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Ideologie und theorie
Auch in diesem Kapitel wird vielleicht so mancher Leser über die unorthodoxe Mischung der theoretischen Karten verwunden sein: Adorno erscheint hier nicht so sehr als Vorläufer von Habermas' Kritik de
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Von Adorno zu Derrida



Eine ästhetische Lösung des Ideologie- und Theorieproblems scheint sich dann anzubieten, wenn die Krise der Sprache zu einer Zersplitterung der Begriffe, der Signifikate führt und wenn Signifikanten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Wissenschaft und Kunst verschiedene widersprüchliche Bedeutungen anhaften. In einer solchen sprachlichen Situation, in der die universelle Geltung der Begriffe nicht mehr gegeben ist, versuchen manche Autoren, die Krise auf ästhetischer Ebene zu bewältigen, indem sie den theoretischen Diskurs von der Inhaltsebene auf die Ausdrucksebene transponieren, die im Sinne von Hjelmslev als 'das Saussuresche Signifikans in der Gesamtheit seiner Ausdrucksformen" definiert wird. Im folgenden möchte ich zeigen, weshalb diese Verschiebung der Problematik in den Ausdrucksbereich dem Theoriebegriff als solchem widerspricht und für die Sozialwissenschaften nicht fruchtbar gemacht werden kann. Dabei soll auf einige Affinitäten zwischen Adornos und Derridas Ästhetisie-rung der Theorie hingewiesen werden.

      Jeder Versuch, Adorno und Derrida miteinander zu vergleichen, ist prekär, da sich hinter jeder Ähnlichkeit oder Analogie ein Gegensatz verbergen kann. In einer Zeit wuchernder Dekonstruktion reicht dieses Hindernis aus, um eine Definition der Ähnlichkeiten und Unterschiede ad calendas graecas zu verschieben. In einem ersten Schritt soll daher hervorgehoben werden, daß Begriffe der Kritischen Theorie wie 'Wahrheitsgehalt", 'Subjekt", 'Denken" oder 'Geist" von Derrida als Ãœberreste der von ihm attackierten metaphysischen Tradition zurückgewiesen werden müßten .'' Doch in einem zweiten Schritt können frappierende Analogien zwischen den beiden philosophischen Richtungen aufgezeigt werden, die beide gegen das repressive Auftreten des Logos aufbegehren und sich für eine Suspension des Sinnes oder für dessen Verschiebung, differance aussprechen. Gerade in den Punkten, in denen sich Adornos und Derridas Diskurse überschneiden, treten auch ihre Aporien in Erscheinung.
      1. Eingangs wurde bereits auf die Unmöglichkeit einer Theorie der Mimesis hingewiesen: denn das Mimetische ist gerade das, was mit Hilfe eines begrifflichen Instrumentariums nicht zu bestimmen ist. Im Hinblick auf den paradoxen Charakter der Kritik der instrumenteilen Vernunft bemerkt Habermas zu Recht, 'daß Horkheimer und Adorno eine Theorie der Mimesis aufstellen müßten, die nach ihren eigenen Begriffen unmöglich ist."
Im Bereich der 'Grammatologie", die Derrida selbst als 'allgemeine, theoretische und systematische Strategie der philosophischen Dekonstruktion" definiert", macht sich eine analoge Aporie bemerkbar: Eine 'Theorie" oder gar 'Wissenschaft", die darauf abzielt, die von Nietzsche kritisierten metaphysischen Gegensätze und zusammen mit diesen die 'Gegenwart" des Begriffs zu dekonstruieren, gerät zwangsläufig in Konflikt mit ihrem eigenen theoretisch-begrifflichen Entwurf. Derrida erkennt dieses Paradox in der Grammatologie, wo er gleich zu Beginn betont: 'Wir werden um so weniger auf diese Begriffe verzichten, als sie für unser Vorhaben unentbehrlich sind, das Erbe zu erschüttern, dem sie angehören." Die aus diesem Vorhaben sich ergebenden Aporien und Pa-radoxien resümiert Jonathan Culler: 'Im Gegenteil, Derridas Analysen der Allgegenwart des Logozentrismus lassen erkennen, daß die Analyse als solche notwendig logozentrisch ist: Sogar die schärfsten Kritiker des Logozentrismus können diesem nicht entgehen, da ja die Begriffe, die sie verwenden, dem System angehören, das dekonstruiert wird." Der Autor der Grammatologie könnte gegen diese Diagnose wohl nichts einwenden.
