Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Im vorigen Kapitel sollte vor allem gezeigt werden, daß Ideologie im restriktiven Sinn als diskursive Anordnung definierbar und beschreibbar ist. Bisher wurde "falsches Bewußtsein" häufig im Zusammenh
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Soziologie in der Marktgesellschaft: Kulturwert und Tauschwert



Analog zur Struktur des vorigen Kapitels soll in diesem und im nächsten Abschnitt gezeigt werden, daß die Soziologie als Modell der Sozialwissenschaft ideologisch im allgemeinen Sinne ist: erstens, weil sie - wie die ideologischen Diskurse - auf die Indifferenz des Tauschwerts reagiert; zweitens, weil sie aus bestimmten liberalen, sozialistischen, konservativen oder christlich-humanistischen Ideologien hervorgeht und in verschiedenen sozio-linguistischen Situationen bewußt oder unbewußt, implizit oder explizit in die ideologischen und politischen Auseinandersetzungen eingreift. Im dritten Abschnitt werden schließlich die ideologischen Aspekte einiger soziologischer Diskurse untersucht.

      Es liegt mir fern, im folgenden beweisen zu wollen, daß Soziologie letztlich "nichts anderes" ist als Ideologie. Es ist aber interessant zu beobachten, daß nicht nur konservative, liberale, revolutionäre und "grüne" Ideologen die Indifferenz des Tauschwerts und die Anonymität der Marktgesellschaft problematisieren, sondern daß auch Soziologen diesen Aspekt der Moderne zum Ausgangspunkt ihrer Diskurse machen. Sieht man sich einige Schlüsselbegriffe der frühen Soziologie näher an, so stellt man alsbald einen latenten Gegensatz zur Marktordnung fest.
      Karl Marx, der im vorigen Kapitel bereits als Begründer marktfeindlicher Ideologien zitiert wurde, ist nicht der einzige Gesellschaftstheoretiker, der die verdinglichenden Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschaftsform auf den sozialen Kontext zum Ausgangspunkt seiner Analysen machte. Auch Ferdinand Tönnies, Alfred Weber, Max Scheler und Georg Simmel in Deutschland sowie Emile Durkheim und Roben Park in Frankreich und den Vereinigten Staaten haben Terminologien entwickelt, die als Reaktionenauf die marktbedingte Krise der modernen Kultur interpretiert werden können.
Obwohl Ferdinand Tönnies' bekanntes Begriffspaar Gemeinschaft und Gesellschaft, dem das Begriffspaar Wesenswille und Kürwille entspricht, verschiedentlich als neutral oder als werturteilsfrei aufgefaßt wurde5, werden einer aufmerksamen Lektüre von Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie die positiven und negativen Konnotationen, die diesen beiden Schlüsselbegriffen anhaften, nicht entgehen. Während die Gemeinschaft als Familie, Nachbarschaft oder Freundschaft durch gefühlsbetonte Beziehungen und enge Bindungen, insgesamt durch den Wesenwillen gekennzeichnet ist, herrscht in der Gesellschaft der Kürwille vor: das von individuellen und kollektiven Interessen motivierte Zweck-Mittel-Denken.
      Entscheidend für meine Argumentation ist nun die Art, wie Tönnies gleich zu Beginn seines bekannten Buches das semantische Umfeld der beiden Seme "Gemeinschaft" und "Gesellschaft" absteckt: "Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde. Der Jüngling wird gewarnt vor schlechter Gesellschaft; aber schlechte Gemeinschaft ist dem Sprachsinne zuwider. Gemeinschaft ist das dauernde und echte Zusammenleben, Gesellschaft nur ein vorübergehendes und scheinbares." Die positiven und negativen Konnotationen sind kaum zu überhören. Die Gemeinschaft mag noch so sehr als wertfreie, idealtypische Konstruktion aufgefaßt werden: sie ist das "Dauernde" und "Echte".
