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Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
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» Ideologie und theorie
» Die diskursiven Verfahren der Ideologie
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Identitätsdenken und Monolog



Aus den meisten hier durchgeführten Analysen, vor allem aber aus der letzten, geht hervor, daß die meisten ideologischen Diskurse dazu neigen, sich der Wirklichkeit, genauer: den von ihnen thematisierten Referenten gleichzusetzen. Dies ist der Grund, weshalb Adorno und Horkheimer in der Vergangenheit die Ideologie als 'Identitätsdenken" charakterisierten. Komplementär dazu sollte die textsoziologische Analyse zeigen, wie die diskursiven Verfahren aussehen, die den Schein einer solchen Identifizierung hervorbringen: Einerseits kommt er dadurch zustande, daß ein Aussagesubjekt sich implizit mit einem mythischen Aktanten identifiziert, sich zum Sprachrohr dieses Akanten macht; andererseits dadurch, daß bestimmte diskursive Verfahren wie semantische Klassifikationen, aktantielle Schemata und narrative Abläufe als objektimmanent, als natürlich und notwendig erscheinen. So sind auch Stuart Halls Bemerkungen über die 'Naturalisierung" sprachlicher Kodes zu verstehen.
      Die Identifizierung kommt dadurch zustande, daß ein wesentlicher Aspekt der Subjekt-Objekt-Beziehung ausgeblendet wird: die Objektkonstruktion, die sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Sozialwissenschaften eine wesentliche Rolle spielt. Das Licht kann sowohl im Rahmen einer Wellentheorie als auch im Rahmen einer Partikeltheorie dargestellt und erklärt werden: Es handelt sich hier um zwei mögliche Objektkonstruktionen, die das menschliche Subjekt heuristisch als Modelle, als Mittel der Erkenntnis, verwendet. Freuds 'Unbewußtes" und Lacans 'inconscient" sind solche Objektkonstruktionen, ebenso wie der textsoziologische Ideologiebegriff, der hier vorgeschlagen wird, der aber nur ein möglicher Ideologiebegriff ist: ein Modell, mit dessen Hilfe ich versuche, die Ideologie als Diskurs so zusammenhängend wie möglich zu erklären. Ich muß zur Kenntnis nehmen, daß es andere Modelle gibt, daß der Gegenstand auch anders konstruiert werden kann.
      Gerade diese Ãœberlegung fehlt im ideologischen Diskurs: Der Ideologe klammert das Problem der Objektkonstruktion schlicht aus, weil er weiß oder nur intuitiv befürchtet, daß eine Thematisierung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses und der Objektkonstruktion seinen Diskurs relativieren könnte. Es scheint mir notwendig, dieses Problem auch aus der Sicht des Ideologen zu betrachten: Wollte er den nur möglichen, kontingenten Charakter seiner Definitionen, Klassifikationen und Relevanzkriterien öffentlich zugeben, würde er sich in den Augen der meisten restlos diskreditieren. Hätte Hitler seine Klassifikationen und Relevanzkriterien zur Diskussion gestellt, hätte er wie Emerson zugegeben, daß die Einteilung der Menschheit in eine bestimmte Anzahl von Rassen ein außerordentlich schwieriges Unterfangen ist und daß Humboldt drei, Blumenbach fünf und Mr. Pickering elf unterscheidet75, dann hätten vielleicht einige Anthropologen dem Dilettanten ermutigend auf die Schulter geklopft, aber zu einer politischen Massenwirkung wäre es sicherlich nicht gekommen. Sie erreichte er durch die hier beschriebenen diskursiven Verfahren, die den Gedanken an eine Objektkonstruktion gar nicht aufkommen lassen.
      Diese Verfahren der Identifizierung bringen einen Monolog hervor, der keinen Widerspruch duldet, da er ja die Wirklichkeit selbst ist. Wer sich wie Hitler mit der Wirklichkeit oder der Wahrheit identifiziert, kann Einwände nicht tolerieren: Jeder Einwand muß als 'Dummheit" oder 'Frechheit" erscheinen. Freilich ist Hitler nicht der Erfinder des autoritär-monologischen Diskurses: eher sein Opfer; denn: 'l'ideo-logie interpelle les individus en sujets" . In vielen mitteleuropäischen Schulen war in der Zeit des Ersten Weltkrieges dieser Diskurs die herrschende Form.
      Die ostdeutschen Anhänger des sozialistischen Realismus, die im Namen des mythischen Aktanten Wirklichkeit sprechen, setzen ihn — wenn auch mit anderen Mitteln — im Jahre 1974 fort: 'Wirklichkeitsnähe ist ein künstlerisches Prinzip des sozialistischen Realismus." Wer aber definiert die 'Wirklichkeit" auf diskursiver Ebene? In der DDR ist es der marxistisch-leninistische Soziolekt der SED, so daß interpretiert werden kann: das künstlerische Prinzip des sozialistischen Realismus ist die Nähe zum Marxismus-Leninismus, der als Diskurs über die Wirklichkeit mit dieser identifiziert wird. Auch in diesem Falle wird die Frage nach der Objektkonstruktion unterschlagen, und der monologische Diskurs duldet keine Widerrede, sooft er das 'Wissen um den gesetzmäßigen Sieg des Sozialismus" beschwört. Dieses Wissen in Frage zu stellen, kann sich nur ein Unwissender oder ein Verräter vornehmen . . .
      Der ideologische Monolog läßt nur die rhetorische Frage gelten, die sowohl bei Stalin als auch bei Mao Tse-Tung didaktische Formen annimmt: 'Frage: Hat die Prawda richtig gehandelt, als sie eine freie Diskussion über Probleme der Sprachwissenschaft eröffnete? - Ant-wort: Sie hat richtig gehandelt." Während Stalins Frage- und Antwort-Spiel eher didaktischen Charakter hat, tritt in Maos Fragen die rhetorische und zirkuläre Form in den Vordergrund: 'Können wir es denn dulden, daß ein so abscheuliches Verhalten vor den Volksmassen besungen wird ?" Hier erübrigt sich die Antwort.
      An dieser Stelle schließt sich der Kreis: denn es zeigt sich, daß der monologische Charakter des ideologischen Diskurses nicht nur mit dessen Identifikationsmechanismen und mit der Ausblendung der Objektkonstruktion zusammenhängt, sondern auch mit dessen Dualismus, Manichäismus. Wo Wahrheit und Lüge, Gut und Böse, Held und Anti-held aufeinanderprallen, kann es keinen Dialog geben. Im Extremfall wird der Andere niedergeschrien: Seine Argumente können ja nur Dummheit oder Frechheit sein, während die eigenen ausschließlich Wahrheit, Schönheit und Güte vermitteln. Der Dialog kommt zwar zu kurz, nicht jedoch der kollektive Narzißmus, auf den Theodor Adorno, Else Frenkel-Brunswik u. a. in ihren Studien zum autoritären Charakter ausführlich eingehen.

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Identitätsdenken  Monolog    



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