Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Auch in diesem Kapitel wird vielleicht so mancher Leser über die unorthodoxe Mischung der theoretischen Karten verwunden sein: Adorno erscheint hier nicht so sehr als Vorläufer von Habermas' Kritik de
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» Ideologie und theorie
» Ideologie als Diskurs: Von Adorno zu Derrida
» Essay, Modell, Parataxis

Essay, Modell, Parataxis



In mancher Hinsicht erfüllt der ästhetische Bereich als 'archimedischer Punkt" bei Adorno eine ähnliche Funktion wie die Ontologie bei Heidegger, die Wissenschaft bei Alt-husser, die ideale Sprechsituation bei Habermas, die Wertfreiheit im Kritischen Rationalismus und das Proletariat bei Lukäcs. Die ästhetische Integrität des Wortes scheint die einzige Gewähr für dessen Widerstand gegen Ideologie und Kommunikation zu sein. Mit Widerstand ist bei Adorno jedoch immer auch Negativität gemeint: die Negativität einer Kunst, die die Ablehnung aller ideologischen und kommunizierbaren Slogans bis zur Zerstörung des Sinnes, bis zur Selbstaufgabe treibt.3!

Wie sehr Ideologiekritik in Adornos Augen Negativität und Ablehnung der Kommunikation ist, geht auch aus seinem veröffentlichten Aufsatz 'Beitrag zur Ideologienlehre" hervor: 'Man könnte fast sagen, daß heute das Bewußtsein, das schon Hegel wesentlich als das Moment der Negativität bestimmte, überhaupt nur soweit überleben kann, wie es die Ideologiekritik in sich selbst aufnimmt." Die Ideologiekritik als Negativität ist den Texten Prousts, Valerys, Becketts und Kafkas immanent; an ihnen orientiert sich die späte Kritische Theorie.
      Es soll nun gezeigt werden, daß diese ästhetische Ausrichtung der Theorie weit über den lexikalischen Bereich hinausgeht, der im vorigen Abschnitt noch im Mittelpunkt stand. Die Noten zur Literatur, die Negative Dialektik und die Ästhetische Theorie sind deshalb wichtig, weil sie eine globale Kritik des ideologischen, des identifizierenden und systematischen Diskurses anvisieren. Tatsächlich läßt sich zeigen, daß Adornos Ideologiekritik einen semantischen und einen makrosyntaktischen Aspekt aufweist. Diese Tatsache ist bisher zu selten berücksichtigt worden.
      Ausgehend von der unaufhebbaren Ambivalenz der Begriffe und Erscheinungen, die schon Nietzsche als Junghegelianer gegenüber Hegel betonte13, stellt Adorno die ma-nichäischen Diskurse der Ideologen in Frage, die fast immer von rigiden semantischen Gegensätzen wie normal/abnormal, Körper /Geist, Kunst/Theorie oder Mimesis/Poiesis ausgehen. In seinen Essays deckt er die Ambivalenz eines Autors wie Stefan George auf und zeigt, wie bestimmte Gedichte dieses Dichters eine elitäre Ideologie, die in archaischen Stilfiguren zum Ausdruck kommt, mit einer kritischen Sprache kombinieren, die sich gegen die ideologischen und kommerzialisierten Rhetoriken der damaligen Zeit resistent erweist. In seinem Essay über Eichendorff zeigt er, wie der Konservatismus des Romantikers gesellschaftskritische Elemente zeitigt, die von einer traditionalistischen Literaturkritik totgeschwiegen wurden.

     
   Im Gegensatz zu Brecht und Lukacs, die George, Rilke oder Nietzsche mit bestimmten Ideologien identifizieren oder im Zusammenhang mit den Gedichten Rilkes und Georges von 'Manifesten des Klassenkampfes" sprechen33, entscheidet sich Adorno für eine essayistische Betrachtungsweise. Der Essay ermöglicht eine offene Darstellung des Objekts, die nicht auf dessen Identifizierung mit einem manichäischen und geschlossenen ideologischen Diskurs hinausläuft, dessen Objekt häufig auf einen der beiden Terme des semantischen Grundgegensatzes reduziert wird.
      Adornos Essay hat das Einmalige, das Nichtidentische zum Gegenstand: 'Er trägt dem Bewußtsein der Nichtidentität Rechnung, ohne es auch nur auszusprechen ." Er widersetzt sich dem begrifflichen Raster, der den Objekten vom systematischen Diskurs von oben auferlegt wird: 'Weil die lückenlose Ordnung der Begriffe nicht eins ist mit dem Seienden, zielt er nicht auf geschlossenen, deduktiven oder induktiven Aufbau."