      Wichtig ist schließlich die Verknüpfung von Gesellschaft und Geld: "Gemeinschaft der Sprache, der Sitte, des Glaubens; aber Gesellschaft des Erwerbes, der Reise, der Wissenschaften. So sind insonderheit die Handelsgesellschaften bedeutend; wenn auch unter den Subjekten eine Vertraulichkeit und Gemeinschaft vorhanden sein mag, so kann man doch von Handelsgemeinschaft kaum reden. Vollends abscheulich würde es sein, die Zusammensetzung Aktien-Gemeinschaft zu bilden. Während es doch Gemeinschaft des Besitzes gibt: an Acker, Wald, Weide." Als "abscheulich" wird hier also in einer bestimmten Situation die Wortverbindung "Aktien-Gemeinschaft" empfunden, die die Seme "Markt" und "Tauschwert" mit den Semen "Besonderheit" und "Intimität" verknüpft. Es ist wohl kein Zufall, daß die Gebrauchswerte "Acker", "Wald", "Weide" durchaus als mit der Gemeinschaft vereinbar und semantisch assoziierbar empfunden werden.
      Es ist, meine ich, ohne weiteres möglich, "Gemeinschaft" und "Gesellschaft" als soziologische Idealtypen im Sinne von Max Weber zu verwenden und auf negative oder positive Konnotationen zu verzichten. Daß Tönnies dies gerade in seinen sprachanalytischen Überlegungen nicht tut und mit Werturteilen wie "dauernd", "echt" und "abscheulich" nicht spart, ist als Indiz für die Allergie einiger deutscher und französischer Soziologen der wachsenden Anonymität und Indifferenz der Marktgesellschaft gegenüber zuwerten. Bei Tönnies kommt diese Abneigung am klarsten in seinem ideologischen Plädoyer für einen genossenschaftlich-gemeinschaftlichen Sozialismus zum Ausdruck.
      Die Rezeption von Tönnies' Werk in den Vereinigten Staaten zeigt, daß der Nexus zwischen Gesellschaft und Markt keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Robert E. Park, der analog zum Gegensatz Gemeinschaft/Gesellschaft den zwischen sakralen und säkularen Gesellschaften eingeführt hat, stellt immer wieder Beziehungen zwischen der säkularen Form und der Marktwirtschaft her: "Hinzu kommt, daß die ,säkulare' Gesellschaft ihr Zentrum im Markt findet, wo sich die Leute treffen, ,nicht weil sie gleich, sondern weil sie verschieden sind'. Der typischerweise mit dem Markt verbundene Wert ist die Effizienz mit einem Blick auf den erwarteten Erfolg und nicht die Ehrfurcht und Gefolgschaft gegenüber der Tradition ." Diese knappe Darstellung von Werner J. Cahnmann legt nicht nur die enge Beziehung zwischen der "säkularen" Gesellschaftsform und den Marktmechanismen bloß, sondern zeigt zugleich, daß die "organische Solidarität" im Sinne von Durkheim sowie das Leistungsprinzip letztlich Marktphänomene sind.
Wenn ich weiter oben von einigen Soziologen sprach, so dachte ich auch an Alfred Weber, dessen Begriffspaar Kultur/Zivilisation semantisch und pragmatisch in vieler Hinsicht den von Tönnies eingeführten Gegensätzen entspricht. Auch bei Weber geht es letztlich um den Widerspruch zwischen qualitativen kulturellen und quantitativen technischen Werten, die laut Spencer die "merkantile" Gesellschaftsform beherrschen. Über seinen eigenen Standpunkt und seine Sympathien läßt Weber bei seinen Lesern ebensowenig Zweifel aufkommen wie Tönnies. Dem Utili-tarismus der technisierten Marktgesellschaft setzt er die Kultur gegenüber: "Dann aber erst, wenn das erfolgt, wenn das Leben von seinen Notwendigkeiten und Nützlichkeiten zu einem über diesen stehenden Gebilde geworden ist, erst dann gibt es Kultur'."
