Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
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» Ideologie und theorie
» Die diskursiven Verfahren der Ideologie
» Ideologie: Funktion und Struktur

Ideologie: Funktion und Struktur



Wie schon im ersten Kapitel gehe ich auch hier von der Überlegung aus, daß Ideologie als soziale und historische Erscheinung einer "entfalteten städtischen Marktwirtschaft" zuzurechnen ist und daß es daher wenig Sinn hat, von Ideologien der feudalen Ära zu sprechen, wie es beispielsweise die Autoren des Buches The Dominant Ideology Thesis tun, die durch die Dehnung des Ideologiebegriffs eine Ineinssetzung von Ideologie und Religion herbeiführen.

      Trotz dieser - durchaus heuristisch gemeinten - Begrenzung des Begriffs auf die moderne Industriegesellschaft ist seine Anwendbarkeit auf Gesellschaftsformationen der Antike nicht vorab auszuschließen: denn auch die antike, vor allem die römische Gesellschaft war in vieler Hinsicht eine säkularisierte Marktgesellschaft, in der nicht eine Universalreligion herrschte, sondern verschiedene autonome Wertsysteme oder Soziolekte miteinander konkurrierten. Deshalb mag Hans Kloft recht haben, wenn er in seiner Einleitung zu dem wichtigen Sammelband Ideologie und Herrschaft in der Antike bemerkt: "Die politische Philosophie der Antike deckt in ihrer Verschränkung von grundsätzlicher Überlegung und auf Aktion bedachter Ermahnung einen Großteil von Inhalten ab, die dem heutigen Wortverständnis nach der Ideologie zuzurechnen sind."
Gewiß, es gibt auch wesentliche Überschneidungen zwischen ideologischen und religiösen Sprachen, aber dies bedeutet noch keineswegs, daß die von Kloft erwähnten politischen Philosophien der Antike , die christliche Religion des Mittelalters und eine Ideologie des 19. oder 20. Jahrhunderts ähnliche oder gar identische soziale Funktionen erfüllten. Erst eine vergleichende soziologische Struktur-und Funktionsanalyse würde zeigen, ob einige antike Denkmuster mit modernen Ideologien zu vergleichen sind.
      Ein wesentlicher Unterschied zwischen der modernen und der antiken Problematik besteht sicherlich darin, daß es in den griechischen und römischen Gesellschaften keine Natur- und Sozialwissenschaft im modernen Sinne gab und folglich auch keine symbiotische und polemische Wechselbeziehung zwischen "Wissenschaft" und "Ideologie". Diese Beziehung ist jedoch für die moderne Ideologie, die häufig zu Recht als "Pseudowissen-schaft" bezeichnet wurde, charakteristisch. Es kommt - ebenfalls auf funktionaler Ebene - hinzu, daß die Philosophien der Antike zwar wie manche moderne Ideologien als Stützen der Herrschaft aufgefaßt werden können9, nicht jedoch als Polemiken gegen die Herrschaft der Marktgesetze, des Tauschwerts.
      In der modernen, der bürgerlichen Gesellschaft kristallisiert sich hingegen bald ein globaler Gegensatz zwischen Ideologie und Markt, zwischen ideologischem Wert und Tauschwert heraus, der im 19. Jahrhunden klare Konturen und im 20. Jahrhunden extreme Formen annimmt. Da die Geschichte dieses Gegensatzes, der mich auch im nächsten und übernächsten Kapitel beschäftigen wird, zum Gegenstand einer umfangreichen Arbeit werden könnte, muß ich mich hier, um die Grenzen eines ohnehin langen Kapitels nicht zu sprengen, auf einige wesentliche Punkte beschränken.
      An moralischen Polemiken gegen die Herrschaft des Geldes fehlt es weder bei mittelalterlichen Autoren noch bei Rousseau und den Romantikern11; erst Marxens Kritik am Warentausch und am Geld hat jedoch nachhaltig ideologiebildend gewirkt. Bekannt sind seine polemischen Bemerkungen zum Geld als Tauschwert in den postum veröffentlichten Philosophisch-Ökonomischen Manuskripten von 1844: "1. Es ist die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschlichen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allgemeine Verwechslung und Verkehrung der Dinge; es verbrüdert Unmöglichkeiten. 2. Es ist die allgemeine Hure, der allgemeine Kuppler der Menschen und Völker." Marxens Kritik an der Vermittlung durch den Tauschwert, am Kapital und an der Marktgesellschaft allgemein nimmt hier ihren Anfang, und sein Werk wird zum Ausgangspunkt einer zugleich ideologischen und theoretischen Auseinandersetzung mit dem Geld als Kapital im Marxismus.