   Ein Vergleich von Adornos und Musils 'Essayismus" zeigt, daß es beiden Autoren darum geht, dem Logozentrismus eines diskreditierten systematischen Diskurses auszuweichen. Beide suchen nach Alternativen für den fiktionalen, den historischen oder den theoretischen Diskurs, der sich, ausgehend von bestimmten semantischen Dichotomien, der Wirklichkeit schlechthin gleichsetzt. Zum Essayismus seines Helden Ulrich bemerkt Musil in Der Mann ohne Eigenschaften: 'Ungefähr wie ein Essay in der Folge seiner Abschnitte ein Ding von vielen Seiten nimmt, ohne es ganz zu erfassen, — denn ein ganz erfaßtes Ding verliert mit einem Male seinen Umfang und schmilzt zu einem Begriff ein — glaubte er, Welt und eigenes Leben am richtigsten ansehen und behandeln zu können."
Wie Musil lehnt Adorno die syntaktische, die narrative Kausalität ab: Statt jedes Argument aus dem vorhergehenden abzuleiten, setzt er sich in der Negativen Dialektik für die Form des Modells ein, das nicht kausal-argumentativ in den Gesamttext integriert wird, sondern metonymisch-synekdochisch. Sogar von Hegel behauptet er, dessen nie verwirklichtes Ideal sei im Grunde 'nichtargumentatives Denken gewesen". Gleich zu Beginn des Buches erläutert er die kognitive Funktion des theoretischen Modells: 'Das Modell trifft das Spezifische und mehr als das Spezifische, ohne es in seinen allgemeineren Oberbegriff zu verflüchtigen. Philosophisch denken ist soviel wie in Modellen denken: negative Dialektik ein Ensemble von Modellanalysen."

   Der letzte Teil des Buches, der den Titel trägt 'Meditationen zur Metaphysik", ist nicht aus dem vorletzten ableitbar, der die Philosophie Hegels zum Gegenstand hat. Es handelt sich um einen autonomen Text, in dem die beiden vorangehenden Modellanalysen, in denen sich Adorno mit Kant und Hegel befaßt, in einem neuen Licht erscheinen: Es geht darum, die Negativität der Dialektik, deren Ablehnung des Identitätspostulats und der hegelianischen Synthese, durch einen Rekurs auf Kant zu rechtfertigen, der das Absolute denkt, ohne wie Hegel zu behaupten, es existiere. In Adornos Kritik an Kant schimmen don die Solidarität der negativen Dialektik mit dem Kantschen Denken durch.

Im Zusammenhang mit Kant heißt es: 'Auch im Äußersten ist die Negation keine Posi-tivität."
Ohne von ihnen ableitbar zu sein, ist die letzte Modellanalyse der Negativen Dialektik eng mit den vorangehenden Modellen verbunden. Ihre Beziehungen zum Rest des Buches könnten mit der Funktion von Le Temps retrouve am Ende von Prousts Recherche verglichen werden; denn der letzte Teil des Romans greift die Hauptthemen noch einmal auf und kondensiert sie in synekdochischer Form: als pars pro toto. Nicht zufällig enthält der zweite Band der Noten der Literatur einen Aufsatz über Marcel Proust, in dem von einer Romankonstruktion die Rede ist, die das Besondere in Erscheinung treten läßt, das gegen den systematischen und identifizierenden Logos revoltiert.
      Diese Revolte nimmt in der Ästhetischen Theorie, einem Text, der die Hauptgedanken der 'Thesen" weiterführt, eine extreme Form an. Ãœber die Ästhetische Theorie schreibt Adorno selbst: 'Das Buch muß gleichsam konzentrisch in gleichgewichtigen, parataktischen Teilen geschrieben werden, die um einen Mittelpunkt angeordnet sind, den sie durch ihre Konstellation ausdrücken." Beim Lesen dieser Zeilen wird man an die 'Thesen" des jungen Adorno erinnert, die die Wahrheit in einer Konfiguration ansiedeln. Man mag auch an seine viel später erschienenen Drei Studien zu Hegel denken, wo er feststellt, daß dem Hegeischen System das assoziative Prinzip zugrunde liegt: 'Hegel kann nur assoziativ gelesen werden."

