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Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
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» Die diskursiven Verfahren der Ideologie
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Isotopien als Konnotationsketten: 'over-lexicalization



Eine der Hauptschwächen des hier verwendeten Isotopiebegriffs besteht darin, daß di< semantische Isotopie nicht ausschließlich textimmanent zu konstituieren ist: Nur wei die sprachliche Situation kennt, der ein Text angehört, kann darüber entscheiden, welch« Seme ein bestimmtes Semem enthält und welche nicht. Die Zuord-nung eines Semems zu einer bestimmten Isotopie hängt also in vielen Fällen von kulturellen, sozialen und soziolinguistischen Faktoren ab. Ohne Rekurs auf den sozio-kulturellen Kontext könnte beispielsweise Francois Rastier in seiner semantischen Analyse von Mallarmes Gedicht Salut nicht behaupten, das Semem ecume könne als Metonymie für 'Champagner" gelesen werden, der in Frankreich bei feierlichen Anlässen getrunken werde. Ohne Kenntnis des historischen Kontextes kann der heutige Leser den im ersten Kapitel zitierten Ausruf des ostdeutschen Marxisten-Leninisten W. Girnus 'vergleiche Nietzsche, Trotzki, Tito!" gar nicht verstehen. Das Sem 'Imperialismus", das diesen drei Namen innewohnt und dafür bürgt, daß ihre Aufzählung mehr ist als eine unzusammenhängende Schimpftirade, kann nur von Lesern aktualisiert werden, die mit dem marxistisch-leninistischen Soziolekt der Stalinisten in der Zeit des Kominform vertraut sind.

      Anders ausgedrückt, man sollte die Einwirkung pragmatischer Faktoren auf den semantischen Bereich nicht unterschätzen, sondern versuchen, die sozialen Konnotationen der semantischen Einheiten in die Analyse einzubeziehen. Von der Konnotation sagt Umberto Eco im kultursemiotischen Kontext, daß sie 'die Gesamtheit aller kulturellen Einheiten sei, die von einer intensionellen Definition des Signifikans ins Spiel gebracht werden können; sie ist daher die Summe aller kulturellen Einheiten, die das Signifikans dem Empfänger ins Gedächtnis rufen kann." Mit Recht fügt er hinzu: 'Dieses ,kann' spielt nicht auf psychische Möglichkeit an, sondern auf eine kulturelle Verfügbarkeit."
Der Begriff 'Konnotation" bezieht sich jedoch nicht nur auf einzelne Zeichen, auf isolierte Wortzeichen oder Lexeme, sondern auch und vor allem auf semantische Konstruktionen, die nicht immer die Form von Aufzählungen annehmen müssen. Sicherlich spielen Aufzählungen, vor allem in stark ideologisierten Texten, eine wichtige Rolle, etwa in Alfred Rosenbergs Der Mythus des 20. Jahrhunderts: 'Es gilt ein Abstreifen der Vorherrschaft des scholastisch-humanistisch-klassizistischen Schematismus zugunsten der organisch-rassisch-völkischen Weltanschauung." Obwohl solche Bindestrich-Ausdrucke in zahlreichen Ideologien linker und rechter Provenienz eine wichtige polarisierende Funktion erfüllen, die — wie im vorliegenden Fall — den semantischen Dualismus noch verstärkt, sind die negativ oder positiv konnotierten Sememe meistens auf den ganzen Text verteilt und bilden dort negativ oder positiv konnotierte Isotopien oder: Konnotationsketten.

     
Daß nicht nur militante Politiker und Berufsideologen wie Girnus und Rosenberg dualistisch klassifizieren und die klassifizierten Einheiten mit positiven oder negativen Konnotationen versehen, zeigt sich immer wieder bei der Lektüre von Zeitungsartikeln und Kommentaren, deren Autoren gar nicht bewußt bestimmte ideologische oder politische Ziele verfolgen, sondern sich lediglich auf etablierte ideologische Doxa stützen. So kommentiert beispielsweise Sibylle Zehle im Zeit-Magazin mit folgenden Zeilen Hongkongs Ãœbernahme durch die Volksrepublik China:
In neun Jahren ist es soweit: Hongkong, seit 1840 britische Kronkolonie, fällt an die Volksrepublik China. Niemand weiß, was die Rotchinesen aus der goldenen Gans des Ostens machen werden. Noch blühen die Geschäfte, doch mancher sucht die Sicherheit im Ausland.