Im Anschluß an diese Forderung mag es nicht unwichtig sein, darauf hinzuweisen, daß auch im zeitgenössischen Kontext Zivilisation als etwas Transkulturelles und daher Transideologisches aufgefaßt wird: "In dieser transideologischen Zusammenarbeit sind die westlichen und östlichen multinationalen Konzerne die Hauptakteure auf technischer Ebene, aber kapitalistische und sozialistische Staaten nehmen auch auf verschiedene Arten teil."1C Mit anderen Worten: Technik und Geld sind ideologisierbar, aber nicht ideologisch: Es gibt kein konservatives, liberales oder marxistisches Mikroskop.
      Es soll hier nicht der falsche Eindruck erweckt werden, als hätten die Vertreter der frühen deutschen Soziologie die Marktgesellschaft, die Welt des Geldes, der Technik undder kulturindifferenten Zivilisation, schlicht verurteilt. Sie taten es ebensowenig wie Marx und die Marxisten, die sich, wie Kostas Axelos in Marx penseur de la tecbnique zeigt :. vom sozialistisch gebändigten technischen Fortschritt viel versprachen. Während Tönnies durchaus die Bedeutung der Vergesellschaftung für die individuelle Freiheit erkennt und beschreibt, strebt Weber eine Synthese von Zivilisation und Kultur an, in der letztere als das Unvertauschbare und Besondere dominiert.
      Noch bewußter und systematischer als diese beiden Autoren oszilliert Georg Simmel zwischen dem qualitativen und dem quantitativen Pol, zwischen Kulturwert und Tauschwert. Ihm ist das Geld nicht einfach eine Negation alles Spezifischen und Konkreten, sondern zugleich eine historische Garantie der zunehmenden individuellen Freiheit, Un-gebundenheit. Der Autor der Philosophie des Geldes, der von der "Bedeutung der Geldwirtschaft für die individuelle Freiheit" spricht12, erinnert an anderer Stelle an die "vor-schreitende Uberdeckung der qualitativen Werte durch einen bloß quantitativen.":: Seine Schriften zeigen, daß er - ebenso wie Tönnies und Alfred Weber - nichts von einer einseitigen Negation der anonymen und entfremdenden Marktgesellschaft hielt; schon um die Jahrhundertwende ahnte er, wohin eine solche Negation führen könnte.
      Der skeptische Unterton, mit dem er in seinen Essays die sich konsolidierende Herrschaft des Geldes kommentiert, ist zwar nicht zu überhören, doch wird seine Betrachtungsweise insgesamt von der kritischen Ambivalenz eingefaßt: "Durch die Unpersön-lichkeit und Farblosigkeit, die dem Gelde im Gegensatz zu allen spezifischen Werten eigen ist und die sich im Laufe der Kultur immer steigern muß, weil es immer mehr und immer mannigfaltigere Dinge aufzuwiegen hat, durch diese Charakterlosigkeit gerade hat es unermeßliche Dienste geleistet."
Simmeis Argumentation erinnert stellenweise an die Emile Durkheims, der in seinem bekannten Buch De la dwision du travail social die arbeitsteilige organische Solidarität einerseits für bestimmte Formen der Anomie verantwortlich macht , andererseits jedoch unmißverständlich auf die Beziehung zwischen Arbeitsteilung und individueller Freiheit hinweist. In der von der mechanischen Solidarität geprägten Gesellschaftsform, die in mancher Hinsicht Tönnies' Gemeinschaft und Parks sakraler Gesellschaft entspricht, findet der Einzelne zwar affektive Geborgenheit unter Seinesgleichen; aber in diesem Fall ist, wie es im französischen Original heißt, "unsere Individualität nichtig": "Mais, a ce moment, notre individualite est nulle." Die mechanische, auf kultureller und affektiver Übereinstimmung gründende Solidarität schließt als Idealtypus, d. h. in ihrer extremen Form, Individualität und individuelle Freiheit aus.
