Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Auch in diesem Kapitel wird vielleicht so mancher Leser über die unorthodoxe Mischung der theoretischen Karten verwunden sein: Adorno erscheint hier nicht so sehr als Vorläufer von Habermas' Kritik de
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» Ideologie als Diskurs: Von Adorno zu Derrida
» Zerfallene Sprache

Zerfallene Sprache



Die Kritik der Sprache, die Nietzsches Polemik gegen die Metaphysik und deren ewige Wahrheiten entfachte, wird in den zwanziger und dreißiger Jahren zu einem der Hauptprobleme kritischer Philosophien. Nach Nietzsche, der die unaufhebbare Ambivalenz der Wörter entdeckt, die keine Synthese, keine "bestimmte Negation" im Sinne von Hegel zu beseitigen vermag, reagieren so verschiedene Philosophen wie Heidegger, Wittgenstein, Sartre, Camus und Adorno auf die Krise der Sprache. Ihre Kritik der traditionellen Begriffsbildung sowie der herrschenden Begriffe und Terminologien ist nicht von der Krise zu trennen, die sich in der Sprache auf lexikalischer, semantischer und syntaktischer Ebene abzeichnet.

      Der von Reinhart Koselleck hergestellte Nexus zwischen Kritik und Krise nimmt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung an: Die Kritik, die Heidegger und Jaspers gegen die depravierte Kommunikation richten, Sartres Kritik der ideologischen Diskurse und Adornos Ablehnung der systematischen Konstruktion, des Hegeischen Makrosyntagmas, sind als kritische Reaktionen auf die gesellschaftlich bedingte Krise der semantischen Einheiten zu werten.
     
Leider wird dieser Sachverhalt von den hier genannten Autoren nicht systematisch reflektiert. Ein reflexives Vorgehen wird vor allem durch die ontologische Betrachtungsweise Heideggers oder des jungen Sartre erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht, weil ihre Theorien die "ontische" Perspektive der Sozialwissenschaften ausschließen. Beim jungen und späten Adorno wird sie durch eine Kunstmetaphysik verstellt, die sich über die gesellschaftlichen Ursachen einer Entwicklung hinwegsetzt, die Greimas mit dem Ausdruck "fortschreitende Entsemantisierung" umschreibt.
      Trotz dieser Kritik meine ich, daß eher Adornos als Heideggers oder Sartres Sprachanalysen eine Beschreibung der Prozesse ermöglichen, die die Entwertung des Wortes bewirken. Für sie ist zunächst die Arbeitsteilung verantwortlich, die Adorno zufolge Heidegger veranlaßte, auf die spezialisierten Sprachen der Wissenschaften zu verzichten, und die Philosophie als ein Residualwissen aufzufassen, das mit dem ontologischen Bereich zusammenfällt: "Das Sein, in dessen Namen Heideggers Philosophie mehr und mehr sich zusammenzieht ."
Neben der Arbeitsteilung trägt das Marktgesetz als Vermittlung durch den Tauschwert entscheidend zu einer Verschärfung der sprachlichen Krise bei: "Denn Kommunikation ist die Anpassung des Geistes an das Nützliche, durch welche er sich unter die Waren einreiht, und was heute Sinn heißt, partizipiert an diesem Unwesen."