      Den kurzen Text, der als Kurzkommentar zu einer Großaufnahme der Stadtsilhouette von Hongkong am Seitenrand abgedruckt ist, beherrscht die fettgedruckte Ãœberschrift: DIE ZITTERNDE STADT. Drei Isotopien durchziehen diesen Text, von denen die erste mit dem Klassem 'Kommunismus" zu umschreiben wäre: Volksrepublik China; Rotchinesen; machen werden. Die zweite wird vom Klassem 'Kapitalismus" zusammengehalten: Hongkong; britische Kronkolonie; fällt; goldene Gans des Ostens; blühen; Geschäfte; Sicherheit; zitternde Stadt. Mehrere dieser Sememe können gleichzeitig auf einer dritten Isotopie mit dem Klassem 'Unsicherheit" gelesen werden: soweit; fällt; niemand weiß; noch; mancher sucht; doch; Sicherheit im Ausland; zitternde Stadt.
      In diesem Fall ist nicht so sehr die dualistische Gliederung des Diskurses, die im Hinblick auf die Ereignisse in Hongkong gerechtfertigt werden könnte, von Interesse, sondern die positiven und negativen Konnotationen der Isotopien und ihrer Einheiten. Immerhin hätte die Autorin auch schreiben können: 'In neun Jahren ist es soweit: die Grenze zwischen der Volksrepublik China und Hongkong wird verschwinden. Ãœber die Zukunftspläne der chinesischen Regierung in bezug auf Hongkong ist einiges bekannt etc." Sie hat sich jedoch für ein Vokabular entschieden, das in der zeitgenössischen sozio-linguistischen Situation 'rote Gefahr" oder 'kommunistische Gefahr" konnotiert.
      Vor allem die erste Isotopie, in der die Wortverbindung Rot-Chinesen als mythischer Aktant dominiert, evoziert Gefahr, denn zu den sozialen Konnotationen gehören u. a.: Rote Armee, rote Revolution, Rotfront etc. Frei von positiven oder negativen Konnotationen wäre der Ausdruck 'die Regierung der Volksrepublik China" oder 'die Regierung in Peking".
      Einheiten der zweiten Isotopie konnotieren einen märchenhaften Wohlstand im Kapitalismus {goldene Gans des OstenS), der durch seine orientalischen Aspekte noch potenziert wird. Die Sememe fällt, Sicherheit und zitternde Stadt konnotieren hingegen die 'Angst des Kapitalismus" vor den 'roten Revolutionären, Armeen oder Horden". Der Dualismus der Ideologie erhält dadurch auf konnotativer Ebene soziale und affektive Komponenten.
      Diese kommen vor allem in der dritten Isotopie zum Ausdruck, wo soweit, fällt, noch, doch, Sicherheit im Ausland und natürlich zitternde Stadt einen nahenden Untergang andeuten, der den einen an die Eroberung Konstantinopels durch die türkische, den anderen an die Einnahme Berlins durch die sowjetische Armee erinnern mag. — Die goldene Gans wird vielleicht bald geschlachtet . . .
      Wichtig scheint mir hier vor allem die Erkenntnis zu sein, daß die mit Alliterationen, Metaphern und Metonymien beladene journalistische Schreibweise alles andere als neutral ist. Ihre Stilfiguren verstärken durch ihre positiven und negativen Konnotationen häufig bestehende ideologische Muster, die weder den Berichterstattern noch ihren Leserinnen und Lesern völlig bewußt sind. Auf diese Tatsache wies bereits Eco in seinen Analysen von Flemings James-Bond-Romanen hin.
      Zum Abschluß möchte ich im Zusammenhang mit dem Konnotations-Problem noch einen Aspekt beleuchten, den im Anschluß an M. A. K. Halliday Roger Fowler und Günther Kress als 'overlexicalization" bezeichnet haben: 'der Einsatz einer Vielzahl von Synonymen oder fast-synonymen Termini zur Mitteilung eines besonderen Erlebnisbereichs." * Die Autoren führen ein Beispiel aus der Kreditwerbung an; sie zeigen, daß in einem kurzen Artikel der Wochenzeitung Observer elf Synonyme für das Lexem 'Darlehen" vorkommen: credit deal, credit bargains, low-interest finance, low-interest-rate schemes, special credit scbeme etc.
