Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
Index
» Ideologie und theorie
» Die diskursiven Verfahren der Ideologie
» Sind alle Ideologien gleichwertig?

Sind alle Ideologien gleichwertig?



Diese Frage erscheint einerseits berechtigt, weil immer wieder behauptet wird, alle Ideologien seien gleich 'schlecht", 'dogmatisch", 'steril"83; andererseits ist sie problematisch, da sie sogleich die Gegenfrage provoziert, welche Kriterien denn über den Wert von Ideologien entscheiden sollen.

      Auf diese Frage antwortet hier die restriktive Definition des ideologischen Diskurses, die im Abschnitt über die 'diskursiven Verfahren der Ideologie" konkretisiert wurde: Im Zusammenhang mit dieser Definition und den hier durchgeführten Analysen läßt sich sagen, daß der theoretische Wert eines Diskurses in dem Maße abnimmt, wie er sich dem Idealtyp des ideologischen Diskurses nähen. Ein Text, der von allen hier dargestellten ideologischen Verfahren beherrscht wird, ist theoretisch nahezu wertlos, weil er mit Hilfe von dualistischen Schemata, mythischen Aktanten und monologischautoritären Sprachgebärden die Erkenntnis des Gegenstandes und den Dialog eher behindert als fördert.
      Dieses noetische Werturteil bedeutet jedoch zugleich, daß es auch ideologische Diskurse gibt, die nicht restlos von den semantischen und narrativen Mechanismen der Ideologie beherrscht werden und die mitunter wichtige theoretische Erkenntnisse vermitteln. Dies zeigt etwa der hier zitierte Text von Togliatti, der aus taktischen Gründen einen mythischen Aktanten in Frage stellt. Die Reden anderer marxistischer und nicht-marxistischer Politiker bringen häufig brauchbare Theoreme und wertlose Ideologeme zur Synthese, die nur schwer zu entwirren sind. So enthält beispielsweise Oskar Lafontaines weiter oben zitiertes Buch zahlreiche theoretisch brauchbare Sätze: 'Eine natürliche Arbeitslosigkeit gibt es nicht. Massenarbeitslosigkeit ist nicht schicksalhaft." Auch in Francoise d'Eaubonnes Feminismus oder Tod und in Margaret Thatchers In Defence of Freedom stößt der Leser hin und wieder auf theoretisch-kritische Passagen.
      Für den eklektischen, halb theoretischen, halb ideologischen Charakter dieser Texte gibt es plausible Erklärungen: In einer Industriegesellschaft, in der viele Lebensbereiche von der Wissenschaft beherrscht werden, können Journalisten, Politiker und Geistliche nicht völlig auf theoretische Maßstäbe verzichten: Sie müssen wenigstens so tun, als dächten sie über das Gesagte nach, als führten sie einen Dialog mit wirklichen oder imaginären Gesprächspartnern, als stützten sie sich auf empirisch überprüfbare Aussagen. Auf diese Weise entsteht ein parasitärer Sprachgebrauch, der von den Ergebnissen der Forschung und vom Prestige der Wissenschaft lebt, ohne sich an deren theoretische Regeln und Verfahren zu halten. Größeren gesellschaftlichen Gruppen fällt es deshalb schwer, Theorie von Ideologie, Wissenschaft von Pseudowissenschaft zu unterscheiden. Es kommt hinzu, daß Journalisten, Aktivisten und Politiker sehr wohl wissen, daß der extrem ideologische Diskurs, der Idealtypus, in einer 'verwissenschaftlichten" Industriegesellschaft kaum noch zu gebrauchen ist; deshalb berufen sich die meisten von ihnen auf Wissenschaften und Philosophien.
      Komplementär zu den Texten dieser Ideologen verhalten sich die Arbeiten vieler engagierter Wissenschaftler, die den umgekehrten Weg gehen und versuchen, mit Hilfe von ideologischen Verfahren ihrer 'Wissenschaft" im gesellschaftlichen Alltag zum Durchbruch zu verhelfen. In manchen Fällen sind die Diskurse solcher Wissenschaftler von denen der Ideologen kaum noch zu unterscheiden, und es gibt in unserer Gesellschaft eine Grauzone, in der Sozialwissenschaften und Ideologien ineinander übergehen, sich in einer Symbiose vereinigen, die für die ersteren verhängnisvoll werden könnte.
Gegen die hier vorgeschlagenen diskurskritischen Kriterien zur Bewertung von Ideologien könnten nun die engagierten Sozialwissenschaftler einwenden: es sei nicht möglich, nicht sinnvoll, den Wahrheitsgehalt eines ideologischen oder theoretischen Diskurses ausschließlich 'formal", auf semantischer, syntaktischer und narra-tiver Ebene zu beurteilen, es sei notwendig, auch oder vor allem die gesellschaftliche Position des Aussagesubjekts zu berücksichtigen. Lafontaines Ideologie sei der Margaret Thatchers oder Ronald Reagans vorzuziehen, weil sie 'fortschrittlich", 'human" oder 'gerecht" sei.
      Da ich meine, daß dieser Einwand ernstzunehmen ist, möchte ich zunächst die diskursiven oder diskurskritischen Kriterien gegen ihn verteidigen: Innerhalb der wissenschaftlichen Institutionen ermöglichen sie eine Unterscheidung zwischen theoretisch akzeptablen und ideologischen oder gar propagandistischen marxistischen, feministischen, psychoanalytischen und kritisch-rationalistischen Arbeiten. Wer die diskursiven Verfahren zum Gegenstand seiner Kritik macht, der wird einen Text nicht mehr pauschal verurteilen, weil er 'positivistisch", 'neomarxistisch" oder 'feministisch" ist. Er wird a priori sowohl dem feministischen als auch dem marxistischen oder dem kritisch-rationalistischen Ansatz 'Theoriehaftigkeit", Nuanciertheit und empirische Ãœberprüfbarkeit zutrauen. Erst wenn eine Textanalyse zeigt, daß der Diskurs monologisch Dogmen verkündet, sich mit seinem Gegenstand verwechselt und nicht ohne mythische Aktanten auskommt, wird er seine Meinung ändern und ihn mit Hilfe des restriktiven Ideologiebegriffs kritisieren.
      Den Einwand der engagierten Wissenschaftler kann ich dennoch nachvollziehen, denn er bezieht sich auf die allgemeine Definition der Ideologie, die in der Einleitung und in diesem Kapitel vorgeschlagen wurde: auf die Ideologie als sekundäres modellierendes System und als Soziolekt, das die Positionen, Wertsetzungen und Interessen einer bestimmten Gruppe oder mehrerer Gruppen artikuliert. Vereinfacht lautet die Frage: Ist ein marxistischer, liberaler oder feministischer Soziolekt nicht ipso facto rationaler, theoretischer als ein faschistischer oder nationalsozialistischer? Es geht hier um das von Habermas in Erkenntnis und Interesse angeschnittene Problem der 'Verallgemeinerungsfähigkeit der Interessen" oder der Werte. Dieses Problem ist nicht auf Anhieb zu lösen, und ich komme im letzten Teil dieses Buches ausführlich darauf zurück.
     