      Diese Auseinandersetzung erreichte einen ihrer Höhepunkte in den sechziger Jahren, als O. Lange in Polen, E. Liberman in der Sowjetunion und O. Sik in der Tschechoslowakei vorsichtig versuchten, marxistische Pauschalurteile über Geld, Ware und Marktgesetz in Frage zu stellen und die Beziehung zwischen Plan und Markt in den osteuropäischen Gesellschaften dialektisch zu untersuchen. Vor allem Ota Sik ging es darum, die Dichotomie Sozialismus /Geldwirtschaft aufzuheben und seinen Lesern die Notwendigkeit eines "sozialistischen Marktes" plausibel zu machen. Dabei wandte er sich u. a. gegen Stal ins Versuch, den Gegensatz zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft als Di-chotomie zu denken: "Stalin behauptete, Ware und Geld seien tatsächlich Fremdkörper in der sozialistischen Wirtschaft und seien nur durch die Privateigentumspsychose der Bauern bedingt, die auch durch die Kollektivierung nicht voll zu sozialistischen Produzenten würden."i:
Zwanzig Jahre später zeigt sich, daß die ideologischen Widerstände gegen die Geldwirtschaft zwar noch beachtlich sind, daß jedoch Warentausch und Marktgesetz im östlichen Europa und in China alles andere als auszumerzende Fremdkörper sind. Im Gegenteil, man möchte die Voneile der Marktwirtschaft voll nutzen, zugleich jedoch die ideologische und politische Hegemonie der Partei wahren.
      Mir geht es hier nicht um die Frage, ob es sich hier um eine neue Quadratur des Kreises handelt, sondern um die Erkenntnis, daß sowohl im Osten als auch im Westen der Gegensatz zwischen Markt und Ideologie eine entscheidende Rolle spielt und daß er die Entwicklung der soziologischen Terminologie nachhaltig beeinflußt hat. Denn nicht nur Marx und die marxistischen Ideologen stellten das Geld als böse Gottheit dar, sondern auch die konservativen und rechtsradikalen Kritiker des Kapitalismus haben es im Anschluß an monarchistische, carlisti-sche und romantische Strömungen unter die finsteren Mächte der Moderne gereiht.
      Zu den bekanntesten Kritikern der Geldwirtschaft gehörte um die Jahrhundertwende Charles Maurras, der Begründer der rechtsradikalen, nationalistischen, monarchistischen und antisemitischen Actwn Frangaise . Stärker noch als Marx hob er die zerstörerische Wirkung des Geldes hervor, das in seinem Diskurs ebenfalls zu einem mythischen Aktanten, zu einer bösen, hinterlistigen Gottheit wird. Der positive Aktant, mit dessen Hilfe das unheilbringende Geld besiegt oder zumindest in Schach gehalten werden soll, ist das Blut, und die semantische Dichotomie sang/'urgent gehört zu den wichtigsten strukturierenden Gegensätzen in Maurras' Diskurs: "In Deutschland oder in England kann das Geld nicht die Wahl des Staatsoberhauptes entscheiden, denn dieses verdankt ja seine Existenz der Geburt und nicht der Meinung. Wie auch immer die finanziellen Einflüsse geartet sein mögen, hier stoßen sie auf einen engen und starken Kreis, den sie nicht durchdringen können. Dieser Kreis gehorcht seinem eigenen Gesetz, das nicht auf die Macht des Geldes reduziert werden kann, das von den Bewegungen der öffentlichen Meinung unberührt bleibt: das natürliche Gesetz des Blutes."

   Diese rechtsradikale Argumentation erinnert an die Alfred Rosenbergs und der deutschen Nationalsozialisten, bei denen noch stärker als bei Maurras die Kritik an der Geldwirtschaft mit antisemitischen Parolen verschmilzt. Sie sprechen von "Bankhebräern", "Börsenjuden", dem "leihkapitalistischen Hebräertum" und der "jüdischen Börsendik-tatur".' Die Originalität dieser Polemik, die einen antisemitischen mit einem antikapitalistischen Diskurs kombiniert, ist freilich gar nicht so groß, wenn man bedenkt, daß es schon im Jahre 1882 im "Manifest des Ersten Internationalen Antijüdischen Kongresses zu Dresden" hieß: "Die Juden sind zu unumschränkten Herrschern des Geldmarktes geworden ." Durch die Verknüpfung der beiden Aktanten Jude und Geld entsteht ein besonders publikumswirksamer Diskurs, der dem abstrakten Tauschwert eine an-thropomorphe Gestalt gibt und ihn dadurch als greifbaren Antihelden erscheinen läßt.
