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Ideologie und theorie
Im vorigen Kapitel sollte vor allem gezeigt werden, daß Ideologie im restriktiven Sinn als diskursive Anordnung definierbar und beschreibbar ist. Bisher wurde „falsches Bewußtsein" häufig im Zusammenh
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Ideologie und Ideologiekritik: Jürgen Habermas



Im Unterschied zum Soziolekt der Althusser-Gruppe, der Diskurse hervorbringt, in denen politisches Engagement und die Forderung nach strenger Wissenschaftlichkeit im Sinne der Physik zu einer immer prekären Synthese gebracht werden, spricht Habermas, vor allem in der Zeit des 'Positivismusstreits", die Sprache der Kritischen Theorie. Ihre Diskurse, die ich — mit Vorbehalt — dem dritten Typ zurechnen würde, gehen von der Notwendigkeit hermeneutischer Selbstreflexion aus, die Habermas in Erkenntnis und Interesse, in Theorie und Praxis im Rückgriff auf die Freudsche Psychoanalyse veranschaulicht und präzisiert: 'Ich habe ja am Beispiel des analytischen Gesprächs den kritisch angeleiteten Prozeß der Selbstreflexion untersucht, um daran die Logik der Umsetzung von Kritik in Selbstbefreiung zu klären."

Da 'Reflexion" und 'Reflexivität" der Theorie auch in diesem Buch, vor allem im dritten Teil, als Schlüsselbegriffe und als Antonyme zu 'Naturalismus" verwendet werden, möchte ich hier der Frage nachgehen, wie es in der Kritischen Theorie der sechziger Jahre um diese Begriffe steht: ob sie sich auf deren diskursive Praxis auswirken und im semantischen und narrativen Bereich ideologischen Verfahren entgegenwirken. Da ich selbst von den politischen Positionen der Kritischen Theorie ausgehe, halte ich es für ratsam, Rüdiger Bubners alte Forderung nach einer 'Selbstkritik der Kritischen Theorie" ernst zu nehmen und dieses Kapitel mit einer kritischen Betrachtung der eigenen Grundlagen abzuschließen.
      Habermas-Kenner werden an dieser Stelle vielleicht einwenden, daß Texte aus den sechziger Jahren von der Theorie des kommunikativen Handelns inzwischen weiterentwickelt und in mancher Hinsicht überholt wurden. Dies ist sicherlich der Fall; nur habe ich mich mit dieser Theorie im dritten Kapitel auf diskurskritischer Ebene recht ausführlich befaßt und möchte eine Wiederholung bereits vorgebrachter Argumente vermeiden. Entscheidend ist jedoch die Ãœberlegung, daß die Vertreter der Kritischen Theorie im Laufe des 'Positivismus"- oder Szientismusstreits im Rahmen bestimmter diskursiver Verfahren argumentierten, die ich als 'hegelianisch" bezeichnen würde. Vor allem sie sind von den kritischen Rationalisten in Frage gestellt worden. Nicht zu Unrecht, wie sich zeigen wird: denn es geht um Verfahren, die die Reflexion behindern und sowohl dem Naturalismus als auch dem Identitätsdenken Vorschub leisten.
      Der hier kommentierte Text stammt aus dem Aufsatz 'Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik" , der als 'Nachtrag zur Kontroverse zwischen Popper und Adorno" konzipiert wurde und sich vornehmlich mit der dialektischen Kategorie der Totalität im historischen Kontext befaßt. Von der Tatsache, daß dieses Thema von den späteren universalpragmatischen und kommunikationstheoretischen Arbeiten nicht aufgegriffen und weiterentwickelt wurde, zeugt Habermas' Kommentar in Zur Logik der Sozialwissenschaften aus dem Jahre 1982: 'Zwei der angeschlagenen Motive sind freilich unbearbeitet liegengeblieben: der Versuch, dem dialektischen Begriff der Totalität einen Platz in der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung zu sichern, und das Bemühen, Typen einer nichtrestringierten Erfahrung in alternativen Formen der sozialwissenschaftlichen Forschung nachzuweisen." Da die folgende Textpassage sich auf das erste 'Motiv" bezieht, kann ich davon ausgehen, daß der Argumentationszusammenhang auch dem Habermas der achtziger Jahre nicht völlig fremd geworden ist. Es geht darum, mit-tels der Kategorie der Totalität der dialektischen Erkenntnis den objektiven Zusammenhang zu erschließen:
Historische Gesetzmäßigkeiten dieses Typs bezeichnen Bewegungen, die sich, vermittelt durch das Bewußtsein der handelnden Subjekte, tendenziell durchsetzen. Gleichzeitig nehmen sie für sich in Anspruch, den objektiven Sinn eines historischen Lebenszusammenhangs auszusprechen. Insofern verfährt eine dialektische Theorie der Gesellschaft hermeneutisch. Für sie ist das Sinnverständnis, dem die analytischempirischen Theorien bloß einen heuristischen Wert beimessen, konstitutiv. Sie gewinnt ja ihre Kategorien zunächst aus dem Situationsbewußtsein der handelnden Individuen selber; im objektiven Geist einer sozialen Lebenswelt artikuliert sich der Sinn, an den die soziologische Deutung anknüpft, und zwar identifizierend und kritisch zugleich."