      Angesichts dieser Kritik muß man sich fragen, ob es sich lohnt, das Unmögliche in Angriff zu nehmen und eine mimetische oder dekonstruktive Theorie zu entwerfen, die in eine Aporie ausmündet. Solche Fragen vereinfachen das Problem allzu sehr, weil sie sich über die Tatsache hinwegsetzen, daß der aporetische Radikalismus Adornos und Derridas eine globale Diskurskritik erst ermöglicht.
      2. Obwohl beide für die Erkenntnis der Ambivalenz, die Nichtidentität und die differance plädieren, entgehen sie weder dem ideologischen Dualismus noch den eindeutigen Begriffsbestimmungen. Ihre Versuche, die Hegeische Dialektik zu radikalisieren und über sich selbst hinauszuführen, haben sie nicht daran gehindert, bestimmte Gegenstände mit dem eigenen Diskurs zu identifizieren und neue — ideologisierbare — Dichotomien einzuführen.
      Es sind hier einige interessante Parallelen zwischen der negativen Dialektik und der Dekonstruktion festzustellen. Beiden erscheint Hegel nicht nur als der Philosoph des Absoluten , sondern zugleich als Kritiker des rationalistischen Logozentrismus und als Vorläufer eines assoziativen, paradigmatischen Denkens oder einer differenzierenden ecnture . Ãœber die Wechselbeziehung zwischen Einheit und Differenz bei Hegel schreibt Adorno: 'Die Bewegung des Begriffs ist keine sophistische Manipulation, die ihm von außen her wechselnde Bedeutungen einlegte, sondern das allgegenwärtige, jede genuine Erkenntnis beseelende Bewußtsein der Einheit und der gleichwohl unvermeidlichen Differenz des Begriffs von dem, was er ausdrücken soll. Weil Philosophie von jener Einheit nicht abläßt, muß sie dieser Differenz sich überantworten."6'
Zunächst ist hier auf einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Philosophien hinzuweisen: Adornos Begriff der Einheit würde Derrida sicherlich als 'metaphysisch", als von der begrifflichen Präsenz ableitbar und mit der Offenheit der Schrift unvereinbar zurückweisen. Doch ähnlich wie Adorno, der bei Hegel den Gedanken an die Differenz zwischen Begriff und Sache fand, liest Derrida Hegel als einen Vorläufer der ecnture: 'Dennoch, alles, was Hegel vor diesem Hintergrund dachte, d. h. alles bis auf die Eschatologie, kann als eine Meditation der Schrift wiedergelesen werden. Hegel ist zugleich der Autor der unauslöschbaren Differenz. Er hat das Denken als Zeichen produzierendes Gedächtnis rehabilitiert."

   Trotz aller Gegensätze und Unterschiede erscheinen hier die beiden Philosophien als Kritiken der metaphysischen Präsenz des Begriffs und — komplementär dazu — als Versuche, die absoluten Gegensätze zusammen mit den begrifflichen Hierarchien, die auf ihnen gründen, zu dekonstruieren: 'Den Gegensatz dekonstruieren", schreibt Derrida, 'bedeutet zunächst, zu einem bestimmten Zeitpunkt die Hierarchie umwerfen."6" Adorno wäre mit dieser nietzscheanischen Behauptung Derridas wohl einverstanden.
      Dennoch haben die Radikalisierung der Hegeischen Dialektik sowie die Kritik des metaphysischen Gegensatzes die Rückkehr der semantischen Dichotomie in den Texten Adornos und Derridas nicht verhindert: Die Gegensätze zwischen kritischer und ideologischer Kunst, Tauschwert und Gebrauchswert, Kommunikation und Nichtkommu-nikation, zwischen Metaphysik und Dekonstruktion, parole und ecriture sind zu Ideolo-gemen einer kommerzialisierten Wissenschaft geworden. Wer möchte sich schon dem Vorwurf des Logozentrismus aussetzen. Der letzte der hier genannten Gegensätze ist für die ästhetisierende Diskurskritik wesentlich.