      Ein Liberaler, etwa ein Anhänger des Kritischen Rationalismus, könnte nun versucht sein zu schließen: hier zeige sich wieder einmal, welch ein gefährlicher Ungeist linke Marxisten mit rechtsradikalen Ideologen verbinde, deren Ablehnung der Marktwirtschaft mit einer Ablehnung des Pluralismus und der Demokratie Hand in Hand gehe ... Das Problem ist leider nicht so einfach, denn ein aufmerksamer Leser von Maurras' Werk stößt hin und wieder auf kritische Argumente, denen er sich nicht ohne weiteres verschließen kann: "Nun, diese Suche nach der intellektuellen Ware auf einem Wirtschaftsmarkt macht die wahre Bedrohung der zeitgenössischen Intelligenz aus." Marx, die Marxisten und Venreter der Kritischen Theorie hätten gegen diese Aussage wohl nichts einzuwenden.
      Das Problem ist, daß die Marktgesetze durch ihre Indifferenz allen qualitativen Werten gegenüber und durch ihre destruktiven Auswirkungen auf bestimmte Gebrauchswerte wie Lebensmittel, Medikamente und Bestandteile der Umwelt immer wieder neue ideologische und kritisch-theoretische Reaktionen provozieren. Diese kommen in der Gegenwart vor allem in den Schriften der ökologischen, feministischen und ökofeministischen Bewegungen zum Ausdruck, die zeigen, daß das "Ende der Ideologien" noch recht weit entfernt ist. Besonders charakteristisch für den Gegensatz zwischen Markt und Ideologie ist die Streitschrift von Francoise d'Eaubonne, in der an entscheidender Stelle zu lesen ist: "Die erste Verantwortliche ist die hyperurbane und hyperindustrialisierte technologische Zivilisation, die in rasender, unaufhaltsamer Fahrt dem Profit nachjagt, wie das brennende Rad, das die Gallier die Hügel hinunterrollen ließen ." Angriffe auf die marktorientierte Technologie, die kommerzialisierte Sexualität und die marktbedingte Umweltzerstörung finden sich in zahlreichen Publikationen der ökologischen und feministischen Bewegungen: etwa in Emma.
      Daß wir es mit einem globalen und seit dem frühen 19. Jahrhunden immer schon latent wirkenden Gegensatz zwischen Markt und Ideologie, zwischen Tauschwert und ideologischem Wert, zu tun haben, zeigen auch eher banale Zeitungsartikel und Zeitungskommentare, die alle Jahre wieder in der Vorweihnachtszeit veröffentlicht werden. So heißt es beispielsweise in den Aachener Nachrichten im Zusammenhang mit einem Appell des "Zentralkomitees der deutschen Katholiken": "Weihnachten ist ,ein Fest, kein Jahrmarkt"': "An Wirtschaft, Werbung, die Medien und alle Christen appellierte das Komitee am Donnerstag, diese Zeit nicht in oberflächlicher Betriebsamkeit, in Werberummel und Medienspektakel' aufgehen zu lassen." Etwas nuancierter drückt zwei Jahre später Dr. Ulrich Wilckens, der Bischof von Holstein-Lübeck, den ideologischen Antagonismus zum Markt aus, wenn er in der Zeit über das Urbild christlicher Nächstenliebe schreibt: "Solange das allerdings nur als ein Ideal gilt, so schön wie fern der rauhen Wirklichkeit, in der es um Geld und Macht geht und in der man so oft genötigt wird, das Auge der Nächstenliebe zuzudrücken - so lange ist der eigentliche Sinn von Weihnachten noch nicht entdeckt." Wie schon im Text des "Zentralkomitees" werden auch im Leitartikel des Bischofs Markterscheinungen mit negativen Konnotationen versehen und der gemeinsamen Lebenswelt und den ihr entsprechenden semantischen Isotopien entgegengesetzt.
      Die Zählebigkeit und Heterogenität der Kollektivsprachen oder Soziolekte, deren Diskurse sich gegen die Marktgesellschaft richten, scheinen die hier formulierte Hypothese zu bestätigen, daß es einen globalen strukturierenden Gegensatz zwischen Markt und Ideologie gibt und daß Struktur und Funktion der Ideologie im Rahmen dieses dialektischen Gegensatzes zu erklären sind.