   Die Marktgesellschaft ist - wie sich im zweiten Teil herausstellen wird - zugleich die Welt der Ideologien, und die semantische Entwertung, von der Greimas spricht, ist häufig auf ideologische Konflikte und die aus ihnen hervorgehenden Zweideutigkeiten zurückzuführen. In seinen Analysen der Gedichte Hölderlins, Georges und Eichendorffs geht Adorno an mehreren Stellen auf die verheerende Auswirkung ideologischer Interpretationen auf den lyrischen Text ein. Im Zusammenhang mit Georges Dichtung spricht er von dem "lyrisch noch tragfähig sprachlich Material" n und versucht in einigen anderen Essays, den "Wahrheitsgehalt" literarischer Werke vor dem Zugriff der Ideologien zu retten.
      Nimmt man sich die existentialistischen Arbeiten der zwanziger und dreißiger Jahre vor, so stellt man fest, daß die sprachlichen Auswirkungen der Arbeitsteilung, der Vermittlung durch den Tauschwert und der ideologischen Kämpfe indirekt auch von ihnen thematisiert werden.
      In Sein und Zeit bemüht sich Heidegger, die Krise der Sprache darzustellen und dabei einen Rekurs auf die Sozialwissenschaften, vor allem auf die Linguistik, zu vermeiden. Indem er versucht, Entwicklung und Zerfall der Sprache auf ontologischer Ebene zu beschreiben und den eigenen Standort jenseits der empirischen Wissenschaften anzusiedeln, reagiert er auf seine An auf die Arbeitsteilung: Er verzichtet auf das Vokabular der Sozialwissenschaften und weist der Philosophie die ontologische Enklave zu. Seine Abkehr von der Sozialwissenschaft ist der des späten Adorno nicht ganz unähnlich: "Was besagt ontologisch, eine Sprache wächst und zerfällt? Wir besitzen eine Sprachwissenschaft, und das Sein des Seienden, das sie zum Thema hat, ist dunkel ."u Mit anderen Worten: Die Linguistik vermag das Geheimnis des Sprachzerfalls nicht zu ergründen.
      In einem ganz anderen Kontext kritisiert Karl Jaspers das Gerede des Salonredners, der nur spricht, um zu glänzen, um seinen mondänen Ehrgeiz und seinen Narzißmus zu befriedigen. Die Rhetorik des Causeur, den Jaspers als "assoziativen Zufallsdenker" bezeichnet, ist sehr heterogen: Er gibt aufsehenerregende Assoziationen und Analogien von sich, die dazu angetan sind, sein mondänes Prestige in den Augen der Anwesenden zu steigern. Dieses Prestige hat jedoch keine Grundlage, und Jaspers zitiert Hegel, der im Zusammenhang mit dem "zerrissenen Bewußtsein" schreibt: "Diese Eitelkeit bedarf dabei der Eitelkeit aller Dinge, um aus ihnen sich das Bewußtsein des Selbsts zu geben . . . Macht und Reichtum sind die höchsten Zwecke seiner Anstrengung."

   Mit Adorno ließe sich sagen, daß selbst in Fällen, in denen der unmittelbare Zweck der schöngeistigen Rede nicht das Geld ist, diese von Sprachgesten beherrscht wird, die vom Gesetz der Nachfrage und des Angebots bestimmt werden. Indem er die Bewunderung der anderen erheischt und ihre Nachfrage zu steigern sucht, ahmt der schöngeistige Redner dieaWerbung nach, die die Machtausübung mit der Suche nach Profit verknüpft: "Das Prinzip des Füranderesseins, scheinbar Widerpart des Fetischismus, ist das des Tausches und in ihm vermummt sich die Herrschaft."

   Heideggers und Jaspers' Sprachkritik zeigt, daß auch diese Autoren sich über die gesellschaftlichen Ursachen der Krise klar waren. Dies zeigt nicht nur Jaspers' hegelianische Beschreibung des Salonredners, die zusammen mit der Kommunikationsproblematik die des Tauschwerts thematisiert, sondern auch Heideggers Versuch, die Auswirkungen der Arbeitsteilung sprachlich-ontologisch zu bewältigen.
      Noch eindeutiger ist die von Sartre postulierte Wechselbeziehung zwischen dem Zerfall der Sprache und den ideologischen Konflikten der dreißiger und vierziger Jahre. In seinem bekannten Essay über Brice Parain ist von einer kranken, von Ambivalenzen zersetzten Sprache die Rede: "Parain untersucht die Sprache um 1940, nicht die Sprache allgemein. Es ist die Sprache der kranken Wörter, in der .Frieden' Aggression bedeutet, ,Freiheit' Unterdrückung und Sozialismus' Regime der Ungleichheit."

