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Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
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Mythische Aktanten: 'enonciation



Aus den bisherigen Darstellungen, die fast ausschließlich den semantischen Bereich zum Gegenstand hatten, geht hervor, daß semantische Analysen gleichsam von selbst in syntaktisch-narrative übergehen. In allen hier angeführten Beispielen ist ein sprechendes Subjekt für die diskursiven Verfahren, die Relevanzkriterien, Klassifikationen und Konnotationen verantwortlich. Der Aussagevorgang ist ein subjektgesteuerter Prozeß, für den Vertreter der französischen Semiotik und Narrativik die Bezeichnung enonciation erfanden, um ihn von der Struktur als Aussage oder enonce zu unterscheiden. Während die Frage wer spricht} die Ebene der enonciation betrifft, bezieht sich die Frage wer handelt} auf die Ebene des enonce oder der Aussage als Aktantenmodell. — In diesem Abschnitt will ich mich der ersten Frage zuwenden.



Im vorigen Kapitel wies ich bereits darauf hin, daß der theoretische oder ideologische Charakter eines Diskurses auch von der Einstellung des Aussagesubjekts zu seinen eigenen Verfahren abhängt. Es fragt sich natürlich, wie die Stellung des Subjekts zu seinem eigenen semantisch-syntaktischen Verhalten beschrieben werden kann. In diesem Zusammenhang erscheint eine allgemeine Unterscheidung möglich zwischen Subjekten, die sich klar und eindeutig zu erkennen geben, und Subjekten, die sich hinter schwer definierbaren oder nicht definierbaren Instanzen verbergen. Das bekannteste, aber eher harmlose Beispiel ist der Wissenschaftler, der aus institutionellen Gründen , aus Unsicherheit oder um Objektivität und kollektiven Konsens vorzutäuschen, 'wir" statt 'ich" sagt. Der Leser, der sich von einem solchen 'Wir", das sich häufig auf die Autorität des gedruckten Wortes stützt, beeindrucken läßt, läßt sich von einem mythischen Kollektiv an der Nase herumführen. Bekanntlich handelt es sich hier nicht nur um ein sprachliches und soziales, sondern auch um ein existentielles Problem, das Jean-Paul Sartre in seinem Aufsatz über Kierkegaard anschnitt, als er Hegel vorwarf, er habe sich in seiner Geschichtsphilosophie nie als das kontingente Individuum zu erkennen gegeben, das er war.

     
   Auch in der zeitgenössischen Gesellschaft fällt es vielen noch schwer, die eigene Kon-tingenz, gegen die Antoine Roquentin einen quichottesken Kampf führt, einzugestehen. So kommt es wohl, daß man regelmäßig auf Texte stößt, deren Aussagesubjekte nicht eindeutig zu bestimmen sind, weil die Autoren sich aus psychischen oder sozialen Gründen auf mythische Aktanten berufen: auf ein Er, das Gott, die Wahrheit, die Nation oder die Partei sein kann; auf ein abstraktes Wir, das kein konkretes Kollektiv bezeichnet ; auf ein Sie, das alle, von den Göttern bis zu den Menschen, bezeichnen kann; schließlich auf ein anonymes Man, das wie die Pronomina zahlreiche Verwandlungen durchmachen kann und nicht in der Normalform vorkommen muß.
      Der Religionslehrer, der den Schülern sagt: 'Gott verlangt Keuschheit von euch", weiß intuitiv, daß er aus kognitiven und institutionellen Gründen nicht mit der skeptischen Frage konfrontiert wird: 'Wie weißt du das?" Sagte er hingegen: 'Ich verlange Keuschheit von euch", so würde er die Kontingenz des von ihm vertretenen Prinzips bloßlegen und das Risiko, mit skeptischen Fragen konfrontiert zu werden, entsprechend steigern. — 'Wir können nicht dulden, daß unser Vaterland auf diese Art verunglimpft wird", sagte ein österreichischer Politiker im Fernsehen, als Kurt Waldheims Vergangenheit besonders heftig diskutiert wurde. Wer mit diesem diffusen 'Wir" gemeint sein soll, ist nicht ganz klar; klar tritt nur die solidarisierende und polarisierende Funktion dieses mythischen Pronomens in Erscheinung. — 'Die Menschen bewundern heute den künstlichen Erdtrabanten, der als erstes menschliches Gebilde nach astronomischen Gesetzen die Erde umkreist", schreibt Wilhelm Girnus im Jahre 1957.w Hätte er auf Genauigkeit Wert gelegt und stattdessen gesagt: Manche Menschen bewundern . . .", so hätte er seinen Worten das Pathos genommen und die Mitglieder des ZK der SED vielleicht sogar zum Nachdenken verführt.
      In ideologischen Diskursen besonders beliebt ist das anonyme Man, hinter dem sich Autoren verstecken, wenn sie nicht so recht wissen, ob sie sich mit bestimmten Definitionen, Klassifikationen und Konnotationen identifizieren sollen, oder wenn sie versuchen, die Autorität ihrer Aussagen ins Objektive zu steigern. Daß diese beiden Motivationen einander nicht ausschließen, zeigt der folgende Text, der es seinem Autor gestattet, 'objektive Wahrheiten" auszusprechen, ohne für sie persönlich verantwortlich zu sein. Es handelt sich um einen Artikel aus der Wiener Zeitschrift Industrie. Die Wochenzeitschrift für Unternehmer und Führungskräfte , in dem Milan Frühbauer unter dem Titel 'Rückkehr zur Praxis" Veränderungen an der Universität von Klagenfurt kommentiert:
Bis vor wenigen Jahren galt sie als Kaderschmiede für systemüberwindende Pädagogen oder alternative Didaktiker. Das Image der Universität für Bildungswissenschaften stand nicht immer zum Besten. Doch mittlerweile hat sich die Ausgangslage grundlegend geändert. Mit dem Studienversuch 'Angewandte Betriebswirtschaft" sowie mit der Studienrichtung 'Angewandte Informatik" setzt die Universität im Süden des Landes neue und erfreuliche Akzente.
Wie verhält sich nun das Aussagesubjekt als 'sujet d'enonciation" zu seinen eigenen diskursiven Verfahren? Verkürzt ausgedrückt: unverantwortlich. Diese Bezeichnung ist wörtlich zu verstehen: Die Sememe galt sie; Image; stand nicht verweisen auf ein anonymes Man , das für die negative, mit revolutionären Konnotationen belastete Isotopie verantwortlich ist, die die ersten beiden Sätze beherrscht. Wie der Autor zu diesem Man steht, ist zunächst nicht klar.
      Wie sehen diese Isotopien und ihre Konnotationen genau aus? Folgende Sememe der ersten zwei Sätze enthalten das Klassem 'Revolution": Kaderschmiede; systemüberwindende; Pädagogen ; alternative; Didaktiker ; Universität für Bildungswissenschaften ; stand nicht . Die soziolinguistischen und soziokulturellen Konnotationen sind nicht zu übersehen: 'Kaderschmiede" verweist auf die revolutionäre Entwicklung seit 1917 , 'Systemüberwindung" konnotiert eher die Ereignisse des Jahres 1968 , und der Ausdruck 'alternative Didaktiker" erinnert an die zeitgenössischen 'alternativen Gruppen" oder an die 'Grün-Alternativen" in Österreich. Es ist merkwürdig, daß in Frühbauers Text die Anordnung der Sememe genau der historischen Chronologie gehorcht. Ich will nicht darüber spekulieren, ob dies Zufall ist oder etwas mit der unbewußten Verarbeitung historischer Ereignisse zu tun hat, auf die sich Lucien Goldmann manchmal berief.
     