      Natürlich bedeutet dies nicht, daß Apologien der "freien" oder der "sozialen Marktwirtschaft", die so manche Rede Helmut Kohls, Margaret Thatchers und Ronald Reagans beherrschen, keine Ideologien sind. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu bedenken, daß gerade "Freiheit" und "soziale Verantwortung" oder "Gerechtigkeit" als Ideologeme qualitative Werte bezeichnen, die jederzeit mit den Marktgesetzen kollidieren können: sooft der individuelle Unternehmer der wirtschaftlichen Konzentration zum Opfer fällt, sooft Sparmaßnahmen oder Fusionen auf Kosten der sozial Schwachen durchgesetzt werden. Auch die Apologien der Tauschgesellschaft - etwa im Liberalismus - laufen schließlich auf eine ideologische Verteidigung der Qualität gegen quantitative Kriterien hinaus. Der Grundwiderspruch der liberalen Ideologien ist in diesem Kontext zu verstehen: Sie verteidigen eine Gesellschaftsordnung, die immer wieder ihre Werte - individuelle Autonomie, Leistung, Gerechtigkeit, Freiheit, ethische Verantwortung und ästhetische Qualität - durch den Tauschwert negiert. - Der Markt, der den liberalen Individualismus hervorbrachte, stellt ihn selbst wieder in Frage.
      Welche Funktion erfüllt nun die Ideologie als Diskurs in der modernen Marktgesellschaft? Sie macht Individuen und Gruppen zu handlungsfähigen Subjekten, indem sie sie - wie die hier angeführten Beispiele zeigen - gegen die Indifferenz des Tauschwerts mobilisiert, die jene "Verbraucherhaltung" zeitigt, von der auch Erich Straßner in Ideologie, Sprache, Politik spricht: "Ursachen für diese Indifferenz und Verbraucherhaltung sind ein Mangel an persönlicher Betroffenheit, eine antizipierte und reale gesellschaftliche Hilflosigkeit ."''' In dem hier konstruierten Kontext erscheint allerdings eine Umkehrung von Straßners Argumentation möglich: Nicht der "Mangel an persönlicher Betroffenheit" und die "Hilflosigkeit" sind die Ursachen der Indifferenz und Verbraucherhaltung, sondern die Indifferenz als marktbedingte Krise der kulturellen und sprachlichen Werte ist für die Dominanz des Konsumverhaltens und für die politische, moralische und religiöse Gleichgültigkeit verantwortlich.
      Den hier beschriebenen Kausalnexus hat bereits Georg Simmel in seinem bekannten Aufsatz "Die Großstädte und das Geistesleben" sowie in der Philosophie des Geldes untersucht: "Indem das Geld alle Mannigfaltigkeiten der Dinge gleichmäßig aufwiegt, alle qualitativen Unterschiede zwischen ihnen durch Unterschiede des Wieviel ausdrückt,' indem das Geld, mit seiner Farblosigkeit und Indifferenz, sich zum Generalnenner aller Werte aufwirft, wird es der fürchterlichste Nivellierer, es höhlt den Kern der Dinge, ihre Eigenart, ihren spezifischen Wen, ihre Unvergleichbarkeit rettungslos aus."-'c In der Philosophie des Geldes ist schließlich von der "Charakterlosigkeit" des Geldes die Rede. Dieser kritische Diskurs, der für die Soziologie der Jahrhundertwende kennzeichnend ist, und den Jahrzehnte später Theodor Adorno, Walter Benjamin und Lucien Goldmann in einer Zeit allumfassender Kommerzialisierung weiterentwickeln", stellt die Auswirkungen des Tauschwerts in deren extremer Form dar: Die Indifferenz als Vertauschbar-keit und Nivellierung der kulturellen und sprachlichen Werte ist das Endstadium einer langen Entwicklung, die verschiedene Phasen durchläuft, zu denen die Ambiguität und die Ambivalenz der Werte gehören. Die Sprache der Werbung neigt dazu, semantische Gegensätze durch spektakuläre, "karnevalistische" Assoziationen zu reduzieren. Dabei werden das Hohe und das Niedere, das Wichtige und das Triviale, Kunst und Schund, Wissenschaft und Aberglaube auf destruktive Art miteinander verknüpft. Ein bekanntes Beispiel ist der von Musil zitierte Ausdruck "ein geniales Rennpferd", der das "Geniale" mit dem "Animalischen" verschmelzen läßt und dadurch das Genie als etwas Ambivalentes diskreditiert. Ähnliches geschieht, wenn mit Goethe für ein Mineralwasser oder mit Napoleon für einen Cognac geworben wird. Nun sollte die kritische Wirkung dieser karnevalistischen Verbindungen nicht übersehen oder gar geleugnet werden. Mit Recht hebt Michail Bachtin immer wieder die kritische Funktion der karnevalistischen Ambivalenz in der Romanliteratur und im Karnevalsgeschehen selbst hervor." Da er die Ambivalenz jedoch nicht auf den Tauschwert und die Marktgesetze bezieht, verdeckt er ihre destruktiven Impulse, die zur Indifferenz drängen. Die Ambivalenz als dialektisches Prinzip, als Einheit der Gegensätze, ist zwar ein kritisches Verfahren, das auch die Romanliteratur, wie sich im übernächsten Kapitel zeigen wird, mit Erfolg gegen den ideologischen Dogmatismus wendet; sie ist aber zugleich ein zerstörerisches Prinzip, dessen sich die kommerzialisierten Sprachen und allen voran die Werbung auf skrupellose Art bedienen, um die Umsatzraten zu steigern: "Umweltschutz trägt Zinsen. 7 Prozent."
