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Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
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Naturalismus und Teleologie



So verschiedene Autoren wie Hans Albert und Werner Hofmann stimmen in der Ansicht überein, daß die Ideologie ein teleologisches Konstrukt ist. — 'Ideologie ist meist final gerichtet", resümiert beispielsweise Werner Hofmann. Dies ist zweifellos richtig, denn der Ideologe ordnet, wie die hier durchgeführten Analysen gezeigt haben, seine Argumentation einem praktischen Zweck oder Ziel unter.

      Leider ist jedoch die Definition der Ideologie als 'teleologischer Diskurs" nicht unproblematisch, weil ja auch theoretische oder als 'wissenschaftlich" institutionalisierte Diskurse teleologisch aufgebaut sind. Einerseits erwarten wir von Wissenschaftlern, daß sie mit widerlegbaren, überprüfbaren Hypothesen arbeiten, andererseits hoffen wir, daß sie in ihren Vorträgen und Abhandlungen eine bestimmte Absicht verfolgen und ein Ziel anvisieren: etwa die Richtigkeit des Wertfreiheitspostulats, die Trennung von Ideologie und Wissenschaft oder die Wechselbeziehung zwischen beiden. Manchmal ist die Teleologie geradezu im Titel enthalten: Hält jemand einen Vortrag über 'Wahrheit und Ideologie", so setzt er sich einem argumentativen Druck aus, die beiden Terme zu differenzieren; nicht weniger teleologisch ist der prekäre Versuch, sie für Synonyme zu erklären, der von einem parti pris gegen den Wahrheitsbegriff ausgeht. Habermas' Aufsatz 'Technik und Wissenschaft als ,Ideologie'" legt die Stoßrichtung der Argumentation vorab fest: Technik und Wissenschaft sollen als ideologische Erscheinungen aufgefaßt werden. Es fragt sich nun, ob es möglich ist, eine theoretische von einer ideologischen Teleologie zu unterscheiden.
      Ein wesentlicher Unterschied scheint darin zu bestehen, daß der theoretische Diskurs den hypothetischen, heuristischen Charakter seiner Begriffe und Theoreme zugibt, während der ideologische sie für notwendig oder natürlich erklärt. Dabei spielen mythische Aktanten sowohl auf der Ebene des Aussagevorgans als auch auf der Ebene der Aussage eine wichtige Rolle.
      Spricht jemand im Namen eines mythischen Aktanten, im Namen einer Gottheit, einer Wahrheit, der Menschheit oder der Natur, so büßt die Teleologie seines Diskurses ihren heuristischen, hypothetischen Charakter ein, und das vom Aussagesubjekt angepeilte telos wird zum einzig möglichen. In vielen, den meisten Fällen ist dieses telos ein mythischer Objekt-Aktant, der empirischen Untersuchungen unzugänglich ist. Ihm entsprechen andere mythische Aktanten, die Funktionen von Auftraggebern und Gegenauftraggebern, Subjekten und Antisubjekten, Helfern und Widersachern erfüllen, welche den Diskurs zu einer großangelegten Leerformel machen, die im Bereich des Aussagevorgangs keinen Widerspruch duldet und im Bereich der Aussage {enoncE) empirisch nicht überprüfbar ist.
     
Fast alle ideologischen Soziolekte haben solche autoritären, leeren und gegen jede An von Kritik immunen Diskurse hervorgebracht. Besonders klar tritt jedoch der Nexus zwischen ideologischer Teleologie und mythischen Aktanten im Soziolekt des Nationalsozialismus, und hier vor allem im Diskurs Adolf Hitlers, zutage. Der Autor von Mein Kampf macht sich im 11. Kapitel seines Buches zum Sprachrohr der Natur, die im Bereich der Aussage zugleich als Auftraggeber des germanischen Menschen erscheint, der mit dem Heilsauftrag betraut wird, sich eines bestimmten Objekts, der Rassenreinheit, zu bemächtigen.
      Zunächst tritt die Natur als mythisches Aussagesubjekt, als 'actant de communication" oder 'd'enonciation", auf: 'Es gibt Wahrheiten, die so sehr auf der Straße liegen, daß sie gerade deshalb von der gewöhnlichen Welt nicht gesehen oder wenigstens nicht erkannt werden." Einige Zeilen weiter verkündet der Autor im Namen der Natur eines ihrer Grundgesetze: die innere 'Abgeschlossenheit der Arten sämtlicher Lebewesen dieser Erde."

