Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Im vorigen Kapitel sollte vor allem gezeigt werden, daß Ideologie im restriktiven Sinn als diskursive Anordnung definierbar und beschreibbar ist. Bisher wurde „falsches Bewußtsein" häufig im Zusammenh
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Ideologische Verfahren in der Soziologie: Textanalysen



Die abschließenden Bemerkungen zu Luhmanns systematischem Diskurs führen mitten in die Problematik des restriktiven Ideologiebegriffs, der im folgenden auf einige soziologische Texte angewandt werden soll, die ihrem Selbstverständnis nach 'wissenschaftlich", 'wertfrei" oder 'ideologiekritisch" sind. Es soll gezeigt werden, daß auch solche Texte den diskursiven Mechanismen der Ideologie zum Opfer fallen, weil die verantwortlichen Aussagesubjekte über ihre semantischen und syntaktischen Verfahren nicht nachdenken und die Wechselbeziehung zwischen der diskursiven Anordnung und den Axiomen ihres Soziolekts unberücksichtigt lassen.

      Typologisch gesehen haben die Aussagesubjekte drei Möglichkeiten, die einander in den meisten Fällen ausschließen: 1. Das Subjekt als 'sujet d'enonciation" kann sich offen ideologisch engagieren und Forderungen nach Wertfreiheit oder Autonomie der Wissenschaft rundweg ablehnen; dadurch entsteht ein heteronomer Diskurs, der vor allem die praktische Wirkung anpeilt. 2. Es kann sich im Gegenzug zur politischen Heterono-mie für die wissenschaftliche Autonomie und das Postulat der Wertfreiheit engagieren; durch dieses Engagement entsteht ein Diskurs, der sich vor allem der Gefahr des Naturalismus aussetzt, da er trotz des Wertfreiheitspostulats zahlreiche unreflektierte Ideologeme aufnimmt. 3. Es kann schließlich die ideologischen Wertsetzungen seines Soziolekts im Hinblick auf deren Verallgemeinerungsfähigkeit thematisieren und darauf achten, daß sie auf diskursiver Ebene keine ideologischen Verfahren zeitigen; auf dieser Grundlage entsteht ein Diskurs, den ich hier als 'theoretisch" im restriktiven Sinne bezeichne. In einigen Fällen, etwa bei Althusser, kann es zu einer — immer prekären — Synthese von und kommen. Der dritte Diskurstyp ist mit den beiden anderen nicht kombinierbar, weil er sowohl die politische Heteronomie als auch das Wertfreiheitspostulat ausschließt.
     
Für die Heteronomie setzten sich nationalsozialistische Autoren wie Ernst Krieck ein, der offen gegen Webers Wertfreiheitsbegriff polemisierte: 'Das Zeitalter der ,reinen Vernunft', der ,voraussetzungslosen' und ,wertfreien' Wissenschaft ist beendet." Daß im nationalsozialistischen Staat die Wertfreiheit als theoretisches Prinzip zwar verurteilt wurde, zugleich aber nützliche Methoden der empirischen Forschung stillschweigend als 'wertneutral" akzeptiert werden konnten, zeigt Otthein Rammstedt in seinem Buch über die Deutsche Soziologie 1933—1945, wo deutlich wird, daß es im soziologischen Alltag üblich war, 'hier die Methoden als wertneutral anzusehen und dort die Wertfreiheit zu verspotten." Hier wird klar, daß und auch auf andere Art kombiniert werden können als bei Althusser und seinen Schülern.
      Im folgenden verzichte ich auf eine Analyse des ersten Diskurstyps, der vor allem im Marxismus-Leninismus seinem Selbstverständnis nach ideologisch ist. Eine diskurskritische Untersuchung marxistisch-leninistischer, faschistischer oder nationalsozialistischer soziologischer Diskurse würde kaum Erkenntnisse zutage fördern, die über den zweiten Abschnitt des vorigen Kapitels hinausgingen; sie würde nachweisen, daß sie heteronom oder ideologisch im restriktiven Sinne sind, was ja nicht einmal ihre Autoren bestreiten.
      Wesentlich ergiebiger scheint mir die Untersuchung ideologischer Verfahren im zweiten und dritten Diskurstyp zu sein, von denen der eine als wertfrei oder schlicht wissenschaftlich definiert wird, während der andere seinem Selbstverständnis nach das Gegenteil von Ideologie, nämlich 'Ideologiekritik", ist. Da ich meinen eigenen Diskurs dem dritten Typ zurechne, möchte ich hier zeigen, daß radikale, umfassende Ideologiekritik nur dann möglich ist, wenn die diskursiven Verfahren berücksichtigt werden. In allen Analysen steht der restriktive Ideologiebegriff im Mittelpunkt. Anders als im vorigen Kapitel haben die Kommentare nicht so sehr analytischen, sondern eher synthetischen Charakter: Es sollen nicht mehr verschiedene Aspekte des ideologischen Diskurses differenziert werden; es gilt zu zeigen, wie sie in einem Text zusammenwirken.
     

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