      Ahnlich wie Tönnies erblickt Durkheim in einer demokratischen Form des Sozialismus und in der Gründung von Berufsverbänden, die das Kollektivbewußtsein stärkensollen, eine notwendige Ergänzung zum radikalen Individualismus der entwickelten Marktgesellschaft. Anders als Herbert Spencer, den er wegen dessen bedingungslosem Festhalten am Laissez-Faire-Prinzip immer wieder attackiert, sucht er einen Ausweg aus der Wertindifferenz und Bindungslosigkeit der Moderne in der sozialistischen Ideologie seiner Zeit: der Dritten Republik. Mit Recht bemerkt Joseph Neyer in seinem luziden Aufsatz "Individualism and Socialism in Durkheim": "Von Anfang an war Durkheim klar, daß der ungesunde Zustand des Moralbewußtseins des westlichen Menschen andauern würde, bis sich ein Mittel fände, die Anarchie des wirtschaftlichen Lebens zu mäßigen. Es sollte daher nicht überraschen, daß Durkheim, wie Mauss uns berichtet, mit einigen Sozialisten seiner Zeit sympathisierte."

   Bekannt ist Jean Jaures' Bedeutung für Durkheims politische und wissenschaftliche Entwicklung; umgekehrt steht fest, daß Durkheims Soziologie Jaures und wahrscheinlich auch den marxistischen Sozialisten Jules Guesde beeinflußt hat.r Mir ist in diesem Zusammenhang unverständlich, wie Anthony Giddens, der Durkheims Einfluß auf Jaures erwähnt, den Soziologen zu den "liberalen Republikanern" zählen und sich über Jaures' Tiraden gegen die Radikalen und über den Einfluß von Karl Marx hinwegsetzen kann.

     
   Die Interferenzen von Soziologie und Ideologie an der damaligen Sorbonne stellt Terry N. Clark anschaulich dar, wenn er über die Mitarbeiter der von Durkheim gegründeten Annee sociologique schreibt: "Für viele waren zu dieser Zeit Sozialismus, Sozialwissenschaft und Soziologie eng genug miteinander verbunden, um häufig Verwirrung hervorzurufen. Diese Tendenz wurde durch den aktiven Sozialismus der Mehrheit der /Irmee-Mitarbeiter noch gefördert. Marcel Mauss, Frangois Simiand und Lucien Levy-Bruhl hatten bei der Gründung der Humanite mit Herr und Jaures zu tun gehabt, und alle drei, sowie Halbwachs und Fauconnet, lieferten viele Jahre lang Beiträge für die Zeitung." " Ähnlich wie Tönnies' und Alfred Webers Theorien kann auch die Soziologie Durkheims und seiner Schüler als ein ideologisch motivierter Versuch aufgefaßt werden, die Wertindifferenz des Tauschwerts kritisch zu bewältigen. Während Tönnies für einen gemeinschaftlichen Sozialismus plädiert und Alfred Weber den Vorrang der Kultur sichern möchte, visiert Durkheim - vor allem nach der Dreyfus-Affäre - eine soziologisch fundierte sozialistische Ethik an.
      Nicht nur Jean-Claude Filloux' bekanntes Buch Durkheim et le socialisme , sondern auch die Durkheim-Rezeption in Jugoslawien zeigt, daß diese Ethik in der gesellschaftlichen Praxis noch keineswegs ihre Aktualität eingebüßt hat. So beschließt beispielsweise Rade Kalanj seinen Artikel über die Aktualität von Durkheims Denken miteinigen gegenwartsbezogenen Andeutungen: "Der zentrale Grundsatz von Durkheims sozialem und politischem Denken hat auch heute nichts von seiner Bedeutung verloren. Es ist der Grundsatz, daß Sozialismus ohne politische Demokratie sich in bürokratischen Absolutismus verwandelt und daß ohne die Vergesellschaftung der Wirtschaft Demokratie reine Fiktion bleibt"" Obwohl Durkheims Werk interpretierbar ist, lassen sowohl der Produktions- als auch der Rezeptionszusammenhang eine Affinität zum Sozialismus erkennen.
