Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ideologie und theorie
Bevor Funktion und Struktur ideologischer Diskurse näher untersucht werden, soll hier im Anschluß an das vorige Kapitel eine vollständige Definition der Ideologie den Einstieg in die ideologiekritisch
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» Ideologie und theorie
» Die diskursiven Verfahren der Ideologie
» Dualismus, Relevanz und Klassifikation

Dualismus, Relevanz und Klassifikation



Im vorigen Kapitel wurde die Bedeutung der Relevanzkriterien und der Klassifikation für den ideologischen Diskurs hervorgehoben. Barthes' bereits zitiertes bon mot 'dismoi comment tu classes, je te dirai qui tu es", wurde später von Bourdieu ideologiekritisch gedeutet und für die Soziologie fruchtbar gemacht. Bourdieu zeigt, daß die meisten politischen, geopolitischen, wirtschaftlichen, aber auch soziologischen Klassifikationen nicht neutral sind, sondern ideologische Interessen ausdrücken.

      Wer von einer 'spanischen Nation" spricht , bestreitet implizit oder explizit, daß es so etwas wie eine galizische, katalanische, baskische oder andalusi-sche Nation gibt. Wer hingegen von einer katalanischen Nation spricht, wehrt sich im allgemeinen dagegen, daß die Bezeichnung 'Katalonien" der Bezeichnung 'Spanien" subsumiert wird: Er rechnet Katalonien nicht zur Klasse der spanischen Provinzen , sondern zur Klasse der selbständigen politischen Nationen; er vergleicht es nicht mit Andalusien oder Aragon, sondern mit Portugal oder Schweden: 'Catalunya no es Espanya." Ahnlich verhält sich ein galizischer Nationalist, der einige Kilometer vor der Grenze zwischen Galizien und Leon einen Wegweiser mit der Aufschrift ESPANHA anbringt. Umgekehrt wurden in der Zwischenkriegszeit im Königreich der Südslawen Mazedonier und Montenegriner als Serben klassifiziert.
      Wichtig ist, daß am Anfang eines jeden Klassifizierungsvorgangs eine Entscheidung über Relevanzkriterien steht, daß das Subjekt des Diskurses darüber entscheidet, welche sprachliche, geographische, politische Merkmale, Unterschiede und Gegensätze relevant sind und welche nicht: Sind bayerische Aussprache und Lebensart relevant oder nicht? Bin ich Bayer, Deutscher oder beides? Ist der semantische Gegensatz zwischen Wirtschaft und Umwelt, Mann und Frau oder Bürgertum und Proletariat relevant? Oder sind alle drei Gegensätze relevant, wobei 'Mann", 'Kapitalist" und 'Bürger" zu einem einzigen — meist negativ besetzten — Aktanten verschmelzen?
Sieht man sich ideologische Texte genauer an, so stellt man fest, daß Relevanzentscheidungen sehr häufig einen dualistischen Charakter aufweisen und daß die aus ihnen ableitbaren Klassifikationsverfahren von der semantischen Dichotomie strukturiert werden. Dabei wird der einfache Dualismus der Terme zu einem Gegensatz zwischen semantischen Isotopien erweitert. Häufig ist es möglich, den gesamten semantischen Kode eines Diskurses — und indirekt eines ganzen Soziolekts — aus einer relativ kurzen Textpassage herauszudestillieren. Als Beispiel sei ein Absatz aus Margaret Thatchers In Defence ofFreedom. Speeches on Bntain's Relaüons with the World zitiert:
Diese Philosophie ist diametral der sozialistischen Betrachtungsweise entgegengesetzt, die darauf beharrt, einen jeden in effizienten Einheiten unterzubringen, damit er tue, was immer die sozialistische Weisheit für richtig hält. Aber Freiheit ist individuell; so etwas wie .kollektive Freiheit' gibt es nicht. Dennoch hat eine falsche .kollektive' Mystik in die Sprache des Sozialismus Eingang gefunden.
      This philosophy is diametrically opposite to the Socialist approach which insists on putting everyone into efficient units to do whatever the collectivist Socialist wisdom considers best. But freedom is individual; there is no such thing as ,collective free-dom'. Nevertheless a false ,collective' mystique has entered into the language of So-cialism. «