   In der Ästhetischen Theorie, die sich an der assoziativen und parataktischen Schreibweise Hölderlins orientiert, soll dieses im Hegeischen Diskurs latente Prinzip, das Hegel durch die Aufhebung der Ambivalenzen und die Versöhnung der Widersprüche neutralisierte, entfaltet werden. Adornos postum veröffentlichtes Werk wird durch eine assoziative Verknüpfung der Sätze und Absätze gekennzeichnet, die schon in seinem Hölderlin-Aufsatz zu den Hauptthemen gehörte: 'die rondohaft assoziative Verbindung der Sätze."

   Das Wort 'rondohaft" verweist auf die musikalische Komposition, die Adorno selbst an entscheidender Stelle erwähnt, wenn er Hölderlins parataktischen Stil dem musikalischen Verfahren annähen: 'Musikhaft ist die Verwandlung der Sprache in eine Reihung, deren Elemente anders sich verknüpfen als im Urteil." In diesem Sinne setzt sich die Ästhetische Theorie nicht aus Urteilen zusammen, sondern aus autonomen Sätzen und Passagen, die dank ihrer semantischen Verwandtschaft aufeinander verweisen. In ihrem Aufbau ähnelt sie den Romanen Prousts, Kafkas, Musils oder Svevos, die die traditionelle syntaktische und narrative Konstruktion durch eine semantische und paradigmatische ersetzen.

     
Wie diese Romanciers, die ebenfalls auf die Krise der Sprache reagieren, kritisiert Adorno das systematische Prinzip, dem außer den traditionellen Theorien fast alle ideologischen Diskurse gehorchen, die die Wirklichkeit in ein Erzählschema zwängen. Trotz der Sympathie, die ich immer noch für Adornos luzide und subtile Gesellschaftskritik empfinde, frage ich mich, ob die in Noten zur Literatur oder in der Ästhetischen Theorie entwickelten essayistischen und parataktischen Verfahren in der gegenwärtigen Lage zum Ausgangspunkt einer kritischen Sozialwissenschaft werden können.
Wendet man sich nochmals der Romanproblematik und vor allem Musils Der Mann ohne Eigenschaften zu, so stellt man fest, daß die radikale Kritik am System und an der narrativen Syntax dort schließlich den Roman als solchen in Frage stellt. Die Verwandtschaft zwischen Musils Essayismus und dem, was Adorno als die 'Logik des Zerfalls" bezeichnet, tritt klar zutage. Ist es nun notwendig, konsequent bis ans Ende zu gehen und parallel zu Musil, der die Unmöglichkeit des Romans thematisiert, die Auflösung der Theorie ins Auge zu fassen? — Bevor ich versuche, diese Frage zu beantworten , will ich noch auf die theoretischen Folgen des essayistischen, modellierenden und parataktischen Verfahrens bei Adorno selbst eingehen. Trotz seiner Nuancen bietet dieses Verfahren nicht immer eine Gewähr für die von Adorno angestrebte partikularisierende Darstellung des Objekts, seiner Widersprüche und Zweideutigkeiten. Einer aufmerksamen Lektüre von 'Parataxis. Zur späten Lyrik Hölderlins" wird nicht entgehen, das Adornos kritische und historische Interpretationen ebenso einseitig und reduktionistisch sind, wie die 'patriotischen" Kommentare Heideggers. Die politische Sympathie, die ich für Adorno empfinde, ändert nichts an diesem Eindruck.
      Wahrscheinlich hat Adorno recht, wenn er den Versuch Hölderlins hervorhebt, den Geist mit der Natur, das Ganze mit den Teilen zu versöhnen; zu Unrecht schließt er jedoch die Interpretationen aus , die die germanischen und christlichen Mythen dieser Dichtung in den Mittelpunkt stellen. Selbst wenn man nicht geneigt ist, K. Nussbächers Vereinfachungen ernst zu nehmen, wenn er im Zusammenhang mit Patmos von einer 'großen christlichen Dichtung" spricht, so bleibt der Gedanke, daß eine theoretisch vertretbare Textanalyse die germanischen und christlichen Elemente in Hölderlins Texten nicht vernachlässigen oder gar ausblenden sollte: auf die Gefahr hin, daß diese Texte sich als ideologisch ambivalent und als vieldeutig erweisen. Gedichte wie Der Rhein, Germanien, Stuttgart oder Rückkehr in die Heimat mögen die nationalistischen und bodenständigen Klänge, die manche Heidegger-Interpretationen begleiten, nicht rechtfertigen; es wäre aber falsch, ihre nationalen Aspekte, die von der altgriechischen Mythologie nicht zu trennen sind, zu vernachlässigen: ebensowenig wie die Analogie zwischen Christus und Dionysos, die bei Hölderlin an entscheidenden Stellen vorkommt.
      Es ist merkwürdig, daß gerade während der Lektüre von 'Parataxis", einem der wichtigsten Aufsätze Adornos, Zweifel an der Fruchtbarkeit des essayistischen Verfahrens aufkommen. Gerade der Autor der Ästhetischen Theorie, der in einer Hegel-Kritik die 'in-tolerance of ambiguity" anprangen und der autoritären Persönlichkeit zurechnet48, reduziert schließlich die Ambiguität und die Vieldeutigkeit der Hölderlinschen Gedichte, indem er einige semantische Strukturen des lyrischen Textes mit dem Text als ganzem und diesen mit dem Diskurs der Kritischen Theorie identifiziert.
      In dieser Hinsicht könnten die Sozialwissenschaften Alternativen für die Interpretationen Adornos und Heideggers anbieten. Weit davon entfernt, Gedichte auf abstrakte und nichtssagende Schemata zu reduzieren, würde eine semiotische Analyse des lyrischen Textes dessen semantische Vielfalt aufdecken. Sie würde der Frage nachgehen, wie bestimmte semantische Strukturen in Hölderlins Gedichten einander wechselseitig bedingen: wie sie einander widersprechen und einander dennoch ergänzen. Der Besonderheit des Textes und seinen dialektischen Gegensätzen könnte sie dadurch eher gerecht werden als Adornos polemischer Kommentar, der einige Elemente auf etwas willkürliche Art ausklammert. Sie würde eher Adornos George-Interpretation folgen, in der die Wechselbeziehung zwischen Ideologie und Ideologiekritik auf sehr subtile Art untersucht wird.
      Die Erkenntnis und die Anerkennung der Polysemie und des Widerspruchs bringt keinen Verzicht auf soziologische Deutung mit sich: Es käme im Gegenteil darauf an, sowohl die Affinitäten als auch die Widersprüche zwischen semantischen Strukturen — etwa die zwischen Hellenismus und Germanentum — im sozialen und sprachlichen Kontext der damaligen Zeit zu erklären.