   Es ist also der newspeak der Ideologen, der den wahren Ausdruck vorab ausschließt und der nachträglich erklärt, weshalb Nietzsche der alten metaphysischen Dichotomie die Ambivalenz der Wörter und der Werte gegenüberstellte. Die kranke Sprache ist nicht nur die der Zyniker, der Propagandisten, sondern auch die der Skeptiker und luziden Nihilisten, die angesichts der semantischen Krise aus der Ambivalenz die Triebfeder ihrer Kritik machen und ihre Diskurse jenseits der tradierten metaphysischen Gegensätze entfalten: jenseits von Gut und Böse, von Wahrheit und Lüge, von Schönheit und Häßlichkeit.
      Man sieht, daß die Kritik die Tendenzen der Krise verstärken und den Zerfallsprozeß beschleunigen kann. Freilich streben die Kritiker nicht den Zerfall der Sprache, sondern deren Reinigung an: das von Kommerz und Ideologie verschonte reine Wort. Das humanistischsozialistische "Geschwätz" hat einen Autor wie Francis Ponge in die Arme der KPF getrieben: "Was uns an der KP reizte", erklärt Ponge im Jahre 1950, "das war zunächst die Revolte gegen die Lebensbedingungen der Menschen, die Vorliebe für die Tugend und das Verlangen, einer grandiosen Sache zu dienen. Es war aber auch der Ekel vor den schmutzigen Machenschaften, dem humanistischen Geblök, der Geschwätzigkeit und den faulen Kompromissen der Sozialisten ."

   Dieses Verlangen nach sprachlicher Reinheit, das sich mit einer kompromißlosen Ablehnung des Slogans paart, kann zur radikalen Ablehnung einer jeden Komplizenschaft führen und zu der komplementären Vorstellung einer wertindifferenten Sprache, in der die lexikalischen Einheiten ihre Bedeutungen eingebüßt haben. Diese Endvision erfüllt Sartre mit Angst, und er stellt in einem Kommentar zu Ponge fest, daß eine radikale und konsequente Kritik der depravierten Sprache in Verzweiflung umschlagen könnte: "Führen wir nicht eine Bewegung fort, die die ,unreinen Münder', die wir verachten, begannen, treiben wir nicht den Wörtern ihren eigentlichen Sinn aus, und werden wir uns nicht, mitten in der Katastrophe, in einer absoluten Gleichwertigkeit aller Namen wiederfinden und dennoch gezwungen sein zu sprechen?" Auf diese Problematik des Sprachzerfalls, der als eine Folge radikaler Ideologiekritik aufgefaßt werden könnte, will ich hier nicht näher eingehen.
      Hier mag die abschließende Bemerkung genügen, daß die Ambivalenz der Bezeichnungen, die als einer der ersten Nietzsche thematisierte, zur semantischen Indifferenz führen kann: zu einer Situation, in der die Wort-Werte nichts mehr ausdrücken, in der Wörter wie "Freiheit", "Kritik" oder "Wissenschaft" aufhören, etwas Bestimmtes zu bedeuten, weil sich - Parasiten gleich - widersprüchliche ideologische Bedeutungen an sie heften.
      Dieser kurze Exkurs zum deutschen und französischen Existentialismus erfüllt hier zwei komplementäre Funktionen: Er konkretisiert die gesellschaftliche und sprachliche Situation, in der Adorno seine ersten kritischen Aufsätze verfaßte, die in vieler Hinsicht seine späteren Arbeiten antizipieren. Er läßt zugleich den gemeinsamen Ausgangspunkt des deutschen Existentialismus und der Kritischen Theorie erkennen: die Krise der Sprache, die Heidegger durch eine etymologisch fundierte Ontologie überwinden möchte und auf die Adorno mit einer Ausrichtung der Theorie auf künstlerische Mimesis reagiert. Trotz aller Divergenzen, die die negative Dialektik von der existentialistischen Ontologie trennen , kann hier eine Analogie zwischen den in Sein und Zeit vorgeschlagenen Lösungen und denen Adornos aufgezeigt werden. Angesichts des arbeitsteiligen Prinzips in den Wissenschaften versuchen Heidegger und Adorno das begriffliche Denken auf zwei besondere Sprachbereiche auszurichten: auf den ontologischen des Seins und auf den ästhetischen der künstlerischen Mimesis.
      Wichtiger als die Analogie selbst scheint mir die theoretische Funktion dieser beiden Einengungen des philosophischen Diskurses zu sein: In beiden Fällen verzichtet der Philosoph auf die Verknüpfung sozialwissenschaftlicher Methoden mit der philosophischen Reflexion. An dieser Stelle wird man mir vielleicht entgegenhalten, daß die Kritische Theorie schon immer eine Synthese zwischen der Philosophie und den Sozialwissenschaften angestrebt hat. Dies ist zweifellos richtig, und zahlreiche Arbeiten Adornos und Horkheimers aus den dreißiger Jahren stellen diesen Syntheseversuch anschaulich dar. Er wird jedoch von Adornos Spätwerk, vor allem von seiner Ästhetischen Theorie , die dem parataktischen Schreibduktus Hölderlins folgt, wieder in Frage gestellt.
      In der Theorie des kommunikativen Handelns erinnert Jürgen Habermas an einige Grundgedanken der Dialektik der Aufklärung , deren Autoren versuchen, die begriffliche Rede durch die Aufnahme der ästhetischen Mimesis mit der Natur zu versöhnen. Nach Habermas kann ihr Plädoyer für eine mimetische Theorie als ein Bruch mit dem "interdisziplinären Materialismus" gewertet werden, der für die Kritische Theorie der Vorkriegszeit kennzeichnend war: "Die Philosophie, die sich hinter die Linien des diskursiven Denkens aufs ,Eingedenken der Natur' zurückzieht, bezahlt für die erweckende Kraft ihres Exerzitiums mit der Abkehr vom Ziel theoretischer Erkenntnis - und damit von jenem Programm des ,interdisziplinären Materialismus', in dessen Namen die kritische Gesellschaftstheorie Anfang der dreißiger Jahre einmal angetreten war." Einige Jahre später - in Der philosophische Diskurs der Moderne - geht Habermas noch weiter, wenn er den beiden Autoren vorwirft, sie hätten das Vernunftpotential der modernen Gesellschaft, das er selbst, wie sich im 3. Kap. gezeigt hat, vornehmlich in der Lebenswelt ansiedelt, schlicht übersehen: "Die Dialektik der Aufklärung wird dem vernünftigen Gehalt der kulturellen Moderne, der in den bürgerlichen Idealen festgehalten worden ist, nicht gerecht."