Schon bei der ersten Lektüre fällt auf, daß eine semantische Dichotomie für relevant erklärt wird: nämlich der Gegensatz zwischen 'this philosophy" und 'the Socialist approach". Dabei werden zwei kollektive Aktanten, Konservatismus und Sozialismus, sowie die ihnen entsprechenden narrativen Programme einander unversöhnlich gegenübergestellt. Die beiden Lexeme 'diametrically opposite" kündigen bereits an, daß es sich um eine semantische Disjunktion ohne Kompromisse und Ãœbergänge handelt.
      Entsprechend dualistisch fällt die Trennung der beiden semantischen Isotopien aus, die die Kohärenz der Textpassage gewährleisten: Auf der einen Seite müssen die Sememe aufgereiht werden, die dem Klassem 'Konservatismus" entsprechen: this philosophy; diametrically opposite; freedom; individual; auf der anderen die Sememe, die das Klassem 'Sozialismus" umfaßt und die zahlreicher sind: Socialist approach; insists; putting every-one; efficient units; to do; collectivist; Socialist wisdom; considers best; false; ,collective' mystique; language of Socialism.
      Drei weitere Erkenntnisse sind wichtig: 1. Mindestens fünf Einheiten der 'sozialistischen" Isotopie enthalten das Sem 'Zwang": insists; putting everyone; efficient units; to do; collectivist. 2. Der semantische Dualismus wird dadurch verstärkt, daß die Möglichkeit, die Sememe collective und freedom zu kombinieren, geleugnet wird. In der zitierten Passage erscheint die Wortverbindung 'collective freedom" als Oxymoron: als ein Unding. Entscheidend ist nicht, daß Thatcher 'kollektive Freiheit" für baren Unsinn erklärt, sondern daß diese durch die semantischen Verfahren ihres Diskurses unsinnig -wird. Man könnte eine solche Erscheinung als den 'Wirklichkeitseffekt" des Diskurses bezeichnen: 'Kollektive Freiheit" wird durch die Anordnung der Isotopien sinnlos und folglich unmöglich. 3. Man beachte schließlich die Funktion des 'But", das den zweiten Satz einleitet: es bestätigt auf syntaktischer Ebene die semantische Zweiteilung und zeigt, daß nicht nur die semantischen, sondern auch die syntaktischen Funktionen dem ideologischen Anliegen gehorchen.
      Nun könnte jemand einwenden, daß Margaret Thatcher eine besonders militante Politikerin ist, und daß der semantische Dualismus, der ihren Diskurs kennzeichnet, für andere Diskurse nicht typisch ist. Es stellt sich jedoch heraus, daß auch der Soziolekt der Sozialdemokraten, die nicht gerade für ihre Radikalität bekannt sind, häufig von der Dichotomie strukturiert wird. Dies zeigt ein 'öko-sozialistischer" Text von Oskar Lafontaine:
Niemand wird heute — 1985 — akzeptieren, daß wir uns bewußt für Hungertod, Atomtod, Naturzerstörung und soziale Not entschieden hätten. Für Freiheit von Atomwaffen, Ernährung für alle, Naturschutz und Wohlstand für jeden haben wir uns allerdings auch nicht entschieden.
      Auch in dieser Textpassage entspricht die syntaktische Teilung der semantischen: Der erste Satz, der mit der Negation 'Niemand" beginnt, wird fast zur Hälfte von der Isoto-pie 'Unglück" oder 'Dysphorie" ausgefüllt, während sich der zweite Satz, der duch das positive 'Für" eingeleitet wird, mehr als zur Hälfte aus 'euphorischen" Sememen zusammensetzt, die dem Klassem 'Glück" subsumiert werden können. Der negativen semantischen Struktur wird also eine positive diametral entgegengesetzt: Hungertod; Atomtod; Naturzerstörung; soziale Not /Ernährung für alle; Freiheit von Atomwaffen; Naturschutz; Wohlstand für jeden.
      Zunächst fällt zweierlei auf: Der einfache Gegensatz zwischen 'Glück" und 'Unglück", der den Ausgangspunkt von Lafontaines Buch Der andere Fortschritt bildet, läuft auf einen Gegensatz zwischen zwei semantischen Isotopien hinaus; diese bilden jedoch Makrostrukturen, deren Sememe — etwa Naturschutz oder Wohlstand — zu Elementen neuer Isotopien werden, sobald sie nicht syntagmatisch , sondern paradigmatisch gelesen werden. Anders ausgedrückt: Die Isotopie 'Glück" enthält in nuce die Isotopien 'Sozialismus", 'Pazifismus" und 'Ökologie", die Lafontaine in dem Oberbegriff 'Okosozialismus" zur Synthese bringt.