   Adorno weist immer wieder darauf hin, daß Widerspruch und Negation des Sinnes keineswegs als Beweise für die Sinnlosigkeit der modernen Kunst gewertet werden können: 'Kunstwerke synthesieren unvereinbare, unidentische, aneinander sich reibende Momente ." Auf derselben Seite heißt es: 'Daher spottet Kunst der Verbaldefinition." Seine eigenen Hölderlin-Interpretationen scheinen diesen Erkenntnissen kaum Rechnung zu tragen. In gemeinsamen Anstrengungen könnten Soziologie und Semiotik zeigen, wie die semantischen und syntaktischen Gegensätze in Hölderlins Dichtung in einer bestimmten sozialen und sprachlichen Situation entstanden sind.

Mit Adorno könnte man gegen diese Kritik einwenden, daß jede Theorie dazu neigt, ihren Gegenstand zu vereinnahmen, sich ideologisch mit der Gesamtheit ihrer Referenten zu identifizieren. Selbst wenn man diesen Einwand gelten läßt, wird man darauf hinweisen können, daß eine semiotische Theorie, die über ein begriffliches Instrumentarium verfügt, das es ihr gestattet, die Komplexität und Pluralität eines Textes aufzudecken, in der Lage ist, weniger reduktionistisch vorzugehen und über ihre eigenen semantischen und syntaktischen Verfahren nachzudenken. Adorno und Heidegger können sich der Tatsache, daß sie bestimmte semantische Isotopien privilegieren, nicht bewußt sein, da sie ja den Isotopie-Begriff nicht kennen. Die Begriffe der Sozialwissenschaften sind nicht immer reduktionistisch, und sie erschweren nicht immer die Reflexion: im Gegenteil.
      Eine der schwerwiegendsten Reduktionen in Adornos Werk ist wohl seine karikatura-le Darstellung von Heideggers Philosophie in der Negativen Dialektik und in Jargon der Eigentlichkeit. Obwohl ich selbst Heideggers Ontologie, die sozialwissenschaftliche Ãœberlegungen ausschließt, ablehne und Adorno oder Bourdieu recht gebe, wenn sie die Seinsphilosophie ideologiekritisch angehen, meine ich, daß die Art, wie Adorno unmittelbare Beziehungen zwischen dieser Philosophie und dem Nationalsozialismus herstellt, zu mechanistisch und zu abstrakt ist.
      Wenn er beispielsweise behauptet, daß Heideggers frühes Plädoyer für den Nationalsozialismus nicht aus individuellem Opportunismus zu erklären ist, sondern aus der Seinsphilosophie selbst, 'die Sein und Führer identifizierte"52, abgeleitet werden kann, so begeht er eine Reduktion, die jede Sozialwissenschaft vermeiden sollte. Er setzt einen philosophischen Begriff einer politischen Gestalt gleich, ohne der philosophischen Evolution von Parmenides bis Husserl und Heidegger Rechnung zu tragen. Diese Art von Reduktion erinnert an Goldmanns Gleichsetzung von Robbe-Grillets 'sachlicher" Schreibweise mit dem sozio-ökonomischen Prozeß der Ver-dinglichung.
      Selbst wenn man die Bedeutung der Verdinglichung für den Nouveau Roman anerkennt und den ideologischen Charakter der Seinsphilosophie erkannt hat, wird man zögern, einen Roman von Robbe-Grillet aus der Verdinglichung abzuleiten und Heideggers Seinsbegriff der Führergestalt gleichzusetzen.
