Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
Index
» Ideologie und theorie
» Die diskursiven Verfahren der Ideologie
» Mythische Aktanten: 'enonce

Mythische Aktanten: 'enonce



Dem mythischen Charakter ideologischer Aussagesubjekte entspricht im Bereich der Aussage der mythische Einschlag der handelnden Instanzen: der 'actants de l'enonce" oder 'actants de la narration": 'Aktanten der Erzählung". In dem hier kommentierten Text von M. Frühbauer können solche Aktanten aufgezeigt werden: Kaderschmiede, Image, die Universität im Süden. Sogar die dritte Bezeichnung hat mythischen Charakter, da nicht nur die 'Pädagogen", sondern auch einige Vertreter der Sozialwissenschaften und der Philologien den Ausbau der Betriebswirtschaft und der Informatik mit gemischten Gefühlen beobachteten. Natürlich geht es hier nicht um Bedeutung und Wert dieser beiden Fächer, sondern um die Unmöglichkeit, die Klagenfurter Universität als einheitlichen Aktanten aufzufassen und so zu tun, als hätte 'sie" sich zur 'wirtschaftlichen Praxis" bekehrt. Das 'tat sie" mitnichten, und der Autor dieser Zeilen hat noch heute Gelegenheit, in verschiedenen Gremien den Auseinandersetzungen zu folgen. Sicherlich ist die Universität Klagenfurt, wie jede andere Universität, als kollektiver Aktant theoretisch darstellbar, etwa wenn festgestellt wird: 'die Universität wird ausgebaut", oder: 'die Universität hat Partnerschaftsabkommen mit den Universitäten Udine und Laibach"; nicht jedoch im Zusammenhang mit Bezeichnungen wie 'Kaderschmiede" oder 'Image", die aus ihr auf semantischer und narrativer Ebene eine mythische Instanz machen.