      Lafontaines 'narratives Programm" besteht nun größtenteils darin, diese sekundären Isotopien im Rahmen des Grundgegensatzes Glück/Unglück zu entwickeln und sie im Gegensatz zu den negativen Klassemen 'Wirtschaftswachstum", 'Naturzerstörung", 'Armut", 'Tod" zu definieren. Es ist für seinen gesamten Diskurs kennzeichnend, daß diese Begriffe nicht eindeutig mit dem 'Kapitalismus" als Antonym zu 'Sozialismus" oder mit den politischen Positionen der CDU identifiziert werden. Die ideologische Dichotomie Sozialismus/Kapitalismus meidet er an entscheidender Stelle, um nicht vom Soziolekt des Marxismus oder gar des Marxismus-Leninismus vereinnahmt werden zu können: 'Auch an der Ausbeutung der Natur sind die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme in Ost und West gleichermaßen beteiligt." An anderer Stelle ist allerdings von 'der Logik kapitalistischer Profitmaximierung"45, die natürlich abgelehnt wird, die Rede.
Entscheidend scheint mir im Anschluß an das bisher Gesagte die Tatsache zu sein, daß der dualistische Diskurs Lafontaines noch eindeutiger als der Margaret Thatchers als Entscheidungshilfe oder Handlungsanweisung verstanden werden will. Das Ende der hier zitierten Textpassage verdeutlicht die Absicht des Aussagesubjekts: ' haben wir uns allerdings auch nicht entschieden." — 'Da Politik und Gesellschaft ratlos geworden sind, muß die Frage gestellt werden, was wir eigentlich wollen, welche Ziele wir haben." Auf diese Frage antwortet der SPD-Politiker mit einem klaren, manichäischen Entweder/Oder. In dieser Hinsicht unterscheidet sich sein Diskurs strukturell kaum von dem Thatchers.
      Der Dualismus ist ideologisch im restriktiven Sinne, im Sinne des falschen Bewußtseins, weil er der kritischen Reflexion, die die Zweideutigkeit der Erscheinungen und Begriffe zum Gegenstand hat, einen Riegel vorschiebt: Wie wenn die kollektive Freiheit, die Thatcher für unsinnig hält, eine Grundvoraussetzung der individuellen Freiheit wäre? Sind nicht unabhängige Gewerkschaften eine Grundvoraussetzung für individuelle Freiheit? Kämpft die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidamosc nicht auch für die individuelle Freiheit! Der dualistische Diskurs ist gezwungen, derlei Fragen auszublenden, weil er keine Ambivalenzen zulassen darf, wenn er praktisch wirken will: entweder/oder. Es gibt jedoch, wie schon Isaiah Berlin wußte, mindestens zwei Freiheitsbegriffe: einen negativen, der soviel bedeutet wie 'Freiheit von Zwängen" und den individuellen Handlungsspielraum meint, und einen positiven, den Berlin als 'positive freedom" bezeichnet und der sich auf die kollektiv bedingten Möglichkeiten des Einzelnen bezieht. Diese beiden Begriffe können, müssen jedoch nicht miteinander kollidieren. Dies gilt natürlich auch für die beiden Begriffe 'Wirtschaftswachstum" und 'Wohlstand", die in anderen Ideologien zu Synonymen werden, die Lafontaine jedoch in dualistischem Eifer in zwei gegensätzlichen Bereichen unterbringt. Zugleich weicht er der Frage aus, ob nicht etwa 'Naturschutz" und 'Wohlstand" miteinander in Konflikt geraten können. Es zeigt sich hier, daß der ideologische Diskurs von bestimmten Relevanzkriterien, Definitionen und Klassifikationen ausgeht und bestrebt ist, andere Kriterien und Einteilungen entweder zu verurteilen oder schlicht zu übergehen .
      Daß ideologische Relevanzkriterien mitunter repressiven Charakter annehmen können, zeigt ein Artikel von N. Orlow in der DDR-Zeitung Tägliche Rundschau : 'Bei den Goethe-Feiern brachte es jemand fertig, aus Goethes Werken einzelne von Verfall und Niedergang handelnde, beinahe dekadent zu nennende Gedichte herauszusuchen, und scheute sich nicht, sie vor einem größeren Publikum zu verlesen." Für Orlow sind nur 'humanistische" und 'optimistische" Gedichte Goethes relevant und klassifizierbar —die anderen gibt es einfach nicht. Daß die repressive Selektion der Ideologen regelmäßig in Gewaltanwendung übergeht, zeigt ein neueres Beispiel aus der DDR: Am 17.1.88 werden ' Mitglieder von unabhängigen Friedens- und Umweltgruppen", die sich einem Demonstrationszug für 'Sozialismus und Frieden" anschließen wollten, vom Staatssicherheitsdienst festgehalten und daran gehindert, ein selbstgefertigtes Plakat mit dem Rosa-Luxemburg-Zitat 'Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" aufzurollen. Für Relevanz und Selektion aller Zitate ist bekanntlich die Partei zuständig.

     
  

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