Der radikale Ideologe würde in diesem Fall - vielleicht nicht zu Unrecht - einwenden: daß erst jenseits der Zinsenwirtschaft sinnvoller Umweltschutz möglich ist. Die grundsätzliche Ambivalenz des Marktes besteht darin, daß er auch Faktoren integriert, die seine Existenz oder Daseinsberechtigung in Frage stellen: den Umweltschutz, die Revolution, den Asthetizismus und den religiösen Glauben. Der gleichgültige Kapitalist ist im Prinzip bereit, "Umweltanleihen", Che-Guevara-Mützen, Madonna-Statuen, Pilgerfahrten nach Lourdes oder Apfelsinen aus Südafrika, Israel und Kuba zu verkaufen.
      Hier treten die Ideologen auf den Plan und versuchen, gleichgültige Konsumenten zu motivieren, keine Waren aus Südafrika oder Chile zu kaufen. Sie möchten die Individuen aus der marktbedingten Indifferenz herausführen, um sie zu ideologischen Subjekten zu machen, die sich nicht mehr ausschließlich am Preis orientieren. Hier zeigt sich, daß Althusser und Pecheux zwar recht haben, wenn sie behaupten, die Ideologie mache die Individuen zu Subjekten , daß sie es aber versäumen, auf den konkreten sozio-ökonomischen und sozio-linguistischen Kontext einzugehen, in dem die ideologische Subjektivität sich konstituiert: auf den Kontext der Marktgesellschaft, in der die Ideologie der Indifferenz der Marktgesetze opponiert. Die Wurzeln dieser Opposition reichen tief in vergangene Jahrhunderte hinein, in denen die Gegensätze zwischen Geld und Moral oder Geld und Glauben eine wichtige Rolle spielten. Ganz zu Recht erinnert Daniel Bell an das feudale Erbe des bolschewistischen Helden, des ideologischen Subjekts par excellence: "Er allein setzt als ein Mann der Tat und als Soldat der Zukunft die Tradition der Tapferkeit fort: das aristokratische Erbe, welches der westlichen Kultur zuteil wurde, jedoch durch das engstirnige Geldkalkül der Bourgeoisie verkam. "
Die Funktion der Ideologie in der Marktgesellschaft erschöpft sich freilich nicht in ihrer Opposition zum Markt, sondern wird weitgehend von ihrem Gegensatz zu anderen Ideologien bestimmt. Dieser Aspekt des Ideologieproblems ist häufig erörtert worden und wird hier deshalb nicht ausführlich untersucht. So verschiedene Autoren wie Pierre Ansart, Michel Roig, Martin Seliger und Göran Therborn stimmen in der Ansicht überein, daß Ideologien einen polemischen Charakter haben und stets im Rahmen eines Konfliktmodells, d. h. im Zusammenhang mit anderen Ideologien, zu verstehen sind.
      Im Anschluß an Georges Sorels Reflexions sur la violence weist Pierre Ansart darauf hin, daß die Ideologie als sozialer "Mythos" dadurch für das Handeln einer Gruppe oder Klasse funktional wird, daß sie ihr als "unwiderlegbares Projekt", als "Überzeugung" gestattet, "sich dem ideologischen Zugriff feindlicher Klassen zu entziehen." Dieser Gedanke wird von Göran Therborn weiterentwickelt, wenn er zwischen "ego-ideologies" und "alter-ideologies" unterscheidet, um zu zeigen, daß eine Ideologie im Hinblick auf ein Kollektiv sowohl eine interne als auch eine externe Funktion erfüllt: "Die Ideologie einer herrschenden Bourgeoisie beispielsweise sollte sowohl als Ego-Ideologie analysiert werden, die die Subjekte der Bourgeoisie selbst bildet, als auch als Alter-Ideologie, die die Bildung anderer Klassensubjekte beherrscht oder zu beherrschen sucht."