      3. Obwohl er in dieser Hinsicht weniger explizit ist als Derrida, weist Adorno der Schrift, nicht dem gesprochenen Won, die Hauptrolle zu. Seine 'Thesen zur Sprache des Philosophen", seine Essays und die parataktische Anordnung der Ästhetischen Theorie zeigen es. Fast alle seine Arbeiten leisten dem Resume Widerstand, das sich in wissenschaftlichen Kommentaren und Diskussionen immer wieder als unentbehrlich erweist. Das Buch von F. Grenz, das den ominösen Titel Adornos Philosophie in Grundbegriffen trägt68, zeigt nämlich, daß selbst ein Denken, das gegen die falsche Universalität des Tauschwerts aufbegehrt, schließlich, wenn auch gewaltsam, mit der Kommunikation versöhnt wird: Es wird systematisch dargestellt, zusammengefaßt und übersetzt. Dies ist einer der Gründe, weshalb ich in diesem Buch Adornos Ablehnung der Kommunikation durch die Frage nach sinnvoller theoretischer Kommunikation in den Sozialwissenschaften ersetze.
      Wie Adorno folgt auch Derrida der Schrift und stellt die in Saussures Cours gefestigte Herrschaft des gesprochenen Wortes in Frage; wie Adorno lehnt er den geronnenen Begriff ab, der ein für allemal definiert, kommuniziert, übersetzt wird. Im Unterschied zu Adorno läßt er keine Wahrheit, keinen Wahrheitsgehalt zu; er strebt nach einer 'Dekonstruktion aller Bedeutungen, die ihren Ursprung im Logos haben. Vor allem der Bedeutung von Wahrheit." In seinen Analysen der differance beruft er sich auf jene 'elements of non-intended signification", von denen Norris spricht71, und die jeden, auch den metaphysischen Text, mit einer Polysemie ausstatten, die bewirkt, daß seine Bedeutungen nie fixiert werden können.
      Aus dieser Sicht erscheint der theoretische Diskurs als endloser Prozeß, der auf der Ausdrucksebene abläuft und der unablässig die Inhaltsebene destabilisiert: 'Und wenn der Sinn des Sinnes nichts als endloser Widerspruch wäre? Ein unbegrenztes Verhalten von Signifikans zu Signifikans? Wie wenn seine Kraft eine reine und endlose Zweideutigkeit wäre, die dem bedeuteten Sinn keine Rast, keine Ruhe gönnt, ihn aufgrund seiner eigenen Ökonomie zwingt, abermals zu bedeuten und zu differieren} Außer in Mallarmes ungeschriebenem Buch ist das Geschriebene nirgendwo mit sich selbst identisch."7'
Der Hinweis auf Mallarme ist kein Zufall in L'Ecnture et la difference: Der Dichter wollte den mit sich selbst identischen Text nicht verwirklichen; im Gegenteil, er hat schließlich die Einheit des Textes und des Sinnes radikal in Frage gestellt. Angesichts dieser Mallarme-Lektüre, die Sartres Kritik an Mallarmes Ästhetizismus widerspricht72, nimmt es nicht wunder, daß Derrida sich — ähnlich wie Adorno — am fiktionalen Text, insbesondere an dem der Avantgarde, orientiert. Mit Recht bemerkt Norris, Derrida vertrete die Ansicht, 'daß die Verfahren der rhetorischen Analyse, die bisher vor allem auf literarische Texte angewandt wurden, sich bei der Lektüre eines jeden Diskurses, auch des philosophischen, als unentbehrlich erweisen." Das Spiel des fiktionalen Textes mit dem vieldeutigen Signifikanten und seine ständige Aufschiebung, Aufhebung des Signifikats werden zu wesentlichen Bestandteilen der Dekonstruktion und der Ästhetischen Theorie, in der Adorno Hegel dessen 'intolerance of ambiguity" vorwirft. Nach Derrida gehören die dekonstruktiven Texte 'weder dem philosophischen' noch dem .literarischen' Register an." In den USA haben derlei Aussagen einer Literaturkritik zum Durchbruch verholfen, die die Grenzen zwischen Theorie und Fiktion schlicht beseitigt und — wie schon die Romantik — den Kritiker als 'erweiterten Autor" auffaßt, der im Extremfall der Phantasie freien Lauf läßt.7'