   Zugleich zeigt sich, daß er eine bestimmte Klassifikation und eine bestimmte Art zu klassifizieren als natürlich — im wörtlichen und im übertragenen Sinn — voraussetzt: Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art." Und: 'Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans, der Tiger ein Tiger usw. Es wird aber nie ein Fuchs zu finden sein, der seiner inneren Gesinnung nach etwa humane Anwandlungen Gänsen gegenüber haben könnte, wie es ebenso auch keine Katze gibt mit freundli-licher Zuneigung zu Mäusen." Indem er nun eine Analogie zwischen Tiergattungen und Menschenrassen herstellt, gelangt er zu einer rigiden Rassentrennung , die durch mythische Aktanten wie Germanen und vor allem A rier noch verstärkt wird: 'Sie zeigt in erschreckender Deutlichkeit, daß bei jeder Blutsvermengung des Ariers mit niedrigeren Völkern als Ergebnis das Ende des Kulturträgers herauskam." Wie willkürlich diese Taxonomie ist, zeigen Kommentare des amerikanischen Schriftstellers Emerson zur Klassifizierbarkeit der Rassen.
      Das narrative Programm der Natur als Auftraggeberin gründet auf dieser willkürlichen, aber im Zitat als natürlich und notwendig geltenden Klassifikation. Im Rahmen dieser Klassifikation und der ihr entsprechenden narrativen Struktur muß jeder Versuch des beauftragten Subjekts , seinen Heilsauftrag, die Rassenreinheit, in Frage zu stellen, als hoffnungslose Perversion erscheinen:
Indem der Mensch versucht, sich gegen die eiserne Logik der Natur aufzubäumen, gerät er in Kampf mit den Grundsätzen, denen auch er selber sein Dasein als Mensch verdankt. So muß sein Handeln gegen die Natur zu seinem eigenen Untergang führen.
Das narrative Programm der Natur, das der Mensch erfüllen muß, wenn er nicht untergehen will, wird hier nicht als ein mögliches Vorhaben aufgefaßt, das scheitern kann, sondern als ein der Anziehungskraft vergleichbares Naturgesetz, dem sich niemand widersetzen kann. Sememe wie eiserne Logik, Grundsätzen, Dasein, muß, Untergang konnotieren einen rigiden Determinismus, der dem Gegenstand selbst innewohnt.
      Und dies ist der entscheidende Gedanke: Der Autor Adolf Hitler, der sich zunächst mit einem mythischen Aktanten auf der Ebene des Aussagevorgangs identifiziert, macht schließlich diesen Aktanten auf der Ebene des enonce zum Auftraggeber seines Helden , der sich den vom Autor willkürlich dekretierten und durchaus kontingenten 'Naturgesetzen" ebensowenig entziehen kann wie der Anziehungskraft oder dem Sauerstoffbedarf. Der ideologische Trick besteht darin, daß Aussagen über die Wirklichkeit dieser schlicht gleichgesetzt werden: 'Die Erkenntnis einer materiellen Wirklichkeit ist ideologisch", schreibt Luis J. Prieto, 'wenn das Subjekt die Grenzen und die Identität des Objektes, zu dem diese Realität für es geworden ist, als in der Realität selbst befindlich betrachtet, d. h. wenn das Subjekt der Realität selbst die Idee zuspricht, die es aus ihr konstruiert hat."
In Mein Kampf ist das der Fall: Die Teleologie wird als 'eiserne Logik der Natur", d. h. als objektimmanentes Gesetz aufgefaßt und nicht als These oder gar als eine zu prüfende Hypothese über die Wirklichkeit. Es handelt sich hier folglich um eine objektimmanente Teleologie im aristotelischen Sinne, die der Theoretiker Kant durch eine rein heuristische Auffassung der Teleologie ersetzte, in der diese als ein vom Subjekt eingesetztes Mittel der Erkenntnis erscheint.
      Solange die von Hitler entwickelte objektimmanente Teleologie nicht als narrativer Trick erkannt wird, müssen alle Einwände gegen sie als sinnlos oder dumm erscheinen:
Hier freilich kommt der echt judenhaft freche, aber ebenso dumme Einwand des modernen Pazifisten: 'Der Mensch überwindet eben die Natur!"
Im Rahmen der von Hitler konstruierten objektimmanenten Teleologie haben Antisub-jekt und Widersacher weder auf der Ebene des Aussagevorgangs noch auf der des narrativen Ablaufs eine Chance, denn ihr Auftraggeber ist die Widematur. Deren narratives Programm ist vorab zum Scheitern verurteilt, da es sich ja gegen die Naturgesetze richtet. Es zeigt sich hier, wie die Sprache der Naturwissenschaften ideologisiert, mythisiert wird; zugleich wird deutlich, weshalbin diesem Diskurs Antisubjekt und Widersacher als widernatürlich, als pervers erscheinen müssen.
      Um Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich zum Abschluß noch darauf hinweisen, daß Hitlers Diskurs unter zwei verschiedenen, aber komplementären Gesichtspunkten als naturalistisch erscheint: Einerseits deshalb, weil der Autor von Mein Kampf bestimmte Relevanzkriterien und das ihnen entsprechende Klassifikationsverfahren als selbstverständlich, wirklich und wahr darstellt; andererseits, weil die von ihm verteidigten Wahrheiten oder Relevanzkriterien dem Bereich der Natur angehören. Es versteht sich deshalb von selbst, daß auch Diskurse, in denen das Wort 'Natur" nicht vorkommt, naturalistisch in dem hier definierten Sinn sein können, etwa Diskurse, die mit Redewendungen beginnen wie: 'Jeder weiß, daß . . ." 'Es ist bekannt, daß . . ." 'Es gibt Wahrheiten . . ."

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Naturalismus  Teleologie    





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