Geht man jedoch davon aus, daß nicht alle Werte gleichwertig, d. h. gleich rational oder verallgemeinerungsfähig sind, so kann man auch im Zusammenhang mit der allgemeinen Definition der Ideologie nicht von der Gleichwertigkeit ideologischer Soziolek-te und Diskurse ausgehen. Es macht sehr viel aus, ob der Objekt-Aktant eines Diskurses die Rassenreinheit, die klassenlose Gesellschaft oder die pluralistische Demokratie ist. Selbst wenn ich an dem Gedanken festhalte, daß Ausdrücke wie 'Pluralismus" und 'klassenlose Gesellschaft" Ideologeme sind und mythischen Charakter haben, werde ich dennoch verstehen, daß diese Ausdrücke sich gegen bestimmte Formen der Herrschaft richten und — wenigstens bis zu einem gewissen Grad — verallgemeinerungsfähig sein können. Ausdrücke wie Herrenrasse und Diktatur des Proletariats enthalten jedoch nachweislich die Seme 'Gewalt" und 'Unterdrückung". Sie sind nicht nur nicht verallgemeinerungsfähig, sondern schlicht gefährlich.
      Es ist in vielen Fällen natürlich äußerst schwierig und prekär, einen bestimmten Wen einem anderen vorzuziehen; in einigen Fällen ist es jedoch — etwa wenn es um den Wort-Wert 'Herrenrasse" geht — unbedingt notwendig, und nichts wirkt sich in solchen Fällen verheerender auf das theoretische Denken aus als der Relativismus, laut Karl Popper 'die These, daß jedes beliebige Wertsystem sich in gleicher Weise verteidigen läßt und daß daher alle Wertsysteme gleich gültig sind."
Deshalb würde ich den engagierten Wissenschaftlern recht geben, wenn sie behaupten, daß es auf die Interessen und Wertsetzungen ankommt, die eine Gruppe verteidigt und die sich in ihrem Sprachgebrauch niederschlagen. Zugleich würde ich jedoch dafür plädieren, daß diese Interessen und Werte auf die diskursiven Verfahren eines Soziolekts bezogen werden. Vielfach tritt nämlich der irrationale und fragwürdige Charakter bestimmter Werturteile und der ihnen entsprechenden Relevanzkriterien und Klassifikationen auf diskursiver Ebene zutage.
      Etwa in dem bereits zitierten Werk von Dietrich Klagges, in dem der 'erkünstelte" Charakter eines bestimmten Denkens durch Hinweise auf dessen 'jüdischen" Ursprung diskreditiert werden soll: 'Nur so ist auch das Ansehen des jüdischen Philosophen Vaihinger zu erklären, der von der willkürlich gewählten Millimeterbasis des ,Als ob' aus ein umfangreiches, aber durchaus erkünsteltes Gebäude aufstellte, das ganz einer auf die Spitze gestellten Pyramide gleicht, und damit nur den einen Zweck verfolgte, uns das handfeste Sein in trügerischen Schein zu verfälschen." — Zufällig fand ich in diesem Buch einen alten Korrekturzettel mit folgendem Text: 'Berichtigung: Nach Mitteilung der Verlagsbuchhandlung Felix Meiner ist der auf Seite 10 genannte Philosoph Hans Vaihinger arischer Abstammung." Der Philosoph, dessen Denken hier durch negative Konnotationen und durch Zurechnung zum Handlungsbereich des Antihelden {JudentuM) diskreditiert und im Zusammenhang mit Einstein wohl auch 'erklärt" werden soll, entpuppt sich jäh als Arier: als Held. Damit fällt Klagges' Argumentation mitsamt ihrer 'Erklärung" flach: Weshalb sollte uns ein Arier 'das handfeste Sein in trügerischen Schein verfälschen?"