   Der "vernünftige Gehalt der kulturellen Moderne" bleibt bei Habermas ein - durchaus anfechtbares - Postulat, das Adorno und Horkheimer wohl zurückweisen würden. Überzeugender als dieses Postulat ist Habermas' Überlegung, daß die Ausrichtung der Theorie auf den ästhetischen Bereich einen Bruch mit den Sozialwissenschaften mit sich bringt. Dieser Einwand wird auch weitgehend von Helmut Dubiel bestätigt, der nicht zu Unrecht Adorno vorwirft, er neige dazu, die Fachwissenschaften mit dem "Positivismus" und der "instrumenteilen Vernunft" zu identifizieren. Zugleich weist er auf die Isolierung der empirischen Arbeiten innerhalb von Adornos Werk hin.2'
Obwohl Habermas' Gegenüberstellung der "materialistischen" und "fachwissenschaft-lichen" Kritischen Theorie der dreißiger Jahre und der "metaphysischen" und "ästheti-sierenden" Kritischen Theorie der Nachkriegszeit plausibel und nützlich ist, leidet sie am Schematismus aller Dichotomien: Wo er den Bruch betont, neigt er dazu, die Kontinuität von Adornos Denken zu vernachlässigen. Diese tritt in Erscheinung, sobald man das Spätwerk mit einigen Frühschriften wie "Die Aktualität der Philosophie", "Die Idee der Naturgeschichte" oder "Thesen über die Sprache des Philosophen" vergleicht.
      Vor allem in dem letztgenannten Aufsatz, der Rolf Tiedemann zufolge zu Beginn der dreißiger Jahre entstand, wird die Krise der Sprache in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt. Diese zeigen einerseits, daß der Gedanke an eine nichtbegriffliche, auf das äshetische Modell ausgerichtete Theorie bereits in den Jugendschriften Adornos aufkommt: Es handelt sich somit nicht um einen Gedanken, der aus den Enttäuschungen des Zweiten Weltkrieges oder aus denen der Emigration hervorging. Sie zeigen andererseits, daß die Ästhetisierung der Theorie eine Reaktion auf die hier skizzierte Krise der Sprache ist.
      Die Krise ist der Hintergrund, vor dem die "Thesen" der frühen dreißiger Jahre zu lesen sind. Vor allem in der siebenten These tritt sie deutlich in Erscheinung: "Es steht heute der Philosoph der zerfallenen Sprache gegenüber. Sein Material sind die Trümmer der Worte ."