      In manchen Texten tritt der mythische Charakter ideologischer Aktanten besonders kraß in Erscheinung, und es zeigt sich dann, daß Ideologie, Religion und Mythos viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Der folgende Kommentar aus dem konservativen The Daily Telegraph zu Margaret Thatchers 'Amtszeit-Rekord" wurde unter dem Titel 'The Thatcher record" abgedruckt und faßt in den letzten vier Sätzen die Erfolge der Premierministerin zusammen. Ich beschränke mich auf diese vier Syntagmen, die eine klare Ereignisstruktur aufweisen:
Sie hat das Vertrauen des britischen Volkes zu unserer Fähigkeit, den Kapitalismus funktionsfähig zu machen, wiederhergestellt. Sie hat die falschen Götter des Sozialismus in die Flucht geschlagen. Sie hat dieses Land wieder aufgerichtet. Wir heben unser Glas zu ihrem Wohl an diesem neuen Meilenstein ihrer erstaunlichen Laufbahn und hoffen, noch viele von dieser Art feiern zu können.
      She has restored the faith of the British people in our ability to make capitalism work. She has driven the false gods of socialism into headlong flight. She has raised this country from its knees. We lift a glass to her at this latest landmark of her astoni-shing career, and look to celebrate many more.
Der semantische Gegensatz, der diesen stark polarisierten Text beherrscht, ist der zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Aus diesen beiden Klassemen und den ihnen entsprechenden Isotopien gehen Auftraggeber und Gegenauftraggeber hervor, deren Funktionen den Rahmen dieser kurzen politischen Erzählung abstecken: Dem Auftraggeber Kapitalismus, dessen narratives Programm das britische Volk als Subjekt verwirklichen soll, opponiert der Gegenauftraggeber Sozialismus, dessen 'falsche Götter" als Widersacher des Volkes von Margaret Thatcher als Helferin in die Flucht geschlagen wurden. Der Objekt-Aktant, den das Subjekt sich mit Thatchers Hilfe angeeignet hat, ist ein modaler Wert, nämlich das Vertrauen: 'restored the faith of the British people in our ability ." Dieser Objekt-Aktant fällt in unserem Text mit zwei Modalitäten zusammen, die als ein 'Können" aufzufassen sind und in den Sememzn faith und ability zum Ausdruck kommen. Eigentlich fassen die beiden ersten Sätze die wesentlichen Ereignisse der 'Erzählung" zusammen, so daß der dritte Satz vorwiegend durch semantische und narrative Redundanz gekennzeichnet ist. Auf narrativer Ebene bestätigt er lediglich die 'Wiedergeburt des Helden": 'This country" ist eine andere Bezeichnung für den Subjekt-Aktanten, d. h. ein Substitut für 'the British people". Auf semantischer Ebene erfüllt er allerdings eine besondere Funktion, da ermit dem Semem raised eine Aufwärtsbewegung einleitet, die der letzte Satz mit dem Semem lift fortsetzt: Der gerettete Subjekt-Aktant, der in our und we mit dem Aussagesubjekt zusammenfällt, hebt sein Glas, dankt seiner Retterin oder Helferin und erhofft eine Fortsetzung der Erfolgsstory.
      Das Zusammenfallen der beiden Subjekte und der beiden narrativen Ebenen des 'enon-ce" und der 'enonciation", das sowohl im Original als auch in meiner Ãœbersetzung eine grammatische Unebenheit entstehen läßt, hat große ideologische Bedeutung: Das Volk als mythischer Aktant wird beredt und spricht mit einer Stimme der Helferin seinen Dank aus. Zugleich zeigt sich, daß der Ideologe, ein anonymer Kommentator des Daily Telegraph, notfalls bereit ist, sich über elementare Regeln der Syntax hinwegzusetzen: 'to rough-ride over the grammar", wie ein native Speaker in diesem Falle sagte.
      Daß eine Bezeichnung wie 'the British people" in diesem Kontext mythischen Charakter hat, wird klar, sobald man bedenkt, daß die britische Gesellschaft sich —wie die französische, deutsche oder sowjetische — aus verschiedenen politischen und religiösen Gruppierungen, aus Schotten, Engländern, Walisern und Iren zusammensetzt und sich in ihrer Gesamtheit weder von einem Politiker der Labour-Party noch von einem Politiker der Tories vertreten fühlen kann. Ebenso mythisch sind natürlich die Auftraggeber Kapitalismus und Sozialismus, die einander als überirdische Mächte bekämpfen: Wo die 'falschen Götter" des Sozialismus vertrieben wurden, müßte es im Sinne des Kommentators sein, die richtigen Götter des Kapitalismus anzubeten . . . Angesichts dieser Mystifikationen kann der Theoretiker nur versuchen, die Aktanten seines Diskurses auf ihre historische und soziologische Begrifflichkeit zu reduzieren: 'der britische Kapitalismus der viktorianischen Ära", 'der jugoslawische Sozialismus der 60er Jahre" etc.
      Leider ist der Daily Telegraph nicht die einzige Zeitung, deren Texte von mythischen Aktanten beherrscht werden. Selbst wenn man von Publikationen wie der Bild-'Zeitung" absieht, stellt man fest, daß auch in der deutschsprachigen Presse mythische Aktanten gang und gebe sind. In einem Artikel, den Christoph Bertram in der leit veröffentlichte, wird deutlich, daß ein Hang zum Anthropomorphen und zur Psychologisierung zu den Charakteristika mythischer Aktanten gehört: 'Frankreich fühlt sich, im Gegensatz zum selbstzufriedenen deutschen Nachbarn, in seiner Haut nicht recht wohl." — Schon Psychologen würden die Feststellung, jemand fühle sich in seiner Haut nicht wohl, mit irritiertem Schulterzucken verabschieden; wie soll erst ein politisch und wirtschaftlich interessierter Leser reagieren, wenn solche Ausdrücke auf komplexe Industriegesellschaften angewandt werden?
Komplementär zu Bertrams Artikel verhält sich die scheinbar klare Forderung von Raymond Barre : 'Frankreich muß einen neuen Start machen." Bei näherem Hinsehen zeigt sich nämlich, daß die Leerformel 'Frankreich" im folgenden Satz mit einem vieldeutigen 'Wir" verknüpft wird, das für Barres Wahlprogramm, für sein narratives Programm, verantwortlich ist: 'Wir müssen einen neuen Weg einschlagen ."

