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Ideologie und theorie
Im vorigen Kapitel sollte vor allem gezeigt werden, daß Ideologie im restriktiven Sinn als diskursive Anordnung definierbar und beschreibbar ist. Bisher wurde „falsches Bewußtsein" häufig im Zusammenh
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Liberalismus und Sozialdarwinismus



Eines der bekanntesten Beispiele aus der Geschichte der Soziologie ist wohl die polemischkritische Auseinandersetzung von Leonard T. Hobhouse mit Herbert Spencers Ansatz und mit dem britischen Sozialdarwinismus insgesamt. Der Hinweis auf gerade diese Kontroverse ist in dem hier konstruierten Kontext alles andere als willkürlich: denn klarer als die bisher erwähnten Soziologen stellte Hobhouse die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung als ein Politikum dar. Er, der eine Zeitlang 'political editor" des liberalen Guardian war, strebte eine gesellschaftliche Synthese zwischen liberalen und sozialistischen Prinzipien an und stieß dabei immer wieder mit den Sozialdarwinisten zusammen, die nicht nur das 'Recht des Stärkeren" auf dem heimischen Markt in Kauf nahmen, sondern zugleich für eine Apologie der imperialen Politik der Jahrhundertwende sorgten: Auch auf dem Weltmarkt sollten sich die 'Stärkeren", die 'Gesünderen", die 'Anpassungsfähigen" durchsetzen. 'Soziologie", schreibt Stefan Collini in seinem zu wenig beachteten Buch Liberalism and Sociology , 'wurde somit als die theoretische Grundlage des nationalistischen Sozialdarwinismus definiert

." Collini bezieht sich vor allem auf Autoren wie Benjamin Kidd und Kar! Pearson.
     