Dennoch gibt es einen wesentlichen, unaufhebbaren Unterschied zwischen einem Gedicht Mallarmes und einem Essay Adornos oder Derridas. Sinnlos wäre jeder Versuch, ein Gedicht Mallarmes oder auch ein Prosagedicht Baudelaires zusammenfassen zu wollen; Zusammenfassungen von Adornos Beckett- oder Derridas Rousseau-Interpretationen sind hingegen nicht nur möglich, sondern in theoretischen Diskussionen notwendig . Ermöglicht werden sie durch die Tatsache, daß sowohl Adornos als auch Derridas Text mit Begriffen arbeitet und den Anspruch erhebt, über diese Begriffe etwas auszusagen . Auch die Dekonstruktion von Begriffen wie Wahrheit und Bedeutung ist letztlich ein begrifflicher Prozeß, der neue Begriffe zeitigt wie: Mimesis, differance, trace, gramma, deconstruction. Selbst wenn solche Termini niemals eindeutig und endgültig zu bestimmten sind, so fordern sie als Begriffe eine Definition heraus. In Wirklichkeit dreht sich in Adornos und Derridas Diskursen alles um die Definition neuer Begriffe, selbst wenn Derrida behauptet, daß 'die Spur nichts ist" oder sich zu der zweideutigen Bemerkung verleiten läßt, 'dissemination bedeute letzten Endes gar nichts . . ." .
     
   Im Gegensatz zu diesen Begriffen erfüllt zwar Mallarmes vieldeutiges Signifikans azur verschiedene semantische Funktionen im Gedicht, kann aber nicht als Begriff gelesen werden. Niemand käme wohl auf den Gedanken, Mallarme vorzuwerfen, er verwende das Won azur ungenau; dagegen ist der Vorwurf, Derridas Zeichenbegriff oder Adornos Ideologiebegriff sei zu vage, durchaus sinnvoll, da es sich um sozialwissenschaftliche Termini handelt, deren Auflösung in 'poetische" Bezeichnungen die Auflösung der Sozialwissenschaften mit sich brächte. Insofern ein Gedicht Mallarmes keine Begriffe im Sinne der Sozialwissenschaften enthält, kann es weder zusammengefaßt noch übersetzt werden: Das zeigen die Nachdichtungen Stefan Georges mit aller Deutlichkeit. Wo immer sie sich an der Schreibweise der symbolistischen oder avantgardistischen Literatur orientiert, wendet sich die philosophische Theorie gegen sich selbst: Sobald sie beginnt, ihre theoretischen und begrifflichen Funktionen zu negieren, gerät sie in eine Sackgasse: oder sie dekretiert ihre eigene Auflösung wie bei den Vertretern der Dekonstruktion in Yale.
      Habermas hat recht, wenn er in diesem Zusammenhang über Derrida bemerkt: 'Auch er entkoppelt das wesentliche, nämlich dekonstruierende Denken von der wissenschaftlichen Analyse und landet bei der leerformelhaften Beschwörung einer unbestimmten Autorität." Von Heidegger führt über Adorno ein an Windungen und Mäandern reicher Weg zu Derrida, auf dem sich die Philosophie von der Sozialwissenschaft entfernt. Die Kluft, die auf diese Weise zwischen wissenschaftlicher Praxis und philosophischer Reflexion entstehen könnte, die in vielen Fällen schon entstanden ist, muß wieder überbrückt werden. Gelingt der Brückenschlag nicht, dann wird die Soziologie als kritische Gesellschaftswissenschaft, die bei Adorno mit der Dialektik, bei Schütz mit der Phänomenologie und bei Topitsch oder Alben mit dem Kritischen Rationalismus liiert ist, zu einem staatlich subventionierten Empirismus verkommen. Die Philosophie bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt: Ihr ontologischer oder poststrukturalistischer Leerlauf bei Heidegger und Derrida zeigt, daß sich ihr Gegenstand im Sein, im Nichts oder in der differance aufzulösen droht.

