rationalität entstehen lassen, die miteinander kollidieren. Dies hat im Rahmen eines Diskurses, den ich mir nicht als ganzen zu eigen machen würde, Peter Winch gesehen: 'Dagegen sollte hervorgehoben werden, daß Rationalitätsstandards bestimmten Traditionen innewohnen und daß sie miteinander in Konflikt geraten können." Man braucht hier gar nicht primär an außereuropäische Kulturen zu denken: Kritische Theorie und Marxismus haben, wie sich im 2. Kapitel gezeigt hat, einen anderen Vernunftbegriff als der Kritische Rationalismus, und dieser hat sprachlichen, diskursiven Charakter .
      Popper versucht, das Problem der Gruppensprachen dadurch zu lösen, daß er seine Existenz, ähnlich wie die der kollektiven Interessen, leugnet. In seiner Kritik an Thomas Kuhn gibt er einerseits zu, daß wir als Theoretiker Gefangene bestimmter Rahmenbedingungen sind; andererseits glaubt er aber, daß wir jederzeit in der Lage sind, aus diesen Rahmenbedingungen auszubrechen: 'Ich gebe zu, daß wir zu jedem Zeitpunkt Gefangene unserer theoretischen Rahmenbedingungen; unserer Erwartungen; unserer früherer Erfahrungen; unserer Sprache sind." Aber, fügt er hinzu, wir sollten vor dem Hindernis der Rahmenbedingungen, die unsere Theorien umfassen, nicht kapitulieren, denn: 'Entscheidend ist, daß kritische Diskussion und ein Vergleich der verschiedenen Rahmenbedingungen immer möglich sind." Sie sind auch in den Sozialwissenschaften sicherlich möglich und wünschenswert, aber der 'Positivismusstreit" zeigt, daß das Aneinander-Vorbei-Reden eher die Regel ist.
      Popper schließt seine Argumentation mit einem Vergleich, der zeigt, daß er das Ideologieproblem und das der Gruppensprachen nicht berücksichtigt: 'Es ist bloß ein Dogma — ein gefährliches Dogma —, daß die verschiedenen Rahmenbedingungen Sprachen gleichen, die nicht ineinander zu übersetzen sind. Tatsache ist, daß grundverschiedene Sprachen nicht unübersetzbar sind, und daß es zahlreiche Hopi oder Chinesen gibt, die gelernt haben, die englische Sprache sehr gut zu beherrschen." Hier ist Dissens anzumelden: Theorien sind nicht nur in natürliche Sprachen eingebettet, sondern auch in Gruppensprachen oder Sozio-lekte, die ideologischen Charakter haben können. Diese sind, wie sich im ersten Kapitel gezeigt hat, partikulare Systeme und sind weder mit der Kultur noch mit der Sprache koextensiv. Sie könnten als sekundäre modellierende Systeme im Sinne von Lotman aufgefaßt werden.
      Obwohl kritische Diskussionen und Vergleiche zwischen diesen sprachlichen Subsystemen möglich sind, sind sie immer prekär und haben experimentellen Charakter, weil die Terminologie des einen Systems nicht ohne weiteres in die des anderen übertragbar ist: M. Webers Begriff der 'Wertfreiheit" ist nicht mit N. Elias' Begriff der 'Distanzierung" zu übersetzen, ebensowenig wie der Kommunikationsbegriff der Informatik in Habermas' Theorie des 'kommunikativen Handelns" übertragen werden kann. Hier spielen ideologische Differenzen eine wesentliche Rolle, die in den Diskursen der Naturwissenschaften, an denen sich Popper vorwiegend orientiert, nicht vorkommen. Es ist sicherlich kein Zufall, daß Popper sich in seiner Kritik der 'Rahmenbedingungen" vor allem auf die Erfahrungen der Physik stützt und sich von den Sozialwissenschaften distanziert: 'Tatsächlich sind, im Vergleich zur Physik, die Soziologie und die Psychologie voller Modeerscheinungen und unkontrollierter Dogmen ."7:
Eine Theorie der kritischen Ãœberprüfung kann nicht von der naiven Vorstellung einer uneingeschränkten Intersubjektivität ausgehen, die Popper als Erbe der Aufklärung in seiner Kritik am 'framework" voraussetzt und die auf dem Gedanken gründet, daß theoretische Diskurse wertfrei und 'übersetzbar" sind. Donald Davidson kann im Jahre 1984 nur deshalb Poppers Argumentation weiterführen, weil er, wie Albert, Geiger und später Searle , nur den Satz anvisiert . Die Tatsache, daß terminologische Ãœbersetzungen im Bereich der Sozialwissenschaften häufig scheitern, weil Terminologien mit kollektiven Werturteilen befrachtet sind , erklärt, weshalb die kritische Ãœberprüfung nicht als intersubjektiver , sondern nur als in-terdiskursiver Vorgang denkbar ist.