Dem ersten Satz, der am Anfang des Absatzes steht, liegt ein relativ einfaches, traditionelles Aktantenmodell zugrunde: Ein Auftraggeber als kollektiver Aktant , der sich durch ein semantisches Substitutionsverfahren verdoppelt, verwirklicht mit Hilfe einer unbestimmten Anzahl von Subjekt-Aktanten ein nicht näher definiertes narratives Programm. Dessen Unbestimmtheit ist im ersten Satz auf das Fehlen eines Antisubjekts sowie eines Objekt-Aktanten zurückzuführen.
      Der zweite Satz konkretisiert das Programm vor allem auf modaler Ebene, indem er dem Auftraggeber 'historische Gesetzmäßigkeiten" ein bestimmtes Wollen zuspricht. Zugleich stattet er ihn mit einer kognitiven Autorität aus, die die meisten Auftraggeber von der Gottheit bis zum Pädagogen kennzeichnet: 'nehmen sie für sich in Anspruch auszusprechen". Als Auftraggeber beauftragen die 'historischen Gesetzmäßigkeiten" also nicht nur die Subjekte mit einer 'mis-sion de salut" , sondern definieren zugleich das gesamte narrative Programm: 'den objektiven Sinn eines Lebenszusammenhangs". Der 'Kern" dieses Programms ist der 'objektive Sinn", der hier die Funktion eines Objekt-Aktanten erfüllt. Daran ist nichts Außergewöhnliches, bis auf die anthropomorphisierende, hegelianische Tendenz, die aus den abstrakten 'historischen Gesetzmäßigkeiten" eine handelnde Instanz und damit auch einen mythischen Aktanten macht. Der zugleich anthropomorphe und mythische Charakter dieser Instanz kommt in den ihr zugeschriebenen Handlungen 'in Anspruch nehmen" und 'aussprechen" zum Ausdruck.
      Der entscheidende ideologische Wendepunkt erfolgt im Ãœbergang vom zweiten zum dritten Satz, wo — rein grammatisch betrachtet — die Kohärenz des Textes in Frage steht, weil das Subjekt des dritten Satzes in keiner Weise mit dem des ersten oder zweiten Satzes übereinstimmt. Die Konjunktion 'insofern" weist jedoch darauf hin, daß, wenn nicht ein interphrastischer, so doch ein diskursiver, transphrastischer Zusammenhang postuliert wird und daß die rein grammatische Hypothese 'Inkohärenz" eine theoretische Naivität wäre.
      Tatsächlich stellt sich heraus, daß der semantische Zusammenhang auf einer Ebene hergestellt wird, die Greimas als 'kognitive Anapher" bezeichnet: 'Die Identität, die durch das Erkennen oder die Identifizierung zustande kommt, ist eine formal-anaphorische Beziehung zwischen zwei Termen ."i:c Welche zwei Terme werden nun in Habermas' Text anaphorisch identifiziert? Es sind: 'historische Gesetzmäßigkeiten" und 'dialektische Theorie der Gesellschaft". Nur auf der Ebene der kognitiven Anapher ist der Ãœbergang vom zweiten zum dritten Satz syntaktisch zu bewältigen; nur auf dieser Ebene ist der vierte Satz zu verstehen, in dem 'das Sinnverständnis" der Theorie als Analogon zum 'objektiven Sinn" des zweiten Satzes gelesen werden muß. Es ist kognitive Modalität und Objekt-Aktant zugleich: der gesuchte Sinn der Geschichte.
      Anders ausgedrückt: Der Auftraggeber 'historische Gesetzmäßigkeiten" wird im dritten Satz von dem Aktanten 'dialektische Theorie" abgelöst; zugleich wird er mit diesem Aktanten identifiziert, wobei seine Ansprüche als Modalitäten von der Theorie übernommen werden. Den von 'historischen Gesetzmäßigkeiten" erhobenen Anspruch, 'den objektiven Sinn auszusprechen", löst im vierten und letzten Satz mit Hilfe derselben Subjekt-Aktanten die Theorie ein: Anhand bestimmter, modaler Eigenschaften der Subjekt-Aktanten gewinnt sie das kognitive Objekt ihres Wollens und Handelns: 'ihre Kategorien", oder wie es in der zweiten Hälfte des letzten Satzes heißt: den 'Sinn". Dieser Sinn, den die Theorie sich als Objekt 'identifizierend" und 'kritisch" aneignet, geht aus dem 'objektiven Geist einer sozialen Lebenswelt" hervor, die metonymisch als Substitut für die Subjekt-Aktanten, für die 'handelnden Individuen", gelesen werden kann. Die Symbiose zwischen Kritischer Theorie und D^benswelt, die auch in Habermas' Spätwerk eine wichtige Rolle spielt, erscheint hier auf diskursiver Ebene als eine Beziehung zwischen Auftraggeber und Subjekt-Aktanten: Der Auftraggeber betrachtet kritisch das Objekt, das er mit Hilfe des Subjekts gewonnen hat.