Es zeigt sich hier, daß Ideologien und ihre Wertsetzungen nicht nur nicht gleichwertig sind, sondern auch Relevanzkriterien und Klassifikationen von unterschiedlicher theoretischer Qualität hervorbringen. Der fragwürdige, ideologische Charakter aller Klassifikationen, die vom Gegensatz arisch /jüdisch abgeleitet werden, tritt hier in Ungereimtheiten des nationalsozialistischen Soziolekts zutage, die an Selbstparodie grenzen.
      Der Nexus zwischen Interessen und Wertsetzungen auf der einen und diskursiven Verfahren auf der anderen Seite sollte nicht nur bei 'Ideologieverdacht" überprüft werden. Jedem Theoretiker fällt die Aufgabe zu, der Frage nachzugehen, wie sich die Interessen und Werte, die er verteidigt, auf seine diskursive Struktur auswirken. Zur 'Theoriehaf-tigkeit" eines Diskurses gehört die Aufdeckung und Erklärung dieses Nexus. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, daß eine Theorie auch dadurch ideologisch werden kann, daß sie die durchaus legitimen Interessen und Wertsetzungen, die ihr zugrundeliegen, auf diskursiver Ebene — als Relevanzkriterien, Klassifikationen und narrative Schemata — nicht reflektiert.
     

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