Es ist also nicht klar, wer genau für die negativ besetzte Isotopie 'Revolution" verantwortlich ist: Ein anonymes Man als Schöpfer aller 'Images" scheint sie in die Welt gesetzt zu haben. Die zweite Hälfte des Textes zeigt jedoch, daß der Autor Frühbauer keineswegs versucht, dieses Image kritisch zu zerlegen oder seine Entstehungsgeschichte zu untersuchen, sondern im vierten Satz darangeht, sich unauffällig mit den Negativurteilen zu identifizieren, indem er die Veränderung, die sich anbahnt, als 'neu" und 'erfreulich" apostrophiert. Zugleich bestätigt er indirekt, und ohne sich mit dem, was man sagt, explizit zu identifizieren, die ideologischen Stereotypen der ersten Zeilen.
      Syntaktisch erfolgt der Wendepunkt im dritten Satz: 'Doch mittlerweile hat sich die Ausgangslage grundlegend geändert". Dieser scheinbar neutrale Satz trennt auf narrati-ver Ebene die negative von der positiven Isotopie, deren Aktanten im Gegensatz zu denen der negativen Isotopie als 'neu" und 'erfreulich" definiert werden. Das Ergebnis ist im aktantiellen Bereich: Pädagogen, Didaktiker vs. Angewandte Betriebswirtschaft, Angewandte Informatik; im semantischen Bereich: Revolution vs. Wirtschaft. Dieser Zweiteilung des Textanfangs entspricht auch der Titel 'Rückkehr zur Praxis", der natürlich die wirtschaftliche — und nicht etwa die revolutionäre — Praxis meint. Auch hier tritt der für alle ideologischen Diskurse charakteristische Dualismus zutage.
      Wichtig scheint mir schließlich die Ãœberlegung zu sein, daß der Autor durch eine geschickte semantisch-syntaktische Zweiteilung, durch die Anonymität des Aussagevorgangs im ersten Teil und durch eine unpersönlich gehaltene Zustimmung im zweiten Teil eine Scheinobjektivität konstruiert, die oberflächlichen Lesern vielleicht gar nicht auffällt: Die Abkehr 'der Universität" von der Revolution und 'ihre" Hinwendung zur wirtschaftlichen Praxis sollen den Lesern der Industrie als Fakten erscheinen. Auf dieses Problem komme ich noch ausführlich im Zusammenhang mit dem Naturalismus des ideologischen Diskurses zu sprechen.
     

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Mythische  Aktanten:  'enonciation    





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