      Daß das soziologische Pendel angesichts der Auswirkungen der Marktgesetze nicht nur zum Sozialismus oder Sozialliberalismus, sondern auch zum Konservatismus hin ausschlagen kann, zeigt die Wissenssoziologie Max Schelers, die ich im dritten Kapitel bereits im Zusammenhang mit Habermas' Theorie der Erkenntnisinteressen erwähnt habe. Scheler, der sich in seiner Argumentation immer wieder gegen Marx wendet, um die Bedeutung des wirtschaftlichen Faktors als eines historischen Agens durch Einbeziehung weiterer "Realfaktoren" wie "Blut" und "Macht" zu relativieren, bestätigt indes Marxens Diagnose in bezug auf die Geld- und Warenwirtschaft: "Die neue Wirtschaft ist ferner Waren- und Geldwirtschaft, so daß jedes Sach- und Nutzgut nur als mögliches Quantum des Tauschmittels, d. h. der Ware Geld, das heißt erst als ,Ware' erscheint. G W G, nicht mehr W G W, ist die Grundform der ökonomischen Motivation des Wirtschaftens für den ,freien Markt', wie Marx so scharf gesehen hat."
In dieser Situation subsumiert Scheler positive Wissenschaft und Technik dem "Herrschaftswissen" und wirft Comte und seinen Nachfolgern eine "ungeheure Beschränkung des Erkenntniszieles" vor: nämlich auf das technisch verwertbare Wissen, auf das "voir pour prevoir"." Seine Alternative besteht - wie bereits im 3. Kapitel erwähnt - in einer Aufwertung des "Bildungswissens", vor allem der Metaphysik, deren Verfahren die "Wesensschau" ist. Der wertende semantische Gegensatz positive Wissenschaft/Metaphysik läßt ein narratives Schema entstehen, das die Entwicklung der modernen europäischen Industriegesellschaft als "Dekadenz" darstellt.
      In seiner Kritik am Positivismus resümiert er: "Das ist der unermeßliche Irrtum seiner Fortschrittslehre. Was religiöse und metaphysische, zeitgeschichtliche Dekadenz einer kleinen Gruppe der Menschheit war - die Dekadenz des bürgerlich-kapitalistischen Zeitalters -, nahm er für einen normalen Prozeß des ,Absterbens' des religiösen und metaphysischen Geistes überhaupt.'" - Das Land, in dem die Metaphysik noch intakt ist, in dem nach wie vor "Wesensschau" praktiziert wird, ist nach Scheler Indien, das in seinen Schriften Europa gegenüber eine Aufwertung erfährt.- Die zeitgenössische Entwicklung der in-dischen Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie legt allerdings die Vermutung nahe, daß Schelers Wissenssoziologie in mancher Hinsicht zumindest eine rückwärtsgewand-te, konservative Ideologie im Sinne von Mannheim ist.
      Auch Max Weber, dessen Wertfreiheitspostulat ich im 4. Kapitel mit der Indifferenz des Tauschwerts verknüpft - aber nicht identifiziert - habe, bewegt sich trotz seiner Distanz zum Sozialphilosophen Scheler zwischen den Polen der hier skizzierten Struktur, wenn er beispielsweise in Wirtschaft und Gesellschaft vom "Kampf des ,Fachmen-schen'-Typus gegen das alte ,Kulturmenschentum"' spricht. Dieser Auseinandersetzung zwischen zwei historischen Aktanten entspricht auf modaler Ebene der Konflikt zwischen zweckrationalem Handeln einerseits und wertrationalem und traditionalem Handeln andererseits. Die Werturteilsfreiheit ist auch in Webers eigenem Diskurs - wie das 4. Kapitel zeigt - nur Schein, da er ja die Geschichte der Gesellschaft auf seine Art erzählt und dabei sowohl die Möglichkeiten des Fortschritts als auch die des Sozialismus in dessen verschiedenen Ausprägungen wesentlich skeptischer einschätzt als diese Autoren. Der Ausdruck "Entzauberung der Welt" ist ein ideologisches Werturteil über den Lauf der Geschichte.