     
Es geht mir nicht darum, einem neuen Logozentrismus das Wort zu reden und ihn den philosophischen Entwürfen Adornos und Derridas entgegenzusetzen. Die Alternative ist kein neuer Logos, sondern eine dialogische Theorie, die der Frage nach einer kritischen Kommunikation nicht aus dem Wege geht und sowohl Adornos als auch Derridas Flucht in die Nichtkommunikation und den Monolog meidet.
      Am klarsten kommt Derridas Ablehnung der dialogischen Rede wohl in seinem Text über Condillac zum Ausdruck, in dem die frivolite der Schrift gegen Condillacs 'Kunst des Räsonnierens" verteidigt wird: 'Die Wurzel des Ãœbels ist die Schrift. Der frivole Stil ist der - geschriebene Stil. Im Unterschied zum Dichter und Redner waren die Philosophen nicht ,Zeugen der Eindrücke, die sie hervorriefen' und fanden nicht im lebendigen Austausch die Regel ihres Diskurses. Abwesenheit des Gegenstandes, Abwesenheit des Gesprächspartners, die Philosophie, die Schrift, die Frivolität: Wo ist das schwache Glied dieser Kette?" Etwas weiter wird der Text noch deutlicher: 'Die Frivolität geht nicht nur aus der Abweichung des Signifikanten hervor, sondern auch aus seiner Selbstbezogenheit, aus seiner geschlossenen und nicht darstellenden Identität."
Die Alternative zur 'frivolite" ist kein neuer 'esprit serieux", sondern eine Theorie, die sowohl den Narzißmus der Nichtkommunikation als auch den der hermetischen Signifikanten meidet und die Frage nach dem Dialog zwischen arbeitsteiligen und ideologisch motivierten Gruppen aufwirft.
      Eine solche Theorie wird sich jedoch nicht über die wichtigen Erkenntnisse der negativen Dialektik und der Dekonstruktion hinwegsetzen. Denn diese beiden Richtungen haben drei wesentliche Gedanken formuliert, die auch für den hier entwickelten textsoziologischen Ansatz wichtig sind.
      A) Sie haben gezeigt, daß der Begriff keine statische Entität, keine reine Form im platonischen Sinn ist, sondern ein historischer Prozeß. Mit Recht bemerkt Derrida über den Logozentrismus: 'Er ist mit der Geschichte des Abendlandes verknüpft." Ihre ideologiekritischen und historischen Darstellungen der sich entfaltenden Begrifflichkeit haben die Reflexion und Seihstreflexion des Diskurses als transphrastischer Struktur ermöglicht oder zumindest erleichten. Dieser reflexive und selbstreflexive Prozeß müßte von einer kritischen Sozialwissenschaft weitergeführt werden, die der positivistischen Versuchung widersteht, ex nibilo künstliche Sprachen, Sprachspiele oder Metatexte zu erschaffen.
      B) Die Ambivalenz der Begriffe und ganzer Texte, zu deren Erkenntnis Nietzsches Kritik der Metaphysik führte, ist von Derrida und vor allem Adorno als eine Folge der semantischen Krise erkannt worden: Es gibt keine eindeutigen und unschuldigen Begriffe, ebensowenig wie es fiktionale Texte gibt, die eindeutig auf ideologische oder philosophische Aquivalente reduziert werden können. Eine kritische Sozialwissenschaft wird sich mit dem Phänomen der Ambivalenz im sprachlichen, sozialen und historischen Kontext auseinandersetzen müssen.
      C) Zugleich mit anderen Autoren wie Luis J. Prieto oder Michel Foucault haben Adorno und Derrida auf überzeugende Art den logozentrischen, den identifizierenden Diskurs kritisiert, der sich selbst für 'natürlich" hält und sich implizit oder explizit seinen Referenten gleichsetzt. Ihm gegenüber insistieren sie auf der Notwendigkeit der Nichtidentität und der unaufhebbaren Differenz.
