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Ideologie und theorie
Im vorigen Kapitel sollte vor allem gezeigt werden, daß Ideologie im restriktiven Sinn als diskursive Anordnung definierbar und beschreibbar ist. Bisher wurde "falsches Bewußtsein" häufig im Zusammenh
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Ideologie und marxistische Wissenschaft: Louis Althusser



Althusser ist von vielen Kritikern unfair behandelt worden: Die Marxisten unter ihnen nahmen ihm seine szientistische Interpretation von Marxens Spätwerk übel: die Liberalen sahen ihre Vermutung, der Marxismus sei in allen seinen Erscheinungsformen eine dogmatische Lehre, endgültig bestätigt. Unfair waren die gegen ihn gerichteten Polemiken deshalb, weil Liberale wie Aron oder Boudon nicht wahrhaben wollten, daß seine Schriften außer Dogmen auch wertvolle Einsichten enthalten, und weil die marxistischen Humanisten nicht bedachten, daß seine szientistische Marx-Deutung kein skurriler Einfall eines exzentrischen Einzelgängers war, sondern eine bisher vernachlässigte Vorgeschichte hatte: Im fünften Kapitel habe ich zu zeigen versucht, daß schon Otto Neurath im Zusammenhang mit dem Physikalismus des Wiener Kreises den Historischen Materialismus als strenge Wissenschaft auffaßte. Selbst wenn man - wie ich - dazu neigt, Marx dialektisch-hermeneutisch zu lesen, tut man gut daran, mit Habermas die szientistischen Aspekte seines Werkes zu berücksichtigen.

      Das taten die marxistischen Humanisten keineswegs: Sie waren bestrebt, die Schuld für die szientistische Häresie ausschließlich Althusser aufzubürden, und vernachlässigten dabei die einfache semantische Tatsache, daß auch philosophische und sozialwissenschaftliche Texte polysem sind und daher auf verschiedenen Ebenen gelesen werden können. Ich sage vernachlässigten und nicht übersahen, denn in den zahlreichen Diskussionen der sechziger und siebziger Jahre gewann ich den Eindruck, daß grundsätzliche Fragen nach der Kohärenz oder Widersprüchlichkeit des Marxschen Werkes tabuisiert wurden; es stand aber jedem frei, im Namen von humanistischen Ideologien auf Althussers Interpretation einzuschlagen. Semiotisch gesehen: Der Auftraggeber oder Heiland selbst durfte nicht in Frage gestellt werden, wohl aber der irregeführte Jünger als schlechtes Subjekt, das den Heilsauftrag nicht richtig erfüllte. Die wahren Jünger konnten sich z. T. deshalb im Recht wähnen, weil verschiedene humanistische Ideologien dominierten: Der Name Neuraths wurde damals von niemanden genannt.
      Diese Bemerkungen, die einige Argumente aus dem fünften Kapitel wieder aufgreifen, scheinen mir deshalb wichtig zu sein, weil sie zumindest andeutungsweise die sozio-linguistische Situation rekonstruieren, in der Althusser seine Texte schrieb: Er mußte den von ihm entwickelten neuen Soziolekt nicht nur gegen die "Bürgerlichen", sondern auch gegen zahlreiche Marxisten verteidigen, deren lexikalisches Repertoire er teilweise in Frage stellte: Lexeme wie Mensch, Entfremdung, Neokapitalismus, neue Arbeiterklasse etc. strich er kurzerhand als unwissenschaftlich durch. Damit setzte er sich und seine Anhänger einem starken politischen und institutionellen Druck aus, der sich schließlich auf Einzelschicksale innerhalb der Althusser-Gruppe auswirkte.
      Im Zusammenhang mit diesem gesellschaftlichen Druck ist auch der semantische Dualismus zu verstehen, der Althussers Diskurs ideologisiert und der für den gesamten Soziolekt charakteristisch ist: "Die idealistischen Philosophen, die die Wissenschaften ausbeuten, kämpfen dabei gegen die materialistischen Philosophen, die den Wissenschaften dienen. Der philosophische Kampf ist ein Gebiet des Klassenkampfes zwischen den Weltanschauungen." Die Unergiebigkeit dieses dualisti-sehen Schemas wird offenkundig, sobald man versucht, es anzuwenden: So verschiedene Philosophen wie Teilhard de Chardin und K. R. Popper beuten die Wissenschaften aus, während Althusser ihnen nützt .