Es wäre jedoch eine grobe Vereinfachung, wollte man annehmen, daß Politiker und Journalisten nur verschleiern, während Wissenschaftler aufklären. Eine solche Behauptung liefe einer der Hauptthesen dieser Arbeit zuwider, derzufolge die Grenzen zwischen Ideologie und Theorie fließend sind, weil der theoretische Diskurs in allen Fällen aus dem ideologischen hervorgeht. Wie dies konkret geschieht, zeigt eine Rede von Palmiro Togliatti, in der das schillernde und oft mißbrauchte Won 'Faschismus" kritisch betrachtet wird.
      Freilich argumentiert Togliatti nicht kritisch, weil er einer privaten Vorliebe für Theorie folgt, sondern weil er entdeckt hat, daß die undifferenzierte Anwendung der Bezeichnung 'Faschismus" im Jahre 1928 der Kommunistischen Partei Italiens erheblich schaden könnte: 'Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es handelt sich nicht um eine bloße Frage der Terminologie. Wenn man es für richtig hält, die Bezeichnung Faschismus' auf jede Form der Reaktion anzuwenden, meinetwegen. Aber ich verstehe nicht, wozu uns das nützt, außer vielleicht zu Zwecken der Agitation. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Faschismus stellt eine besondere, spezifische Form der Reaktion dar, und es ist notwendig, daß wir genau erkennen, was diese seine Besonderheit ausmacht."
Wörter wie 'meinetwegen" und 'nützt" sind aufschlußreich, weil sie zeigen, daß der Ideologe nur nützliche Erkenntnis schätzt. Dennoch handelt es sich um theoretisch brauchbares Wissen, das auch ein ideologischer Diskurs hervorbringen kann, sobald die Praxis es erfordert: sobald sich herausstellt, daß ein mythischer Aktant wie 'Faschismus" die Partei auf einen gefahrvollen Holzweg führen kann. Diese praktische Luzidität To-gliattis hat später die italienischen Kommunisten, nicht daran gehindert, Franco, Pinochet und sogar Nixon als 'Faschisten" zu bezeichnen; schließlich dehnten die französischen Trotzkisten diesen Terminus auch auf Brezhnev aus . . . Der mythische Aktant erfüllt in diesem Fall die Funktion einer Leerformel im Sinne von Ernst Topitsch: 'Auch im Falle von mehrdeutigen Begriffen, d. h. wenn mehrere, prinzipiell unterscheidbare Sachverhalte mit ein und demselben Begriff bezeichnet werden, kommt es gar nicht so selten vor, daß im einzelnen Verwendungsfall aus dem Sprach- und Situationszusammenhang nicht ersehen werden kann, welcher dieser Sachverhalte gemeint ist, so daß der Satz, der den mehrdeutigen Begriff an zentraler Stelle enthält, sich als Leerformel erweist."
Togliattis Text zeigt allerdings, daß der Diskurs des Ideologen sich auch gegen ideologische Verfahren wie die 'Leerformel" wenden kann, die Topitsch mit Recht für ein Ideologem hält. Der kritische Rationalist übersieht jedoch die Ambivalenz der Ideologie, die durchaus theoretische Elemente enthalten kann, während die Sozialwissenschaft häufig ideologische Aspekte aufweist.
      Der Soziologe stimmt bis zu einem gewissen Grade Togliatti zu: Nicht einmal Franco wird er als Faschisten bezeichnen, weil er den stets von neuem ausbrechenden Konflikt zwischen den Anhängern Francos und den faschistischen Falangisten des jüngeren Primo de Rivera erklären muß. Er weiß jedoch, daß Ideologie nur zufällig, aus taktischen Erwägungen heraus, Theorie hervorbringt. Das nächste Kapitel wird zeigen, daß â€” umgekehrt — die Ideologie im theoretischen Diskurs wesentlich besser vertreten ist.

 Tags:
Mythische  Aktanten:  'enonce    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com