Diese These setzt freilich voraus, daß es immer gelingt, eine Ideologie einer bestimmten Gruppe zuzuordnen. Diese Möglichkeit wurde in der Vergangenheit vor allem von Martin Seliger in Frage gestellt. Während die Ideologie der Action francaise, der Azione cattolica oder der Roten Armee Fraktion einer bestimmten Gruppe zugerechnet werden kann, ist die Zurechnung der sozialistischen Ideologie in Frankreich und der sozialdemokratischen in Westdeutschland, Osterreich oder der Schweiz wesentlich problematischer.
      Richtig ist wohl auch Seligers Hinweis, daß die meisten Ideologien zwar miteinander konkurrieren und in Konflikt geraten, einander jedoch nicht in jeder Hinsicht ausschließen: "Obwohl Ideologien in bezug auf Zeitraum und Klasse unterschieden werden können, müssen sie aus diesem Grunde nicht in allen wesentlichen Punkten miteinander unvereinbar sein." Die textsoziologische Erweiterung dieses Satzes lautet: Ideologische Soziolekte und Diskurse geraten in einer bestimmten sozio-linguistischen Situation in Konflikt, die ihre gemeinsame noetische Grundlage bildet. Jurij Lotman würde sagen, daß die Ideologen nolens volens im Rahmen eines bestimmten Kulturtextes agieren, der den gemeinsamen Nenner ihrer Querelen bildet. Es bleibt jedoch der Gedanke, das Ideologien einen polemischen Charakter, einen Konfliktcharakter haben. Aus ihm kann ihre dualistische, manichäische Struktur abgeleitet werden.
      Da ich im nächsten Abschnitt ausführlich auf die strukturellen Aspekte und die diskursiven Verfahren der Ideologie eingehen werde, will ich mich hier auf zwei wesentliche Charakteristika des ideologischen Diskurses beschränken: den Dualismus und den Monolog. Beide sind im Zusammenhang mit der ideologischen Funktion zu erklären, da die Ideologie der Indifferenz des Tauschwertes sowie anderen Ideologien nur dann wirksam begegnen kann, wenn sie von semantischen Dichotomien ausgeht und die Welt in Gut und Böse, Freund und Feind, Wahr und Falsch einteilt. Zugleich muß sie monologisch den Anspruch erheben, nicht Partialsystem, sondern die ganze Wahrheit, die ganze Wirklichkeit zu sein. Nur so kann es ihr gelingen, Individuen und Gruppen als Subjekte im Rahmen bestimmter diskursiver Schemata zu mobilisieren und die Erkenntnisansprüche konkurrierender Ideologien auszuschalten.
      Das dualistische und monologische Schema des ideologischen Diskurses ist nicht statisch, sondern variiert in seiner Intensität und Radikalität in Übereinstimmung mit der sozialen Funktion, die eine Ideologie zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erfüllen hat. Konkret bedeutet dies, daß der Manichäismus und Monologismus eines ideologischen Diskurses sich in dem Maße verstärkt, wie sich der sprachliche und soziale Konflikt zuspitzt. In einer sozio-linguistischen Situation, in der Gruppen und Klassen einander im Extremfall mit Gewalt bekämpfen, entsteht der ideologische Diskurs par excellence, der einen scharfen Trennungsstrich zwischen Gut und Böse, zwischen Freund und Feind zieht.
      Es ist der rechtsradikale oder linksradikale Diskurs, der auf einem dualistischen Ak-tantenmodell aufbaut und nur Helden und Verräter kennt. Im Rahmen eines solchen Diskurses werden Formen der Ambiguität, der Ambivalenz oder gar der Indifferenz als Verrat geahndet: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Ein solcher Diskurs läßt keinen Dialog mit andersartigen Sprachformen zu: denn der Dialog geht aus der Ambiguität und der Ambivalenz hervor und setzt eine gewisse ironische Distanz dem eigenen Tun und Sagen gegenüber voraus. Eine solche Distanz wird jedoch in den Sprachen des Nationalsozialismus, des Stalinismus und des Maoismus der Kulturrevolution als Verrat definiert: "Hacks", heißt es in einer Rede des SED-Funktionärs Kurt Hager, "läßt also absichtlich nicht zu, daß sich der Zuschauer emotionell mit den Gestalten, die die Partei und die Arbeiterklasse verkörpern, identifiziert. Die kritische Distanz ersetzt die sozialistische Parteilichkeit." - Wo Individuen und Gruppen als ideologische Subjekte mobilisiert werden sollen, sind ästhetische Ambiguität und Distanz nicht gefragt.