      In dieser kurzen Skizze einiger soziologischer Ansätze und Schlüsselbegriffe sollte vor allem gezeigt werden, daß die Soziologie in den Frühstadien ihrer Entwicklung mit ähnlichen Problemen der Marktgesellschaft konfrontiert wurde wie die Ideologien konservativer, nationalsozialistischer, liberaler oder sozialistischer Provenienz und daß sie in den meisten Fällen entsprechend ideologisch reagierte, indem sie die Kulturwerte gegen die quantitativen Wertmaßstäbe des Marktes verteidigte. Freilich unterscheiden sich Autoren wie Durkheim oder Tönnies vorteilhaft von einem Charles Maurras, weil sie von anderen Wertsetzungen ausgehen als dieser und weil sie an entscheidenden Stellen die diskursiven Verfahren der Ideologie meiden: etwa wenn sie zeigen, daß "Gesellschaft" und "organische Solidarität" auch die individuelle Freiheit und die Entwicklung der Wissenschaft begünstigen.
      Nicht ganz unberechtigt erscheint an dieser Stelle die Frage, ob denn die ältere Soziologie nicht viel stärker als die zeitgenössische mit Philosophie und Metaphysik liiert war: Sind zeitgenössische Soziologen nicht weniger wertorientiert, nicht weniger mit "metaphysischen" Fragestellungen belastet? Ich meine, daß diese Frage falsch gestellt ist: Die Tatsache, daß soziologische Theorien sich nicht mehr so stark wie früher an metaphysischen und religiösen Problemen orientieren, bedeutet keineswegs, daß sie als Diskurse und Soziolekte aufgehört haben, kollektive Standpunkte und Interessen auszudrücken und gegen die Positionen anderer Theorien zu verteidigen.
      Es sei in diesem Zusammenhang lediglich an Jürgen Habermas' Gegenüberstellung von System und Lehenswelt erinnert, der die Dichotomie des interessegeleiteten strategischen und des wertorientierten kommunikativen Handelns entspricht. Sie fügt sich nahtlos in die soziologische Tradition ein, zumal sie in mancher Hinsicht den hier kommentierten Gegensätzen Gesellschaft/Gemeinschaft, säkular/sakral, Zivilisation /Kultur,organische/mechanische Solidarität oder Herrschaftswissen/Bildungswissen-Erlösungswissen entspricht. Während der Begriff der "Lebenswelt" mit Begriffen wie "Verständigung", "Kommunikation", "Überlieferung" und "Kultur" verknüpft wird, erscheint der Systembegriff regelmäßig im pejorativen Zusammenhang mit Termini wie "Geld", "Macht", "Zwang", "strukturelle Gewalt". Dabei spielt Horkheimers Kritik an der "instrumenteilen Vernunft" eine entscheidende Rolle: " Aber die subjektive Unauffälligkeit von systemischen Zwängen, die eine kommunikativ strukturierte Lebenswelt instrumentalisieren, gewinnt den Charakter der Täuschung, eines objektiv falschen Bewußtseins." Die Hypothese über die wachsende Neutralität oder Ideologiefreiheit moderner Soziologie erweist sich angesichts dieser Passage als fragwürdig.
      Im nächsten Abschnitt soll parallel zum vorigen Kapitel und im Zusammenhang mit einigen soziologischen Debatten in aller Knappheit der zugleich polemische und ideologische Charakter soziologischer Diskurse veranschaulicht werden.
     

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