   In den Betrachtungen des jungen Adorno fällt zunächst die Abwesenheit wirtschaftlicher oder soziologischer Erklärungen der Krise auf. Erst die Lektüre einiger späterer Arbeiten gestattet es, die "zerfallene Sprache" mit den ideologischen Konflikten, der wissenschaftlichen Arbeitsteilung und der Vermittlung durch den Tauschwert zu verknüpfen. Es zeigt sich also, daß Adorno von Anfang an dazu neigte, die wissenschaftliche Argumentation zu sublimieren und sich auf die meta-wissenschaftliche und meta-materielle Ebene zu begeben.
      Diese Sublimierung der sozialwissenschaftlichen Problematik erklärt z. T., weshalb Adorno den gemeinsamen Ursprung von Existentialismus und Kritischer Theorie in der sozial bedingten Krise der Sprache nicht reflektiert. Hätte er von Anfang an die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ursachen der fortschreitenden Entseman-tisierung der Sprache erforscht, hätte er vielleicht festgestellt, daß Heidegger, Jaspers und Sartre sich mit Problemen auseinandersetzen, die auch der Kritischen Theorie zu schaffen machten: mit den Fachsprachen, mit dem ideologischen Mißbrauch der Sprache und mit deren zunehmender Kommerzialisierung. Aus dieser Sicht hätte er nicht nur eine gemeinsame sozio-linguistische Problematik diagnostizieren, sondern zugleich erklären können, weshalb die Kritische Theorie den politischen Liberalismus, aus dem sie wie der Existentialismus hervorgegangen war, ganz anders einschätzte als dieser und sich schließlich für Lösungen entschied, die denen der deutschen und französischen Existentialisten diametral entgegengesetzt waren.
      Doch welche Lösungen schlägt Adorno in den "Thesen über die Sprache des Philosophen" vor? - In einer atomisierten, heterogenen Gesellschaft sind Objektivität und Transparenz der Sprache nicht mehr gegeben: Sie können auch nicht auf abstrakte Art postuliert oder dekretiert werden. Nur das Nachdenken über die historische Situation des Wortes bietet dem Philosophen eine Chance, zwei Gefahren, die seinen Diskurs bedrohen, zu entgehen: der Banalität einer scheinbar durchsichtigen, weil willkürlich gesetzten Terminologie und dem Archaismus Heideggers, der bewußt die historische Entwicklung der Sprache und die gesellschaftlichen Ursachen der Krise ausblendet. Adornos historische Reflexion schließt die organische Beziehung zwischen Wörtern und Dingen ein. Im Zusammenhang mit der philosophischen Sprache hebt er die "getreue Übereinstimmung mit den gemeinten Sachen" und den "getreuen Einsatz der Worte nach dem geschichtlichen Stand der Wahrheit in ihnen" hervor.
     