      Sie erklärt auch, weshalb Poppers Begriff der Falsifikation in den Sozialwissenschaften kaum anwendbar ist. Dieser Begriff setzt die Begriffe Wertfreiheit und Intersubjektivität voraus. In einer Situation aber, in der Diskurse, die aus heterogenen Gruppensprachen hervorgehen, miteinander konkurrieren, ist eine intersubjektive Prüfung, die die kollektiven Faktoren ausblendet, eine Illusion, ebenso wie alle Falsifikationsversuche: Selbst wenn eine Aussage des Diskurses A der Form nach falsifizierbar ist, ist noch lange nicht gesagt, daß sie vom Diskurs B als wissenschaftliche Aussage anerkannt wird. Der Satz:
'Kein kapitalistisches System kommt ohne die Produktion von Mehrwert aus", ist der Form nach falsifizierbar; es ist aber unwahrscheinlich, daß ein kritischer Rationalist oder ein Schüler von Talcott Parsons ihn als wissenschaftliche Aussage akzeptiert.
      Der inadäquate Charakter der 'Intersubjektivität", die ich hier im dritten Teil durch den Begriff der 'Interdiskursivität" ersetze, erklärt zumindest teilweise, weshalb das Falsifikationsprinzip in den Sozialwissenschaften so erfolglos war: Was der eine Theoretiker für ein längst überholtes Falsifikat hält, verteidigt der andere als Wahrheit oder als brauchbares Theorem . Ob ein Theorem als 'falsifiziert" erscheint, hängt nicht nur von empirischen Tatbeständen ab, sondern auch von deren Rekonstruktion durch heterogene, ideologisch bedingte theoretische Diskurse. So kann Andrew Sayer vom Falsifikationstheorem sogar behaupten, 'es sei fast unmöglich, es anzuwenden" .
      Einige Bestandteile von Poppers Theorie halte ich für sinnvoll und richtig; allerdings unter drei Bedingungen:
A) Um einen Dialog zwischen heterogenen Theorien in den Sozialwissenschaften sinnvoll zu gestalten , ist es notwendig, daß die Gesprächspartner sich über die ideologischen Grundlagen der beteiligten theoretischen Diskurse im klaren sind. Aus dem bisher Gesagten geht hervor, daß z. B. die Terminologie des Kritischen Rationalismus aus einem liberalen Individualismus hervorgeht, der näher zu bestimmen wäre: Begriffe wie 'Individualismus", 'individuelle Methode", 'Konkurrenz", 'Wertfreiheit", 'Intersubjektivität", 'Empirismus", 'piecemeal engineering" etc. bilden einen semantischen Raster, der alles andere als neutral ist. Ihr ideologischer Ursprung sagt jedoch nichts über den theoretischen Wert dieser Begriffe aus. Auch der begriffliche Raster der Kritischen Theorie ist einem liberalen — allerdings marxistisch reflektierten — Individualismus verpflichtet.7' Diese Hybris der Kritischen Theorie ist den kritischen Rationalisten ein Dorn im Auge und sollte daher vor jeder Diskussion ideologiekritisch aufgearbeitet werden: Erst dann ist eine theoretische Analyse sinnvoll.