      Natürlich gibt es auch liberale, konservative, katholische, sozialdemokratische oder kommunistische Diskurse, deren dualistische Konstruktionen an zahlreichen Stellen abgeschwächt sind und deren Autoren zumindest scheinbar Zweideutigkeiten anerkennen und auf die Argumente der Gegner eingehen. Es zeigt sich aber immer wieder, daß dualistische Schemata voll zum Tragen kommen, sobald ein Konflikt sich verschärft, sobald ein soziales Ereignis die Gemüter erregt. So lehnen beispielsweise die katholischen Bischöfe Gesamtirlands in ihrem Kommentar zum Terroranschlag der IRA in En-niskillen expressis verbis die Ambivalenz ab und reden dem ideologischen Dualismus das Wort: "Es kann keinen Platz für Ambivalenz geben. Die Wahl für alle Katholiken ist klar. Es ist die Wahl zwischen Gut und Böse. Es ist sündhaft, Organisationen, die in Gewalttaten engagiert sind, beizutreten oder in ihnen zu verbleiben."

Klar tritt in dieser Passage die praktische Funktion des ideologischen Dualismus zutage: Er soll vor allem unter Sympathisanten oder politischen Anhängern der IRA eine "Entweder-Oder-Entscheidung" für das "Gute" herbeiführen. Daß das Gute in Irland zumindest teilweise auf jahrhundertealter Gewaltanwendung gründet und mit dem Bösen - wie Nietzsche sagen würde - "verknüpft, verhäkelt" ist, darf der Ideologe nicht aussprechen; der Theoretiker muß es aber tun, wenn er das dualistische und monologische Gehäuse sprengen will.
      Diese Überlegungen zum Nexus zwischen Struktur und Funktion der Ideologie lassen vermuten, daß ein Ende der Ideologien noch nicht abzusehen ist. Die These vom Ende des ideologischen Zeitalters, die zusammen mit Raymond Aron Daniel Bell verteidigte, in späteren Arbeiten jedoch relativierte32, und die Jürgen Habermas neuerdings weiterentwickelt , enthält zumindest drei Schwachstellen:
1. Sie gründet bei allen drei Autoren auf der Annahme, daß ideologische Entscheidungen in der modernen Industriegesellschaft allmählich von pragmatischen, technischen und wertindifferenten Entscheidungen verdrängt werden. Unberücksichtigt bleibt dabei die Dialektik zwischen marktbedingter Indifferenz und ideologischer Reaktion: die Tatsache, daß gerade die Wertindifferenz des Tauschwerts ideologische, dualistische Reaktionen provoziert. Dies zeigen die hier angeführten Beispiele von Maurras über den Nationalsozialismus bis zum zeitgenössischen Ökofeminismus und Marxismus.
      2. Sie konzentriert sich - wie Habermas' Bemerkungen in der Theorie des kommunikativen Handelns zeigen - auf die sogenannten Großideologien , die in der Zwischenkriegszeit große Massen bewegten, und vergessen dabei die "Kleinideologien" relativ homogener Splittergruppen, die in kurzer Zeit allerdings größere Teile der Gesellschaft erfassen können: Ökologen, Feministinnen, Pazifisten etc. Gerade Habermas, der ideologisierbare Begriff wie "System" und "Lebenswelt" geprägt hat, die heute das Vokabular der Bischöfe, der Grünen und der Pazifisten bereichern, hatte keinen Grund, die Funktion von Ideologien zu unterschätzen.
      3. Sie setzt sich allzu leichtfertig über die Tatsache hinweg, daß gerade in der modernen Gesellschaft, in der Religionen der Säkularisierung weichen, Ideologien für das individuelle und kollektive Handeln unentbehrlich werden. Woher sollen Gruppen und Individuen in einer säkularisierten und vom wertindifferenten Tauschwert beherrschten Gesellschaft ihre Subjektivität beziehen, wenn nicht aus der Sprache der Ideologie? Mit ihrer Hilfe können sie die soziale Wirklichkeit definieren, klassifizieren und zusammenhängend erzählen; mit ihrer Hilfe können sie die Komplexität ihrer Umwelt reduzieren und handeln.