   Der Philosoph vermag nicht, ein neues Vokabular jenseits des historischen Geschehens hervorzubringen. Ein solches Vokabular wäre den Dingen, die es in ihrer Besonderheit zu erklären gilt, äußerlich. Beim jungen Adorno führt philosophische Reflexion zu der Erkenntnis, daß die traditionelle Sprache der Philosophie die einzig mögliche ist: "Die herkömmliche Terminologie, und wäre sie zertrümmert, ist zu bewahren ." Doch wie ist Denken in einer von Ideologie, Arbeitsteilung und Marktgesetz zertrümmerten Sprache noch möglich?
In seinen frühen Versuchen, diese Frage zu beantworten, entwirft Adorno ein Verfahren, das er später - in der Astbetischen Theorie - weiterentwickelt: Die neue Wahrheit verdankt die Philosophie einer besonderen Konfiguration der alten Wörter. Erhalten bleibt die Möglichkeit, "die Worte so um die neue Wahrheit zu stellen, daß deren bloße Konfiguration die neue Wahrheit ergibt." Der Ausdruck "konfigurative Sprache", der an anderer Stelle vorkommt, nimmt die assoziativen, parataktischen Verfahren der Ästhetischen Theorie vorweg.
      Wie der parataktische Diskurs der Ästhetischen Theorie orientiert sich schon die "konfigurative Sprache" des jungen Adorno an der künstlerischen Mimesis: an der ästhetischen Funktion des Wortes: "Es ist bei den Worten zu fragen, wie weit sie fähig sind, die ihnen zugemuteten Intentionen zu tragen, wieweit ihre Kraft geschichtlich erloschen ist, wie weit sie etwa konfigurativ bewahrt werden mag. Kriterium dessen ist wesentlich die ästhetische Dignität der Worte."

   ästhetische Dignität der Worte": Gegenwärtig ist es schwierig, sich eine Sozialwissenschaft vorzustellen, die bereit wäre, ihre Terminologie nach ästhetischen Gesichtspunkten zusammenzusetzen. Begriffe wie "Kode", "reference group" oder "Idiolekt" haben nie eine ästhetische Dignität besessen. Dennoch wäre es absurd, sie aufzugeben: ange-angesichts einer sprachlichen Situation, in der Vertreter der Avantgarde Ausdrücke wie "ästhetische Dignität der Worte" bestenfalls mit einem ratlosen Achselzucken verabschieden würden. Hier tritt ein globaler Widerspruch zutage, an dem die gesamte Ästhetik Adornos leidet, sooft sie versucht, die Praxis moderner Avantgarden mit der ästhetischen Autonomie des Wortes zu verknüpfen. Indem Adorno das theoretische Kriterium mit dem ästhetischen identifiziert, gerät er in eine Sackgasse. Die theoretische Utopie, die er seit den Frühschriften nicht mehr aus den Augen verlor, ist der Wunsch, das Besondere, Singulare mit Hilfe einer nichttheoretischen Theorie zu erfassen und, wie Lüdke sagt, "das Begriffslose, Nichtidentische, mit Begriffen aufzutun, ohne es den Begriffen gleichzumachen ."2S Durch die Aufnahme mimetischer, nichtbegrifflicher Impulse in den theoretischen Diskurs soll versucht werden, das Einmalige und Singulare: das Unvertauschbare in Erscheinung treten zu lassen, das die philosophischen Systeme durch ihre Abstraktion und die Ideologien durch ihre Slogans einebnen. Der Diskurs soll sich dem Gegenstand angleichen, statt ihn zu manipulieren und ihn - wie die rationalistischen oder hegelianischen Systeme - in der Abstraktion aufzulösen. Es geht darum, sein "An sich" zu erfassen.
     
   Der Diskurs, der die Synthese von künstlerischer Mimesis und theoretischem Begriff herbeiführen soll, erweist sich als aporetisch, "denn das Besondere, Nichtidentische ist ja eben das, was sich festen Bestimmungen, Begriffen - der Identifikation - entzieht."3: Die Aporie, auf die W. Martin Lüdke hinweist, kann in wenigen Worten zusammengefaßt werden: Es ist unmöglich, das zu definieren oder zu identifizieren, was vorab als undefinierbar und nichtidentifizierbar gekennzeichnet wurde.
     

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