      Mir ist es nicht so sehr um diese Passage als solche zu tun, die aus einem Interview stammt, in dem allerdings wesentliche Gedanken aus Althussers Philosophie et philosophu spontanee des savants zusammengefaßt werden, sondern um die hier vorgebrachte These, daß manichäische Strukturen sehr eng mit Naturalismus, Monologismus und Identitätsdenken zusammenhängen. Die Versuchung, sich mit dem Objekt an sich oder gar mir der historischen Wirklichkeit schlechthin zu identifizieren ist, wie der folgende Text aus Lire le Capital I zeigt, auch dem strengen Wissenschaftler Althusser nicht fremd: Er vergleicht dort den historischen Materialismus mit der Mathematik und der Physik, die ihre eigenen Wahrheitskriterien enthalten, und fährt sodann fort:
Die Marxsche Theorie konnte mit Erfolg angewandt werden, weil sie "wahr" ist; sie ist aber nicht "wahr", weil sie erfolgreich angewendet wurde. Das Kriterium für die "Wahrheit" der von Marx produzierten Erkenntnisse ist die theoretische Praxis von Marx selbst. Und weil es sich dabei um wirkliche Erkenntnisse und nicht um zufällige Hypothesen handelt, haben sie zu den bekannten Resultaten geführt; und es sind nicht allein ihre Erfolge, sondern auch ihre Mißerfolge, die die für die Selbstreflexion der Theorie und ihre innere Entwicklung wichtigen "Erfahrungen" bilden.
      C'est parce que la theorie de Marx etait "vraie" qu'elle a pu etre appliquee avec succes, ce n'est pas parce qu' eile a ete appliquee avec succes qu'elle est vraie. C'est la pratique theorique de Marx qui est le critere de la "verite" des connaissances pro-duites par Marx: et c'est parce qu'il s'agissait bei et bien de connaissances, et non d'hy-potheses aleatoires, qu'elles ont donne les resultats qu'on sait, oü ce ne sont pas seule-ment les succes, mais les echecs eux-memes qui constituent des "experiences" perti-nentes pour la reflexion de la theorie sur soi, et son developpement interne.
Zunächst mochte ich den ersten Satz, der im Original durch 16 Zeilen vom Rest des Zitats getrennt ist, für sich betrachten: Diese Paraphrase einer Behauptung Lenins weist zwei für die Diskurstheorie wesentliche Aspekte auf: Sie ist ein globales Werturteil über das narrative Programm von nicht näher definierten Aktanten ; sie ist eine monologische Feststellung, die die zum Dialog führende offene Frage: Wurde sie überhaupt erfolgreich angewendet? nicht zuläßt. Die erfolgreiche Verwirklichung wird monologisch vorausgesetzt. Die einzige zugelassene Frage ist die nach der Begründung des Erfolgs und der Wahrheit: Die Theorie ist erfolgreich und wahr, weil sie wahr ist. Dabei kommt es im zweiten Teil der Begründung zu einer Tautologie. Der Monolog impliziert zugleich eine Identifizierung des Diskurses mit der Wirklichkeit, weil er eine Darstellung der Anwendung der Theorie als Mißerfolg durch die Begründung "erfolgreich, weil wahr" ausschließt. Im Zusammenhang mit den folgenden Sätzen drängt sich allerdings die Frageauf, wie eine Theorie, deren Wahrheitsgehalt ihre erfolgreiche Anwendung erklärt, "Mißerfolge" zeitigen kann. Die einzig mögliche Antwort lautet: daß die Aktanten, die im Auftrage dieser Theorie handelten, sie falsch anwendeten.
Im zweiten Satz wird der monologische Charakter des marxistischen Diskurses noch potenziert, weil "Marx" als Subjekt-Aktant und als sein eigener Auftraggeber definiert wird. Dadurch unterscheidet sich der Diskurs von anderen wissenschaftlichen Diskursen, in denen - wie etwa bei Boudon - ein allgemeines, überpersönliches Prinzip zum Auftraggeber gemacht wird. In Althussers Texten hingegen fällt das Prinzip "Wissenschaft" mit Marxens historischem Materialismus zusammen.
      Nach dem Doppelpunkt wird das monologische Verfahren dadurch weiter verstärkt, daß der hypothetische Charakter des Marxschen Diskurses expressis verbis geleugnet wird: Der Subjekt-Aktant "Marx" wird vom Aussagesubjekt mit der stärksten Modalität ausgestattet, die es im kognitiven Bereich gibt: mit nicht-hypothetischem, also absolutem Wissen .