      Für ebenso fragwürdig halte ich Adornos Versuch, eine Philosophie, die zur Entstehung eines Jargons, einer ideologischen Gruppensprache, entscheidend beigetragen hat, mit diesem kollektiven Jargon in einen Topf zu werfen. Ließe man ein solches Verfahren zu, hätten die Gegner der Kritischen Theorie, die vage von einem 'Frankfuner Jargon" sprechen und Ausdrücke wie 'Emanzipation", 'verwaltete Welt" und 'Systemdenken" als Klischees anprangern, leichtes Spiel: Sie könnten die Negative Dialektik auf die Slogans der Medien reduzieren und sich dabei auf Adornos Argumentationsweise berufen. Denn das 'Denken in Modellen" hat den kritischen Theoretiker nicht daran gehindert, eine ambivalente und gefährliche Philosophie mit deren Karikatur zu verwechseln: mit dem Jargon der Eigentlichkeit, der von Heideggers Ontologie ebensoweit entfernt ist, wie die negative Dialektik von den Slogans der 'außerparlamentarischen Opposition". Es hat ihn leider auch nicht daran gehindert, den wesentlichen — philosophischen und politischen — Unterschied zwischen Heidegger und Jaspers zu übergehen.
      Sollte das Sein, auf das sich Heidegger und Jaspers in sehr verschiedenen Zusammenhängen berufen, wirklich mit dem Führergedanken identifiziert werden können, dann wären die von Sartre und Derrida vorgeschlagenen Interpretationen von Sein und Zeit bestenfalls Spitzfindigkeiten. Die beiden französischen Philosophen wären einer ontolo-gisch verbrämten Ideologie der Zwischenkriegszeit aufgesessen. Auch jemand, der die Pariser Heidegger-Rezeption mit Skepsis betrachtet, wird Derrida recht geben, wenn er in einem Gespräch mit J.-L. Houdebine und G. Scarpetta sagt: 'Wir sind glücklicherweise weit von jener analogisierenden und überstürzten Verwechslung entfernt , die uns glauben macht, daß es bei Heidegger nichts anderes gibt als die deutsche Ideologie der Zwischenkriegszeit: Es handelt sich um eine Reduktion, die für einen bestimmten Rezeptionsmodus symptomatisch ist ." Wichtig ist hier tatsächlich das von Derrida Hervorgehobene: Heideggers Philosophie geht — wie jede Philosophie — über die ihr zugrundeliegende Ideologie hinaus.
Sieht man sich den Text der Ästhetischen Theorie genauer an, so entdeckt man auch in diesem, für mein Buch so wichtigen Werk, Passagen, die von apodiktischen und re-duktionistischen Behauptungen beherrscht werden. Die politisch-ästhetische Solidarität mit dem Surrealismus und mit der europäischen Avantgarde allgemein hat Adorno daran gehindert, die Zweideutigkeit der surrealistischen Texte wahrzunehmen: 'Richtungen wie der Expressionismus und der Surrealismus, deren Irrationalitäten befremdeten, gingen an gegen Gewalt, Autorität, Obskurantismus." Selbst wer diese Darstellung des Surrealismus teilweise akzeptiert und für die Expressonisten und Surrealisten gegen ihre nationalsozialistischen oder stalinistischen Verleumder Partei ergreift, wird nicht den autoritären Charakter Bretons und seiner Gruppe verschweigen wollen: ebensowenig wie das surrealistische penchant für Gewalt und einige Varianten des machismo, das die Jünger Bretons mit denen Marinettis verbindet.