B) Wird einmal die Ideologiehaftigkeit der Begriffe anerkannt, entfallen zusammen mit dem Wertfreiheitspostulat die Forderungen nach intersubjektiver Prüfung und Falsifikation. Wo die inter-individuelle, individualistische Kritik der Theoreme durch eine inter-diskursive, d. h. inter-kollektive Kritik ersetzt wird, scheint der Begriff der Erschütterung, den Otto Neurath in seiner Kritik an Popper vorschlägt, als Alternative in Frage zu kommen: 'Wo Popper an die Stelle der ,Verifikation' die .Bewährung' einer Theorie treten läßt, lassen wir an die Stelle der ,Falsifikation' die ^Erschütterung einer Theorie treten . Gerade in den Sozialwissenschaften, wo ideologische Gruppen und nicht atomisierte Individuen Theoreme beurteilen, gilt Neuraths Ergänzung: 'Denn wir kennen ja den Schnitt nicht, der die ,falsifizierbaren' Theorien von den ,unfalsifizierbaren' trennen soll." Man könnte hinzufügen, daß auch der Trennungsstrich zwischen den falsifizierten und den nicht-falsifizierten nicht klar zu ziehen ist.
      C) Die dritte Bedingung, unter der eine kritische Diskussion in den Sozialwissenschaften stattfinden kann, habe ich bereits im Zusammenhang mit Max Webers Ansatz erwähnt: Das Wertfreiheitspostulat soll durch Distanzierung dem eigenen Diskurs, der eigenen Ideologie gegenüber ersetzt werden. Erst wenn der Nexus zwischen dem eigenen theoretischen Diskurs und der Ideologie, aus der er hervorgeht, kritisch reflektiert wird, ist die Hoffnung auf Verständigung berechtigt, weil dann ein entscheidendes ideologisches Manöver unterbleibt: die Gleichsetzung des eigenen Diskurses mit den Referenten .
      Mit Popper bin ich einverstanden, wenn er versucht, die Objektivität der Wissenschaften dialogisch zu definieren: 'Objektivität", schreibt Günter Witschel, 'wird nach Popper nicht durch den Standort des Wissenschaftlers bewirkt, sondern auf sozialem Wege durch gegenseitige Kritik', ,freundlich-feindliche Arbeitsteilung', durch Zusammenarbeit' und auch durch ,Gegeneinanderarbeit'." Nur die Rahmenbedingungen wollte ich hier in einem anderen Licht darstellen als die Rationalisten Albert, Popper und Topitsch. Auf diese Bedingungen will ich ausführlicher und in einem anderen Kontext im dritten Teil dieses Buches eingehen.
      3. These: Das Postulat der Wertfreiheit ist keine Alternative zum politischen, 'proletarischen" Engagement der Theorie, da es in den Sozialwissenschaften unter den gegenwärtigen Bedingungen unmöglich ist, wertende von wertfreien Diskursen zu unterscheiden. Fragwürdig sind Versuche Webers und der Kritischen Rationalisten, einen Trennungsstrich zwischen wertender Metasprache und wertfreier Objektsprache zu ziehen: Die Werturteile der Metasprache gehen auf lexikalischer, semantischer und narrativer Ebene in den Diskurs der Objektsprache ein. In diesem Kontext müssen auch die das Wertfreiheitspostulat ergänzenden Begriffe der 'Intersubjektivität" und der 'Falsifizierbarkeit" in Frage gestellt werden. Wenn es zutrifft, daß die Diskurse der Sozialwissenschaften ideologisch vermittelt sind dann können Dialog und kritische Ãœberprüfung im sozialwissenschaftlichen Bereich nicht individualistisch als intersubjektive Vorgänge aufgefaßt werden. Sie werden hier in einem interdiskursiven Zusammenhang neu definiert.
     

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Von  Max  Weber  zum  Kritischen  Rationalismus:  Hans  Albert,  Karl  R.  Popper,  Ernst  Topitsch    





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