     
In diesem Zusammenhang kann ich Niklas Luhmann nur recht geben, wenn er feststellt: "Ideologien erweisen sich Tag für Tag als lebenskräftig: Von einem Ende des ideologischen Zeitalters kann keine Rede sein. Richtig ist nur, daß der ideologische Eifer erlahmt und durch eine routinierte Pflege ideologischer Orientierungen ersetzt wird." Den letzten Satz möchte ich allerdings anzweifeln: Er zeigt, daß Luhmanns Text aus dem Jahre 1962 stammt, als es weder den radikalen Feminismus, noch die "Grünen", noch die neue IRA, noch die neofaschistische MSI in ihrer heutigen Form gab. Wesentlich scheint mir jedoch seine Überlegung aus Soziale Systeme zu sein, derzufolge die Krise der Wertsetzungen und der tradierten "Erzählungen", die die Postmoderne prägt, kein "Ende der Ideologien" mit sich bringt, sondern - im Gegenteil - ideologische Reaktionen: "Lyotard hat die Postmoderne geradezu als das Ende aller ,metarecits', als ,1'incredulite a l'egard des metarecits' charakterisiert ." Im übernächsten Kapitel wird sich im Zusammenhang mit der Ideologiekritik im Roman zeigen, wie die Ideologie auf die Krise der Sprache und der Erzählung reagiert.
      Doch Ideologien sind nicht nur Reaktionen auf die marktbedingte Krise der Werte und der Sprache; sie reagieren auch auf die marktorientierte Technik und die wertfreie Naturwissenschaft, die immer wieder von wertenden Diskursen vereinnahmt werden. Die Entwicklung der Technik, der Technologien und der Naturwissenschaften ist als solche, als wertneutraler Prozeß, für die individuelle oder kollektive Subjektkonstitution untauglich. Erst dort, wo im Rahmen eines liberalen, marxistischen oder faschistischen Diskurses vom "technischen oder wissenschaftlichen Fortschritt" die Rede ist, werden "Technik" und "Wissenschaft" zu Ideologemen, die die Subjektkonstitution begünstigen: Sie werden zu Aktanten eines narrativen Programms , dessen Ziel die klassenlose Gesellschaft, die Herrschaft einer Rasse oder die völlig rationale Welt der Aufklärung ist.
      Könnte es nicht sein, daß das Bedürfnis nach Ideologie in dem Maße wächst, wie Geld, Technik und Wissenschaft ihren Machtbereich ausdehnen und immer neue existentielle Fragen aufwerfen, die nur ideologisch eindeutig zu beantworten sind? In diesem Zusammenhang argumentiert auch Karl Dietrich Bracher gegen die These vom Ende der Ideologien: "Das Bedürfnis nach Weltanschauungen, die Anfälligkeit für den Gebrauch und Mißbrauch politischer Ideologien wird gerade im Augenblick der neuen dramatisierten Fortschrittsbrechungen spürbar und mobilisierbar. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt haben uns nicht etwa besser befähigt, ideologischen Verführungen besser entgegenzutreten, sie haben vielmehr die Aufgabe noch erschwert, die dem Menschen als Bürger gestellt ist: Politik selbst zu denken und mitzugestalten ".

     
  
Daniel Bell und Raymond Aron irrten, als sie glaubten, pragmatische Wirtschaftsplanung und technologischer Fortschritt würden die ideologischen Fragestellungen allmählich verdrängen. Was Bell als "acceptance of a welfare State" bezeichnet36, schließt ideologische Reaktionen keineswegs aus. Im Gegenteil: Margaret Thatcher und die radikalen Konservativen haben gezeigt, daß der Wohlfahrtsstaat der sechziger Jahre, aus dem Werke wie The End of Ideology hervorgegangen sind, zur Zielscheibe ideologischer Angriffe werden kann.
      Zugleich fällt auf, daß die neuen, die jüngeren Exponenten der britischen Labour Party keineswegs einem ideologiefreien Pragmatismus das Wort reden. Roy Hattersley setzt sich beispielsweise in Choose Freedom für eine kohärente Formulierung und Erneuerung der Labour-Ideologie aus. Im ersten Kapitel des Buches, das den symptomatischen Titel "In Praise of Ideology" trägt, heißt es: "Irgendeine klare ideologische Grundlage ist wesentlich. Wir sollten uns vergewissern, daß wir uns für die richtige entscheiden." Hattersley reagiert mit solchen Forderungen nicht nur auf den wirtschaftlichen Neoliberalismus der To-ries, sondern auch auf die politische Konkurrenz der Sozialdemokraten und Liberalen, von denen er behauptet, sie hätten den ideologiefeindlichen Pragmatismus der alten Labour-Partei usurpiert ... Es ist übrigens aufschlußreich zu beobachten, daß er sein ideologisches Projekt im Gegensatz zum Utilitarismus der alten Labour-Bewegung formuliert und dadurch in einem ganz anderen Kontext den stets von neuem ausbrechenden Antagonismus zwischen Markt, Technik und Ideologie inszeniert. Dieser hat freilich dialektischen Charakter und ist nicht linear-kausal als Verdrängung der Ideologien durch Wirtschaft und Technik oder als endgültige Ideologisierung der Gesellschaft zu beschreiben.
     

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