   Angesichts dieser Vorherrschaft sozialdarwinistischer Ideologien in den Institutionen versucht Hobhouse, den biologischen Fortschrittsbegriff der Darwinisten, der alles andere als naturwissenschaftlich oder wertneutral ist, durch einen sozialliberalen Begriff zu ersetzen, den er historisch fundiert: 'Die allgemeine Soziologie", schreibt er in 'So-ciology in America", 'braucht als Grundlage primär nicht die Biologie, sondern vor allem die Geschichte ."x In seinen Augen war der Begriff des Fortschritts unzertrennlich mit dem der sozialen Gerechtigkeit verbunden, den er unermüdlich gegen die Sozialdarwinisten und andere Befürworter imperialer Expansionspolitik verteidigte.
      Es zeigt sich hier zweierlei: erstens, daß ein vieldeutiges Lexem wie 'Fortschritt" zum Spielball antagonistischer Gruppen und Soziolekte werden kann; zweitens, daß die soziologische Theorie des Sozialliberalen Hobhouse ebensowenig von dessen politischem Engagement abzukoppeln ist, wie Durkheims Theorie von einer Variante des Sozialismus, Schelers Wissenssoziologie von einem christlichen Konservatismus und Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns von einem kritisch-theoretischen Engagement.
      Daß die Auseinandersetzungen um die Rolle des Sozialdarwinismus kein britisches Kuriosum der Jahrhundertwende sind, zeigt Robert C. Bannisters umfangreiche Studie über die Anfänge der amerikanischen Soziologie: Soaology and Saentism . Der Objektivismus der 'founding fathers" — Small, Bernard, Ward, Giddings, Sumner und Ogburn — kam im Rahmen einer Synthese zwischen protestantischen und darwinisti-schen Soziolekten zustande, die alle im Plädoyer für das 'Faktische", für das Sammeln von 'Tatsachen" konvergieren: ' Der Objektivismus war in mancher Hinsicht eine säkulare Erscheinungsform des protestantischen Geistes. Dessen Vision einer ,effizien-ten' Gesellschaftsordnung enthielt mehr als nur eine kleine Dosis Missionseifer. Zugleich führte das Lob der .harten Fakten' und der Strenge des Forschens die protestantische Ethik in die Ära des modernen Berufslebens ein. — Protestantische Religiosität brachte verschiedene Darwin-Interpretationen hervor und schließlich verschiedene Definitionen von ,Wissenschaft' und Auffassungen von Soziologie." William G. Sumners empirische Untersuchung der 'folkways" und 'mores", die er als Instrumente der sozialen Auslese und als Rahmenbedingungen des Wettbewerbs definiert, gründet auf einer Synthese von protestantischer Ethik und sozial-darwinistischen Ideologemen.
      Spätestens hier wird deutlich, daß die Ausrichtung auf das 'Faktische" oder auf Naturwissenschaften wie Darwins Biologie oder Newtons Physik nicht nur keine Garantie für Ideologiefreiheit bildet, sondern selbst ein Ideologem im restriktiven Sinne ist. Es handelt sich hier um ein ideologisches Verfahren, das ich im vorigen Kapitel als 'Naturalismus" bezeichnet habe und dessen Trick darin besteht, die gesellschaftliche und historische Kontingenz der Objektkonstruktion, schlimmstenfalls die Objektkonstruktion als ganze, auszublenden: Der Diskurs, der den 'Fakten" entsprechen soll, wird diesen implizit gleichgesetzt, sobald das Aussagesubjekt Anspruch auf 'Objektivität" erhebt. Dabei bleiben die sozialen Komponenten der Objektkonstruktion — als Relevanzkriterien — unberücksichtigt.
Es wäre ein Irrtum, an dieser Stelle einzuwenden, diese An von Objektivismus sei eine Kinderkrankheit der amerikanischen Soziologie gewesen und sei heute passe. Noch im Jahre 1986 kann Neil J. Smelser in der Kölner Zeitschrift den gegenwärtigen Zustand der amerikanischen soziologischen Forschung wie folgt darstellen: ' Die Mehrheit der Artikel und Forschungsberichte aber in der Tradition der positivistischen Wissenschaft. Die Autoren, die in diesen Zeitschriften publizieren, akzeptieren die These, daß es soziale Tatsachen gibt , die als objektive Tatsachen betrachtet werden können ."" Smelser erklärt anschließend, daß diese Art von Arbeit auf institutioneller Ebene bevorzugt wird und daß in der institutionellen Hierarchie die Naturwissenschaften an der Spitze stehen. Analoge Aussagen über die frühe amerikanische Soziologie finden sich bei Ban-nister. Die ideologische Funktion der Naturwissenschaften besteht darin, objektivistische Verfahren zu legitimieren und ihre Institutionalisierung in Gruppensprachen zu erleichtern.
      Daß das Ideologem des 'Naturalismus" oder der diskursiven Identifizierung nicht nur Empiriker wie Samuel Stouffer, sondern auch große Theoretiker belastet, zeigt Paul Kellermann in seiner Kritik an Parsons: 'Die postulierte enge Verbindung von factual knowledge und theoretischem System verliert ungewollt für Parsons dort an Bedeutung, wo das System bestimmt, was an Fakten für das System wichtig ist."3-" Das tut natürlich jeder theoretische Diskurs; die Frage ist nur, ob er bereit und in der Lage ist, die Relevanzkriterien, Klassifikationen, Taxonomien und narrativen Abläufe, die zuseiner Objektkonstruktion führen, als soziale Faktoren zu reflektieren oder nicht. Be; Parsons scheint das nicht der Fall zu sein.
Kellermanns Kritik an Parsons verweist auf eine neuere Auseinandersetzung innerhalb der Soziologie, die hauptsächlich deshalb gescheiten ist, weil ihre ideologischen Voraussetzungen nicht explizit dargestellt wurden: auf den sogenannten Positivismusstreit der späten 60er Jahre. Da ich im 12. Kapitel, dessen Hauptthema der interdiskursive Dialog ist, ausführlicher auf die sprachliche Situation im 'Positivismusstreit" zu sprechen komme, will ich mich im folgenden auf eine knappe Rekonstruktion der miteinander kollidierenden ideologischen Positionen beschränken.
     

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