      Eine kritische Gesellschaftswissenschaft wird sich einerseits hüten, diese Erkenntnisse für trivial zu erklären; sie wird andererseits jedoch die von Adorno und Derrida vorge-schla genen parataktischen und dekonstruktivistischen Lösungen meiden, die zu einer Auflösung der Theorie führen. Statt sich an der Polysemie fiktionaler Texte zu orientieren, wird sie die Offenheit des theoretischen Diskurses im dialogischen, interdiskursiven Prozeß suchen, der keinen Abschluß kennt, weil die theoretische Erkenntnis nie aufhört. Im interdiskursiven Dialog zwischen heterogenen Theorien sollte es möglich sein, die Distanz zwischen Diskurs und Objekt zu wahren und der Besonderheit des Objekts, seiner Nichtreduzierbarkeit auf eine bestimmte Begrifflichkeit, Rechnung zu tragen.
      Der Ausgangspunkt einer kritischen Theorie der Gesellschaft könnte eine Bemerkung Bertil Malmbergs zu Derridas Polemik gegen das begriffliche Denken sein: 'In Wirklichkeit ist es also das Prinzip der allgemeinen Strukturen und der linguistischen Universalien, das die Möglichkeit von Ãœbersetzungen erklärt, so wie es die Möglichkeit von Transformationen innerhalb der Sprachen erklärt." Ähnlich äußerte sich in Privatgesprächen Greimas zu den Problemen der Dekonstruktion.
      Diese Kritik Malmbergs, die es gestattet, eine dialektische Beziehung zwischen den Konstanten und den Variablen des Sprachsystems herzustellen, widerspricht nur teilweise Derridas und Adornos Plädoyer für Nichtidentität, Nicht-Präsenz und für diskursive Offenheit; zugleich gibt sie jedoch zu verstehen, daß Negativität und Offenheit nur im Hinblick auf etwas Identifizierbares und eindeutig Bestimmbares denkbar sind: im Hinblick auf sprachliche Universalien und Tiefenstrukturen, die in allen Diskursen von Parmenides bis Heidegger und von Heraklit bis Nietzsche und Derrida auszumachen sind.
      Die Idee der Universalien schließt eine historische und ideologiekritische Betrachtung des Begriffs und des gesamten Diskurses nicht aus. Im Gegenteil, sie ermöglicht erst die Reflexion über die begrifflichen und diskursiven Differenzen und bildet die Voraussetzung dafür, daß heterogene Diskurse aufgrund bestimmter gemeinsamer Elemente miteinander verglichen werden können. Gäbe es diese gemeinsamen Universalien nicht, wären die Terminologien der Sozialwissenschaften nicht nur widersprüchlich und fragmentiert, sondern inkommensurabel, und jedes Gespräch zwischen Soziologen, Semiotikern und Psychologen wäre ein Taubstummendialog. Vor allem im dritten Teil dieses Buches soll gezeigt werden, daß der Taubstummendialog nicht unserer Weisheit letzter Schluß zu sein braucht — ebensowenig wie Parataxis und Dekonstruktion.

     
5. These: Adornos und Demdas Schlüsselbegriffe wie 'Essay", 'Modell", 'Parataxis", 'difi ferance" und 'Dekonstruktion" zeigen, daß der Gegenstand der Diskurskntik nicht der einzelne Satz ist, sondern der Diskurs in seiner Gesamtheit: als transphrastische Struktur. Ideologische Verfahren wie Identifizierung, Geschlossenheit oder Dichotomisierung können nur im Rahmen dieser Struktur entwickelt und kritisiert werden. Ideologiekritik als Parataxis oder Dekonstruktion ist in der gegenwärtigen sprachlichen und gesellschaftlichen Situation zwar möglich, wird aber demjenigen, der den Nexus zwischen philosophischer Reflexion und kritischer Sozialwissenschafi nicht aus den Augen verloren hat, weder als zwingend noch als sinnvoll erscheinen: Die Annäherung des philosophischen an denfik-tionalen Diskurs, die von den beiden Autoren in verschiedenen Kontexten befürwortet wird, führt zwangsläufig zur Auflösung dieses für die Philosophie und die Sozialwissenschaften lebenswichtigen Nexus. Als Alternative zeichnet sich eine Theorie ah die die ideologischen Mechanismen des Diskurses durch Reflexion, Dialektik und Dialog zu zerlegen sucht.
     

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