      Vervollständigt wird das Aktantenmodell im vierten Satz, wo — wie in den meisten ideologischen Diskursen — ein auf modaler Ebene gehandikapter Gegenauftraggeber als Antisubjekt auf den Plan tritt: die analytisch-empirischen Theorien, denen ein Wissen fehlt und die deshalb den Wert des gesuchten Objekts, des 'Sinnverständnisses", nicht erkannt oder als bloß 'heuristischen Wert" verkannt haben. Das Adjektiv 'konstitutiv" deutet darauf hin, daß ohne den Objekt-Aktanten 'Sinn", 'objektiver Sinn" das narrative Programm der dialektischen Theorie unvollständig, 'sinnlos" wäre: Die Isotopie 'Sinn" ist die semantische Ebene, auf der Auftraggeber, Subjekt-Aktanten, An-tisubjekte und Objekt-Aktant ein narratives Programm konstituieren.
      Entscheidend sind hier drei diskursive Verfahren, die ich als ideologisch im restriktiven Sinne bezeichnen würde: 1. Die anaphorische Identifizierung der dialektischen Theorie mit dem historischen Prozeß selbst, mit den 'historischen Gesetzmäßigkeiten" ; 2. der Versuch, 'Sinn", 'objektiven Sinn" oder 'objektiven Geist"für die Theorie zu reklamieren ; 3. die Unterschlagung der Objektkonstruktion, die eine Folge der ersten und des zweiten Verfahrens ist .
      Jedem, der mit semiotischen und diskursanalytischen Problemen vertraut ist, wird einleuchten, daß soziale 'Lebenswelt" seit Dilthey, Husserl und Schütz ein theoretisches Objekt ist, das von jedem Soziolekt, von jedem Diskurs anders konstruiert wird: daß es sich also um ein theoretisches Konstrukt handelt, das als solches hypothetischen Charakter hat. Folglich ist es unsinnig, vom 'objektiven Sinn eines historischen Lebenszusammenhangs" oder vom 'objektiven Geist einer sozialen Lebenswelt" zu sprechen: 'Sinn" und 'Geist" werden von Theoretikern konstruiert — und von jedem anders.
      In dieser Hinsicht hatten die kritischen Rationalisten recht, als sie im Verlauf der Auseinandersetzung mit den Dialektikern den Verdacht äußerten, diese hätten sich vom Hegelianismus nicht ganz gelöst. Die hier durchgeführte Analyse, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, hat gezeigt, daß das von Adorno und Horkheimer kritisierte Identitätsdenken Hegels Habermas nicht ganz fremd ist und daß sein Diskurs stellenweise naturalistische und monologische Tendenzen aufweist, die das Ideologem des 'objektiven Sinnes" zeitigen und zur Ausblendung der Objektkonstruktion führen.
      Auch für mich hat 'Sinnverständnis" einen eher heuristischen Wert: Es liegt mir beispielsweise fern, die hier vorgeschlagene Unterscheidung zwischen einem restriktiven und einem allgemeinen Ideologiebegriff dem Gegenstand, dem Phänomen 'Ideologie" selbst zuzurechnen und semantische Verfahren zu hypostasieren. Bestenfalls wird sie als Hypothese über eine bestimmte Wirklichkeit zum besseren Verständnis dieser Wirklichkeit beitragen und die Diskussion in neue Bahnen lenken.
      Zum Abschluß noch eine Bemerkung zu den hier angewandten Selektionsverfahren: Die hier kommentienen Passagen sind zwar in vieler Hinsicht für die Werke der drei Autoren charakteristisch ; sie sollten aber nicht — gleichsam als partes pro toto — mit diesen Werken identifiziert werden. Denn sowohl bei Boudon als auch bei Althusser und Habermas überwiegen letztlich die theoretischen Verfahren: begriffliche Klärung, Kritik mythischer Aktanten und kritische Reflexion. Dadurch unterscheiden sich die Texte dieser Autoren global von den im vorigen Kapitel analysierten Ideologien. Insofern war die hier durchgeführte Textselektion einseitig auf ein telos ausgerichtet: Sie sollte zeigen, daß in sozialwissenschaftlichen Diskursen an entscheidenden Stellen noch ideologische Verfahren dominieren.
     

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