      Aus semantischer Sicht handelt es sich um eine alltägliche Erscheinung, die mit Grei-mas' Terminus der Semrekurrenz oder Semredundanz ausreichend erklärt wird: Allen hier aufgezählten Einheiten ist das Sem 'Darlehen" gemeinsam; seine Rekurrenz springt geradezu ins Auge, da die Isotopie sich aus Synonymen oder Fast-Synonymen zusammensetzt. Welche Bedeutung hat nun dieses Phänomen für die Ideologiekritik? — 'Für eine kritische Sprachwissenschaft ist die Uberlexikalisierung deshalb wichtig, weil sie auf besonders stark empfundene Erlebnisse und Werte der Gruppe schließen läßt, die für sie verantwortlich ist, und es dadurch dem Linguisten ermöglicht, die Besonderheiten der Ideologie dieser Gruppe auszumachen." Bildlich ausgedrückt: 'Overlexicalization" ist der semantische Bereich, in dem sich die Ideologie aus affektiven Gründen verdichtet. In seiner Analyse einiger Zeitungsberichte über die Karnevalsunruhen am Londoner Notting Hill zeigt beispielsweise Tony Trew, wie in der Zeitung Sun gewalttätige Jugendliche als 'louts", 'thugs", 'yobs" und 'hooligans" bezeichnet werden. Auch hier handelt es sich um Synonyme oder Quasi-Synonyme, deren Redundanz von der semantischen Intensität der Ideologie und dem Affekt des Ideologen zeugen.
      Im deutschen Sprachraum stößt der Leser auf dieses Phänomen am häufigsten in der radikalen Presse linker und rechter Provenienz. So werden beispielsweise in der Wochenzeitung Deutscher Anzeiger Gewalttäter, die sich in der Silvesternacht von 1987/88 in Hamburg, Berlin und Bremen Demonstrationen von Alternativgruppen angeschlossen haben sollen, mit Hilfe der Ãœberlexikalisierung im Rahmen eines dualistischen Schemas als Antisubjekte charakterisiert: 'der linksextreme Pöbel in Berlin", 'vermummte Chaoten", 'die Kriminellen", 'rund 500 Straftäter", 'linksterroristische Banden", 'plündernde Banden". Die Ãœberlexikalisierung erfüllt hier aufgrund von negativen Konnotationen eine klare ideologische Funktion: Sie soll die zugleich kritische und sachliche Frage ausschalten, wie die Gewalt zustandekam: ob sie von Kriminellen initiiert wurde, spontan ausbrach oder provoziert wurde. Ich weiß es nicht; der Berichterstatter des Deutschen Anzeigers weiß es hingegen genau: Er läßt nur die erste Möglichkeit gelten, da er die Gewalttäter vorab als Verbrecher klassifiziert und mit negativen Konnotationen überle-xikalisiert. Damit zeigt er lediglich, daß die Ideologie ein geschlossener Diskurs ist, der offene Fragen nicht kennt.
      Viele denken, handeln und leben im Rahmen eines solchen hermetischen Diskurses, der — wie Jean Pierre Faye im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus gezeigt hat — zum Wirklichkeitsersatz wird und sowohl individuelles als auch kollektives Handeln ermöglicht. Der Fanatismus dieses Handelns hängt u. a. damit zusammen, daß der geschlossene Diskurs der empirischen und dialogischen Ãœberprüfung nicht zugänglich ist. Notfalls erschafft er — wie Günther Kress zeigt — seine eigenen fiktiven Fakten: die Dolchstoßlegende, die zionistische, kapitalistische oder kommunistische Weltverschwörung etc. Da sich die Fakten oder Ereignisse häufig auch dem Zugriff des theoretischen Diskurses entziehen, muß dieser so offen konzipiert werden, daß er jederzeit die empirische und dialogische Ãœberprüfung zuläßt.

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