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Ideologie und theorie
Im vorigen Kapitel sollte vor allem gezeigt werden, daß Ideologie im restriktiven Sinn als diskursive Anordnung definierbar und beschreibbar ist. Bisher wurde „falsches Bewußtsein" häufig im Zusammenh
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Ideologie und soziologische Kommunikation: Liberalismus und Soziologie



Soziologen sind sehr weit davon entfernt, die Ideologieproblematik innerhalb der Soziologie stringent zu formulieren, geschweige denn zu lösen. Davon zeugt die folgende Textpassage aus Peter L. Bergers Buch Einladung zur Soziologie , das einerseits für eine 'humanistische" Soziologie plädiert, sich andererseits jedoch für die Ideologiefreiheit dieser Wissenschaft ausspricht: 'Von den menschlichen Nöten tiefer als von großen politischen Programmen bewegt zu sein, sich nur wählerisch und mit Einschränkungen politisch zu engagieren, statt einem totalitären Dogma zu verfallen, mitleidig und kritisch in einem zu sein, vorurteilsfrei zu verstehen — alles das liegt ganz konkret im Vermögen der soziologischen Arbeit und kann in vielen Situationen des modernen Lebens kaum hoch genug bewertet werden. Die politische Würde der Soziologie ist nicht, daß auch sie eine eigene Ideologie anzubieten hätte, sondern gerade, daß sie keine hat." Daß viele Leser von solchen Aussagen auf Anhieb überzeugt werden, ist nicht verwunderlich: Wer möchte schon einem 'totalitären Dogma" verfallen? Jeder möchte gern vorurteilsfrei, kritisch und vielleicht sogar mitleidig sein. Wer allerdings außer guten Vorsätzen auch Textanalyse und Diskurskritik schätzt, stellt alsbald fest, daß die zitierte Passage — semantisch betrachtet — ein heilloses Durcheinander ist: Ist es möglich, sich 'wählerisch und mit Einschränkungen politisch zu engagieren", ohne zu werten, ohne ideologische Positionen zu beziehen? Gerade Wörter wie 'wählerisch" und 'Einschränkun-gen", mit deren Hilfe Berger den soziologischen Diskurs gegen Ideologisierung und Politisierung vorsichtig abschirmen möchte, verweisen auf die ideologischen Verfahren der Selektion und der Klassifikation. Sobald ich mich als Soziologe für ein politisches Engagement entscheide und nicht für ein anderes — und ich kann mich nicht für alle entscheiden, ohne mich in Widersprüche zu verstricken —, beziehe ich eine ideologische Position. Ähnliches gilt für das beliebte Adjektiv 'kritisch": Es ist nicht möglich, kritisch zu sein, ohne soziale Fakten zu bewerten, ohne kollektive Interessen zu artikulieren: Bin ich für die 'freie Marktwirtschaft", so entscheide ich mich implizit gegen die Interessen derer, die dem freien Zusammenspiel der Marktgesetze zum Opfer fielen; bewege ich mich angesichts dieser betrüblichen Tatsache vorsichtig auf 'soziale Marktwirtschaft" zu, verstricke ich mich immer mehr in ideologische Spitzfindigkeiten.
      Deshalb will mir auch Bergers Fazit, daß die Soziologie keine 'eigene Ideologie" anzubieten hat, nicht einleuchten: Die Soziologie als ganze kann keine eigene Ideologie haben, weil sie sich — wie sich noch zeigen wird — aus zahlreichen miteinander konkurrierenden und einander widersprechenden Soziolekten zusammensetzt, die allesamt ideologisch im allgemeinen Sinne sind. Die Ideologie im restriktiven Sinne können die Soziologen bestenfalls im Bereich der diskursiven Verfahren meiden; nur tun sie es nicht immer.
      Im vorigen Kapitel sollte gezeigt werden, daß ideologische Diskurse nicht nur affirmativ oder polemisch auf die Marktproblematik reagieren, indem sie bestimmte qualitative Werte wie 'Freiheit", 'Gerechtigkeit" oder 'Rasse" verteidigen, sondern daß sie zugleich als Antworten auf andere ideologische Diskurse aufzufassen sind. Ähnliches läßt sich von den soziologischen Texten sagen, die nicht als Monologe, sondern nur intertextuell als dialogische Reaktionen auf verwandte, rivalisierende oder feindliche Texte zu verstehen sind.
     

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