      Nach dem Komma hinter "aleatoires" wechselt der Diskurs auf die narrative Ebene des ersten Satzes über, indem er die Geschichte der Anwendung der Marxschen Theorie thematisiert: "qu'elles ont donne les resultats qu'on sait", "haben sie zu den bekannten Resultaten geführt". Das französische "on", das in der deutschen Übersetzung verlorengeht, weist im Bereich des Aussagevorgangs auf eine anonyme Autorität hin, die, wie sich im vorigen Kapitel gezeigt hat, ein wichtiger Bestandteil des Naturalisierungsverfahrens ist: "Man sagt", "es ist bekannt", "jeder weiß". Die Resultate, die "man kennt", verwandeln sich hier in einen mythischen Objekt-Aktanten, den jedermann konkretisieren mag, wie er will.
Zugleich wird deutlich, daß der monologische Charakter des Diskurses eng mit seinem Naturalismus zusammenhängt: Die dogmatische Behauptung, die Marxsche Theorie sei erfolgreich angewendet worden, wird durch das naturalistische "on sait" auf der Ebene des Aussagevorgangs gegen Kritik immunisiert. - Um welche "Resultate" handelt es sich? Wer erzählt diese historischen Resultate? Wer spricht? Der geschlossene, monologische Diskurs sorgt dafür, daß diese Fragen erst gar nicht aufkommen, ebensowenig wie die Frage, wer bestimmte historische Ereignisse als "Erfolge" oder "Mißerfolge" definiert und klassifiziert.
      Eine "Selbstreflexion der Theorie" käme nur zustande, wenn der Diskurs durch seine Anordnung solche Fragen ermöglichen würde. Er tut es schon deshalb nicht, weil er implizit von der These ausgeht, Marxens Spätwerk sei ein monosemer Text, dessen wahre, eigentliche Bedeutung von Althusser entdeckt wurde. Der semantische Trick, der auch im sozialistischen Realismus gang und gebeist94, besteht darin, daß eine mögliche Interpretation, nämlich die szientistische, mit dem Text monologisch identifiziert wird: Zugleich mit der Ambivalenz des Marxschen Textes wird die Möglichkeit eines offenen Dialogs über diesen Text ausgeschaltet. Und an dieser Stelle nimmt - wie sich schon im fünften Kapitel gezeigt hat - ein dogmatischer Diskurs seinen Anfang, der die von ihm konstruierte szientistische Lesart als die einzig mögliche darstellt und sie als absolute Wahrheit, als historisch-materialistische Wissenschaft und als historische Wissenschaft schlechthin gegen Kritik immunisiert.
      Der Kritiker hat nämlich die Wahl, entweder Althussers Diskurs zu akzeptieren, in-tradiskursiv zu argumentieren und auf heteronome Kritik zu verzichten, oder sich dem Vorwurf auszusetzen, in einem ideologischen, bürgerlichen Diskurs befangen zu sein. Dadurch disqualifiziert er sich jedoch als Wissenschaftler im Sinne der Althusserianer. In diesem Zusammenhang ist die resignierende Bemerkung eines französischen Kollegen zu verstehen: "On est althusserien ou on ne l'est pas."
Diese Bemerkung ist mehr als ein bon mot: Sie weist darauf hin, daß in antagonistischen gesellschaftlichen und sprachlichen Situationen nicht nur ideologische, sondern auch theoretische Soziolekte ihren Dualismus verstärken und zu Dichotomie, Naturalismus und Monolog neigen. Wie sehr Althussers These die theoretische Diskussion über die Ideologischen Staatsapparate polarisiert, läßt im Zusammenhang mit der britischen Rezeption Paul Hirsts Kommentar erkennen: "Die ISA-These verschärft das Reform/Revolution-Dilemma, da es dieses in nahezu alle gesellschaftlichen Zusammenhänge hineinträgt." Dem Theoretiker fällt in diesem Kontext die kritische Aufgabe zu, die ideologischen Fronten aufzubrechen, die "Distanzierung" im Sinne von Norbert Elias zu fördern und den offenen Dialog zu ermöglichen.
      Im Falle der Althusser-Gruppe bedeutet dies, daß er mythische Aktanten und Bezeichnungen wie "positivisme delirant" meidet und zugleich der Frage nachgeht, welche Bedeutung die Theorien der Althusserianer für die Philosophie, die Soziologie und die Literaturwissenschaft haben: Im fünften Kapitel habe ich deshalb versucht, die von Althusser und Pecheux hergestellten Beziehungen zwischen Ideologie, Subjektivität und Unbewußtem für die Textsoziologie fruchtbar zu machen.
     

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Ideologie  marxistische  Wissenschaft:  Louis  Althusser    





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