     
   Es geht hier nicht darum, auf thematisch-inhaltlicher Ebene Adorno seine parteiliche Interpretation des Surrealismus vorzuwerfen; wichtiger ist die Frage, ob die parataktische Anordnung des Textes geeignet ist, jenseits des identifizierenden Diskurses der Ideologie, das Nichtidentische, das Partikulare hervortreten zu lassen. In Anbetracht des bisher Gesagten kann diese Frage kaum noch bejaht werden: denn es hat sich gezeigt, daß Adorno wesentliche Aspekte der Avantgarde, die mit seiner Theorie nicht übereinstimmen, schlicht ausläßt.

     
Eine Lektüre von Adornos Essays über Kafka und Beckett zeigt, daß er diese Autoren häufig als Bürgen der Kritischen Theorie auftreten läßt.5' Wiederum könnte man einwenden, daß die meisten Theorien sich auf Autoren und Texte stützen, die ihre Theoreme bestätigen; man könnte sogar hinzufügen, daß ein solches Vorgehen unvermeidlich ist, da ja alle Texte nur im Zusammenhang mit bestimmten Metatexten bedeuten. In diesem Falle wäre es jedoch schwierig, die Funktion der Parataxis plausibel zu machen: Wenn sie die allen theoretischen Konstruktionen innewohnenden Reduktionen, Zerrbilder und 'Identifikationen" nicht verhindert, dann ist nicht einzusehen, weshalb sie unentbehrlich sein sollte. Dies bedeutet freilich nicht, daß der essayistische oder parataktische Diskurs durch jeden beliebigen theoretischen Diskurs ersetzt werden kann: Sicherlich ist er nuancierter als etwa der des alten Lukäcs; bestimmte Probleme, die er lösen sollte, hat er jedoch nicht gelöst.
      In seiner Arbeit über die Ästhetik der Frankfurter Schule verteidigt Marc Jimenez Adorno gegen meine Kritik : 'Die Rückkehr zum nichtlogischen, mimetischen und nichtbewußten Prinzip, die P.

V.

Zima beanstandet, erscheint nur dann aporetisch, wenn man die Problematik der Kritischen Theorie auf ihre scheinbaren Widersprüche festlegt. Diese Rückkehr und deren Folge, der Hermetismus, können auch als eine strategische Entscheidung aufgefaßt werden, als letzte noch mögliche Form des Widerstandes und des ,Engagements': insofern, als die Ästhetische Theorie auf der Annahme gründet, daß sowohl Engagement als auch Hermetismus aus der Ablehnung des Status quo hervorgehen. Die parataktische Schreibweise, der Bruch mit dem diskursiven Syntagma sowie das Beharren auf der Mimesis werden als Mittel der Rebellion gegen die falsche Objektivtät, die Pseudo-Transparenz, die Lüge von der Universalität eingesetzt."

   Diese Argumente, die im wesentlichen Bekanntes resümieren, überzeugen mich nicht, zumal ich hier zeigen wollte, weshalb Adornos Theorie an entscheidenden Stellen ihren eigenen Ansprüchen nicht genügt. Der Rückzug auf den archimedischen Punkt der Kunst, den der bekannte Satz aus der Ästhetischen Theorie 'Ratio ohne Mimesis negiert sich selbst" signalisiert, schließt anscheinend ideologische Reduktionen und identifizierendes Denken nicht aus. Es bleibt daher die Frage nach einer kritischen Sozialwissenschaft, die zwar keinen archimedischen Punkt kennt, dafür aber ihre eigene Ideologie- und Sprachproblematik systematisch reflektiert.
     

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Essay,  Modell,  Parataxis    





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